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Retro II: Mein 8. Geburtstag!

Zum Glück musste ich doch nicht bis zu meinem 12. Geburtstag warten, denn schon zu meinem 8. Geburtstag gab es DAS Geschenk: Den Basis-Kasten von „Das schwarze Auge“!

Es folgten der Aufbau-Kasten und „Die Werkzeuge des Meisters“, sobald etwas Neues erschien, fand es sich auch schon in meinem Kinderzimmer wieder. Ich las alles von vorne bis hinten, hinten nach vorne, sprang in Solo-Abenteuern von Abschnitt zu Abschnitt. Ich hielt mit Bleistift im Heft die Lebenspunkte der Gegner fest, freute mich über Siege, trauerte um meine Charaktere, zückte begeistert den nächsten Bogen – und erstellte einen neuen Helden, um auch mit ihm wieder von Abschnitt zu Abschnitt zu springen.

Manche Sackgassen waren nervig, manche Gegner scheinbar nicht zu besiegen. Ich entdeckte, dass Würfel einen hassen können und stieß auf das Prinzip, irgendwann aus lauter Frust zu mogeln und nicht mehr wirklich den Kampf zu würfeln, sondern meinen Sieg zu beschließen. Und am Ende eines solchen Abenteuers entdeckte ich dann wieder etwas Neues, nämlich dass ein erschlichener Sieg ein schales Gefühl hinterlässt … also spielte ich das ganze Ding einfach direkt noch einmal durch, diesmal wieder ehrenhaft würfelnd und immer wieder mal scheiternd.

Langweilig? Eigentlich nicht. DSA ist wohl das einzige System, das – von der 1.-3. Auflage zumindest – mit Fug und Recht von sich behaupten kann, mir alle seine Kniffe eingetrichtert zu haben. Ich kannte jede Regel, jeden Absatz, jede Seite, ich war ein wandelndes DSA-Lexikon!

Hat nur leider keiner was von mitbekommen, denn ich hab ja ständig allein mit meinen Heften zu Hause gesessen und die Stubenhockerin gemimt. Da haben mir die Pappfiguren aus „Die Werkzeuge des Meisters“ noch die beste Gesellschaft geleistet …

Mein Plan, durch meine umfassende Beschäftigung und ebensolches Wissen die Zwillinge aus der zweiten Etage davon zu überzeugen, dass ich eine würdige Mitspielerin für ihre „Großen“-Runde wäre, ist – gleich mehrfach – gescheitert. Hartnäckigkeit zahlt sich da nicht immer aus. „Die Werkzeuge des Meisters“ hatte ich dann auch bereits als einzige Bewohnerin des Hauses, denn das war den „Großen“ schon too much. Sie begnügten sich mit den ersten beiden Kästen und etlichen Kaufabenteuern. Für mich war diese mangelnde Begeisterung unverständlich. ABER: Sie spielten. Ich nicht. Ich las.

Nach einer Weile bekam ich heraus, dass sich die Truppe im Keller traf und dort spielte. Verdeckt von Holzwänden, die durch dunkle Stoffe abgehangen wurden, bei Kerzenschein, auf Klappstühlen, Kartons und Wasserkästen saßen sie da unten und erkundeten Aventurien! Fortan erklärte ich meiner Mutter, nun wirklich groß genug zu sein, um selbst die Waschmaschine (im Keller) anwerfen zu können, die Wäsche (im Keller) aufhängen oder abnehmen zu können oder Vorräte (aus dem Keller) in die Erdgeschosswohnung zu bringen. Meine Mutter war sich erst einmal nicht so sicher, wie sie das fand, stimmte meinen vermeintlich emanzipatorischen Tendenzen jedoch schließlich zu. Ich brauchte halt nur immer ziemlich … lange für alles.

Ich schlich hinunter, den Schlüsselbund fest in der Hand, um ein Klimpern zu verhindern. Dann ein Blick um die Ecke hin zum legendären Kellerraum. Konnte ich mich in den Türrahmen setzen und lauschen? Oder hatten sie die Tür des Kellerraums nicht verschlossen und ich würde in ihr Blickfeld geraten? Würde ich rasch genug verschwinden können, wenn jemand das WC in der Wohnung der zweiten Etage aufsuchen wollte?

Meist klappte es und ich hörte gespannt der Stimme der Meisterin zu, wie sie den Helden allgemeine und auf Nachfragen spezielle Informationen zukommen ließ, hielt den Atem an, wenn es spannend wurde und beneidete sie alle, nicht nur von Abschnitt zu Abschnitt springen zu müssen, sondern von Abgrund zu Abgrund springen zu dürfen. Im tanzenden Schatten durch die flackernden Kerzen bildete ich mir Umrisse von Figuren ein, denen sie gerade begegneten und dann … dann machte ich, dass ich laut pfeifend in den Waschraum ging, damit meine Mutter nicht in den Keller rief, ob alles in Ordnung sei und mich damit verriet (ist mir einige Male doch passiert).

Und dann kam der Tag, an dem sie wieder im Keller spielten, wieder von mir ein kleines bisschen belauscht. Ich ging wieder nach oben, versank traurig zum xten Mal in „Geheimnis der Zyklopen“ und wünschte, ich dürfte eine von den „Großen“ sein. Es war das letzte Mal, das ich dieses Solo-Abenteuer spielte, denn gegen Abend drangen Rauchschwaden durch das ganze Haus.

„Du bleibst in deinem Zimmer!“, schärfte meine Mutter mir ein und machte mir damit mehr Angst, als hätte sie das nicht gesagt. Schritte im Treppenhaus, viele schwere Schritte, Rufe und sonstige Laute, große Autos, die ich vor meinem Zimmer, das zur Straße raus lag, hören konnte. Es brannte.

Die „großen Helden“ hatten dieses Mal die Kerzen nicht gelöscht und wie auch immer es dazu kam, jedenfalls fing irgendwas Feuer. Umgeben von Holzwänden, Holztüren und großzügig verteilten Stoffen zum Abdunkeln fand das Feuer einen optimalen Nährboden und fackelte den Kellerbereich kurzerhand ab. Drei Kellerräume waren betroffen, von denen nicht viel übrig blieb: der Heldenkeller, noch irgendein Keller und einer der zwei Kellerräume von uns. Zum Glück passierte nicht mehr.

Später kam meine Mutter in mein Zimmer um zu sehen, ob ich schon schlief. Tat ich natürlich nicht. Behutsam erklärte sie mir, was passiert ist. Das Problem verstand ich erst am Ende ihrer Erklärungen: Das Feuer hatte mein Barbie-Haus und all meine Barbie-Sachen zerstört, einen Großteil meiner Playmobil-Sachen sowie Stofftiere und Puppen ebenso.

An dem Abend hab ich mich in den Schlaf geweint. Am nächsten Morgen packte ich all meine Hefte in ihre Kästen und darauf und trug sie in den Keller. Nie wieder würde ich ein so bescheuertes Spiel spielen wollen, das all meine tollen Sachen kaputt gemacht hatte. Nie wieder würde ich mit „Großen“ spielen wollen, die zu blöd waren, eine einfache Kerze zu löschen. Ich brachte die Sachen in einen der unversehrten Kellerräume, nahm alle meine Spielsachen von dort mit hoch in mein Zimmer und erklärte meiner überraschten Mutter dann, wenn es nun brenne, sei nichts (von mir) verloren.

Sollten sie doch selber brennen, diese dämlichen DSA-Hefte!

6 Kommentare zu “Retro II: Mein 8. Geburtstag!

  1. Sehr lustig! Bin gespannt auf mehr!

  2. Ja, da kommt noch so einiges *g*. Wenn man einmal angefangen hat … finde es auch ganz nett, es mal so aufzuschreiben. 🙂

  3. Achja die DSA-Kästen die hatte ich ja selber fast vergessen.
    Ich hatte auch 2 aber frag mich nicht mehr welche^^
    Ansonsten schön geschrieben, und ist diese Kinderlogik nicht einfach herrlich? Die großen haben das Feuer gemacht als sie DSA spielten, darum ist das Spiel Schuld!
    Herrlich^^

  4. […] Zu Recht fiel irgendwem dann mal auf, dass Waffen von einer Hexenbiene irgendwie komisch wären. Das war natürlich nicht von der Hand, Verzeihung, vom Flügel zu weisen, also gab ich diesen Geschäftszweig schließlich gegen eine Menge Honig auf. Und mit diesem Honig setzte ich mich schließlich zur Ruhe und überließ die Hexenbienenzelle meiner Lehrlingsbiene, derweil ich in den Pausen dann lieber zu den Zyklopeninseln … aber die Geschichte kennt ihr ja schon. […]

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