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MOOC: Unit 2 – Origins of storytelling

Wie hat sich „Storytelling“ im Verlauf der Zeit verändert? Und was kann man als Rollenspieler aus diesen Infos ziehen?

Kapitelinhalt

Hauptredner im zweiten Kapitel des MOOC ist Prof. Dr. Hans-Christoph Hobohm (Library Information Science, Potsdam).

Er berichtet von der „Geschichte der Geschichten“ von ihren Ursprüngen bis in die heutige Zeit, und tatsächlich war da für mich einiges Neues dabei.

Ursprünge

So fängt er damit an, dass man früher lediglich die mündliche Überlieferung nutzte und es sehr lang bis zum Wandel hin zur Literatur dauerte. So weit, so bekannt, doch war mir bislang nicht bewusst, dass frühere Geschichten nicht einmal über eine bestimmte Struktur wie Anfang und Ende verfügen. Als Beispiel benennt er Homers „Odyssee„. Tatsächlich: Wenn ich an wirklich alte Texte denke, die man heute so in Buchform bekommen kann, dann ist die „Struktur“ in der Tat verwirrend – weil es eigentlich keine gibt. Hobohm führt aus, dass es damals einfach Geschichten gab, aber eben keine Anfänge, Enden, Spannungsbögen oder einen Plot. Bei den ganz frühen Geschichten wurden die Zuhörer direkt involviert, und nicht alles, was man heute davon so liest (oder irgendwo durchkaut) wurde überhaupt vorgetragen, sondern beispielsweise gesungen.

Spätes Mittelalter

Erst im späten Mittelalter tauchten laut Hobohm überhaupt Geschichten auf, die wir heute als solche verstehen würden und in denen Figuren nicht allein zur Darstellung eines historischen Kontextes verwendet werden, sondern es um die Figuren selbst geht.
Dazu hätte ich gern ein bisschen mehr gewusst in diesem Kapitel, denn so aus dem Bauch raus kann ich mir das gar nicht so vorstellen. Wenn ich an Geschichten wie beispielsweise „Antigone“ denke … das wurde doch schon irgendwann in der Antike als Tragödie mit eindeutigem Aufbau aufgeführt und hat eine ganz klare Struktur?
Hm, vielleicht frag ich da mal nach.

Hobohm zufolge beginnt Literacy mit Werken wie dem „Decamerone„, in der die Geschichten einer Gruppe von Leuten erzählt wird, und er bezeichnet „Don Quixote“ als eine der ersten Novellen überhaupt (im westlichen Kulturkreis), gefolgt von „1001 Nacht“ aus dem 18. Jahrhundert mit der Prämisse „Storytelling saves life“.
Die Geschichten des 17./18. Jahrhunderts waren dann erstmals verwoben mit individuellen Biografien, im Ganzen individueller und es begann eine Form der Identifikation, die auf der einen Seite den Autoren sah („my story„) und auf der anderen das Publikum bzw. Gruppen von Protagonisten („our story„), teils im Zusammenhang mit dem Aufkommen der allgemeinen persönlichen Identität, dem „Ich“ und den demokratischen Tendenzen aus der Renaissance.

Industrialisierung

Nach der Französischen Revolution stieg durch die industrielle Fertigung von Büchern und der Möglichkeit der Massenproduktion die Quantität des Publikums und zugleich die Variationen unterschiedlicher Geschichten. Geschichten hatten hier die Möglichkeit, selbst die armen Leute zu bilden – was aber nicht unbedingt im Sinne der jeweiligen Regierung war. Aus diesem Grund versuchte man, die Massenproduktion und -ausgabe von Büchern zu kanalisieren und führte Kontrollen von Büchereibeständen ein.

Im 20. Jahrhundert folgte dann der nächste Entwicklungsschritt: Mittlerweile bekannte Strukturen von Geschichten wurden demontiert, es wurde experimentiert. Zugleich wurden die Geschichten, die erzählt wurden, nochmals deutlich biografischer – und sind es noch.

Aktuell

Aktuell findet ein Umbruch statt, der deutlich zeigt, dass (auch heute) Technologie Einfluss auf Geschichten hat. Das Teilen von Geschichten, das Verbreiten von Geschichten, beides ist heutzutage sehr einfach geworden. Und streng genommen ist jede Facebook-Seite eine (sehr individuelle) Geschichte.
Seit 1895 gibt es Filme in unserem Leben, die Geschichten erzählen, seit den 20ern Radios, später Fernseher, dann Computer, und heute ist das Vorhandensein von Youtube, HD Cams und Smartphones quasi schon selbstverständlich – und wird genutzt, um Geschichten zu erzählen.

Und ob man dem Ganzen noch offen oder kritisch gegenübersteht: Hobohm hält auf einer ganz grundsätzlichen Ebene fest, dass jedes Ding, jedes Objekt eine Geschichte hat, und dass der Mensch zwei Arten des Denkens unterscheidet: Das narrative Denken, das Identitäten erlaubt und entsprechend (fiktionale) Geschichten erschafft, und das Paradigma, das eher das Übergeordnete betrachtet und Bezüge setzt.

Storytelling ist ein Instrument des Wissensmanagements und der mündlich überlieferten Geschichte.

Bezug zum Rollenspiel?

Uh, eine Menge theoretisch-historisches Holz, das einem in diesem Kapitel begegnet – aber spannend!

Wenn ich nun überlege, wo Rollenspiel seinen Platz inmitten dieses historischen Gewusels findet, würde ich spontan sagen: mittendrin.

Pen&Paper ist in erster Linie mal etwas Mündliches und knüpft somit an Ursprünge an, auch die direkte Einbindung anderer gehört dazu. Aber Abenteuer wollen und brauchen aus der heutigen Sicht wiederum individuelle Helden, einen Plot, einen Spannungsbogen und sicherlich in gewisser Weise auch einen Anfang und ein Ende.

Was Rollenspiel aus meiner Sicht ganz enorm von der Geschichte des Storytellings an sich unterscheidet, ist die Zeit. Beim Rollenspiel gucken wir auf eine Entwicklung aus knapp 50 Jahren, bei den ganzen Geschichten aus dem MOOC-Kapitel reden wir von mehr als 2000 Jahren!

Wenn man sich das mal genauer anguckt, dann gibt es im Literatursektor ständig irgendwelche Querelen. Im Filmbereich auch, aber der ist ja ebenfalls recht jung. Das oben erwähnte Demontieren von bekannten Strukturen ist heute immer noch einen Aufschrei wert. Das kann sich in Bashing-Rezensionen äußern, aber auch in großer Party bis hin zur Preisverleihung. Man könnte meinen (und manchmal liest man es sogar), dass sowas ja noch niiiiie da gewesen ist, revolutionär! Und die anderen meinen – das kennen wir ja alle -, dass früher alles viel besser war.
Ja, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und zwar ein ziemlich faules, und so stehen wir neuen Strukturen insgesamt nicht sonderlich offen gegenüber.

So haben wir die – meist nicht sehr liebevoll gemeint – „Dinosaurier“ im Rollenspielsektor, die sich auf die Bereiche des klassischen Tabletops, des Railroadings und/oder des Dungeoncrawlings eingeschossen haben. Die Kritik an ihrer Entscheidung zur Spielweise verstehen sie nicht, denn immerhin funktioniert das alles doch so!?
Dann gibt es die „alten Revolutionäre„. Die haben sich irgendwann gedacht, dass es da noch was anderes geben muss und sich um Kopf und Kragen diskutiert und definiert (Stichwort „Forge„). Auf ihre Ergebnisse sind sie – durchaus zu Recht – stolz. Allerdings glauben viele von ihnen, der Weisheit letzter Schluss sei bereits gezogen, ruhen sich entspannt auf den Früchten dieser Arbeit aus und kommen nur dann in Wallung, wenn irgendein „Newbie“ es mal wieder nicht kapiert, was man sich da mühsam herangezogen hat. Damals.
Oh, und wir haben die „Unentwegten„. Auch sie waren schon in den „Forge„-Diskussionen dabei, damals, aber sie haben noch nicht gefunden, wonach sie suchen. Ist auch ein bisschen schwierig, weil sie nämlich gar nicht so genau wissen, wonach sie eigentlich suchen. Aber Stichworte wie „Freeform“ und die Option auf Revolutionen mit Hilfe neuer Medien (z.B. „Rollenspiel als interaktives Hörspiel“) kommen bei ihnen erst mal immer gut an, bis sie merken, dass andere „einfach machen“ und sich nicht mit dem gebotenen Ernst und Struktur (haha, Freeform!) der Sache widmen.
Es gibt die Gruppe der „Zwangsevolutionierten„. Die spielen DSA. Oder Shadowrun. Oder D&D. Oder … auf jeden Fall muss es einige Editionen davon geben, denn nur mit diesen entwickeln sie andere Formen des Spielens. Erzähl ihnen in 1000 Threads von Gruppenverträgen, von simplen Würfelstrukturen zu Gunsten des Erzählfaktors, von Player Empowerment, Bennies und Co.: Sie werden all das stur ignorieren. Aber taucht irgendwas in irgendeiner neuen Version ihres Spiels auf und wird dort implementiert, dann ist das schon richtig so.
Und dann … dann gibt es noch die „Newbies„. Die schöpfen einfach aus allem und gucken, was für sie passt, wer ihnen was sympathisch vermittelt und gehen intuitiv an alles ran. Die haben vor allem Spaß. Irgendwann haben sie den nicht mehr, weil das intuitive Spielen bei Erwachsenen eben auch so seine Grenzen hat. Das ist der Punkt, an dem sie sich an all die Dinosaurier, alten Revolutionäre, die Unentwegten, die Zwangsevolutionierten und all die anderen wenden … und sich dann wundern, wieso sich plötzlich drölfzig Leute schriftlich den Kopf einschlagen wegen irgendwas, wo sie doch bloß eine Frage hatten …

Das ist natürlich eine sehr verkürzte Darstellung verschiedener Typen. Es gibt sicher etliche mehr, ob nun genrespezifisch, systemspezifisch oder was sonst. Und da sind die ganzen Cosplayer, MMORPG-Spieler, Comicfans usw. noch gar nicht mit drin, denn auch die sorgen mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten gerne mal für Unruhe im still plätschernden Gewässer.

Trost für alle: Die Zeiten ändern sich. Überall. Immer. In Bezug auf alles.
Platon befand wohl zum Schreiben:
„liberation of memory is destruction/loss of memory“.
Tja. Und wenn man sich in der Rollenspiellandschaft so umsieht, dann geht da ja irgendwie auch dauernd alles vor die Hunde, eben: weil.
Aber wir haben den Milleniumswechsel überstanden, da kriegen wir den Rest auch noch gewuppt, oder? 🙂

Ihr seid alle toll!

Ich jedenfalls finde es cool, dass es RP-Blogs gibt, dass es Communities gibt, dass es Youtuber zum Rollenspiel jetzt endlich auch mal in deutscher Sprache gibt, dass man sich Hangouts ansehen und -gucken kann, dass dank der Entwicklungen generell nicht mehr gilt „Zugucken verboten; mitmachen oder draußen bleiben“, sondern man sich einfach mal in andere Runden einklinken kann als Zuhörer oder eben durch Hangouts. Ich find cool, dass es Leute gibt, die Handouts, Szenarien und Co. vorstellen und ich find cool, dass es einen riesigen Pool an Rollenspielern gibt, von denen ich was lesen kann, was hören kann, was lernen kann – oder eben auch nicht.

Ohne all das hätte ich das Hobby vor 2,5 Jahren fast an den Nagel gehangen im Glauben, es gäbe „da draußen“ keine Rollenspieler mehr. Denn aus drei Läden vor Ort wurde einer, der war meist leer und die Pinnwand dort war es ebenso. Dank all der Entwicklungen kann ich spielen, was ich will, wo ich will, wie ich will, mit wem ich will – und ich kann dieses Wollen jederzeit modifizieren, kann mich vor und zurück entwickeln, wie ich lustig bin, kann experimentieren, kann Neues entdecken.

Ganz ehrlich: Ich bin eine ziemlich launische Zicke, was Rollenspiele angeht, ja, ja, aber ich muss auch gar nicht alle und alles mögen und wollen oder mit allem einverstanden sein. Ich kann wählen, und das nur, weil es eine Community gibt. Die sich die Köpfe einschlägt und nicht selten über (aus meiner Sicht) Unsinn diskutiert, bei der es Individuen gibt, die ich durchaus gerne mal durchschütteln oder denen ich bevorzugt aus dem Weg gehen möchte. Und auch, wenn ich alles hier möglichst neutral nebeneinander gestellt habe, weil ich finde, dass sich das so gehört, hab ich dennoch auch meine teils engstirnige Meinung und bin nur bedingt kompromissbereit. Und trotz all dieser Macken bin ich Teil der Community und bleibe das auch, muss mich da nicht erst auf bestimmte Art und Weise „verdient“ machen, so wie auch sonst niemand. Ob das manchmal anders rüberkommt: egal!
Prima, dass es euch alle gibt und danke dafür!

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