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25. Inplay, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “Geschichten und Tiger”

Zu meinem Glück entdeckte ich Adonai kurz darauf innerhalb unserer kleinen Karawane, doch er hatte sich weit von uns anderen zurückgezogen und ich war nicht sicher, ob es ein Rückzug meditativer Natur war oder ihn irgendwas darüber hinaus beschäftigte. Seine auf mich distanziert und ablehnende Haltung hielt mich allerdings davon ab, ihn danach zu fragen, und als es fast soweit war, dass doch noch meine Neugierde siegte, wurden wir in einen Kampf verwickelt.

Es dauerte nicht lang, bis wir den nahenden Mob als muslimische Einwohner Lahores ausgemacht hatten, der sich zum Ziel gesetzt hatte, uns aufzuhalten. Nicht nur, dass wir offensichtlich ungläubig waren in ihren Augen, nein, wir hatten auch noch Menschen bei uns, die uns folgten, die Melissa kontrollierte, und die – so schien es – eigentlich zu den Familien und Reihen unserer Angreifer gehört hätten.

Der Kampf dauerte nicht allzu lang und mein Anteil an unserem Sieg war wie gewohnt gering, doch es tat mir gut zu sehen, dass sowohl Melissa als auch Adonai rasch an meiner Seite waren, um die mich Angreifenden in Stücke zu zerreißen.

Wir verloren einiges unserer Habe und sogar Kutschen, die durch die brennenden Fackeln unserer Gegner unbrauchbar geworden waren, ich hingegen gewann ein wenig mehr Sicherheit und Zufriedenheit zurück, nachdem beide, sowohl Adonai als auch Melissa, so unmissverständlich an meiner Seite gewesen waren.

Die folgenden Nächte waren lang und einigermaßen entbehrlich, sah man von der Möglichkeit ab, von den widerlich schmeckenden Gefangenen aus unserem letzten Kampf trinken zu können. Ich war froh, als wir mitten in der Wüste schließlich ein Dorf der nomadischen Kalbelia entdeckten. Und ich meine, dass ich tatsächlich froh war. Im Moment des Erkennens war ich nicht Durga, die Unsterbliche, keine Durga der Ravnos, nicht Durga, die Kämpfende. Ich war ein Mädchen, das ich mittlerweile seit Jahrhunderten nicht mehr war, erwartete in einer Art freudiger Ungeduld die Geschichten der Kalbelia und ihren Tanz … aber all das währte nur Sekunden. Noch während ich von dem erzählte, was ich über sie wusste, zwangen sie die Dorfbewohner unter ihren Willen.

Einer nach dem anderen vernichtete sein Gegenüber, schließlich fanden sie in ihrem eigenen Lagerfeuer ein Ende. Ich verstand nicht, warum. Erst sehr viel später, als es vorbei war und Melissa das Kind in mir mit dem Versprechen berührte, die Geschichtenerzähler der Kalbelia in sich aufgenommen und mir jeden Morgen eine Geschichte erzählen zu können, wenn ich wollte, brachte mich das wieder näher an die Realität. Die Kalbelia waren Schlangenbeschwörer, das hatte ich den anderen gesagt. Vielleicht hätte ich das besser nicht getan, denn gerade ich hätte doch wissen müssen, wie sie auf derlei Leute reagierten.

Schlangen waren etwas, das man mit den Setiten, das man mit Shukaris verband. Kein Wunder, dass sie dieses Dorf und all sein Wissen und seine Schätze kurzum vernichtet hatten. Wenigstens die Geschichten hatte ich retten können, nein, hatte Melissa für mich gerettet. Auf diese musste ich gut aufpassen in Zukunft. Geschichten waren zerbrechlich, und ich war es zu Teilen noch immer zu sehr, als dass ich die beste Wahl für den Erhalt des Wissens der Kalbelia war – auch wenn ich zugleich wohl die einzige war, für die sie Relevanz hatten.

Ich bedauerte das rigorose Vorgehen noch eine ganze Weile. Ich verstand es, vermutlich war ich selbst zu sorglos daran gegangen, und doch erinnerte es mich an eine andere Dorfauslöschung, die lang, ziemlich lang zurück lag. Und damit kamen Bruchstücke von Erinnerungen in mir auf, die ich nicht mochte. Ich erinnerte mich an Jean-Baptiste, der längst kein Teil mehr unseres Klüngels war und niemals mehr sein konnte, aber ich erinnerte mich auch, dass es ziemlich genau damals war, dass ich Shukaris zum ersten Mal begegnete. 1314, vor gut 150 Jahren, war das gewesen, eins der wenigen Daten, die ich mir gemerkt hatte und nicht vergaß, auch wenn es an sich Viktor war, der sich Daten und Zahlen einprägte, als wolle er sie für die Ewigkeit in seinem Kopf konservieren und nicht ich.

Als ich mich wieder halbwegs lösen konnte aus diesem Wust des Vergangenen, hatten wir die Wüste längst hinter uns gelassen und den Rand des Dschungels erreicht. Melissa erinnerte sich an meine Geschichten von Elefanten von Tigern und wollte unbedingt den Dschungel erkunden, um eins von beidem ausfindig zu machen. Wir waren nur Momente im Dickicht unterwegs und hatten wenig Mühe, voran zu kommen, da wir ohnehin nur die um mich herum verdorrenden Zweige brechen mussten, wenn sie einmal im Weg waren, doch plötzlich spürte ich das Eindringen mehrerer winzig kleiner Pfeile, nun ja, oder etwas in der Art. Überrascht sah ich an mir herunter und begann sie zu zählen, ebenso überrascht waren wohl auch die Ureinwohner, deren Ziel ich geworden war. Es kostete Melissa nur ein Fingerschnippen, bis diese Menschen erkannten, leibhaftige Götter vor sich zu haben und mehr als bereit waren, vor uns zu knien und auch Melissas Wunsch nach einem Tiger zu erfüllen. Sie suchten, und was sie fanden, war noch besser als das, das Melissa sich gewünscht hatte: Eine Tigerin und ihre vier Jungen, mit denen Melissa stolz zu den anderen zurückkehrte – sowohl sie selbst als auch ich auf dem Rücken des Tieres reitend.

Während Melissa noch mit Adonai, dem Tiger tatsächlich ein Begriff waren, um diese Tiere verhandelte und die Ureinwohner in unsere Herde integriert wurden, um entweder uns oder die Tiger unterwegs versorgen zu können, entglitt ich erneut in Erinnerungen. Diesmal waren es keine echten, sondern Bilder von Geschichten, die ich selbst gehört, gesammelt und gespeichert hatte. Allen voran die Geschichte von Durga selbst, die ich in Paris bereits Svetlana erzählt hatte. Die Göttin, die auf einem Tiger ritt … wir taten es gemeinsam, Melissa und ich, und wir teilten noch viel mehr miteinander in den nächsten Wochen als nur den nächtlichen Ritt gen Süden, die Tigerin stets dicht bei uns. Jede Nacht war ein Fest der Sinne, und mit jeder Nacht konnte ich weniger erwarten, Quilon endlich zu erreichen.

Es war jedoch längst nicht so weit und ich war trotz der durchaus angenehmen Reise froh, als endlich wieder einmal etwas in Sicht kam, das den Namen Stadt mehr als verdiente. Melissa erkundete die Stadt zunächst als Biene, fand jedoch einiges bei ihrer Erkundung merkwürdig, so dass sie sicherheitshalber noch Adonai hinterher sandte. Dieser hielt sich überraschend kurz in der Stadt auf, und die Überraschung war umso größer, als der sonst so beherrschte und bedachte Adonai uns regelrecht anflehte, diese Stadt keinesfalls zu betreten. Mehr war trotz mehrerer Nachfragen nicht aus ihm herauszuholen, doch er sagte tatsächlich, er habe noch nie um etwas gebeten, doch nun, nun bitte er uns, keinen Fuß in diese Stadt zu setzen. Es fiel mir schwer, seiner Bitte nachzukommen, denn natürlich machte sie mich vielmehr neugierig. Was oder wer konnte sich in dieser Stadt befinden, das ausgerechnet Adonai eine solche Angst einjagte? Doch er hatte Recht, er hatte tatsächlich nie um etwas gebeten, also reisten wir weiter, ohne die erste Stadt seit Wochen auch nur zu betreten.

Das Glück schien uns nicht allzu hold, denn die nächste Stadt war zu allem Überfluss eine Geisterstadt. Nichts und niemand war zu sehen außer Häusern, nichts zu sehen, nichts zu hören … bis zu dem Moment, als wir den sterbenden Torso eines Menschen auf uns zu kriechen sahen, der Geruch seines Blutes in unsere Nasen drängten und dieser Geruch uns schließlich doch noch tiefer hinein in die Stadt führte. Um eine Ecke herum lagen gute drei Dutzend nachlässig gestapelte Leichen. Obwohl der Anblick seltsam war und so wie die Geisterhaftigkeit der Stadt einige Fragen aufwarf, schien es keinen Grund zu geben, sich länger damit aufzuhalten. Adonai war es, der jedoch festhielt, dass sie sich in einem seltsamen Zustand befanden, nicht ganz tot, nicht lebendig … und noch bevor er seine Eindrücke spezifizieren konnte, begannen die ersten von ihnen sich zu bewegen!

Die anderen reagierten recht gelassen auf diese Umstände, Reynaud hatte sogar noch die Nerven, sich genauer mit deren Blut und seiner Herkunft zu befassen, ich hingegen beobachtete staunend, wie sich die Totgeglaubten nach und nach ungelenk regten, die Gier in ihren Augen zu sehen war, wie sie schließlich wie die Tiere, die sie scheinbar zur Gänze steuerten, übereinander her fielen und sich gegenseitig vernichteten. Und die, die es nicht taten, die vernichteten die anderen kurzerhand.

Reynaud erfuhr durch das Blut dieser Neugeborenen, dass sie allesamt Ravnos waren – oder besser: gewesen waren. Man hatte sie geschaffen, um sie als Kanonenfutter, wie Reynaud es formulierte, einzusetzen. Er sagte, es gäbe ein Bündnis von Rajputen und Bahmani gegen die im Süden vordringenden Lasombra vor, und letztere seien wohl der Grund für ein „Aufrüsten“ der Vampire. Aufrüsten … Dutzende sich selbst um dem Prinzip des Stärkeren überlassen. Und wenn sie aufrüsteten, was waren dann schon ein paar Dutzend? Wo waren die ganzen anderen Bewohner der Stadt? Was war mit anderen Dörfern, anderen Städten in der Umgebung? Und Zeugen schien man keine zurück zu lassen. Furchtbar.

Ich hatte vor langer Zeit, noch bevor ich Indien verlassen hatte, von Vishnu von derlei Praktiken erfahren. Es war eine alte Vorgehensweise, die jedoch hier und da immer mal wieder neu auflebte. Und es war seltsam, dass es keine war, die im wahrsten Wortsinn ausstarb, denn sie hatte noch nie den Effekt gehabt, den man sich davon versprach. Oder anders: Zumindest gehört hatte ich davon noch nie. So viel Blut, so viel Tod und so viel Verschwendung. So viel Risiko, wenn es Menschen gab, die später ängstlich davon berichten konnten, so viel Risiko, wenn die Geschaffenen auf welche trafen wie Reynauld, der Informationen durch ihr Blut gewinnen konnte. Und was für ein Selbstmordkommando das war! Sie hatten weder Wahl, Chance noch Ahnung, all diese Neugeborenen. Sie wurden dem Zyklus entrissen, dem sie entstammten, nur um einen sehr viel kleineren Kreis der Existenz zu schließen, noch bevor sie auch nur ahnen konnten, dass es ein Kreis abseits ihres vorherigen Lebens und ihres vorherigen Glaubens war.

Ich hatte nicht gedacht, dass so etwas wahr war, dass es das wirklich gegeben hatte und noch immer gab. Und ich war dankbar, dass es mir selbst einst anders ergangen war … so dankbar, dass ich meine Gedanken und meinen Blick schließlich auf etwas ganz anderes richtete: auf Melissa. Ein wenig missmutig stand sie da, als ich auf sie zu ging, ihre Hände fasste und zur Tigerin brachte, auf die ich sie sich nicht eher setzen ließ, bevor ich ihre Kleider entfernt hatte. Wir ritten einen Umweg durch die leere Stadt hindurch und nach draußen, ließen die anderen ein wenig warten, während ich Melissas Wunsch erfüllte nach einer Menschenmenge, die ihr zujubelte und sie anbetete, während sie nackt auf einem Tiger durch die Straßen ritt. Kurz bevor wir das Stadttor und damit die anderen erreichten, bat ich Melissa darum anzuhalten und stieg von der Tigerin ab. Da war noch jemand, der keine Illusion war, nicht in dem Sinne, wie Melissa eine Illusion verstand, und diese eine wollte ihr ebenfalls huldigen und sie anbeten, bevor die Reise weitergehen sollte. Zugegeben, an diesem Ort mehr ihren Körper als ihren Geist, doch manches Mal – und das habe ich von Melissa gelernt – sind die Unterschiede von einem zum anderen nicht erwähnenswert.

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