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Zaubermangel

Ob bei mir Nostalgie ausgebrochen ist? Nööööö!

Durch die Retro-Reihe erinnere ich mich seit einem Weilchen an all die tollen Geschichten, die ich damals (inplay) erlebt habe, erinnere mich an sehr bildgewaltige Fantasy, an tolle Mitspieler, an famoses Rollenspiel UND an aufregende Würfeleien. Ich denke an die unterschiedlichen Gerüche, die in Aventurien in unterschiedlichen Städten vorherrschten, an wirklich lebendige Feilschereien auf Märkten, an den imaginären Geschmack von in Unzen abgerechnetem Brot und Ziegenkäse, an den Zauber in verwunschenen Gärten, bei orientalischen Prinzessinnen und Kalifen, an das Geschrei von Affen und Papageien in einem Dschungel, das einen begleitete, an Kampfgebrüll, schmerzhafte Wunden, mystische Magie und all sowas.

Ja, ja, immer wieder kommt mal jemand wieder um die Ecke und trällert das gleiche Lied, ich weiß. Und immer heißt es: „Dann hol’s dir doch einfach wieder!“ Und meist kommt dann sowas wie: „Hm, ja, könnte ich eigentlich …“

Aber ich, ich trauere gar nicht um all die vorbeschriebenen Erinnerungen, denn die HAB ich ja. Die nimmt mir keiner, die bleiben so lange bei mir, bis mein Kopf sie mich irgendwann vergessen lässt. Stück für Stück, vielleicht um Platz zu schaffen für noch mehr Systeme, Settings, Regeln – oder auch nur für mehr Alltagszeug.

Ich trauere, weil es wie ein Cliffhanger ist zu sagen „Hm, ja, könnte ich eigentlich …“, und zwar der Cliffhanger einer Tragödie [insert dramatic instrumental here].

Tatsächlich hätte ich kein Problem damit, mich genug zu erinnern, um mich wie vor gefühlten Urzeiten an den Tisch zu setzen und zu spielen/leiten. Ja, ich bin sogar wieder bereit für Fantasy. Nach DSA hab ich nicht nur dem System den Rücken gekehrt, sondern hatte das gesamte Genre über *würg*. Jetzt fühlt es sich so an, als ginge es eigentlich wieder. Mehr noch, da ist so eine kleine Sehnsucht …

Und dann … fällt mir wieder ein, dass Solo-Abenteuer schon immer doof waren und der Spaß nur mit 3-5 Mitspielern zustande kommt. Dann fällt mir ein, dass es kaum noch möglich ist, da regelmäßig zu spielen. Früher, da haben wir mindestens 1x/Woche gespielt. Ja, da hatten wir natürlich auch totaaalen Stress, Schule und so. Aber einmal pro Woche ging immer, oftmals mehr – und wir wurden nicht müde. Heute arbeitet der eine bis 16 Uhr, der nächste bis 18 Uhr, wieder einer bis 21 Uhr, der eine hat an den Wochenenden frei, der nächste arbeitet, wieder ein anderer will sich Haushalt, Frau/Mann, Kind, Hund und Kegel widmen, noch jemand fährt da gerade in Urlaub oder ist inmitten einer kurzfristigen Städtereise.

Aber ich will träumen … also träume ich einfach weiter und nehme als gegeben hin, mit Mitspielern am Tisch zu sitzen. Und dann, dann kommen die Erwachsenen, die wir nun mal sind, mit so einem Käse wie Spannungskurve, Logik, Realismus, Regelkorinthenkackerei, mit Spielstilen und so einem Kram. Und dann diskutiert man über gemeinsames Kochen, einzelnes Kochen, Fast Food oder Knabberkram, bio oder billig, Fahrgemeinschaften oder Alkohol am Spieltisch. Da kommt dann „Bei System X find ich es ja viel besser geregelt als hier“ und all so ein Zeug.

Das ist so ein bisschen wie mit der Ernährung. Grundsätzlich reguliert sich das alles von allein, der Körper macht das schon. Mal isst man mehr, mal weniger, je nach Aufwand, der Körper sagt schon Bescheid, sagt „Ey du, übrigens: Hunger!“. Mal hat man Bock auf Paprika, irgendwann auf Ananas. Und so reguliert sich auch der Vitamin- und Mineralstoffhaushalt wunderbar ganz von allein. Da gibt es mal Ausreißer, mal ist die Wampe zu voll, dann steht man plötzlich in der Pampa und denkt sich „Hoppla, hätte ich mir wohl besser mal was zu trinken mitgenommen …“. Perfekt ist die Welt, ist das Leben, ist auch die Ernährung nie. Aber so insgesamt, betrachtet man das mal über Wochen oder gar Monate, da ist alles ziemlich perfekt, ziemlich ausgeglichen, einfach prima.

Und dann kommen Tütensuppen, Burger, E-Stoffe, Vanillin und Zuckerbomben. Fettige und süße Verheißungen, bombastische Geschmacksverstärker, Gaumenfreuden. Aber wie das so ist mit einem Burger oder einer Kugel Eis: Schwupps, weg. Und man will mehr, mehr, mehr … das ist alles auch ganz gewollt so und funktioniert prima.

Irgendwann erinnert man sich an früher und beißt herzhaft in eine Paprika. Und die schmeckt nach … nix. Nach Wasser, nach der Erinnerung an eine Paprika, leider nur vage. Viel zu vage, um dabei zu bleiben. Und eigentlich, ach, Scheiß drauf, die gespritzte war eh viel knalliger rot als die jetzt. Oder, ach, ich kauf lieber direkt Ajvar. Oder nee, am besten bereits Paprikamark. Jo. Konzentriert. Hochkonzentriert! Aaaaaah, jetzt schmeckt es wieder nach was, ha! So langsam zumindest. So wie ein gekaufter Erdbeerjoghurt … der überhaupt nie nach Erdbeeren schmeckt und das auch gar nicht kann, weil keine Erdbeeren drin sind. Oder ein bisschen. Nach drei zermatschten Erdbeerstückchen. Oder Erdbeermark! Ha, und wieder ist die Welt in Ordnung.

Okay, man wird träger, man wird immer dicker, aber irgendwas ist ja immer. Und der Körper? Der meldet sich irgendwann nicht mehr so wirklich, erst wieder bei Aufgabe einzelner Betriebsteile oder so. Aber bis dahin …

Und nein, das ist nicht mal der Wunsch nach „retro“. Ich steh drauf, meine Eltern nicht irgendwann in der Zimmertür stehen zu haben, steh auf die Umsetzung von Spannung und Co. Ich will – wenn schon – coole, liebevolle Maps, ist mir total wumpe, ob handgezeichnet, PC oder gar im Onlinespiel statt Millimeterpapierdungeons. Ich will auch nicht unbedingt DSA, ich will einfach irgendein System.

Aber der Zauber, der steht nicht in Büchern. Der gemeinsame Vorstellungsraum, von dem man so gerne spricht, der braucht alle am Tisch, nicht nur einen. Und Entscheidungen kann ich für mich treffen, für das, was ich will, was ich mache, was ich toleriere, was ich diskutiere – aber nicht für die anderen am Tisch. Und wo uns früher höchstens mal Hausaufgaben und Klausuren anätzten, haben wir heute die Köpfe voll mit Sitzungen … sorry, ich meinte Meetings, mit Rechnungen, mit Benzinpreiserhöhungen und Sonderangeboten beim REWE, mit Muttis Pflegestufenantrag und Omas Beerdigung, mit Kalkulationen, Stellenbeschreibungen, Page Ranks, Unterrichtsvorbereitungen, Fortbildungsnachweisen, der Wahl zwischen watchever oder maxdome, zwischen O2 und Vodafone, müssen noch die letzten 27 Bücher der 50 wichtigsten Bücher der Deutschen lesen, uns um ein Ehrenamt bemühen oder ein Praktikum mehr, erstellen Kosten-Nutzen-Analysen, müssen noch Korrekturen im Backend vornehmen und warten auf die Lieferung des Großhändlers, wollen uns einen Messestand sichern, müssen mehr Märkte erobern, mehr in das Marketing investieren, ist das Klo verstopft.

Wo zur Hölle soll da auch noch Platz für Zauber sein? Rollenspiel ist Realitätsflucht? Nee, die Realität verhindert eine solche Flucht ja sowieso von ganz alleine. Was wir gelernt haben, studiert haben, täglich hinzu lernen, lernen müssen, wo wir uns behaupten müssen, all das beeinflusst irgendwie das Spiel, unsere Fähigkeit, aus uns heraus zu gehen oder auch nicht, 5 gerade sein zu lassen oder nicht, zu theoretisieren und in welcher Form, unsere Erwartungen an die anderen. Uh, unter realem Namen bloggen oder gar ein (vorgeschriebenes) Impressum nutzen? Nein, nein, wenn das der Arbeitgeber sieht! Rollenspiel … wie sieht das denn aus!?

Ich glaub, ich buch einfach auch mal einen Urlaub. Ich flieg am besten nach Nimmerland oder so.

3 Kommentare zu “Zaubermangel

  1. Schöner Beitrag. Kann ich irgendwie nachvollziehen, wobei ich mit Freude sagen kann, dass das mit dem Zauber in meiner Runde irgendwie noch funkioniert. Auch wenn das Durchblicken von Spannungsbögen, Erzählstrukturen usw. schon irgendwie ein gewisses anderes Herangehen an eine Geschichte mit sich bringt. Aber mit den richtigen Mitspielern und dem richtigen SL kann man das schon irgendwie hinter sich lassen.
    Also, auf nach Nimmerland 😉

  2. Ein ziemlich schwermütiger Beitrag über…? Ja, was eigentlich? Unzufriedenheit? Ich habe seinerzeit den Zauber der (vielen und freien) Rollenspielrunden gegen Selbstständigkeit und Verantwortung (Arbeit, Familie, …) eingetauscht und ich vermute mal, dass es bei Dir womöglich auch so in der Art ist.

    Und der Zauber ist natürlich für mich nicht immer greifbar, er versteckt sich manchmal nur um dann plötzlich unverhofft aus einer Situation, einer Idee oder einer Spielrunde wieder zu entflammen. Es wird nicht mehr so wie früher, keine Frage. Aber wenn ich „früher“ als Ganzes betrachte, dann stelle ich fest, das ich das Ganze nicht vermisse, sondern weiter will, viel weiter. Dafür gebe ich den Zauber ein Stückweit auf, suche mir aber – so ist es doch mit den Prioritäten – ganz neuen Zauber anderswo. Und wenn ich den Zauber mehr als sonst vermisse oder nicht sehe, dann hilft eigentlich nur noch, die innere Gangschaltung und das: http://www.youtube.com/watch?v=MJ1AGpL3Zx8

    Und ich seziere eine Runde bis heute nicht. Ich bin ein Bauchmensch, durch und durch. 😉

  3. […] Das alles ist aber eigentlich nur Teil meiner Erleuchtung. Durch diese beiden Ereignisse habe ich mich an für mich vergleichbare Sessions erinnert. An Sessions, in denen mindestens gefühlt meine Augen zu leuchten begonnen haben, in denen ich tatsächlich an den Lippen des Erzählonkels hing und wattebauschig-gierig nach mehr davon lechzte, in denen ich während des Spielens geträumt habe, in denen das Kopfkino zu Maximum-3D mit Megasound wurde. Das waren Momente, Szenen und ganze Sessions, die in mir irgendwas in sich Spielerisches geweckt haben, falls irgendwer versteht, was ich damit meine. Die den Zauber hatten, den ich schon seit längerem beim Spielen vermisse, wie ich ja schon mal so ganz ingesamt feststellte. […]

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