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Spaß durch den Blick über den Tellerrand

„Laaaaaaangweilig!“, heißt es manchmal von Seite einzelner Spieler, während andere in derselben Runde offenbar Spaß an dem haben, was gerade geschieht. Davon ausgehend, dass sich das auf einzelne Sessions bezieht und nicht auf die gesamte Runde, dazu ein paar Worte, der sich noch im September-Thema im Karneval der Rollenspielblogs einreiht.

Es ist kein Geheimnis, dass Geschmäcker unterschiedlich sind und ebenso wenig, dass Spielspaß von unterschiedlichen Leuten unterschiedlich erlebt wird. Ein bisschen geht das in die Richtung, zehn Leute zu befragen und elf unterschiedliche Antworten zu erhalten. Sitzen nun ein paar Leute zusammen am Tisch, sind System, Setting und ein paar Umgebungsfaktoren festgelegt, so kann es – und wird es – dennoch zu unterschiedlicher Wahrnehmung kommen. Wie gesagt: Der eine mag Logistik im Spiel, der nächste droht dabei fast einzuschlafen. Der eine mag eingebettete historische Details und damit einen Hauch von „Docutainment“, während der nächste sich denkt, bei dem Schmarrn wäre er an dem Abend lieber ins Kino gegangen. Der eine will der große Held sein, der sich durch die Anzahl der Kerben an seinem Gürtel – jede steht für einen erschlagenen Verbrecher, versteht sich – seine Portion des Spielspaßes abholt, während der nächste lieber rätseln will, Einkäufe ausspielen will, große Emotionen am Tisch sehen will und so weiter. Der eine zieht seinen Spielspaß vor allem aus strategischen Elementen, will zudem eine hohe Zufallsbeteiligung und damit am liebsten am laufenden Meter würfeln, während der andere lieber frei erzählen möchte und sich durch zu viel Würfelei in seinem Spielspaß eingeschränkt fühlt.

Muss man also vorher eine Prüfung ablegen um festzuhalten, ob die Konstellation an Spielern auch ja eine 100%-ige Spielspaß-Garantie für jeden bietet? Oder sollte man sich für solche Fälle eine Glaskugel zulegen?

Lässt sich das überhaupt erreichen, dass jeder immer auf seine Spielspaß-Kosten kommt?

Ich behaupte: Ja, das lässt sich erreichen – wenn man mal ein kleines Stück über den Tellerrand guckt.

Nehmen wir an, es sitzen vier Spieler am Tisch. Nun hat hoffentlich jeder im Verlauf der Session mal seine „fünf Minuten“, steht in einer Session mehr, in einer anderen weniger im Mittelpunkt des Geschehens. Letzteres kann schon zu Unmut führen, was im Kern dasselbe Problem ist, wie es auch bei diesem „Spielbarkeitsding“ besteht. Der Blick bei solchen Problemen ist tendenziell nach innen gerichtet, und damit meine ich keine spirituelle Eigenbeschau, sondern vielmehr eine gewisse (übermäßige) Ich-Bezogenheit.

Bei manchen Spielern habe ich den Eindruck, dass sie wenig davon mitbekommen, nicht allein mit dem SL am Tisch zu sitzen. Da zählt, wie viel Redezeit sie hatten, wie viel Spotlight sie bekamen, wie viele Monster sie erlegt haben, wie oft sie würfeln durften (oder mussten), wie oft sie angespielt wurden, wie sehr man sich an ihren Spaßquellen und Wünschen orientiert hat. Menschlich, selten aus böser Absicht heraus, aber doch irgendwie nervig – und vor allem ohne Weitblick und Vertrauen.

Im Mittel sollte man – entsprechende Runde und eventuell Absprachen vorausgesetzt – doch bei diesem Beispiel davon ausgehen, dass im Schnitt jede vierte Session einen selbst und die eigenen Wünsche etwas mehr in den Mittelpunkt rückt. Und wozu dann unzufrieden in den anderen drei sitzen?

Mögliche Wege aus dem Spielfrust?

Die eine Möglichkeit ist, dann einfach öfter mal keine Zeit, sondern schon was Besseres vorzuhaben. Auch so ein Denkfehler. Warum sollte man einem Spieler, der unzuverlässig mitspielt, soviel Raum geben, dass womöglich noch eine entscheidende Szene von ihm abhängt? Ja, ja, das wünscht der Spieler sich vielleicht – aber es ist doch absurd anzunehmen, dass sowas umgesetzt wird, wenn man nicht mal zuverlässig an der Runde teilnimmt? Und so nehmen die Dinge ihren Lauf: Der Spieler nimmt nicht regelmäßig an der Spielrunde teil (ob nun gar nicht, verspätet oder durch verfrühten Aufbruch), der Spielleiter nimmt individuell zugeschnittene Szenen zurück, der Spieler kommt noch seltener, der Spielleiter …

Die andere Möglichkeit ist, mit offenen Augen und Ohren am Tisch zu sitzen. Wenn man doch sowieso schon da sitzt, wozu dann darüber ärgern, dass man nicht exakt 25% der Redezeit des Abends bekommen oder mindestens die gewünschten 10 Male gewürfelt oder eben das Lieblings-Plotthema aufgegriffen wurde? Wenn man nämlich mal genauer hinguckt, dann würde man vielleicht erkennen, dass 1-2 der Mitspieler großen Spaß an der Session haben, die man selbst so öde findet. Und warum ihnen dann nicht den Gefallen tun und das mittragen? Ist das nicht das Reden, dass es um den gemeinsamen Spielspaß gehe? Na dann, bitte sehr, geht es doch wohl auch um den der drei anderen.

Achte doch mal darauf, wer von den Mitspielern auf welche Themen besonders anspringt, sich besonders aktiv zeigt, vielleicht sogar ein Leuchten in den Augen oder ein zufriedenes Grinsen im Gesicht hat. Guck doch mal, wann jemand besonders kreativ wird im Spiel, sich ganz konzentriert einer im Spiel aufgeworfenen Frage widmet oder aufhört, Würfeltürmchen zu bauen. Und wenn du das siehst, dann erkenne an, dass andere aus dem, was du gerade langweilig findest, ihren Spielspaß ziehen. Im Zweifelsfall, wenn man sowas echt nicht sieht/bemerkt, kann man auch was ganz Frevelhaftes tun und anstatt zu maulen mal nachfragen, was die anderen spaßig finden, um sowas herauszufinden.

Und dann sei einfach mal nicht beleidigt oder gelangweilt, sondern sei ein Mitspieler! Überlege mit, bringe bislang unbedachte Stolperfallen oder Ideen ein, ruf eine deiner Connections zwecks weiterer Infos an. Auf obiges Beispiel bezogen: Beginne selbst zu handeln, beteilige dich an der Liste der mitzunehmenden Dinge, besorge jemanden, der im Fall des Falles Reparaturen vornehmen kann oder einen Reiseführer oder etwas in der Art. Oder verschärfe sogar die gegebenen Konflikte, indem du darauf bestehst, in Ort X aber unbedingt noch Y Kisten von Z mitzunehmen, was eigentlich die Möglichkeiten der Reisegesellschaft sprengt. Und wenn alle Stricke reißen und du – was ich mir allerdings nicht vorstellen kann – mit der Nase trotz allem immer weiter in Richtung Tischplatte sinkst und deine Augen schwerer werden, dann mach dir halt selbst einen Nebenplot. Geh jagen oder tanzen oder das andere Geschlecht aufreißen … was immer sich anbietet und du gut findest. Während die anderen ihre Koffer packen, bespaßt du dich eben auf andere Art und Weise (und beschwerst dich hinterher aber bitte bloß nicht, dass du viel zuwenig mitgenommen hättest und heulst, weil jemand sein Mückenspray nicht ständig mit dir teilen will!).

Und dann kommt vielleicht dieser Tag, an dem du da sitzt und andere in deinem Gesicht sehen und an deinem Verhalten erkennen, was du bei ihnen gesehen hast. Dann hast du doppelt gewonnen: Die langweiligen Plots und Sachen sind gar nicht mehr ganz so langweilig, wenn man damit beschäftigt ist, den Spielspaß anderer zu unterstützen und sich vielleicht noch selbst in Aktion zu setzen. Und deine Schwerpunkte, worauf bezogen nun auch immer, die werden dadurch auch noch spaßiger, weil andere sich umgekehrt auf deine Wünsche einzustellen bereit sind. Das wär’s doch?

Für deinen Spielspaß sind nicht die anderen allein zuständig, sondern immer auch du selbst – und umgekehrt du (auch) für den ihren!

2 Kommentare zu “Spaß durch den Blick über den Tellerrand

  1. […] in Rollenspielen improvisierend zu dürfen (und guckt gleich mal rüber zum Larp). Das ein solcher Blick über den Tellerrand durchaus spaßfördernd sein kann, findet Clawdeen (das ist schon der dritte Artikel von ihr zu […]

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