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2. Inplay, NEO, nWoD Dark Heroes, Tischrunde – Crest

Hey Paps,

jetzt bin ich doch einmal mehr ein bisschen froh darüber, dass ich meine Nachrichten nur zeitversetzt irgendwann werde senden können, denn meine trüben Gedanken von gestern hätte ich mir sparen können.

Wir wurden sehr früh mit der Nachricht geweckt. Man habe unser Schiff repariert und wir könnten wieder zur Erde zurück fliegen. Während mein Herz einen kleinen Freudensprung machte, schien der Rest der Crew eher mäßig begeistert zu sein, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Was wollen die denn alle noch hier!?

Meine eigene Freude wandelte sich allerdings auch ziemlich schnell wieder, als ich diesen Crest wiedersah. Meine bisherigen Gedanken zu ihm hatte ich dir ja schon mitgeteilt, aber die bei unserem Wiedersehen waren andere. Ich glaubte plötzlich nicht mehr an eine simple Hämophilie. Du bist der Praktiker von uns, Papa, darum weiß ich nicht, ob du so etwas öfter erlebst oder es für dich so ungewöhnlich ist wie für mich, denn wir haben ja nie viel über einzelne deiner Fälle gesprochen. Nein, das stimmt nicht. Wir sprachen viel über deine Fälle, aber wenig über deine Patienten, weil ich damit noch nie so viel anfangen konnte. Jetzt gerade bin ich dir dankbar, dass du mein ganzes Leben lang Rücksicht auf meine Perspektive genommen hast, und doch wünschte ich, ich hätte der deinen mehr Raum gegeben. Meine Welt der Mikrobiologie und Physiologie ist winzig klein und riesengroß zugleich, aber sie ist messbar. Deine ist es nur bedingt, dafür ist sie greifbar, tastbar, fühlbar. Ich hab nie verstanden, warum du dich mit den privaten Geschichten und Belangen der Leute belastest, wenn du sie genauso gut einfach ohne all das operieren kannst. Ich glaube, heute hat sich das ein wenig geändert. Es klingt verrückt in meinen eigenen Ohren, aber ich habe diesen Crest angesehen und gleichzeitig habe ich an die Bilder in unserem Quartier gedacht, an diese riesige, nur spielende Crew, an die Krankenstation und meine Enttäuschung über ihre Ausstattung, und da war ich mir plötzlich sicher, dass die Hämophilie an sich nicht das Problem dieses Mannes ist. Diese offenbar chronische Konjunktivitis, sein struppig wirkendes Haar, das andere seiner Art nicht hatten und all die anderen Kleinigkeiten, die mir schon bei seinem ersten Anblick aufgefallen waren, sprachen eine deutliche Sprache, wenn auch keine wissenschaftliche. Und doch dachte ich in diesem Moment: „Sie haben Krebs und Sie werden daran sterben“.

Ich hoffe, ich habe ihn nicht angestarrt, sondern nur ganz normal angesehen, als sich unsere Blicke trafen. Und ob du mir glaubst oder nicht, aber genau das, was ich dachte, hab ich in seinem Gesicht gesehen. Dieser Mann würde an seiner Erkrankung sterben und er wusste das. Nicht, weil ich das in diesem Augenblick dachte, ich will nicht auf irgendeine ominöse Gedankenleserei hinaus. Ich weiß auch nicht, ob es irgendwen gab, der es ihm bereits gesagt hatte, ob er eigene Untersuchungen angestellt hatte, aber ich war mir in dem Moment sicher, dass er wusste, dass er sterben würde an dieser Krankheit, die man ihm eigentlich schon so leicht ansehen konnte.

Ich fragte mich, warum er das hinzunehmen schien, denn er wirkte nicht unbekümmert, wirkte nicht wie jemand, der auf so etwas wie eine Spontanheilung wartet oder etwas in der Richtung, und er wirkte nicht einmal so, als sei er bereit, dieses Schicksal anzunehmen. Er wirkte einfach nur so, als bliebe ihm nichts anderes übrig, so wie wir dumm in diesem Quartier auf dem Mond herumgesessen hatten, weil uns nichts anderes übrig blieb.

Vielleicht hätte ich einfach den Mund halten sollen, aber ich wollte es genau wissen, wollte mich nicht auf irgendwelche Eindrücke verlassen. Ja, ich wollte Daten, wollte Fakten haben, also wollte ich Crest untersuchen. Er stimmte zu und ich konnte meinen Eindruck komplett belegen: Leukämie. Ich suchte nach den nötigen Präparaten und es dauerte eine Weile, bis ich endlich kapierte, wo hier das eigentliche Problem lag. Sie können es nicht, Papa. Bei all ihrer Technik und ihrem ganzen Gezumpel können sie Leukämie nicht heilen. Sie haben keins der nötigen Präparate und auch keine Optionen, sie zu synthetisieren. Sie haben es offenbar noch nicht erforscht. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass es sich um eine neuartige oder seltene Erkrankung bei diesen Arkoniden handelt oder sich einfach niemand ausreichend um medizinische Forschung bemüht, aber wir, die „Tiere, die auf der Brücke standen“, sind den Arkoniden in diesem Fall tatsächlich überlegen!

Mich machte das stolz, aber es machte mich auch ein wenig traurig. Es wäre so einfach gewesen, einfach wieder in das Raumschiff zu steigen und nach Hause zurück zu kehren. Nach den letzten Ereignissen, ich weiß nicht, vielleicht hätte ich versucht, meinen Vertrag zu kündigen oder zu annullieren oder etwas in der Richtung, hätte mich tatsächlich freiwillig wieder in ein kleines Kellerlabor verkrochen und mich mit dem zufrieden gegeben, was ich dort vorfand. Vielleicht … aber Tatsache ist, dass es mir völlig absurd vorkam, einfach nach Hause zu fliegen und diesen Mann hier sterbend zurück zu lassen. Es ging einfach nicht. Ich weiß, Mama versteht das sicher nicht und auch oder gerade dann nicht, wenn du es ihr zu erklären versuchst, aber ich weiß, du verstehst mich, oder?

Ich informierte General West über diese Neuigkeiten, unter dem strengen Blick des neben ihm stehenden Mr. Radon möglichst darauf bedacht, zugleich alle nötigen Informationen weiterzugeben und zugleich diese Ja-/Nein-Geschichte zu beachten. Und was ist passiert? Der General pfeift mich doch tatsächlich an, wenn er mich etwas frage, erwarte er ausführliche und aussagekräftige Antworten und mit meinem Ja und Nein soll ich mir gefälligst nicht alles aus der Nase ziehen lassen. Hat man Worte!? Ich nicht, also warf ich Mr. Radon einen zugleich wütenden und Hilfe suchenden Blick zu, doch der tat so, als habe er das gar nicht mitbekommen oder könne selbst nicht verstehen, warum ich so knapp antworte. Frechheit!

Wie dem auch sei war es nicht schwer, den General und auch Crest davon zu überzeugen, Crest mit zur Erde zu nehmen, um ihn dort mit Hilfe eines Medpods von der Leukämie zu heilen. Diese Kommandantin der Arkoniden, Thora, war nicht so leicht zu überzeugen, doch letztlich bereiteten wir uns auf die Rückkehr zur Erde vor – mit Crest und zur Freude von mindestens General West auch mit arkonidischer Technologie. Ebenfalls neue Mitglieder der Crew wurden der andorianische Sicherheitsbeamte Travis Shrán mit der blauen Haut sowie die wahnhafte Eldar Cardoness.

Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, was ich mir vorgestellt habe, aber jedenfalls kam in meiner Vision nicht vor, dass wir in der indischen Wüste landen würden. Darin kam auch nicht vor, dass ich mittels arkonidischer Kampfanzüge und eines Antigravitationsgerätes zusammen mit Mr. Radon einen Medpod aus einem Krankenhaus in Kalkutta stehlen würde, nachdem man uns in Neu-Delhi beinahe festgenommen hätte und wir Teile der Krankenhausmauern versehentlich beschädigt hatten. Und schon gar nicht kam darin vor, nach dem Beschuss bei unserer Landung noch gerade rechtzeitig zurückzukehren, bevor die Japaner einen Belagerungswall um unsere Absturzstelle (doch, Mama, Springston ist die beste Pilotin, aber ich erwähnte doch eben bereits den Beschuss!) errichteten.

Eben vor dieser Aufzeichnung habe ich die letzten Untersuchungen, Maßnahmen und die Operationen von Crest erfolgreich abgeschlossen, Papa. Schon mittendrin begann das tösende Geräusch der permanent auf uns abgefeuerten Raketen, das war nicht so einfach auszuhalten. Sie bombardieren uns noch immer. Crest und Travis Shrán versichern uns glaubhaft, dass der arkonidische Schutzschild uns nicht im Stich lassen wird, niemand scheint daran zu zweifeln, also versuche ich, das ebenfalls nicht zu tun. Sollten sie irren, ist es fast so wie in meinen Gedanken von gestern. Aber heute bin ich auf der Erde. Und heute habe ich ein kleines bisschen Hoffnung. Ich hoffe, dass niemand die Daten missbrauchen kann, die ich bislang von Crest sichern und untersuchen konnte, dass niemand umkehren oder pervertieren kann, was ich soeben wahrscheinlich geschafft habe. Jemanden von Leukämie zu heilen ist aufwändig, aber keine allzu große Sache in der heutigen Zeit, zumindest nicht mit einem Medpod720i. Einen Arkoniden davon zu heilen ist allerdings schon eine große Sache. Ich hoffe, dass ich nichts übersehen habe, dass ich die wenigen zytologischen Abweichungen adäquat berechnet und in die Behandlung habe einfließen lassen. Eigentlich hoffe ich nicht nur, sondern bin mir dessen sicher. Aber seit einigen Tagen kann ich mir eigentlich bei gar nichts mehr sicher sein, also versuche ich mich vorsichtiger auszudrücken als ohnehin sonst, was diese Dinge betrifft.

Ich weiß, dass du an mich glaubst, weil du das immer getan hast. Es tut mir leid, dass Mama und du jetzt wohl einigem an Stress ausgesetzt sind. Ich hoffe, es ist nur die Presse, die euch zusetzt und ihr werdet nicht auch noch von anderer Stelle unter Druck gesetzt oder so etwas. Und halte Mama unter allen Umständen davon ab, nach Indien zu kommen … ich hoffe, auch das wirst du ohnehin tun, denn ich könnte mir nie verzeihen, wenn einem von euch etwas passieren würde, nur weil eure Tochter sich in den Kopf gesetzt hat, einen „Außerirdischen“ vom Krebs zu heilen. Ich weiß, ihr sitzt vor euren Holo-Pads und könnt nicht fassen, was ihr dort seht, hört und lest. Ich kann es auch nicht fassen. Aber anders als gestern hat das alles hier jetzt einen Sinn und ich hoffe, der wird nicht verloren gehen.

Ich denk an euch und hab euch lieb,
Tasha

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