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26. Inplay (Teil 1), Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “Hubli”

Nur die Gegenwart und Nähe von Melissa hielt mich auf der weiteren Fahrt in der Gegenwart, in dem, was die anderen als Realität bezeichnen hätten. Wir erreichten schließlich Hubli, nicht mehr allzu fern von Quilon, endlich. Doch meine Vorfreude hielt sich in Grenzen. Das anstehende Ritual war das Wichtigste für mich, ohne jede Frage, doch vor ihm lagen derart lange Schatten, dass Vorfreude ein Gefühl war, das ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht empfinden, nicht einmal erreichen konnte.

Nach Indien zu reisen, das war eine dumme Idee gewesen. Wir hätten auf dem rituellen Platz nahe Kronstadt ebenso gut das Ritual vollziehen können. Sicher, auch dort hätten wir die eine oder andere Sicherheitsmaßnahme ergreifen müssen, hätten vorsichtig sein müssen, doch wir wären auf viel vertrauterem Terrain mit sehr vielen Möglichkeiten mehr gewesen. Und so zu denken, enttäuschte mich zutiefst, erschreckte mich. Wir waren dort, wo ich hin gewollt hatte. Sie alle waren dort, weil ich ihnen meine Heimat zeigen wollte, weil ich vor allem Melissa die Schätze, die Wahrhaftigkeit und den Zauber Indiens hatte zeigen wollen. Niemand hatte unterwegs die Reise kritisiert, nicht zur Gänze. Tomáš sagte des Öfteren etwas in diese Richtung, aber es war jedes Mal höchstens Kritik an sich selbst, Kritik an seiner Entscheidung, Teil dieser Reise zu werden. Vermutlich hatte er es sich anders vorgestellt. Und damit war er nicht allein. Während Adonai die Reise insofern mochte, dass sie in die Nähe seiner eigenen Heimat führte, vielleicht insgeheim auch aus denselben Gründen fürchtete, ihn jedoch auch die konkrete Hoffnung auf Hilfe antrieb – zumindest ging ich davon aus -, war der Rest dabei, ohne eigene Ziele zu verfolgen. Viktors Hoffnungen auf neue Handelsoptionen hatten sich bisher nicht gerade erfüllt, Reynaud hielt seine Motivationen gut verborgen, wenn es denn welche gab, Eszter ging ihren Weg beinahe stoisch und zielorientiert, derweil Melissa damit beschäftigt war, das Beste aus dieser Reise zu machen, zu der sie von vornherein keine Lust gehabt hatte.

Und ich, ich musste erkennen, dass dieses Indien nicht „mein“ Indien war. Das hier war nicht das Land, das ich verlassen hatte. Na, vielleicht war es das doch, aber es waren nicht dieselben Augen, die es betrachteten. Das war alles höchst seltsam. Ich hatte nie den Eindruck gehabt, dieses Land in irgendeiner Form zu verklären. Im Gegenteil, ich hatte als Mensch genug unter diesem Land gelitten, und das alles hatte ich nicht vergessen. Es hätte schlimmer sein können, aber es hatte ausgereicht, dass sich alles, was ich einst erlebt hatte, eingebrannt hatte wie die Zeichen, die einst die Wolflinge auf meine Haut zeichneten. Nicht viel mehr als zwanzig Jahre, geradezu ein Spott, wenn man dieses Alter aus der Sicht betrachtete, wie ich sie mittlerweile hatte, wenn man zurückblicken konnte auf Dekaden wie zuvor auf Jahre. Und dennoch waren es prägende Jahre gewesen, Jahre voller Gefühle, voller Liebe, Zuneigung, Hass, Missgunst, Neid und Wünschen. Und dieses ganze Gemälde der Emotionen war noch immer gegenwärtig, und doch passte es nicht zur Umgebung, passt nicht einmal mehr zu dem, was ich mittlerweile dachte, sah und fühlte.

Das hier war ein Land, das sich hatte überrennen lassen von Menschen, die an seltsame Dinge glaubten, der Kirche im nun fernen Transsylvanien nicht unähnlich. Es war ein Land, das einen Großteil seines Zaubers damit zusammenhängend aufgegeben hatte – und den restlichen Teil durch das, was Viktor so gerne als Fortschritt bezeichnete. Im Grunde lächerlich, denn so vieles war noch genau so, wie ich mich daran erinnerte, und Fortschritt … den konnte ich hier nicht sehen. Ich sah nur neue Dinge, die alte verdrängten, sie nicht verbesserten. Ich sah nur Verrat an den Wahrheiten, die mein Volk so lange hoch gehalten, geschützt und behütet hatte, nach dem es seine Existenz ausgerichtet hatte. Ich sah nur Verschlechterung, sah nur Bruchstücke von etwas, das ich liebte und an das ich glaubte. Obwohl ich nicht einmal da gewesen war, so lange nicht, hatte sich das Land genauso entwickelt, wie ich es getan hatte. Wo man früher duftende Blüten in den Händen hielt, blieb nur noch Staub, wo saftige Zweige eines Strauches den Weg versüßten, war nur noch knorriges Holz, zerbrechlich, stets verendend.

War das das Land, in das ich zurückkehren wollte? War das noch meine Heimat, mein Zuhause? War es noch das Land, das ich lenken wollte, das ich schützen wollte, über das ich regieren wollte?

Diese Fragen beschäftigten mich ständig und immer mehr, so dass ich kaum mitbekam, dass die anderen durch Adonai Kontakt zu einem Nosferatu geknüpft hatten. Dass ich überhaupt Notiz davon nahm lag daran, dass er sich als einer der Blutlinie Rakshasas vorstellte. Rakshasa waren keine Vampire, es wären Dämonen … die Gegenspieler Vishnus, also warum stellte er sich so vor? Eine weitere Pervertierung dessen, das man mich gelehrt hatte, und doch: Warum sollte er kein Rakshasa sein, wenn der Name meines Erzeugers Vishnu war und der meine Durga? War das eigentlich alles so kompliziert oder war es das, was ich daraus machte und ich es bewertete? Ich war verwirrt.

Die anderen sprachen mit diesem … Vampir, und er hatte wohl einiges zu berichten, derweil er zugleich viele Fragen stellte. Ich hörte nicht wirklich hin, aber es ging irgendwie um Politik und Krieg, um Bündnisse und Verluste, um die Ravnos und die Lasombra. War ja klar, dass da noch etwas nachfolgte, nachdem Reynaud durch das Kosten des Neugeborenenblutes schon etwas über das Bündnis der Rajputen und Bahmani herausgefunden hatte. Mich interessierte das alles nicht. Es goss nur Öl in ein Feuer, das ich zur Abwechslung einmal mochte, von dem ich selbst zehrte, und dass langsam zu verglimmen drohte.

Zum Glück beschlossen die anderen, von mir nicht mehr als schlicht abgenickt, dass wir uns nicht in die hiesigen Probleme einmischen würden, sondern stattdessen unseren Weg nach Quilon fortsetzen wollten.

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