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Werwolf (TS): Lyne (Solo)

Als wir im Eso-Laden waren, hab ich nicht daran gedacht, dass ich um sechs Uhr früh gar keine Zeit habe. Naja, schon, um sechs Uhr durchaus, aber eben nicht in den paar Minuten vor und nach sieben Uhr, und da ich keine Lust habe, irgendwas zu erfinden wie Darmverstopfung, nur um mich mal eben für fünf bis zehn Minuten verdrücken zu können, um mein Versprechen an Michael zu halten, hab ich im Laden angerufen und auf dem AB hinterlassen, dass es etwas später wird, kurz nach Sieben.

Wach bin ich schon viel eher und mache mich auch zeitig auf den Weg, lungere in der Nähe des Ladens rum, bis es dann Zeit ist, an nichts anderes zu denken als an Michael. Nachdem ich mit meinen Gedanken einigermaßen zufrieden bin – denn zuerst wühlt mich das wieder auf nach dem Treffen und den Neuigkeiten von Darzel gestern – beeile ich mich, zum Laden zu kommen, um mich nicht noch mehr zu verspäten. Sind im Grunde nur ein paar Schritte.

Lyne, so heißt die Besitzerin nämlich, wie ich mir zwischenzeitlich gemerkt habe, auch wenn das für mich auf dem Ladenschild eher nach einem Nachnamen aussieht, öffnet mir und wirkt nicht verärgert über meine Verspätung, also hat sie meine Nachricht abgehört, puh.

Überrascht folge ich ihr eine Treppe hinauf in die erste Etage, wo sie ihre Wohnung hat. Die Frau hat echtes Gottvertrauen, mich einfach so mit in ihre Wohnung zu nehmen, das muss man ihr lassen. Wahrscheinlich so eine Art Vorschuss, weil ich ja zum Herz ausschütten hier bin.

Ihre Wohnung verblüfft mich am frühen Morgen maßlos. Ich hatte mit viel Klimbim gerechnet, mit Räucherstäbchen und bunten Batiktüchern und all so einem Kram, wäre bei einer sehr schlichten weißen Einrichtung, die man als spartanisch bezeichnen könnte, auch nicht sonderlich überrascht gewesen. Aber was mich hier erwartet, schlägt dem Fass den Boden aus: Ich komme mir nicht vor wie bei meiner Oma, sondern mindestens wie bei meiner Uroma. Holzsofas mit stacheligem Stoffbezug in ausgeblichenem Grün, eine Schrankwand, die man bestenfalls dem Gelsenkirchener Barock zuordnen kann, wie meine Mutter sagen würde, ein Blick ins Schlafzimmer zeigt eine Daunendecke, die fast so hoch aufgeplustert wie lang ist und mit rosa Linien und hässlichen Blüten, die man heute höchstens noch auf Geschirrtücher druckt, versehen ist. Irritiert sehe ich zu Lyne herüber, die mir mittlerweile einen Platz auf dieser grottenhässlichen Couch angeboten hat und freundlich fragt, ob ich auch was frühstücken möchte. Die passt hier überhaupt nicht rein! Wie kann man denn am frühen Morgen schon so nett aussehen und so lieb gucken und dann ohne mit der Wimper zu zucken ist so einer Wohnung leben?

Ich wünsche mir Salamibrötchen und kurz darauf ist Lyne mit einem zurück, hat sich selbst ein Croissant mitgebracht und fragt noch, ob ich auch eines möchte. Ich verneine und muss fast grinsen, als sie eine Kanne Kaffee auf den Tisch stellt. Ich muss nicht erst erwähnen, dass man Kanne und Geschirr sicherlich auch im Antiquitätenladen wiederfinden kann, oder?

Da sitzen wir nun, ich mümmle an meinem Brötchen und ich weiß gar nicht so recht, wie ich anfangen soll, womit ich anfangen soll, weiß nicht mal, ob ich überhaupt mit irgendwas anfangen will. Das Gespräch entwickelt sich dann jedoch schneller, als ich denke, wenn auch auf eine Art, die ich mir anders vorgestellt hätte – auch wenn ich mir eigentlich gar nichts vorgestellt habe.

Ich erzähle Lyne von Kat, aber ich weiß nicht genau, was ich ihr sagen soll. Ich kann nicht in Worte fassen, was ich empfinde, denn genau genommen weiß ich es gar nicht mehr so wirklich, wie mir auffällt. Es ist alles erst so kurze Zeit her, aber es ist so vieles passiert in dieser Zeit, dass ich kaum glauben kann, dass Kat erst vor genau einer Woche gestorben ist. Nicht gestorben. Gestorben passt nicht. Ermordet wurde. Und das ist noch immer nicht das, was umschreibt, was ich vor mir sehe, wenn ich mich an den Zusammenstoß mit dem Van und das Folgende erinnere.

In nur einer einzigen Woche bin ich tiefer geknallt, als ich es je für möglich gehalten hätte. Es war kaum auszuhalten, es war im wahrsten Sinn des Wortes zum aus der Haut fahren. Der Schmerz, dieses ohnmächtige Gefühl, dieser Eindruck, gar nicht mehr ganz und nicht mehr ganz da zu sein, war überwältigend. Und doch sehe ich mich zugleich auf der Straße und im Dom stehen und erinnere mich an das Gefühl, das mich erfasste, als die Verbindung zu den anderen brach, als die Verbindung zum Phönix brach. Und ohne, dass ich es laut aussprechen würde, bin ich auf diesem hässlichen Sofa zum ersten Mal bereit, zumindest mir selbst gegenüber ehrlich zu sein. Die Wahrheit ist, dass das Gefühl im Dom dem auf der Straße vor dem zermatschten Auto und mit der durchschossenen Kat im Arm sehr ähnlich war. Nein, das ist noch immer nicht ganz ehrlich. Ehrlich ist: Es war schlimmer. Mehrere Rudelmitglieder und dann noch den Bezug zum Phönix zu verlieren hat eine Leere geschaffen, die noch viel schlimmer war als die Wut und die Verzweiflung, mit der ich Kats Tod begegnete. Alles zusammen war mehr, als ich vor ein paar Tagen noch glaubte ertragen zu können, aber wenn ich wählen müsste zwischen mies und mieser, dann wäre es Kats Tod, den ich eher ertragen könnte, für sich allein genommen. Das schlechte Gewissen, die vertane Zeit, all die ungesagten und ungetanen Dinge, das macht ihren Tod so unsagbar schwer für mich. Sie war Teil des Rudels. Aber es ist nicht dasselbe, wie gleich zwei daraus zugleich zu verlieren, den Kontakt zu allen zu verlieren, ein Stück von sich selbst zu verlieren und in ein Nichts gerissen zu werden, von dem man einige Wochen zuvor gar nicht wusste, dass es so etwas, so eine Verbindung, so ein Band, überhaupt gibt. Von all dem sage ich kein Wort laut. Muss ich auch nicht. Ich glaube nicht, dass Lyne das von mir erwartet, und ich kann es auch nicht. Aber auch, wenn es schmerzhafte Gedanken sind: Es tut gut, sie zuzulassen.

Doch auch durch das wenige, das ich sage, erfahre ich Lynes Reaktion darauf. Ich sehe und spüre ihr Mitgefühl, und es ist ehrlich. Kein Heucheln und auch kein Mitleid, sondern einfaches, schlichtes und ehrliches Mitgefühl, das von Herzen zu kommen scheint. Auch das tut mir gut, doch ich finde es seltsam. Diese Frau ist seltsam. Ich hab noch nie jemanden getroffen wie sie. Aber warum?

Das Geheimnis klärt sich im Grunde schneller, als mir lieb ist. Ich erfahre, dass Lyne sparsame 250 Jahre alt ist. Zuerst gehe ich davon aus, dass sie mich schlichtweg verarscht, aber ihre Geschichte klingt plausibel, klingt sehr ernsthaft – und sie sieht einfach nicht aus wie jemand, der derart gekonnt lügen kann, nicht einmal wie eine, die das auch nur wollen würde. Und nicht nur, dass sie mir erzählt, ein Vierteljahrtausend alt zu sein, sie setzt noch eins drauf und verrät mir, dass sie praktisch unsterblich sei. Warum sie mir das einfach so erzählt, wird ebenfalls schnell klar: Dadurch, dass ihre Tränke nicht bei mir wirken, wusste sie, dass ich kein Mensch bin. Aha, mit sowas kann man sich also auch noch verraten? Ihre offene Frage beantworte ich mit einem „Wuff“ und sie nickt und meint, das habe sie sich schon gedacht.

Dann erzählt sie mir, dass sie beim Roten Kreuz manchmal mitarbeitet, und auf einmal sind wir beim Chaos, das in der Innenstadt angerichtet wurde bis hin zum Dom, sind bei dieser vermaledeiten Geschichte von dem großen schwarzen bösen Wolf, der da durch die Gegend geheizt ist. Und dann sind wir auch noch bei der Geschichte vom durchgedrehten Paul, der mit irgendwelchen tollwütigen Hunden oder Wölfen Polizisten angegriffen haben soll. Die Stimmung kippt, denn ich bin auf beide Geschichten nicht gut zu sprechen, genau genommen noch viel weniger auf die von Paul als auf die von mir, denn ich kann mich noch wehren, Paul kann das nicht mehr. Einmal mehr zeigt sich das enorme Einfühlungsvermögen von Lyne, denn sie diskutiert nicht, stellt meine Version nicht in Frage. Sie nickt nur und zeigt wieder dieselbe ehrliche Bestürzung und das Mitgefühl, das ich kurz zuvor schon in ihr sehen konnte. Und dann bietet sie ihre Hilfe an, einfach so. Sie meint, wenn wir ihre Hilfe bräuchten, sie uns irgendwie helfen könne, dann sollen wir uns einfach bei ihr melden. Ich winke diesen Vorschlag eher weg, denn ich will niemanden unnötig in unseren Kram hineinziehen, das ist viel zu gefährlich. Doch Lyne erinnert nur lächelnd an ihre Unsterblichkeit, die ich schon wieder vergessen hatte, denn 250 Jahre passen einfach nicht zu dem blühenden Leben neben mir. Ich erfahre noch, dass sie auf eigene Faust gegen die Vampire der Stadt vorzugehen versucht, dass sie deren Opfern zu helfen versucht, dass sie dabei schon kurzfristig ums Leben gekommen sei, doch all das scheint sie nicht zu beeindrucken und noch weniger abzuhalten. Mich hingegen beeindruckt es umso mehr.

Sie bittet mich nach dem Frühstück plötzlich, ihr zu folgen und führt mich in einen Raum, wie ich alle anderen hier in dieser Wohnung eigentlich erwartet hatte. Eine große Liege steht darin und sonst nichts außer einigen Decken, Kissen, Kerzenleuchtern und derlei. Sie drückt mir ein Handtuch in die Hand und bittet mich, mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und auf die Liege zu legen. Sie käme sofort zurück, lasse mich aber erst mal allein in Ruhe machen. Mit diesen Worten geht sie tatsächlich aus dem Raum. Ich sehe ihr noch kurz nach und überlege, warum ich mich ausziehen sollte. Andererseits bin ich neugierig und wittere hier keine Gefahr, warm genug ist es auch, also tue ich wie gesagt und lege mich hin, als mir auffällt, dass ich noch immer das Handtuch halte. Was soll ich damit? Nach einem Moment des Nachdenkens rolle ich es zusammen und lege es mir unter den Nacken.

Als Lyne zurückkehrt, sieht sie ein kleines bisschen überrascht aus. Sie erklärt mir, dass ich mich bitte auf den Bauch legen soll, und dass das Handtuch eigentlich dazu gedacht war, dass ich nicht so nackt da liege. Ich rolle mich sofort auf den Bauch, kann das mit dem Handtuch allerdings nicht so ganz nachvollziehen. Ich bin ja nicht nackt, ich trage Unterwäsche. Hier ist ohnehin niemand und selbst wenn – im Schwimmbad lege ich mich auch auf ein Handtuch und nicht das Handtuch auf mich drauf. Aber es ist müßig, über so etwas nachzudenken, lieber beobachte ich Lyne aus den Augenwinkeln, während sie noch mit irgendwas hantiert, bis sie neben mir an der Liege steht und ich plötzlich ihre warmen Hände auf meinen Schulterblättern spüre. Warm ist schon fast untertrieben, denn die scheinen sich mit jedem Strich über meinen Rücken aufzuladen und kommen mir immer wärmer vor, bis ich schließlich davon überzeugt bin, sie könnte mich verbrennen wie ein Bügeleisen, wenn sie die Hände länger an einer Stelle liegen lassen würde.

Schwupps, massiert sie mich einfach mal so. Ich find das schräg, denn ich hab noch nie eine Massage gebraucht oder bekommen, hab noch nicht mal darüber nachgedacht, weil das nämlich ein teurer Spaß ist, der – so dachte ich bisher – sowieso nichts bringt. Aber entweder habe ich mich da vertan oder es liegt an Lyne. Eigentlich bin ich fast sicher, dass es mehr an ihr liegt. Die ersten paar Minuten finde ich nämlich ziemlich unangenehm. Nicht wirklich unangenehm im eigentlichen Sinne, aber ich weiß nicht, was da passiert, was sie da macht, warum und was das bringen soll, also kreise ich gedanklich um all diese Dinge, anstatt einfach zu genießen oder zumindest schlicht wahrzunehmen, was sie da macht. Außerdem rechne ich damit, jeden Moment irgendwo Schmerz wahrzunehmen, weil sie eine verspannte Stelle entdeckt hat, an der sie mich malträtieren kann. Zumindest das kenne ich aus dem Fernsehen und vom Hörensagen. Aber all das geschieht nicht, das kapiere ich langsam und schaffe es schließlich, einfach die Augen zu schließen und sie machen zu lassen. Und von da an fühlt sich das alles ziemlich gut an. Das sind nicht nur die Hände, ist nicht nur die Berührung, sondern es ist, was von ihren Händen ausgeht, diese Wärme, die mir durch die Poren krabbelt, und es ist das Gefühl, mal abzugeben und ein Stück weit loszulassen. Darin habe ich nun gar keine Übung und es dauert, bis sich diese letzten Punkte einstellen, doch dann genieße ich sie umso mehr.

Nach und nach werden meine Gedanken klarer, eindeutiger und vor allem weniger. Ich glaube zwischendurch, jeden Moment einzuschlafen, aber es ist nur ein Gefühl der Entspannung, das ich so nicht kenne. Anfangs erwarte ich noch jeden Moment, dass sie aufhört, doch umso länger sie mich massiert, desto weniger erwarte ich ein Ende, so seltsam das auch ist. Als sie schließlich nach bestimmt einer Dreiviertelstunde ihre Hände auf einem Fleck liegen lässt, mich jedoch nicht wie angenommen verbrennt, sondern ich eher den Eindruck habe, ihre Hände kühlten nach und nach wieder etwas ab, habe ich gar keine Lust darauf aufzustehen, auch nur die Augen zu öffnen. Dennoch blinzle ich und sehe, wie sie sich ein kleines bisschen entfernt von mir vor dem Kopfteil der Liege auf den Boden kniet und mich ansieht. Ich erwidere diesen Blick schließlich stumm und beinahe noch blinzelnd. Alles ist noch immer merkwürdig klar und zugleich genauso durcheinander.

Schließlich verwandle ich mich ohne jede Vorwarnung in meine Wolfsgestalt und springe von der Liege hinunter auf sie zu. Ich sehe noch im Sprung ihren erschreckten Blick, ihren zurück genommenen Oberkörper und ihre Bereitschaft, beiseite zu springen. Ich beeile mich, vor ihr in den Stand zu kommen und ebenso, mich flach auf den Boden zu legen, meinen Kopf auf ihren Oberschenkeln abgelegt und ihr wieder in die Augen sehend. So schnell, wie der Schreck kam, verliert er sich in ihrem Gesicht auch schon wieder und sie lächelt. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass sie sich nach unserem Gespräch und ihrer Massage überhaupt noch erschreckt hat, auf der anderen Seite verstehe ich ihre Reaktion und finde sie sogar gut. Die Flucht zurück war mehr als nur halbherzig, was von Vertrauen spricht, denn wie ich wird sie wissen, dass sie sich nicht hätte in Sicherheit bringen können, selbst wenn sie sofort einen dieser Dolche aus ihrer Kleidung gezogen hätte. Je nachdem, wie schnell sie so sein kann und was sie und ihre Utensilien so können, hätte sie das vielleicht überleben können, falls man bei einer wie ihr vom Überleben sprechen kann, aber sie hat das nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, also kein Grund für Enttäuschung. Und trotzdem eine gar nicht so schlechte Reaktion – und die Fassung verliert sie auch nicht gerade schnell, sonst hätte sie sich gar nicht wieder so schnell fangen können. Als sei nichts gewesen, greift sie nach meinem Kopf, streichelt mir über das Fell und krault mich hinter den Ohren.

Auch wenn der Vergleich vermutlich ziemlich frevelhaft ist, fühle ich mich wie eine Katze am Kamin. Das ist das erste Mal in den letzten sechs Wochen, dass ich mit jemandem zusammen bin, der nicht ist wie ich, auch nicht um drei Ecken, sondern wenn schon, dann mal mindestens um zwanzig Ecken, aber auch das erste Mal, dass es jemand ist, mit dem ich trotzdem wirklich gut reden kann und jemand, auf den ich nicht irgendwie aufpassen muss. Viel besser: Ich bin mit einer zusammen, die vielleicht sogar noch ein bisschen auf mich aufpassen kann, die zumindest erreicht, dass ich etwas teilen und abgeben kann. Ich würde ihr das auch gerne sagen, aber das kommt mir komisch vor, denn ich kenne sie ja kaum und ich bin somit nicht die einzige, die gerade einen ziemlichen Vertrauensvorschuss genießt. Ich würde sie auch gern umarmen oder mich in den Arm nehmen lassen, mich einfach anlehnen, aber das geht noch viel weniger. Hab ich eigentlich auch schon genug getan, im übertragenen Sinn. Trotzdem – mogeln kann ich, also hebe ich meinen Kopf und rolle mich auf den Rücken, wie ich es bei unserer ersten Begegnung schon gemacht habe. Lyne lacht und versteht, krault mir den Bauch und einen längeren Moment lang genieße ich ihre Berührung erneut, bevor ich beschließe, ihre Gutmütigkeit nicht über Gebühr zu strapazieren. Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte zurück und nehme wieder meine menschliche Gestalt an, ziehe mich rasch wieder an und setze mich dann im Schneidersitz ihr gegenüber, diesmal in angemessenem Abstand, so etwa einen halben Meter habe ich, ohne mit dem Hinterkopf gegen die Liege zu knallen.

Etwas linkisch bedanke ich mich bei ihr und dann schweigen wir kurz, bevor wir wieder auf recht ernste Themen zu sprechen kommen. Lyne dachte, dass die Wölfe, die sie auf der anderen Seite gesehen hatte, dass also wir, dass ich … dass wir diejenigen sind, die seit einer Woche durch Köln wüten. Als ich ihr sage, dass wir gar nicht in der Stadt waren, nickt sie und belässt es dabei. Ich kann nicht anders, sondern muss sie fragen, wieso sie mich eingeladen hat, wieso das Frühstück, warum die Massage, wenn sie ernsthaft glaubt, dass wir und damit auch ich solcherlei Dinge tun würden. Ihre Antwort zeigt deutlich, dass sie wenig von Vorurteilen hält, was ihr weitere Sympathiepunkte bei mir einbringt, die sie gar nicht mehr sammeln müsste. Allerdings lüge ich sie nicht an und sage ihr, dass es sein kann, dass schlimme Dinge passieren, dass es dabei aber nicht um Absicht ginge, aber dass das mit dem Temperament schon mal so eine Sache sein könnte. Sie nickt wieder und scheint das zu akzeptieren. Sie hält keinen Vortrag über Disziplin oder sonst etwas in dieser Richtung, sondern ihr Nicken drückt einmal mehr Verständnis aus. Außerdem gibt sie mir zu verstehen, dass sie im Zweifelsfall eben versucht hätte, mich zu töten, wenn ich tatsächlich eine von denen sei, die derzeit Köln bedrohen. Ich finde es mutig, dass sie mir so was sagt. Meinen Respekt hat sie dafür jedenfalls.

Dann jedoch kommen wir auf ein Thema, das mir nicht wirklich gefällt. Ich frage sie, warum sie in Köln ist, warum schon seit so langer Zeit, vor allem, nachdem sie erzählt hat, dass sie andere kennt, die so ähnlich sind wie sie, die aber alle in anderen Ländern leben. Sie sagt, dass sie nun einmal aus Köln komme, dass sie es richtiger findet, hier allein für ein bisschen mehr Licht zu sorgen, als den einfacheren, aber auch egoistischen Weg zu gehen, mit anderen zusammen zu sein und zusammen zu agieren. Sie räumt ein, dass das möglicherweise etwas effektiver sein könnte, doch sie fragt, wer sich dann um die Menschen in Köln kümmern sollte, wenn sie den einfacheren Weg nähme. Ich brauche einen Moment, um ihren Standpunkt nachzuvollziehen. Die Einzelkämpfernummer kenne ich zu gut, als dass ich sie nicht verstehen könnte, nur dass ich mich nie bewusst dafür entschieden hatte. Die Sehnsucht nach anderen ist in der letzten Zeit aber derart gestiegen und es hat mir solch eine Ruhe gegeben, nicht mehr alleine zu sein, dass ich mir einfach nicht mehr vorstellen kann, alleine zu sein oder zu bleiben. Selbst jetzt, in Lynes Gesellschaft, die ich sehr genieße, selbst jetzt, wo ich nicht Teil eines Rudels bin – oder vielleicht gerade deswegen? -, fehlen mir die anderen. Das kann ich nicht erklären, denn das spiegelt unser Umgang untereinander nicht einmal wieder nach außen, glaube ich, wirkt alles nicht unbedingt immer harmonisch. Aber da ist einfach immer zu Hause, mehr als irgendwo und mit irgendwem sonst, erst recht mehr, als allein zu sein. Da ist es schwer zu verstehen, dass jemand alleine sein will. Andererseits bin ich auch nicht so steinalt wie sie. Vielleicht gab es da einfach schon eine ganze Menge Fränzchen, Heinze und Helmuts oder so und sie hat schlicht keine Lust mehr auf solcherlei, zugleich aber auch keine Lust mehr, überhaupt zu teilen? Schade finde ich das, denn sie hat so viel zu geben, das ist mir selbst nach der kurzen Zeit mit ihr zusammen klar. Aber letztlich muss sie das selbst wissen. Mir könnte sie auch nicht erzählen, ich sollte mal lieber alleine durch die Gegend gondeln. Sie gibt es nur allein, mich niemals allein. So ist das eben.

Aber was mir eigentlich nicht gefällt, ist ihr ganzes Gerede davon, Licht in das Leben der Menschen zu bringen. Ich meine, wenn von 100 Leuten etwa 65 Idioten sei, dann sei es zwar schade um die restlichen 35, aber das müsse man dann eben in Kauf nehmen, zumal 65 einfach mal 30 mehr sind als 35. Sie hingegen meint, und das sehr ernsthaft, wenn von den 100 Leuten nur einer ein Licht in sich trage und die Hoffnung bestünde, dass dieser Jemand das weiter trage, dann rechtfertige das die Existenz der anderen 99. Man müsste nur diesen einen erreichen können, bestärken können, dann könnte seine Kraft auf ein paar der anderen 99 übergehen. Sowas wie bei einer Lichterkette halt, wo einer eine Kerze anzündet und sich dann nach und nach der ganze Raum oder die ganzen Straßen mit brennenden Kerzen füllen, deren Ursprung bei einer einzigen Kerze ist. Sagt sie nicht als Beispiel, ist aber das, das mir dazu einfällt. Für mich ist das ziemlich naiver Unsinn und total unrealistisch, was sie da von sich gibt. Und doch ist sie diejenige, bei der ich mich gerade so unwahrscheinlich gut aufgehoben fühle, die irgendwas in mir berührt – nicht Darzel, der die andere Variante vertritt. Was sie sagt, verunsichert mich, und es trifft nach dem letzten Gespräch mit Darzel, mit den Sachen von Michael, dem ganzen Feenkram und dem Mist mit den geborenen Königen noch mehr einen Nerv bei mir, als es das sonst getan hätte.

Etwas nachdenklich stehe ich schließlich auf, um mich von Lyne zu verabschieden. Sie bringt mich nach unten zur Ladentür und wiederholt ihr Angebot, uns zu helfen, wenn wir ihre Hilfe brauchen könnten. Ich nicke und glaube nicht, dass das mal der Fall sein wird, aber ich glaube trotzdem, dass mindestens ich unheimlich gern wiederkommen möchte, und letzteres sage ich ihr auch. Sie lächelt und macht dann mit ihrer selbstverständlichen Art etwas, das ich nie getan hätte: Sie umarmt mich zum Abschied und hält mich einen kurzen Moment fest. Fühlt sich seltsam an, weder richtig noch falsch, aber ich weiß es in jedem Fall zu schätzen und macht mir den Abschied etwas schwerer, weil mir gerade weder klar ist, mit welcher Ausrede ich das nächste Mal herkommen kann und wann, noch habe ich eine genauere Idee dazu, ob ich überhaupt eine Ausrede brauche.

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