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27. Inplay, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “Gegen Tzimisce kämpfen”

Für einen rettenden Moment übernahm das Tier in mir die Kontrolle und sorgte dafür, dass ich mich wie eine Wilde gegen die Wand aus Erde warf und zu graben begann. Ich stach meine Finger in das Erdreich, hakte meine Nägel hinein und riss heraus, was ich zu packen bekam. Es gab keinen Plan dabei, nicht einmal Gedanken – und das war gut so.

Die Erde gab immer nur für Augenblicke nach, dann setzte sie sich wieder zusammen, als habe sie ein Eigenleben, doch dass hier etwas Magisches am Werke war, realisierte ich nicht, während ich grub. Nur aus den Augenwinkeln erkannte ich die schemenhaften Tentakeln, die auf Viktors Befehl hin entstanden um den Kampf, den offenbar nicht nur ich allein focht, zu unterstützen. Schließlich entstand ein Loch, das groß genug war, dass ich mich hindurch zwängen konnte und wieder war es Viktor, der mir den Weg nach oben erleichterte, indem er mich mit der Hilfe seiner Kräfte nach oben hob, mir mit Tentakeln, die wie Stufen waren, den Weg ebnete.

Ich sah Shukaris, den Bastard, noch, als ich wieder Boden unter den Füßen statt um mich herum hatte, doch ich sah ihn nur mit einem seines Klüngels in einem Abgrund verschwinden und brüllte vor Wut. Doch sie waren nicht alle verschwunden: Ansinae, die ominöse Tochter Adonais, über die ich vor langer Zeit mit ihm sprach, war noch da und beeilte sich, diesem Ort zu Fuß zu entkommen. Geschützt wurden ihre Schritte durch die von fünf Tzimisce, und einer von ihnen blieb zurück, um zu verhindern, dass wir ihr nachfolgen konnten.

Es war ein riesiges Exemplar seines Clans, beinahe doppelt so groß wie ich, und er sah auch mehr als furchterregend aus, doch das hielt mich hier und jetzt nicht. Ich sprang ihn mit wenig Anlauf und mit ausgefahrenen Klauen an, um sein Gesicht, seinen Panzer, irgendwas an ihm, zu zerfetzen, doch natürlich gelang es mir nicht. Wie eine lästige Pferdebremse wischte er mich von sich und schleuderte mich mit dieser einzigen Bewegung Meter weit. Ich hörte das Brechen von Knochen, das regelrechte Platzen von Haut und nur den Bruchteil einer Sekunde später spürte ich die Schmerzen, als mein Verstand umsetzte, dass all diese Teile zu mir selbst gehörten. Doch niemals zuvor war ich entschlossener und wütender gewesen als in diesem Augenblick, also stand ich auf und heilte, so viel ich konnte, derweil meine Füße schon wieder ihren Weg fortsetzten. Und wenn es das letzte war, das ich tat: Ich würde Melissa finden. Dass es zugleich das letzte sein würde, dass sie erleben würde, da ich ihr Herz in mir trug, daran dachte ich nicht. Für Gedanken hatte ich einfach keine Zeit.

Erst wollte ich mich erneut auf den Hünen stürzen, doch alle anderen hatten sich bereits auf ihn eingestellt und kämpften. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihnen im Weg war oder, schlimmer noch, durch mein Vorgehen nicht von dem Tzimisce, sondern von den Waffen meiner Gefährten verletzt werden würde, war zu hoch. Und dann sah ich aus den Augenwinkeln die noch immer erkennbare Ansinae – und den golden leuchtenden Sarkophag, den sie geschultert trug. War Melissa da drin oder war er nur für sie bestimmt? Egal – in jedem Fall war es der Weg, den ich zu gehen hatte.

Ohne ein weiteres Wort rannte ich los, so schnell ich konnte, konzentrierte mich darauf, die Flüchtenden einzuholen oder zumindest nicht allzu weit entkommen zu lassen. Doch es dauerte nicht lange, bis der nächste der Tzimisce seinen Lauf verlangsamte und schließlich stehen blieb, um mich, das lästige Insekt, aufzuhalten. Er schien überrascht, mich durch seine bloße Anwesenheit nicht aufhalten zu können und noch viel überraschter über meinen Angriff. Dieser Dreck von einem Former hatte keine Ahnung, dass mich jemand wie er nicht durch seine bloße Existenz beeindrucken konnte, zu diesem Zeitpunkt schon mal sowieso nicht. Ich kannte seinen Clan gut, vielleicht besser als er selbst, was die Möglichkeiten ihrer Körper betraf. Ich hatte mit ziemlicher Sicherheit mehr davon berührt, im Innen wie im Außen, als seine Vorstellungskraft es auch nur zulassen würde.

Doch wie gut ich mich nun mit der Anatomie auszukennen glaubte oder nicht, so verlief es doch wie schon bei dem Hünen zuvor, nur dass mein Fall diesmal zwar weiter, jedoch nicht so tief war – und wieder stand ich auf, ohne auch nur einen Funken meiner Entschlossenheit abzulegen. Ich stand auf, die Arme ausgestreckt, die Hände erst gen Boden und dann gen Himmel gereckt, verwirrte ihn mit diesen Gesten, die ich durch anschwellendes Gemurmel in meiner Heimatsprache unterstützte, und dann hatte ich ihn. Hunderte Homunculi erhoben sich aus der Erde, um an meiner Seite zu kämpfen, um ihn zu dem zu machen, aus dem sie selbst entstanden waren: Erde, Lehm und Blut.

Der Tzimisce erstarrte, regungslos gefangen in meiner Illusion, deren Macht ich dazu nutzte, ihn anzuspringen, um durch sein Blut an Kraft zurück zu gewinnen. Doch er verbrannte meinen Mund und meine Kehle, wie es einst Svetlana getan hatte, mit seinem Blut, das wie flüssiges Feuer brannte und schmerzte. Meine Enttäuschung darüber war groß und fachte meine Wut noch weiter an. Ich griff nach dem Dolch, den ich wie immer bei mir hatte, und stieß ihn dem Vampir in die Kehle, schnitt, stach und hackte auf ihn ein, bis schließlich nur noch die Wirbelsäule seinen Kopf auf den Schultern hielt. Ich sprang an ihm hoch, umschlang mit meinen Beinen seine Hüften, griff mit beiden Händen nach seinem Kopf und begann, daran zu reißen, bis ich schließlich den Schädel in meinen Händen hielt. Ich musste mich beeilen, wieder festen Boden unter meine Füße zu bekommen, denn im selben Augenblick, in dem ich seinen Kopf von den Schultern riss, begann der Tzimisce aufzuweichen und sich in Staub zu verwandeln. Und erst, nachdem mir das gelungen war, ließ ich mit einigem Schrecken auch den brennenden Kopf fallen, der ebenfalls wie der Körper verging, zu dem er eben noch gehört hatte.

Meine Kraft verließ mich, nicht so meine Wut und meine Entschlossenheit. Ich war im Begriff, einfach weiter zu laufen, allen Risiken zu trotzen, als mich Tomáš erreichte und auf mich einzureden begann. Ich hatte keine Zeit für so einen Unsinn wie Argumente, doch irgendwas in seiner Stimme ließ mich aufhorchen. Sie klang gereizt, gestresst, aber irgendwas, das ich nicht recht greifen konnte, lag darin, das mich mit jedem Satz ein wenig mehr beruhigte und dazu brachte, seinen Worten und den daraus bestehenden Argumenten Gehör zu schenken. Wahrscheinlich hat er in dieser Nacht damit meine Existenz gerettet, denn niemals wäre ich vor Sonnenaufgang in einer sicheren Zuflucht untergekommen oder hätte rechtzeitig ein Erdloch gegraben, das als solche dienen konnte.

Obwohl mir das bereits klar war, als ich noch immer murrte, kam ich nicht umhin, diese Entscheidung und die von Tomáš gebotene Hilfe zu verfluchen. Fünf Nächte dauerte es, bis wir die Spur der Tzimisce weit genug verfolgt hatten, um uns in einem weiteren Kampf wiederzufinden. Mein erster Zorn war verraucht und sowohl Hoffnung als auch einer aufkeimenden Verzweiflung gewichen, so dass ich diesmal nicht mehr auf eigene Faust agierte, sondern den Gegner so gut wie möglich abzulenken versuchte, derweil die anderen ihre Waffen gegen ihn zum Einsatz brachten. Es war selten und merkwürdig, so sehr als Gemeinschaft zu handeln, zumindest in unserer jetzigen Konstellation, aber es trug Früchte: Der dritte Tzimisce verwandelte sich in Staub und erneut nahmen wir mit Hilfe von Bedrich, Tomáš‘ stinkendem Köter, die Fährte der übrigen auf.

Weitere Nächte vergingen, in denen wir der Spur folgten, so schnell wir konnten, doch nie hatten wir den Eindruck, unseren Gegnern näher zu kommen. Als sie dann ihre Spuren mit Hilfe des Flusses in der Nähe zu verwischen begannen, schien es keine Chance mehr zu geben, sie je einzuholen. Sie nicht einzuholen hieß, keine Ahnung zu haben, wohin Shukaris und Melissa gegangen waren, es hieß, Melissa vielleicht nie wieder zu sehen.

Diese Aussicht nahm mir alle Kraft und allen Mut, als plötzlich Sorin auftauchte. Durch seine Macht über den Wind spürte er die übrigen Feinde auf und brachte uns zu ihnen. Es hatte sich also tatsächlich ausgezahlt, einmal in diesen merkwürdigen Bahnen zu denken, die die anderen bevorzugten. Geduld und langwieriges Warten, das war nichts für mich, und doch hatte ich mich bei unserer kurzen Rast dazu entschlossen. Ich hatte Sorin sorgfältig vor den Augen anderer verborgen und ihn bewacht. Sie hatten mich mit ihm allein gelassen, mehr als einmal, und ich hatte sogar tags gewagt, nach ihm zu sehen. So viele Gelegenheiten, ihn zu vernichten, mir seine Kraft einzuverleiben. So viele Gelegenheiten, Melissas frühere Liebe vom Erdboden zu tilgen, zu Staub vergehen zu lassen und so viele Gelegenheiten, ihn dafür büßen zu lassen, mich wie auch Melissa wie Bettlerinnen vor seinen Toren stehen gelassen zu haben. Und was war der Hauptgrund, warum ich darauf verzichtet hatte? Niemand hätte mich aufhalten können, dafür wäre es viel zu einfach gewesen. Die anderen schienen meiner Wache nicht einmal mit Argwohn zu begegnen und ließen mich ohne nachzudenken mit ihm allein. Und danach … vermutlich hätten sie diesen neuen Kräften, die ich mir mit Melissas Erschaffer einverleibt hätte, höchstens noch gemeinschaftlich die Stirn bieten können. Und doch hab ich es nicht getan. Ich könnte nun sagen, dass ich damit weitreichende Ziele verfolgt habe, einen langfristigen Plan verfolgte, aber das wäre gelogen. Wäre nicht schlimm, und sollte mich mal jemand fragen, dann erzähle ich vielleicht genau diese Geschichte und verkaufe sie als meine Absicht. Die Wahrheit war allerdings, dass ich schlicht deswegen auf ihn achtete, weil er Melissas Erschaffer war. Ich konnte sie nicht nach ihrer Meinung fragen, konnte sie weder um Erlaubnis bitten noch ihr selbst die Möglichkeit geben, ihn zu vernichten. Letzteres hätte mir ohnehin absolut nicht gefallen, aber welche Option auch immer: Melissa war nicht da und Sorin das letzte bisschen Anknüpfungspunkt an sie, das ich neben einem Ring und dem eingebrannten Zeichen Liliths auf der Handfläche noch hatte.

Doch es hatte sich ausgezahlt, denn ohne seine sicherlich nicht uneigennützige Hilfe, die ganz zuletzt etwas mit mir zu tun hatte, hätten wir die letzten unserer Gegner weder aufgespürt noch wären wir zu ihnen gelangt. Ein letzter entbehrlicher Kampf, der auf uns wartete und den wir schließlich für uns entschieden. Nicht ganz allerdings, denn in der Ferne sah ich Ansinaes lächelndes Gesicht, als sie sich, noch immer mit dem Sarkophag auf dem Rücken, in einen Wald begab.

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