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36. Inplay, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “Jede Straße führt über Budapest”

Dem Empfinden nach gerade erst wieder in Kronstadt eingetroffen, galt es bald, die nächste Reise zu planen. Viktor war zwischenzeitlich aus Budapest nach Kronstadt gekommen, um meiner Nachricht, seine Erzeugerin befinde sich derzeit bei uns, nachzukommen und einen Besuch abzustatten. Das war nicht unpraktisch, denn es ermöglichte, ihn gleich in die Reiseplanungen einzubeziehen. Niemand von uns war je so gut darin geworden wie er es schon immer war, Routen zu planen und zu überlegen, wie viele Transportmittel, Kisten, Menschen und derlei mehr wir sinnvollerweise und in welcher Form mit uns führen sollten zu diesem Zweck. Davon abgesehen war unser Wiedersehen ein wenig kühl. Es war wenig Zeit, um alles zu regeln, wenig Zeit, sich mit Lucita auszutauschen, und so blieben alle weiteren Gespräche weitgehend hintenan.

Melissa beschäftigte sich zu meinem Argwohn viel mit Thomas und verbrachte viel Zeit mit ihm. Darauf angesprochen, bekam ich von ihr meist nur vage Aussagen. Vermutlich absichtlich, denn sie mochte es, mich immer mal wieder damit zu provozieren, dass sie meine Neugier – oder anderes – anstachelte, nur um sich dann doch erstaunlich bedeckt zu halten, auf die eine oder andere Weise. Was diese Zeit mich Thomas bedeutete, erfuhr ich in der Nacht, in der Boten einen großen Pokal voller Blut als Geschenk an mich brachten. Ich war soeben dabei gewesen, diesem Prediger von Magdalena meine dank Viktor durchaus ansehnliche Bibliothek zu zeigen, als ich mich sehr plötzlich verabschiedete. Der Pokal weckte in mir einen unglaublichen Durst, und es war nicht allein der nach Blut, der mich förmlich aus dem Raum hinaus zog. Als wir unter uns waren, die aus dem eigenen Blut erstehende Melissa und ich, offenbarte sie mir das Geheimnis, das sie bislang vor mir verborgen hatte: Sie hatte den Posten des Seneschalls an Thomas abgegeben, um sich selbst mehr um andere Dinge kümmern zu können. Diese Nachricht überraschte mich in der Tat, und sie warf mich ziemlich hin und her.

Die Aussicht, dass Melissa sich fortan mehr um uns kümmern konnte als um diesen ganzen langweiligen Kram rund um die Politik, erfreute mich, und auch die Aussicht, dass dies dem Zirkel zu Gute kommen würde, machte mich glücklich. Doch niemandem traute ich so sehr wie ihr, und auch, wenn ich Thomas als loyalen Verbündeten sah, so fand ich die Vorstellung seltsam, dass er von nun an meine rechte Hand sein sollte. Mich störte, dass sie dies einfach so beschlossen hatte, obwohl ich die Wahl nicht anders und vor allem nicht besser hätte treffen können, doch in mir keimte auch ein Funke der Furcht. Thomas als Seneschall bedeutete, dass ihm im Verlauf der Zeit, wohl schneller, als mir lieb sein würde, all meine Makel viel deutlicher würde erkennen können. Bei und mit Melissa hatte alles immer so gewirkt wie aus einem Guss, und Viktors Kompetenzen hatten ihr übriges dazu getan, mich als durchaus rundum bewanderten Prinzen darzustellen – zumindest glaubte ich das. Viktor war weg. Melissa, Thomas und ich konnten nur versuchen, diese Lücke zu schließen und jeder gab das seine dazu, um dies bestmöglich zu tun. Es war auch lang nicht mehr so, dass ich dazu neigte, allzu ungestüm und nach Launen zu handeln. Ich hatte dazu gelernt, selbst im Hinblick auf diese ganze seltsame Politik. Ich hatte sie sogar seit unserer Rückkehr aus Indien zu schätzen gelernt. Diese europäische Politik war um Längen besser als die seltsamen Dinge, die in meiner einstigen Heimat so vor sich gingen. Aber dennoch gab es Lücken, die ich verschleierte und Melissa verformte und verbog – nun würde es zukünftig nur noch meine Schleier geben und einen mehr, der gut genug Bescheid wusste über diese Lücken, um sie im Zweifel gegen mich zu verwenden. Andererseits … ich dachte schon so seltsam paranoid wie viele der Älteren hier, und das war mir eigentlich viel zu anstrengend. Ich verschob alle negativen Gedanken auf die nächste Nacht, auf die danach, irgendwie so – und widmete mich lieber der schneeweißen, von Blutrinnsalen noch immer behafteten Haut vor meinen Augen …

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Melissa nutzte ihre neue „Freiheit“, wenn man es so nennen konnte, sehr effektiv. Nicht, dass man anderes von ihr hätte erwarten können, doch die Geschwindigkeit, in der man in Kronstadt nun die beiden Klöster errichtete, war beinahe beängstigend. Nun ja, zumindest betraf dies die Fortschritte des Klosters für die Damenwelt. Das für die Herren hatte nach wie vor mit allerlei Dingen zu kämpfen … aber Pater Johann war unermüdlich zur Stelle, um die Arbeiter im Namen des Herrn anzutreiben. Ein diebischer Spaß – besser als jedes Schauspiel!

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Als wir uns aufmachten, reisten wir zu meinem Missmut über Buda. Es gab zahlreiche Vorschläge für alternative Routen, aber irgendwie schienen sie alle durch Buda zu führen. Ich hatte eigentlich keine Lust, mir Viktors neues Zuhause, das er Kronstadt vorzog, genauer anzusehen, und aus genau diesem Grund hatte ich auch keine Lust, Arianne zu treffen und irgendwelchen Klatsch auszutauschen. Irgendwann … vielleicht. Aber ich kam gar nicht drumrum. Was mich tröstete war die Erkenntnis, dass einer der Arpad in der Gegend lebte. Es brauchte einige Nächte der Vorbereitung und einige Illusionen, die Unterstützung Thomas‘ und den Gerechtigkeitssinn von Johann, aber dann war zumindest ein wenig Argwohn und Misstrauen gegen diesen Arpad in die Welt gesetzt. Ich hatte mit besseren Ergebnissen gerechnet und war insgeheim ein wenig enttäuscht über die vielen Mühen und deren geringe Ergebnisse. Melissa spürte dies, wusste dies – und so machte sie aus meinem kleinen Zwischenspiel eine ganze Oper, die nicht nur diesem Arpad erheblich schadete, sondern auch die Fesseln des Kupala schwächte. Wie schön, dem Ziel ein wenig näher gekommen zu sein – wenn auch ausgerechnet über Buda.

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