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(Einziger) Tagebucheintrag von Aude R. (Vampire)

Per Anhalter zu fahren, ist nun echt keine Kunst. Die Kunst ist eher, den Fahrer genug um den Finger zu wickeln, dass er einen auch genau da raus lässt oder hinfährt, wo man auch hin will – und das mit möglichst wenig Aufwand auf der einen Seite und auf der anderen, ohne das Ganze überzustrapazieren, einen Unfall zu riskieren und sich dann halbwegs in Einzelteilen wieder aus dem Graben pflücken zu müssen. Aber ist ja nicht so, dass ich nicht langsam mal Übung hätte in solchen Dingen … ich meine die Kunst.

An diesem Rastding angekommen gehe ich zielstrebig rüber zu den Motel-Hütten und folge meinen Augen, meinen Ohren, und nicht zuletzt mit meinem ganz speziellen Sinn dafür zu erkennen, ob und wo in meiner Nähe Stoff konsumiert wird, aus dem Träume gemacht werden. Dauert nicht lange, bis ich die richtige Hütte gefunden habe, von innen dröhnt irgendein Reggae-Kram an meine Ohren, und ich hab kaum zu klopfen angefangen, als sich plötzlich meine Nackenhaare aufstellen.

Verwirrt drehe ich mich um und sehe einen Kerl lächelnd direkt auf mich zu kommen. Klamotten eines Pinkels, aber die hat er wohl geklaut oder sie stammen aus besseren Zeiten oder sowas, jedenfalls wirken die ziemlich abgetragen für Material und Verarbeitung, aus dem sie sind. Als er mich erreicht, lächelt er noch immer freundlich und quasselt mich zu, als würden wir uns schon Jahre kennen, meint irgendwas davon, ob ich hier auch mit Francois verabredet sei und auch zur Party wolle.
Alter, verarsch mich nicht! Ich weiß genau, was du bist und wer auch immer diese Francois sein soll – hab ich den Namen nicht schon irgendwann gehört? -, das hier ist meine Party. Die hab ich mir ausgeguckt und ich hab keine Böcke zu teilen.

Ein Auto fährt vor, darin ein ziemlich heftig mit Muskeln bepackter Schwarzer und ein Lütter in schmal, wohl nicht viel älter als ich, der fast das genaue Gegenteils des Fahrers ist. Und – leck mich am Arsch – das sind auch Vampire. Ist hier ein Nest? Hab ich was verpasst?
Langsam werde ich nervös und frage mich, ob mich jemand verarscht hat und das hier gar nicht die Party ist, von der mir erzählt wurde, sondern irgendein komisches Treffen, bei dem ich nix verloren hab und das mich nur in Schwierigkeiten bringen wird.
Die drei Typen kriegen davon wohl nichts mit und beginnen sich zu unterhalten. Mir ist nicht ganz klar, ob die sich kennen oder nicht, als die Tür nach zig Klopfversuchen meinerseits endlich geöffnet wird, ist mir das aber auch egal. Eilig schlüpfe ich ins Innere und lasse die Typen hinter mir. Meine kurzen Blicke zurück zeigen, dass sie überlegen, sich ebenfalls dazu zu gesellen, aber dann drehen sie ab und haben sich offensichtlich anders entschieden. Puh.

Ich seh mich um und finde angesichts dessen, was ich erwartet habe, eher ein enttäuschendes Bild. Schon die Mucke zeigt, dass das hier eher verklärte Weed-People sind und der im Raum hängende Rauch spricht Bände darüber, wie nah ich an der Wahrheit dran bin. Die Leute sind jünger als gedacht, aber nach einigen Momenten Beobachtung zeigt sich immerhin, dass der eine oder andere hier nicht nur Pfeifchen konsumiert. Schon gar nicht das Mädel, das aus dem ganzen Haufen heraussticht. Die ist jetzt schon völlig durch, hatte wahrscheinlich ein paar Teile mehr am Körper, als sie hier ankam und scheint vor allem die Funktion des hauptsächlichen Party-Spielzeugs zu erfüllen. Kurz überlege ich, ob es sinnvoll ist, sich der Show anzuschließen, um auf mich aufmerksam zu machen, aber da fällt mir einer ins Auge, der etwas abseits mit einigen Kumpels steht und wenig Sinn für das Geschehen zu haben scheint. Dass er zugleich so aussieht, als sei er einer derjenigen hier, die am ehesten was springen lassen können, macht mir die Entscheidung leicht.

Irgendwo schnappe ich mir so ein Alkopop-Ding, stopfe einen Strohhalm rein, weil ich ja ein so gut erzogenes Mädchen bin und schlendere zu ihm rüber. Er lässt sich leicht anquatschen und macht einen zugänglichen Eindruck, aber als er sich als Pedro vorstellt und meine ausgestreckte Hand mit einem total weichen, fast schon gummiartigen, und feuchten Händedruck erwidert, hat sich mein Interesse an ihm schon fast wieder gänzlich erschöpft. Zu spät, jetzt hab ich mit dem Spiel schon angefangen und hab auf die Schnelle auch keine Idee, wie ich mich sofort wieder verdrücken kann, also bleibe ich beim langweiligen Smalltalk und freundlichem Lächeln. Laaaangweilig!

Ist es plötzlich so windig geworden? Ich meine einen krassen Windstoß vom Eingang her wahrzunehmen und drehe mich abrupt dorthin um. Ich fass es nicht: Da steht schon wieder einer wie ich, dieser da mit Trenchcoat und breitkrempigem Hut – und mit einem Koffer in der Hand. Der passt hier sowas von gar nicht rein, und was soll der Aufzug überhaupt? Kurz bin ich mir sicher, dass der sich nur verlaufen hat oder das enthemmte Mädel da vorne irgendwie vom ihm verliehen wurde und er sie abholen will oder so, aber in seinen Koffer wird sie kaum passen. Und dann geht einer der Anwesenden freudestrahlend auf ihn zu, begrüßt ihn wie seinen ältesten Kumpel, führt den Kerl in Richtung Nebenzimmer und faselt irgendwas von Geschäften. Verdammte Hacke, jetzt weiß ich, was das für ein Koffer ist und auch, was der Typ hier zu suchen hat. Wenn der auf Einladung und mit einem ganzen Koffer lustiger Dinge hier ist, kann ich mir meine blöden zwei Blister mit Goodies sonstwo hin schieben. Scheiße!

Aber … Moment mal! Eilig nutze ich die Gelegenheit, dem Waschlappen Adieu zu sagen und folge den beiden ins Nebenzimmer, klopfe gar nicht erst an, sondern gehe einfach zielstrebig hinein, gerade im richtigen Moment, denn Mr. Hardboiled Detective hat gerade sein Köfferchen geöffnet.
Halbherzig und ein bisschen unsicher meint der andere, ich solle verschwinden, weil es hier um Geschäftliches ginge, aber das ignoriere ich lächelnd, nickend und mit einem „Ja, ich weiß …“. Neugierig werfe ich einen Blick in den Koffer und was ich da so alles sehe, macht mir den Besitzer des Koffers gleich um ein Vielfaches sympathischer. Ich erkundige mich nach seinem Sortiment und schließlich hält er ein Röhrchen mit roten Pillen in die Höhe. Ganz neues Zeug. Armageddon. Kenn ich nicht, aber wenn es halbwegs so wirkt, wie es heißt, will ich es haben!

Franco zeigt sich auf meine Nachfrage, „Das erste Mal gratis, ja?“, ausgesprochen kulant, und ohne groß zu diskutieren, schüttelt er mir eine dieser Pillen auf die Handfläche, die sofort zu meinem Mund wandert und darin verschwindet.
Von Armaggedon hab ich eine andere Vorstellung. Ich bin gut gelaunt, fühl mich wach, ein bisschen hibbelig, nachdem ein paar Minuten vergangen sind, aber all das war ich vorher eigentlich auch schon. Nicht so weltbewegend irgendwie – aber einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul und zumindest finde ich den Abend plötzlich sehr viel amüsanter und vielversprechender als in der letzten halben Stunde noch.

Kurz nachdem wir wieder in den anderen Raum zurück gegangen sind, bricht Chaos aus. Alle laufen durcheinander wie aufgeschreckte Hühner, irgendwie fällt das Wort „Razzia“ für meinen Geschmack deutlich zu oft, und die notgeile Perle von vorhin hockt mitten im Raum und flennt. Ich beeile mich, zu ihr hinzugehen, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten, zumindest so lange, bis ich ihr meine Blister erfolgreich zugesteckt habe, dann sehe ich zu, dass ich aus dem Hinterausgang nach draußen komme. Zumindest hoffe ich, dass da ein Hinterausgang ist, denn Franco ist in diese Richtung gelaufen.

Als ich nach draußen trete, sehe ich nur Gestrüpp und kurz dahinter den Anfang waldigen Gebiets. Da flitzen einige Leute in diese Richtung und die teils schmatzenden Geräusche, die zu hören sind verraten, dass es da hinten ziemlich matschig wird. Franco kann ich nicht entdecken. Mist.

Unweit des Hinterausgangs steht ein riesiger Kerl, der je ein Mädel an jedem Arm hält und sie durch die Gegend schleudert. Noch während die beschließen, dass sie von dem Spaß jetzt genug haben, weil auch ihnen das Chaos drumrum nicht verborgen bleibt, und sich vom Acker machen, grinst mich der Riese an und fragt, ob ich auch mal Karussell fahren möchte. Ich bin versucht ihn zu fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat, aber dann frage ich stattdessen lieber, ob er meinen Exfreund gesehen habe, der kurz vor mir aus der Hütte gekommen sein müsste? Nö, hat er nicht, oder doch, jedenfalls ist nichts Genaues aus ihm rauszuholen. So viel zu den Tassen im Schrank.

Etwas planlos gehe ich näher zu ihm hin. Ist ja sonst keiner da, auf abhauen hab ich keine Lust, ist auch Blödsinn, und vielleicht kann ich den noch als meinen kleinen Bruder – oder wohl vielmehr meinen großen – ausgeben, falls doch noch wer um die Ecke kommt und blöde Fragen stellt. Und umso näher ich ihm komme, desto mehr bekomme ich mit, dass der Gute auch nicht so ganz nüchtern ist. Ich ziehe die Luft ein und bin mir sicher, dass er es nicht ist. Der Geruch ist schwach, aber er ist da. Ich kann mir Schlimmeres vorstellen, als einen Muskelberg vor mir zu haben, der als wandelndes Anatomiemodell dienen könnte. Überall sind seine riesigen Muskeln von Adern überzogen. In meine gute Laune mischt sich etwas anderes … okay, dann spielen wir von mir aus ein bisschen Karussell oder was immer du willst … ich hab Hunger!

Der Typ dreht mich, hebt und wirft mich hoch und ich komme mir ein bisschen vor wie ein Jonglierball oder sowas. Was zur Hölle drückt der sich, dass der so eine Kraft hat!? Das Spiel wird mir dann aber doch bald zu doof und ich zu ungeduldig, also leg ich ihm die Arme um den Nacken und springe an ihm hoch, umklammere ihn mit meinen Beinen, ohne eine Chance zu haben, ganz um seinen massiven Körper herum zu kommen. Sollten wir nicht lieber woanders hingehen, wo es ein bisschen ruhiger ist, wo man ein bisschen mehr für sich ist, und da weiterspielen?

Ja, natürlich sollten wir das und er erzählt irgendwas von seinem Truck gleich um die Ecke oder einem Zimmer. Ich überlasse ihm die Wahl – Hauptsache, nicht allzu weit weg, und prompt setzt er sich offenbar in Richtung Truck in Bewegung. Kaum ist er losgelaufen, sehe ich über seine Schulter hinweg plötzlich Franco halb im Schatten der Hauswand stehen und bei ihm den komischen Vogel, der mich vor der Motelzimmertür angequatscht hatte. Nee, Moment, die anderen beiden, die mit dem Auto dazu kamen, sind auch dabei. Sie gucken mir hinterher und ich werfe einen giftigen Blick zurück. Lasst mich bloß in Ruhe jetzt, hab jetzt keine Zeit für Smalltalk, nicht mal für irgendwelche Störungen!

Den Riesen in seinem Truck rumzukriegen ist unglaublich simpel. Ein bisschen rumknutschen, ein bisschen mit meinem Körper an seinem entlang reiben, sich langsam abwärts bewegen, die Hose mit einer gleitenden Bewegung nach unten verschwinden lassen, den Kopf in seinen Schoß senken und … endlich trinken.

Mich von ihm zu lösen, ist nicht so einfach, wie ich dachte und tatsächlich bin ich noch einen Moment lang wie weggetreten, doch Bigfoot ist sowieso nicht mehr auf der Höhe, lässt sich zur Seite sinken, rollt sich ein wie ein Baby und schläft ein. Braver Junge.

Eigentlich will ich zusehen, dass ich die Fliege mache, trotzdem knie ich noch einen Moment auf meinen Fersen auf dem Boden und gucke ihn an. Irgendwas stimmt mit dem nicht. Der ist nicht nur unvorstellbar groß und unvorstellbar stark, der ist auch unvorstellbar lecker. Das Gefühl, wenn man als Teenie erstmals das Prickeln von Prosecco auf der Zunge spürt und sich einfach nur großartig fühlt, lebendig, beschwingt, erwachsen und kultiviert, das Gefühl, die Welt aus den Angeln heben zu können, nachdem man zum ersten Mal eine Pille geschmissen hat und danach Hunderte mehr einwirft, nur um an dieses erste Gefühl wieder ranzukommen, irgendwie so und trotzdem ganz anders schmeckt er. Dafür würde ich mich noch Tausende Male zum Arsch machen und Karussell fahren. Einen Moment überlege ich ernsthaft, noch mal ein paar Schluck nachzulegen, aber ich weiß, dass es jetzt nicht dasselbe Gefühl wäre. Außerdem bin ich viel zu satt für solchen Unsinn. Komisch. So viel habe ich doch gar nicht getrunken?

Etwas nachdenklich krabble ich aus dem Truck und schließe leise die Tür, fummle meinen kleinen Notizblock aus der Handtasche und notiere mir das Nummernschild des Trucks. Ihn zu wecken wegen seiner Telefonnummer oder sowas hat jetzt keinen Sinn, aber den einfach verschwinden zu lassen wäre dumm, also ist das Nummernschild zumindest eine Option.

Kaum habe ich mir das Kennzeichen notiert, steht schon wieder die Grinsekatze vor mir. Der Typ mit den abgetragenen guten Sachen. Er fragt, ob ich wohl eine Blutprobe von dem Kerl im Truck nehmen könnte und hält eine Spritze in die Höhe. Hat der nen Knall? Er erklärt, jemand, den er kenne, frage sich, ob der Riese, der Boxer sei, wohl wirklich clean sei, darum habe er um eine Blutprobe gebeten. Ist klar. Boxen, hm? Verarschen kann ich mich alleine – und dass der nicht clean ist, kann dir ein Blinder mit nem Krückstock verraten. Mir fallen eine ganze Reihe blöder Bemerkungen ein, als der Spritzenmaestro auf einmal ein Tütchen in die Luft hält, ziemlich gefüllt mit weißem Pulver, mit definitiv wirksamem weißen Pulver. Er meint, ich müsse natürlich nicht umsonst eine Blutprobe nehmen …

Meine Bemerkungen hab ich vergessen. Auch sonst hab ich nichts zu sagen. Wortlos schnappe ich mir die Spritze und sehe zu, dass ich wieder in den Truck komme. Okay, eine kleine Blutprobe, warum auch nicht? Mir doch egal, was er damit will, so lange er hinterher mit dem Tütchen raus rückt.

Meine Verfassung habe ich unterschätzt. Erst jetzt, wo ich versuche, eine der zahlreichen Adern möglichst unauffällig zu treffen fällt mir auf, wie wenig ich in der Lage bin, mich zu konzentrieren und vor allem eine ruhige Hand zu beweisen. Ich reiße mich echt zusammen, aber das einzige, was mir gelingt, ist den Riesen damit aufzuwecken. Als ich zum dritten Mal daneben steche, diesmal in seinen Nacken, er aufspringt wie von einer Tarantel statt Kanüle gestochen und dabei blutet wie Sau, kann ich es wohl nur meinen vorherigen Leistungen und meinem ausgesprochen charmanten Wesen verdanken, dass er nicht mich für die Tarantel hält und in die Ecke klatscht. Notdürftig verarzte ich ihn und kleb ihm sogar ein Pflaster auf, aber halten kann ich ihn danach nicht mehr. Er will zur Tanke und zum Diner, sich da mit ein paar Sachen versorgen – und mich dabei haben will er nicht, weil er ziemlich abgefuckt sei gerade, wie er meint. Dreck.

Selbst ziemlich angepisst verlasse ich kurz nach ihm den Truck und schaue nach dem Kerl mit dem Kokstütchen. Wie hieß der noch? Ach ja: Gerard. Ich sehe ihn nicht, aber er mich und – schwupps – finde ich mich an der Truckseite wieder, wo alle drei Herren beinander stehen, warum auch immer. Warum sie so einen geheimnisvollen Auftritt hinlegen und so leise sprechen, ist mir unklar, aber auf jeden Fall gilt der Deal und ich bekomme das Tütchen, auch wenn ich gerade mal eine blutverschmierte Kanüle und ein voll gesautes Taschentuch im Gegenzug bieten kann. Eilig ziehe ich den Handspiegel aus meiner Tasche, schnorre einen Zehner, rolle ihn zusammen und ziehe eine Line … doch, es gibt einen Gott, und er ist mir gerade verdammt nahe!

Der junge Typ, den sie Slevin nennen, fragt mich, wie der Riese so schmeckt und ich versuche, es in Worte zu fassen, ohne die richtigen zu finden. Ich verliere mich total in der Erinnerung an seinen Geschmack und der schier unlösbaren Aufgabe, die Konsistenz und den Geschmack dieses Blutes in Worte zu fassen, aber es will mir nicht gelingen …

… und auf einmal stehe ich wieder auf den Füßen, stehe an einer ganz anderen Stelle seitlich des Trucks und zwei Polizisten erzählen mit auf uns gerichteten Waffen irgendwas von Durchsuchung und so einem Kram. Wo kommen die denn auf einmal her?

Artig lasse ich mich abtasten und konzentriere mich darauf, meine Anziehungskraft zu sammeln, um bei den Bullen lieb Kind zu machen. Dadurch gelingt es mir dann, den Bullen zu packen und als Schild vor mich zu halten, genau in Schussrichtung seiner Kollegin.

Franco stürzt an mir vorbei und hin zur Polizistin. Schüsse fallen, treffen ihn auf diese Entfernung unweigerlich, doch das hält ihn nicht auf. Er reißt sie um wie ein Orkan und dem Getöse folgt gleich darauf eine beinahe unwirkliche Stille.

Der Polizist schwallt mich mit irgendeinem ängstlichen Gesülze zu und nervt. Ich lasse ihn los. Soll er abhauen. Fehler.

Noch bevor ich schalten kann, hat er seine Waffe gezogen und ist bereit, den Kampf fortzusetzen. Was für ein Idiot!

Geistesgegenwärtig schießt Gerard nach vorne und verpasst ihm eine ordentliche Rechte, während ich nur Sekunden später an dem Bullen entlang remple, um mich hinter ihn zu bringen und zugleich seine Schussrichtung von unsereins weg zu bringen.

Ratzfatz kehrt erneut Stille ein. Die beiden Bullen sind platt. Nicht wirklich, aber aufstehen werden die so schnell jedenfalls nicht mehr. Geschieht ihnen recht. Die haben mir den Trip total versaut, diese Penner.

Dann höre ich die Stimme des Riesen hinter mir: „Was ist denn hier los?“

Ich lasse die anderen stehen und beeile mich, zu ihm hin zu kommen, erzähle was von Stress und Chaos – und natürlich hab ich unwahrscheinlich viel Angst und bin ja sooo dankbar, dass er hier ist, um mich zu beschützen!

Eigentlich rechne ich damit, dass er sich da einmischen will und irgendwie seinerseits jetzt Stress macht, was mir nicht sonderlich gut in den Kram passt – aber er macht gar keine Anstalten zu irgendwas in diese Richtung. Tatsächlich will er einfach nur seine Ruhe und mit dem Kram nichts zu tun haben, wie er sagt. Rasch schlage ich einen Spaziergang vor und hake mich bei ihm ein. Trotz seiner Worte gerade eben bin ich überrascht, als er mehr als bereitwillig zustimmt, sich umdreht und mit mir am Arm einfach so wegschlendert. Ich drehe mich noch einmal zu den anderen um und werfe ihnen einen eindringlichen Blick zu. Ich hoffe, dass sie verstehen, dass sie nicht auch einfach gehen sollten, sondern sich irgendwie noch um das Schlamassel von eben kümmern sollten. Wenn sie es nicht verstehen … naja, dann dürfte es wohl früher oder später Ärger geben. Aber da bleiben kann ich jetzt auch nicht, kann ich Bigfoot nicht plausibel erklären ohne zu riskieren, seine Sympathie zu verlieren.

Das mit der Sympathie ist so eine Sache. Sie ist nützlich, wenn sie einem entgegen gebracht wird, verdammt nützlich sogar. Ohne meine diversen Fähigkeiten, mich bei anderen beliebt zu machen, wäre ich in der Tat ziemlich aufgeschmissen. Das mit dem Spaziergang ist im Nachhinein betrachtet aber eine ziemliche Scheißidee von mir gewesen.

Vor dem Spaziergang war Kodiak, wie er heißt, einfach groß, stark, leicht zu handlen und verdammt lecker. Während des Spaziergangs dann entpuppt sich Kodiak vielmehr als Teddy anstatt als Bär. Irgendwie ist der Typ überhaupt nicht aus der Ruhe zu bringen, total gelassen und lieb. Gekauft hatte er an der Tanke noch ein Sixpack für uns – Malzbier … ich fass es nicht.

Trucker ist er, fährt meist die Strecke zwischen Detroit und New Orleans, ist also öfter in der Gegend und auch öfter an genau dieser Raststätte. Gut, dass ich noch mit ihm plaudere, denn es stellt sich raus, dass das mit dem Nummernschild nur bedingt hilfreich gewesen wäre: Truck seiner Firma, nicht sein eigener.

Bis dahin bin ich einfach nur froh, dass er diese Teddy-Allüren hat, was es um ein Vielfaches leichter macht, sich mit ihm zu unterhalten, sich weiter interessant für ihn zu machen und vor allem, mehr über ihn herauszufinden.

Dann erzählt er mir ernsthaft auf Nachfrage, dass er kaum Sport treibe, höchstens mal joggen gehe. Und dann kommt diese Geschichte von dem verdammt großen Hirntumor – er sagt faustgroß und spricht dabei von seiner Faust, nicht von meiner -, der zwar gutartig sei, aber eben dafür gesorgt habe, dass er ein so kräftiges Kerlchen geworden sei.

Mit so Mitleidsgeschichten kann ich umgehen, da hab ich schon Tausende von gehört, eine dramatischer als die andere und keine, die mich nach den ersten Dutzend noch sonderlich beeindruckt hätte. Womit ich aber nicht so gut umgehen kann ist, dass er das alles so beiläufig erzählt, genauso beiläufig berichtet, wie kacke das eigentlich sei, Unsummen für Lebensmittel ausgeben zu müssen und ewig zu brauchen, um mal an passende Klamotten zu kommen. Das Schlimme an dieser Mitleidstour ist: Entweder ist er ein Meister darin, sich zu verstellen und zu lügen – was ich mir kaum vorstellen kann – oder diese Tour ist einfach keine.

Leute erzählen Geschichten, weil sie sich wichtig machen wollen, weil sie einen anschnorren wollen, weil sie kostenlosen Nachschub von mir oder meinen Preis drücken wollen. Das alles trifft als Motivation nicht auf ihn zu.

Schließlich ist er glatt noch so nett, mich nach Hause zu bringen und ich geb ihm meine Nummer, erwähne des Öfteren möglichst nebenbei, dass es doch nett wäre, wenn er sich melden würde, wenn er in der Nähe ist, wenn er dann mal vorbei käme, man sich mal treffe, man mal die Einsamkeit so allein hinten im Truck etwas aufpeppe oder was auch immer.

Bevor ich einschlafe, frage ich mich noch, ob er sich wohl jemals melden wird oder ich ihn nie wiedersehe. Wäre schade, nie wieder von ihm zu trinken, wirklich schade. Andererseits wäre es besser, wenn er sich einfach nie mehr meldet. Ich find ihn nett, und das ist doppelt schlecht. Irgendwas wollen die anderen von ihm oder zumindest die, für die sie den Firlefanz an der Raststätte veranstaltet haben mit der Spritze und all dem. Und nach der Zeit im Truck mit Kodiak hab ich so einige Ideen dazu, worum es da geht. Damit hab ich nichts zu tun und es wäre wahrscheinlich besser für mich, wenn ich mich da raus halte. Außerdem ist es nicht gut, Leute nett zu finden. Das macht nur Ärger und führt zu nichts. Ich mag es nicht, Leute zu mögen.

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