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29. Inplay, Teil 2, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “Von Mondrosen und Kyoto”

Erneut sah ich mich um. Wo waren die anderen? Eine Frau trat bald darauf auf uns zu, war uns offenbar zugeteilt oder hatte sich uns selbst zugewiesen. Sie informierte uns im Groben darüber, wo wir uns befanden, dass die anderen gerade in einem Nebenraum erwachten, und dann führte sie uns in einen wunderschönen Garten, dessen Schönheit ich vom Eingangsbereich aus betrachtete, um ihn nicht zu zerstören.

Eine Weile genoss ich die Ruhe und den Frieden dieses Ortes, beides sehr kostbare Eindrücke, sehr seltene vor allem. Dann jedoch teilte die Frau uns mit, dass eine weitere Person an dem Ort, an dem sie uns alle gefunden und mit sich in diesen Tempel genommen hatten, gewesen war, dass auch sie sich vor Ort befand, und dass sie Informationen für uns habe. Sie führte uns zu ihr – und das war das Ende meines Eindrucks von Ruhe und Frieden.

Eine wunderschöne junge Frau mit langen, jedoch zusammen gesteckten Haaren, rot wie heiße Flammen, erwartete uns. Ihre Kleidung erzählte die Geschichte von Besitz, ihr Verhalten das einer verzogenen Göre des Adels. Und doch zog sie die Blicke aller unweigerlich auf sich, erst durch ihr Äußeres, dann durch ihre Stimme, Singsang in den Ohren, allerdings wohlklingend. Schenkte der Tod einem Gelassenheit, so war bei ihr noch viel weniger als je bei mir angekommen, dass dem so war. Sie wirkte völlig überdreht, verhielt sich zwar freundlich und aufgeschlossen, doch für meinen Geschmack viel zu distanzlos. Sie machte keinen Hehl daraus, den körperlichen Freuden des Lebens längst nicht abgeschworen zu haben, was mich nicht gestört hätte, wenn sie bei ihren offenbar wenig zielgerichteten Andeutungen nicht auch den Blick auf Melissa gerichtet hätte. Zwar reagierte Melissa darauf nicht weiter, doch in mir tobte das altbekannte Laster, und hätte diese Bella Calvina Condessa und noch etliches mehr an Namen oder Titeln, so genau konnte ich das nicht voneinander unterscheiden, nicht Informationen über Adonais Verbleib gehabt, hätte ich ihr diese Avancen an Ort und Stelle ausgetrieben. So jedoch hörte ich so beherrscht wie möglich zu, als sie davon berichtete, Adonai sei entführt worden, sei ausgetauscht worden gegen ein Buch.

Das Buch hatte Shukaris bekommen, Adonai hingegen sei von einer Frau fortgebracht worden. Aus welchen Gründen auch immer – ich vermutete Neugier – hatte diese Bella später die Reiseroute der Frau verfolgt, indem sie sich im Geiste irgendwie mit dem Kutscher verbunden hatte. Sie konnte uns zu Adonai führen, zumindest die Route angeben, der wir zu folgen hatten, und so passte ich nur einen günstigen Moment ab, um ihr mit dem freundlichsten Lächeln, das ich aufbringen konnte verstehen zu geben, dass ich sie vernichten würde, würde sie je Hand an meine Gemahlin legen. Sie nahm es gelassen auf und in der Tat kam sie Melissa bei unserer nachfolgenden Reise quer durch China bis nach Japan nicht einmal zu nahe. Ich hoffte für Bella wie für mich, dass sie meine Worte nicht vergaß, denn es wäre schlecht für mich gewesen, da es unsere Chancen, Adonai zu finden, empfindlich und erheblich gestört hätte. Und es wäre schlecht für Bella gewesen, da ich meine Drohung durchaus wörtlich gemeint hatte.

Ein ganzes Jahr verstrich, das wir einmal mehr auf Reisen verbrachten. Ein Teil meiner inneren Ruhe kehrte zurück, nachdem ich mich an Bellas Anwesenheit gewöhnt hatte, allerdings nur, bis Melissa bereit war, mir die Details ihrer Zeit mit Shukaris mitzuteilen. Ich hatte sie nicht gedrängt, doch ihr oft zu verstehen gegeben, dass ich wissen wollte, was geschehen war. Und als sie es mir zeigte, verfluchte ich einmal mehr meine eigene Neugierde. Einige Wochen lang fiel es mir schwer, an Melissas Seite zu bleiben, ihr den gewohnten Halt zu bieten, ob sie seines bedurfte oder nicht. So viele unterschiedliche Emotionen löste all das in mir aus. Ich war zornig, weil er ihr das angetan hatte, war unglücklich, weil ich gesehen hatte, wie sehr Melissa bereit gewesen war, ihm sehr viel mehr zu geben. Und ich war doch tatsächlich enttäuscht, dass er auch bei diesem Unterfangen mich nicht in Erwägung gezogen hatte, war noch immer verletzt und eifersüchtig, weil die beiden etwas geteilt hatten, was ihnen nicht zugestanden hatte, so schlecht es auch für beide Seiten verlaufen sein mochte.

Und langsam begann ich auch zu verstehen, warum ältere Vampire oft so seltsam waren, sich so merkwürdig gebärdeten und komisch sprachen, kryptisches Zeug von sich gaben oder abwesend wirkten. Einmal mehr stellte ich fest, dass diese Reise in dieser Hinsicht keine besonders gute Idee von mir gewesen war, denn obwohl wir Indien längst verlassen hatten, hielt der Aufenthalt im Osten mich noch immer in meinen Erinnerungen gefangen. Sie verschwammen immer wieder, vermischten sich und wurden nie ein Ganzes. Das Erleben Melissas brachte mich einmal mehr auf die Lichtung zu den Zigeunern, erinnerte mich erstmals nach langem wieder an das, was ich empfunden hatte bei dem, was geschah, bevor Shukaris damals die anderen aus der Stadt geholt hatte, um mich als Geisel auszulösen. Das erinnerte mich wieder an ein Feuerwerk, und dieses wiederum brachte die Erinnerungen an Paris zurück, an meine damalige Beziehung zu Melissa, die so fern der jetzigen gewesen war, wie ich es mir kaum noch vorstellen konnte, wäre ich nicht sicher gewesen, dass es sich um eine echte Erinnerung handelte. Ich erinnerte mich an das Froschwesen, dem wir durch die Straßen von Paris gefolgt waren, das Wesen ebenso verdunkelt wie Jean-Baptiste, der uns einmal mehr damals beinahe in Schwierigkeiten gebracht hatte durch seinen unachtsamen Umgang mit seinem Äußeren. Ich sah Tobias mit seinen riesigen Schwingen durch die Stadt rennen und im nächsten Augenblick sah ich ihn von einem Baum auf mich hinunter stürzen, um mich vor Wolflingen zu schützen, im wieder nächsten hörte ich das Krachen im Geiste, als er gegen den Turm des Nekromanten schlug und an ihm herunter glitt wie ein nasser Lappen. Ich sah ihn durch die Tore von Mediasch eilen, blind vor Zorn, und ich sah die Villa Nova Arpads, die wir ausräucherten. Dann war es Constantine, der vor Viktor stand und meine Bestrafung forderte dafür, dass ich wie alle anderen auch meinen Gefallen von Goratrix angenommen hatte, Constantine, der mich verriet, als er mir den Rücken zuwandte und davon ritt, Seite an Seite mit einem der Wolflinge, die mich büßen lassen wollten für die Nacht mit einem von den ihren, Constantine, der ernsthaft glaubte, ich sei an dem aufgewiegelten Mob und den Flammen dieses winzigen Dorfes, in dem ich schließlich Goratrix erstmals begegnet war, zu großen Teilen mit Schuld und daran beteiligt gewesen. Und dann Constantine, der Blut schwitzte vor Schmerzen, die Adonai ihm auf meinen Wunsch hin zufügte, dessen Schreie sich mit denen seiner Opfer vermischten, als er nicht mehr anders konnte, als sich seinem Tier endlich einmal zu ergeben und Constantine, seine Seele, die in meinen Körper überging, um mich zu stärken.

So viele Erinnerungen aus so langer Zeit. Diese Köpfe, die auf unseren Häuptern trugen, waren vermutlich nicht dafür gemacht, sie alle gleichermaßen abzuspeichern. Vielleicht war es wichtig, dass man einen Weg fand, sie loszuwerden und aus dem Kopf zu verbannen? Es war viel besser und sparsamer, nur die wichtigen Informationen aus all diesen Bildern abzuspeichern. Einfach nur zu behalten, dass Adonais Loyalität ihm die meine eingebracht hatte beispielsweise – oder auch, dass ich vernichten würde, wer mir schadete. Einst hatte es Ketten und Verkrüppelungen gebraucht, um mir die Vernichtung eines anderen auch nur zu ermöglichen. Bei Constantine war schon weniger nötig gewesen, und eines Tages würde ich Shukaris selbst dann vernichten können, wenn ich es dann sein sollte, die in Ketten lag. Ja, natürlich war das eine maßlos übertriebene und mich überschätzende Vorstellung, aber es war eine, die mir gut tat – ebenso wie die Hunderte Arten des Schmerzes und der Demütigung, die ich mir ihm zuzufügen vorstellte, bevor es irgendwann so weit sein würde. Irgendwann.

Doch ich kam auch nicht damit zurecht, dass Melissa sich veränderte. Es schien ihr nicht schwer zu fallen, eine Verbindung zu mir aufzubauen, doch umgekehrt war es mir höchstens noch möglich, durch geistige Kontaktaufnahme auf mich aufmerksam zu machen. Sie reagierte gar nicht mehr auf die Dinge, die ich für sie erschuf, um die Reise für sie unterhaltsamer zu machen. Manches Mal schenkte sie mir ein Lächeln oder einen Kuss, wenn sie meine Bemühungen bemerkte, doch sie glaubte keine Sekunde mehr an irgendwas davon, zu keinem Zeitpunkt. Irgendwann gab ich es auf. Ihre Haut wirkte rosiger als sonst, sie sah nicht nur menschlicher aus, sondern auch gesünder, wenn man das so sagen konnte. Sie wurde noch schöner, ohne dass sie dem nachgeholfen hätte und ohne, dass man vorher überhaupt hätte sagen können, dass das noch im Rahmen des Möglichen lag. Und sie atmete regelmäßiger, tiefer, reagierte geistig wie körperlich auf vieles empfindlicher. Ich hatte das Gefühl, einen Teil von ihr verloren zu haben, auch wenn ich mich ihr nie so nahe gefühlt hatte wie seit unserer Wiedervereinigung. Aber obwohl sie sich bemühte, alles mit mir zu teilen und an meiner Seite zu sein, hatte ich ein Stück weit das Gefühl, außen vor zu sein und Beobachterin und Zeugin von etwas, das ich nicht verstand.

In den Städten, die wir durchquerten, suchte ich nach Schwangeren, fand die eine oder andere, doch ich kannte mich nicht gut genug aus in diesen Landen, dass ich einen sinnvollen Kontakt hätte aufbauen können. Mir fiel nicht einmal eine plausible Erklärung ein, mit der ich das hätte tun können, und so suchte ich sie nur mit den Augen, betrachtete und beobachtete sie, versuchte Merkmale festzumachen, die ihnen allen gemeinsam war. Und nicht lange, dann brauchte ich sie nicht mehr zu suchen, sondern sie sprangen mir förmlich von allein ins Auge, wo auch immer wir hin kamen.

Gab es nur diese eine Möglichkeit, die Shukaris genutzt hatte? Gab es nicht noch mehr Möglichkeiten? War das geheimes Wissen oder solches, das man einfach noch nicht mit mir geteilt hatte? Ich befragte Eszter, doch sie hatte nur Geschichten gehört von Ritualen, die solcherlei bedienten. Demnach gab es mehrere dieser Art, verschiedener Art und verschiedener Ausprägung, doch sie kannte keines davon. Und so begann ich zu experimentieren, wenn niemand mich beobachtete. Erst hatte ich überlegt, Viktor um Hilfe zu bitten, doch dann verwarf ich den Gedanken wieder und versuchte es auf eigene Faust. Da ich mich seit unserer Abreise aus dem Tempel des Öfteren zur Meditation zurückzog, blieben meine Experimente selbst vor Melissa verborgen, doch von Erfolg gekrönt waren sie nicht. Ich probierte vieles aus, vornehmlich an Tieren, um nicht noch vermeidbaren Ärger anzulocken, aber vielleicht lag da auch das Problem, jedenfalls machte ich lange keine Fortschritte und die wenigen, die sich einstellten, als wir das Ziel unserer Reise, Nippon, erreicht hatten, waren zu meinem Unmut nicht weiter erwähnenswert.

Unser Weg führte uns bis nach Kyoto, einer Stadt, in der Bella die Spur des Kutschers und damit die von Adonai verloren hatte. Schon vor der Stadt waren mir die überall aufgestellten Schreine aufgefallen. Auch in der Stadt war es später nicht anders, doch noch bevor ich das herausfand, hatte ich Kontakt zu einem seltsamen Geschöpf. Es war wohl ein Deva, allerdings in der ungewöhnlichen Form eines Dachses, was die Tierschreine etwas genauer erklärte. Zu meiner Verwunderung kannte er jedoch weder die Eshu noch sonstige Dinge, die ich mit einem Wesen wie ihm verband, so dass unsere Unterredung buchstäblich im Sande verlief.

Doch bei der Suche nach Orientierung trafen wir schließlich eine aus einem Tempel kommende Frau mit weiß angemaltem Gesicht und sehr viel festlicher als andere gekleidet. In der Annahme, es handele sich möglicherweise um eine Priesterin, sprachen wir sie an, doch es stellte sich heraus, dass es eine Geisha war, eine Art Unterhaltungskünstlerin, wie Viktor gelesen hatte. Nachdem Melissa ein wenig „nachgeholfen“ hatte, führte sie uns bereitwillig zum hiesigen Shogun.

Wir hofften, von ihm möglicherweise Hinweise auf Adonai und seinen Aufenthaltsort zu bekommen, doch wenn ich die Europäer in ihrem Wesen früher einmal seltsam gefunden hatte, so war das nichts im Vergleich zu dem Empfang, der uns hier bereitet wurde. Man hielt uns auf zweihundert Schritt Entfernung vom Shogun und sicherlich hundert Soldaten verhinderten, dass wir diesen Abstand, der durch eine rote Leine gekennzeichnet war, unterschritten. Wortkarg ist eine Bezeichnung, die das Schweigen und die Ablehnung des Shoguns nicht richtig trifft und ich wurde zunehmend wütend über dieses Gebahren. Was glaubte dieser Mensch denn eigentlich, wen er hier vor sich hatte? Zunehmend hitzig redete ich in einem Schwall auf ihn ein und versuchte schließlich, ihn mit einer Illusion zur Zusammenarbeit zu bewegen, doch da leuchteten die papiernen Flaggen hinter ihm auf, was mich offenbar enttarnte. Was auch immer das zu bedeuten hatte, jedenfalls hatten diese Menschen verstanden, dass hier etwas Übernatürliches am Werke war und schickten sich an, uns aufzuspießen oder etwas in der Art. Wir flohen, ich selbst unter redlichem Protest und unter Melissas Fittiche, aus diesem Gebäude, das sich Palast schimpfte, und als wir in die Nacht hinaus traten, waren wir so schlau wie vorher – und ich um einiges schlechter gelaunt als zuvor.

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