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29. Inplay, Teil 1, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “Von Mondrosen und Kyoto”

Das Ritual endete in einer Bewusstlosigkeit, Traum, Starre – irgendwas davon. Doch auch das war nicht wichtig, denn wichtig war, wieder zu erwachen. Und noch viel mehr, es an Melissas Seite zu tun. Sie war nackt, ihr Körper über und über von Schriftzeichen bedeckt, irgendwelchen Hieroglyphen, die ich nicht lesen konnte. Erst danach fiel mir auf, dass ich denselben Anblick bot, auch ich war zu einer Schrifttafel geworden. So wie die drei Tafeln, die Menschen, zumindest ging ich davon aus, aufgebaut hatten und auf denen sie notierten, was unsere Körper ihnen zu lesen gaben. Drei schrieben, doch viel mehr waren in diesem … Raum? In diesem Tempel.

Ich saß auf einem Thron, neben meiner Königin, und vor uns knieten Menschen und sie sangen Mantren. Sie waren anders als ich, und doch schien es eine Verbundenheit zu geben.

Jaya mater Kali, namoh namah. Namah Shivaya, Maheshwara. Hare Shiva Shankara.
Héy Shiva Sukha. Héy Kali Dukha.

Sie besangen Shiva als den Gott der Götter, als den Glücklichen, den zu Verehrenden. Doch sie bezeichneten Kali auch als ihre Mutter. Sie verbanden die beiden: Glück und Geben mit Trauer und Nehmen. Hier sangen Menschen, die wussten oder glaubten, was uns im Inneren des Berges gesagt worden war. So viele Worte weniger, und doch nicht weniger klar.

Und auch, wenn sie uns als Überbringerinnen seiner Worte ehrten und verehrten, so sangen sie doch auch für uns, vielleicht ohne eine Ahnung davon. Denn wir waren nicht nur wieder vereint, sondern auch vor der Dunklen Mutter miteinander verbunden, und durch die jüngsten Ereignisse waren wir miteinander verschmolzen wie ein Armreif. Wir selbst waren nun zum Rad der Zeit geworden – und zugleich würden wir es sein, die es anhielten.

Ich besah Melissa, besah ihren beschriebenen Körper. Und ich sah die Stelle unter ihrem Nabel, an dem sich die Schlange eingebrannt hatte. Die Schlange, deren blutige Kruste ich von ihrem Körper gekratzt hatte, so wie ich der Schlange, die dies verursacht hatte, eines Tages die Haut vom Körper kratzen würde. Und ich hatte nicht vor, damit bis zum Ende aller Tage zu warten. Die Wunde war nicht mehr, doch für meine Augen war sie noch sichtbar. Aus dem Geschwür, das sie verursacht hatte, war etwas anderes geworden. Jetzt war sie tatsächlich unsere Tochter, durch viel mehr als nur einen Wunsch legitimiert.

Mein Blick fuhr an Melissas Körper hinauf, blieb auf ihren Brüsten liegen und dann erkannte ich, was ich für einen Teil des Rituals gehalten hatte: Sie atmete. Sie schien es nicht bewusst zu tun, und doch war es kein Reflex, sondern es schien, als erfolge jeder Atemzug erst nach einem Hinweis daran, den sie selbst sich gab. Ob bewusst oder unbewusst vermochte ich nicht zu sagen, denn sie wirkte etwas angestrengt und unruhig, an Ort und Stelle verweilen zu müssen. Unwillkürlich ahmte ich ihre Atemzüge nach, zwang meine Lungenflügel dazu, sich aufzublähen und da spürte ich, dass sich noch mehr verändert hatte. Ich schloss die Augen und erinnerte mich. Nachdem das Ritual vollbracht war und bevor unsere Wege sich trennten, hatte er uns gefragt, ob unsere Körper so untrennbar miteinander verbunden bleiben sollten, wie sie es waren. Er hatte unsere Herzen gemeint, die in der Brust der jeweils anderen schlugen, und ich hatte Melissa einen fragenden Blick zugeworfen. Sie hatte mir geantwortet, indem sie es nicht getan hatte. Ihr Gesicht war so regungslos, wie es nur das ihre sein konnte, doch ihr Blick traf den meinen. Ich hatte gesehen, wie ihre Entscheidung ausgefallen war, doch ich hatte auch gesehen, dass es die meine sein würde, dass ich es sein würde, die für uns beide entscheiden würde mit dem, was ich sagte. Ich glaubte einen Anflug von Überraschung in ihren Augen zu sehen, als ich tatsächlich darum bat, unsere Herzen wieder in die Brust zu legen, hinter der sie einmal geschlagen hatten – und er hatte diese Bitte erfüllt.

Mein Herz war mein Herz, ihr Herz war das ihre, doch das änderte nichts daran, dass ihr das meine noch immer gehörte und umgekehrt mir das ihre. Im Augenblick waren sie beide ungeschützt und lagen offen, waren frei für alles, was von außen an sie heran drang. Ich wusste, dass Melissa das bald wieder ändern würde, doch im Augenblick fand ich diese Verletzlichkeit seltsam angenehm. Es war ein Gefühl von Freiheit, von Angstlosigkeit, von Zuversicht und Vertrauen. Und das inmitten so vieler anderer, so vieler Menschen, an einem unbekannten Ort. Sobald Melissa dieses Umstandes gewahr würde, würde sie sich noch unwohler fühlen, doch ich, ich fühlte mich unbeschwert dadurch, fühlte mich jung und eins mit dieser Welt, von der ich zugleich nicht weniger Teil sein konnte, als ich es war.

Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die ich mir Hunderte Male von der Safranverkäuferin hatte erzählen lassen, als ich vielleicht sechs oder sieben Jahre alt gewesen war:

Ihr Herz ist kalt von vielen Wunden,
die sie in ihrem Leben eingesteckt.
Nur Liebe hat den Hunger neu geweckt,
den Schmerz hat sie noch nicht verwunden.

Nun schlägt sie ihre Zähne in das Tier,
das ihr zu nah kam. Sie riecht das Blut
und der Geruch des Blutes tut ihr gut.

Und wie von Sinnen frönt sie ihrer Gier,
denn weil die andren sie nicht lieben lassen,
hat sie gelernt, sich selbst dafür zu hassen.

Eigentlich war es die Vorgeschichte zu einer anderen Geschichte. Die alte Frau damals hatte natürlich keine Ahnung, dass mir diese Geschichte mehr als zwei Jahrhunderte in Erinnerung bleiben würde, schon gar nicht, dass ich ein solches Alter je erreichen würde und warum. Sie hatte nicht wissen können, wie viel davon später auf mich selbst zutreffen würde. Eigentlich war es die Geschichte einer Löwin gewesen, und ironischerweise hatte sie mir gerade deshalb von der Löwin erzählt, weil sie es war, die für Kraft und Stärke stand. Also aus den Worten, die meine Eltern im Sinn gehabt hatten, als sie mich Durga genannt hatten. Und sie hatte mir die Geschichte erzählt, weil der zweite Teil von jemand anderem handelte, von jemandem, der eine Frau liebte, die teils Weib und teils Löwin war. Es war eine Liebe, die auf den ersten Blick nicht von Bestand sein konnte, weil beide zu verschieden waren, und doch war der Mann sich seiner Liebe sicher und bereit, sich ihr hinzugeben – so wie mein zweiter Name, Bhakti, Liebe und Hingabe bedeutete. Ich musste lächeln, als ich mich auch noch an Bruchstücke der weiteren Geschichte erinnerte. Nicht an allzu viel, denn ich hatte sie nicht verstanden als Kind, und so hatte ich bei diesem Teil nicht gut genug zugehört:

Löwin, ich bin keine leichte Beute
Löwin, es gibt so viel Leben das mich bitter reute
Löwin, ich bin hier
Löwin, kämpf mit mir
Löwin, ich bin dein
Löwin, lass mich ein

Löwin, du bist schöner als die Sterne
Löwin, träum mich weiter, wenn ich mich im Schlaf entferne
Löwin, sieh mich an
Löwin, du bist dran

Und dann war der Mann der Löwin zum Opfer gefallen und gestorben. Das hatte ich einst gruselig gefunden. Doch jetzt, jetzt würde ich den richtigen Moment abwarten und Melissa von dieser Geschichte erzählen. Ob sie verstand, was sie bedeutete, was darin steckte, einen Sinn dafür hatte? Ich wusste nicht, ob sie sich an das Ritual ebenso erinnerte, wie ich es tat, ob sie sich daran erinnerte, ihrem schon lang gehegten Wunsch, mich zu einem Teil ihres „Wir“ zu machen, in gewisser Weise nachgekommen zu sein. Ob sie verstand, dass sie neben allem, was sie mir sonst bedeutete, auch meine Löwin war, so wie ich umgekehrt wie eine Löwin bereit war zu kämpfen, jederzeit, wenn es um sie ging? Vielleicht sollte ich aus der Löwin eine Tigerin machen, damit sie sie besser verstehen konnte? Wo war die Tigerin eigentlich geblieben? Ich hatte sie ganz vergessen.

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