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32. Inplay, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “Ohne Kante kein Dreieck”

Ungläubig starrte ich auf das Bild, das sich uns bot – zu meinem Glück, denn in der Tat war es der Zorn des Flussgeistes, der dieses Bild auf Grund von Tomas‘ Drohung erschaffen hatte und nicht die Realität. Konnte man bei der Geisterwelt überhaupt von einer Realität sprechen? Sicherlich. Nicht mehr und nicht weniger als bei dem, was sonst so als Realität bezeichnet wurde zumindest.Melissa war unbeeindruckt von dem, was hier geschah, ebenso Reynaud und Viktor, doch der Rest … die Menschen ertranken elendig an Land in dieser Illusion und wurden erst danach oder währenddessen in den Fluss gezogen. Auf Grund ihrer Anzahl war es ein Bild, das ich mir nicht gern ansah und das Wut in mir selbst aufsteigen ließ. Doch noch viel mehr erzürnte mich zu sehen, dass es Tomas, Eszter, Eliana und Adonai nicht viel besser zu ergehen schien. Es galt zu handeln, zu verhandeln, was auch immer, doch in jedem Fall eines: schnell!

Schließlich gelang es mir, zumindest die unsrigen aus der Realität des Flussgeistes über eine von mir geschaffene in die uns allen gemeinsame zurück zu führen, und es hieß, sich zusammen zu reißen bei den Verhandlungen mit dem Flussgeist. Gern hätte ich sie in Stücke zerrissen für das, was sie tat, doch den Geist eines Gewässers anzugreifen … selbst in meiner Wut war mir klar, dass der Erfolg bestenfalls ein mäßiger hätte sein können.

Schließlich entfernten wir uns vom Ufer, einmal mehr ohne eine Herde, und schlugen eine andere Richtung ein. Kaum hatten wir uns dazu entschlossen, nahm die Ratte, die sich zwischen meinen Brüsten, gehalten von den Schlingen des Saristoffes, warm eingekuschelt hatte, mit mir Kontakt auf. Hastig sprach sie von einem Berg, einem Eisberg … nein, sie sprach von einem Freund weiter oben in den Bergen, begann den Weg zu erläutern – und da es nichts Besseres oder Sinnvolleres zu tun gab im Augenblick, als sich von einer Ratte den Weg weg von diesem Fluss weisen zu lassen, tat ich genau das. Warum auch nicht? Im Rahmen ihrer Möglichkeiten hatte sie oder eine der ihren uns ja auch bereits durch die Festung der Mistress gelotst.

Ich staunte nicht schlecht, als die Ratte sich schließlich einen Weg nach draußen bahnte, aus meinem Ausschnitt heraus zu Boden sprang und sich kurz vor mir in eine Art Riesenratte, oder besser gesagt in ein Rattenwesen verwandelte. Es gelang ihr – oder ihm, denn so sicher war ich mir nun nicht mehr, was das betraf -, mich ernsthaft in Erstaunen zu versetzen mit dieser Aktion.

Die Ratte erklärte, ein Nezumi-Bito zu sein, ein Hengeyokai. Ich konnte mit diesen Begriffen nichts anfangen, doch er erklärte, dass die Hengeyokai Gestaltwandler seien und die Nezumi die Ratten unter ihnen. So etwas ähnliches wie die Wolflinge also – und doch ganz anders. Die Ratte, die sich als Marknager vorstellte, amüsierte mich. Ich hatte etwas übrig für Finesse, und auch, wenn der Anblick seiner menschlichen Form, die er mir auf Nachfrage kurzzeitig gewährte, alles andere als einen irgendwie als attraktiv zu bezeichnenden Mann offenbarte, fand ich es äußerst gewitzt, wie er mich einfach so hatte täuschen können mit seiner Identität und damit auch noch einen Platz zwischen meinen Brüsten erlangt hatte, der ihm sonst ganz sicher nicht offen gestanden hätte. Diese Dreistigkeit und die Art ihrer Umsetzung gepaart mit der Tatsache, dass die Begleitung von Marknager – so nannte sich dieses Rattenwesen – durchaus nützlich gewesen war bislang, schwemmte eine weitere Welle der Wut darüber, einmal mehr hinter das Licht geführt worden zu sein, hinfort.

Marknager erklärte, dass eine Gruppe seiner Art stets aus drei Wesen bestand, wie ein Dreieck drei Punkte aufwies. Zu seinem Bund gehörten neben ihm ein O-Bakemono-Schamane, was auch immer das sein sollte, sowie ein Kanji-Magier. Fremde Worte prasselten auf uns ein bei seinen Erklärungen, und obwohl wir uns mit der Sprache zuvor vertraut gemacht hatten und gerade mir solcherlei leicht fiel, war es wohl für uns alle außer für Adonai recht anstrengend, Namen von Titeln und Bezeichnungen zu unterscheiden, als er berichtete.

Dass wir der Tatsache, dass es immer drei waren, die zusammen gehörten, verwundert begegneten, verwunderte ihn umso mehr. „Keine Kante – kein Dreieck“ war seine schlichte Erklärung des Ganzen und ließ mich schmunzeln. Ein paar Worte mehr ließen mich das Prinzip leicht nachvollziehen, denn es ähnelte dem, was ich über die Nagah Indiens wusste beziehungsweise gehört hatte, denn begegnet war ich niemals einer. Auch sie waren stets zu dritt unterwegs, es schien sich also um ein weiter verbreitetes Prinzip zu handeln, das ja selbst die Menschen mit ihrem seltsamen Dreifaltigkeitsglauben übernommen hatten. Bei den Wolflingen und unsereins schien dieses Prinzip hingegen nicht von Bedeutung zu sein. Seltsam eigentlich – und durchaus etwas, mit dem ich mich irgendwann einmal genauer befassen wollte.

Schließlich stimmten wir zu, uns von Marknager zu einem seiner Verbündeten, einem der Punkte dieses Dreiecks, führen zu lassen. Unser Weg führte weiter hinauf in die Berge, hin zu einer steinernen Höhle, aus der schließlich ein schier riesiges irgendwie menschliches Wesen trat, dessen Anblick allein für mich klar machte, dass Marknager seine Warnungen von einem „Menschenfresser“ vermutlich durchaus wörtlich gemeint hatte.

Hidetsugu, der Schamane, nahm uns tatsächlich bei sich auf, nachdem er erfahren hatte, dass wir Marknager wohlgesonnen waren und ihn – wenn auch ungewollt, aber wer achtet schon derart auf Details … – aus den Klauen der Mistress Yamato befreit hatten. Wir konnten uns in seiner Höhle vor der Sonne schützen und auch die von ihm in einem Käfig eingepferchten Menschen durften wir nutzen, um unseren Hunger zu stillen. Seine einzige Bedingung für letzteres war, dass sie Angst verspürten, umso mehr, desto besser, wenn wir uns ihnen näherten oder uns von ihnen nährten. Das war nun wirklich eine leichte Aufgabe, der wir alle mehr oder weniger gern nachkamen – die meisten von uns mehr -, derweil nur Adonai es vorzog, seine Beute in der Wildnis zu finden.

Adonai war überzeugt davon, in der Höhle eines Dämons zu sein, und in der Tat bezeichnete sich Hidetsugu selbst als Oni. Was mich verwirrte, waren seine Geschichten von in diese Realität eindringenden Kami, die sich der Vernichtung widmeten. Das war genau das Gegenteil dessen, was Kami hätten tun sollen, wie wir von Adonai wussten. Irgendwas war also falsch an den Geschehnissen, doch ich konnte nichts erkennen, was ich selbst als dämonisches Werk bezeichnet hätte, das eine Abreise oder die Vernichtung unseres Gastgebers gerechtfertigt hätte. Überhaupt sollten Begriffe wie Oni und Dämon einigermaßen dringend überprüft werden meiner Ansicht nach, denn weder unser Gastgeber noch Kupala, wie wir mittlerweile wussten, zählten zu den Dämonen, deren Vernichtung zwingend war, so wie ich es einschätzte. Ich schwamm im Geiste ziemlich, was diese Dinge betraf, und es war wichtig, dass ich meine eigene Linie, der ich diesbezüglich folgte, in absehbarer Zeit überarbeitete.

Doch zunächst nahmen wir die angebotene Hilfe von Hidetsugu an zu lernen, wie man einen mächtigen Geist beschwor und auch bannte, allerdings waren unsere Bemühungen diesbezüglich nicht von Erfolg gekrönt. Das ärgerte mich, denn ich hatte mich angesichts meiner dringend aufzubessernden Kenntnisse in Bezug auf Dämonen und Nicht-Dämonen gleich bereit erklärt, an Hidetsugus Unterricht teilzunehmen. So sehr ich mich jedoch bemühte: Es gelang mir nicht, zu diesem Wissen über Ruf und Verbannung Zugang zu erlangen.

Schließlich gaben wir auf, denn auch Reynaud, der sich wie ich sehr eifrig auf die anstehenden Lehren gestürzt hatte, machte keinerlei Fortschritte. Stattdessen kehrten wir zu unserem bisherigen Vorhaben, den oder die Bishamon zu finden, zurück. Es waren in der Tat die Bishamon, also mehrere von ihnen, und mit großer Enttäuschung und auch innerer Zerrissenheit nahm ich zur Kenntnis, dass sie weder waren, wofür Adonai sie bislang gehalten hatte und auch nicht, wofür ich sie gehalten hatte. Nein, sie waren nichts weiter als zurückgezogen lebende Wan Kuei, verborgen in der Erde lebend, sich feige vor diesem Krieg der Oni und Kami versteckend.Es half nichts: Wir brauchten die Bishamon, um weiter zu kommen. Es passte mir nicht, das so zu sehen, doch das machte diese Realität nicht unwahrer. Es gab Wichtigeres als die Geschichten von einst, als die Geschichten meines Clans, zu dem ich ohnehin nie einen wirklichen Bezug gehabt hatte. Es gab Wichtigeres als eine Art übergeordnete Gemeinschaft, und das Wichtigste von allem war für mich die Dunkle Mutter. Und so zögerte ich kaum, mit den anderen dank der Hilfe eines Mondgeistes und einer knorrigen kleinen alten Geisterfrau in die Tiefe der Erde hinab zu steigen, um zu den Bishamon zu gelangen.

Wir verabschiedeten uns unten angekommen von der Geisterfrau, die uns noch ein paar Hinweise mit auf den Weg gab und versicherte, uns wieder an die Erdoberfläche zu bringen, wenn wir die Wan Kuei, auf die wir treffen sollten, zur Strecke brachten, zumindest einige von ihnen. Gemäß meiner Prägungen zögerte ich nicht, einigermaßen eifrig zu nicken, bevor wir uns auf den Weg durch die unterirdischen Tunnel machten, bis wir eine Halle voller meditierender Wan Kuei erreichten.

Wir warten … und warteten und warteten. Es war fast wie bei einer dieser seltsamen Prüfungen, die wir bei der Suche nach dem Artefakt in Kyoto hinter uns gebracht hatten, nur dass wir diesmal deutlich länger warteten, bis sich endlich eine Frau aus der Menge der Meditierenden löste und auf uns zu trat. Noch bevor ich etwas sagen konnte, noch bevor sie etwas sagen konnte, tat Adonai etwas Überraschendes: Er legte seine Waffen ab und ließ sich zu einer äußerst ehrerbietenden Geste hinreißen. Gegenüber den Wan Kuei!? Was war in ihn gefahren? Hatten sie ihn verhext oder etwas in der Art? Misstrauisch warf ich einen Blick hinüber zu den anderen, doch niemand schien von irgendwas beeinflusst zu sein, zumindest nicht einigermaßen offensichtlich, so dass ich dies mit meinen geschärften Sinnen hätte sehen können.

Für mich tat es eine höfliche Begrüßung, die mich schon an die Grenzen meiner Launen brachte, und auch für diese Frau schien dies auszureichen. Ungeachtet meines und Adonais Verhalten forderte sie uns auf, sofort zu verschwinden, und es dauerte nicht lang, bis ich die arroganten Worte, die ich schon ganz ähnlich in Kabul von einer der ihren vernommen hatte, aus ihrem Mund flossen wie vergorene Milch. Doch ich füllte mein Inneres mit Mantren, um keinesfalls die Beherrschung zu verlieren, denn diese Begegnung war zumindest, bis wir hatten, was wir wollten, zu wichtig, als dass ich sie hätte auf’s Spiel setzen dürfen.

Und tatsächlich gelang es uns, sie davon zu überzeugen, ihrer Lehren würdig zu sein und nicht fortgeschickt zu werden. Doch dann entwickelte sich alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte und hätte vorstellen können …

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