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23. Inplay, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “Der Kranich von Kabul”

Endlich zurück. Die Zeit war nicht leer, sie war gefüllt, sogar sehr reichhaltig gefüllt, aber doch war es seltsam. Ein Gefühl, als sei man in der Gegenwart und doch zugleich in der Vergangenheit und der Zukunft. Kein fester Platz, Haltlosigkeit, nur das Vertrauen in etwas, das nicht greifbar ist. Kaum wieder zurück, fiel mein Blick auf Melissa. Auch sie war nun endlich wieder da, auch sie war für eine Ewigkeit nicht greifbar für mich gewesen.

Das erste Gefühl, das in mir aufkeimte nach der Verwirrung und der Suche nach Orientierung, war Freude. Und mit der Freude erwachte die Liebe, denn jemand sagte einmal, Liebe sei ein irrationaler, selbstzerstörerischer Impuls, der sich als Freude verkleidet. Die Zerstörungskraft dieses Gefühls war offensichtlich, als ich Melissa betrachtete, denn es ging ihr nicht gut, und dass man sie mit Blut versorgte, machte es nicht besser. Erst half ich mit in dem Glauben, dass sie nach Blut hungerte, doch dann erkannte ich, dass es nicht das Blut war, nach dem sie verlangte, sondern etwas anderes. Als mir das klar wurde, war Enttäuschung das nächste Gefühl, das mich nach der Zeit der Starre erreichte. Insgeheim hatte ich darauf gehofft, die Reinigung würde auch diesen Teil vernichten, diesen Hunger in ihr auslöschen können. Vielleicht war das sogar möglich gewesen, aber ich hatte nicht danach gefragt. Und was Melissa betraf, so würde sie nicht einmal auf die Idee kommen, danach zu fragen, denn so sehr sie ihre Abhängigkeit verabscheute, weil sie ihr ein Stück ihrer Möglichkeiten nahm, so sehr liebte sie es auch, sich zu holen, was sie brauchte. Zwecklos, dagegen aufzubegehren.

Und so sorgte ich dafür, dass zwei Männer aus der Herde, die in unserer Abwesenheit um die Reisegruppe herum versammelt worden waren, zu uns gebracht wurden, sorgte dafür, dass alle anderen den Raum verließen. Ich ließ sie vor der Tür stehen, ließ sie zurück mit der sich rasch entwickelnden Geräuschkulisse aus Lust, Schmerz und Vergehen, sperrte die anderen von all dem aus, derweil ich selbst versuchte, meine Eifersucht mit genau dieser Kulisse und der Nähe zu Melissa zu bändigen. Wie eine Puppenspielerin dirigierte ich die Männer zu ihr, half ihr, einen Anfang zu finden, so wie man nach dem Beginn eines Wollknäuels sucht, gab ihr dann nach und nach immer mehr Fäden in die Hand, auch meine eigenen.

Ein Jahr konnte unvorstellbar lang sein, und so lagen die Männer längst mitsamt allem, was ihre Körper bargen, quer durch den Raum verteilt, als auch Melissa die Trennung von mir, von uns, wieder bewusster wurde. Ich hatte den anderen gesagt, dass wir später reden würden, dass sie uns später über alles Wissenswerte in Kenntnis setzen sollten. Ich hatte es nicht vergessen, doch später, das war ein dehnbarer Begriff. In der nächsten Nacht wäre es noch immer später. Es gab Wichtigeres als was auch immer wir in einem Jahr versäumt haben konnten. So kurz aus der Starre zurück, wollte ich jetzt erst einmal gleich wieder die Orientierung verlieren, nur auf andere Art und Weise als im vergangenen Jahr.

Was ich dann in der nächsten Nacht von den anderen erfuhr, machte mich wieder ein Stück wacher, holte mich noch mehr zurück in die alltägliche Existenz, denn Freude, Liebe, Eifersucht, Lust und Schmerz folgten Ratlosigkeit, Unsicherheit und Wut.

Ich blieb gelassen bei den Schilderungen von einer Tzimisce, von Frauen an einem von Schnee bedeckten Berg, von Aufenthalten in Städten und Dörfern. Dann erzählten sie von dem Sandsturm, von den Männern in den Umhängen, die jemanden hinter sich her zogen, von der Setitin, die offenbar um diesen Verlust trauerte. Kurz ging mir durch den Kopf, das Opfer der Inconnu sei womöglich Shukaris gewesen, doch diesen Einfall verwarf ich sogleich wieder. Die anderen hätten ihn erkannt, außerdem hatten sie gesagt, die Setitin, die ebenfalls nie jemand von uns gesehen hatte, habe um ihn geweint. Und wer würde schon um Shukaris trauern? Die Erinnerung, dass ich selbst das getan hatte, ließ ich dabei weitgehend nicht in mein Bewusstsein dringen. Vielleicht Goratrix? Ihn hatten die Inconnu schon in Frankreich eingewickelt, um sein Eingreifen bei den Geschehnissen damals zu verhindern. Doch auch das war Unsinn, denn auch hier hätten die anderen ihn erkennen müssen. Und in diesem Fall hätte wohl keine Jüngerin des Seth geweint, sondern vielmehr Reynaud. Das wäre sicherlich auch einmal interessant zu sehen, doch hier offenbar nicht der Fall gewesen.

Aber warum dieser Kampf, diese Schlacht, warum in der Wüste? Warum tauchten die Inconnu in Frankreich auf und viel später in einer Wüste, die ausgerechnet wir durchquerten, wo dann auch noch jemand auf uns ausgerechnet wegen einer Prophezeiung wartete? Hatte man die Inconnu wieder bezahlt, oder hatten sie aus eigenem Antrieb gehandelt? Und was war es, was sie angetrieben haben konnte? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, aber die Tatsache, dass diese geheimnisvollen Inconnu, die alles andere als zahlreich waren, nun schon mindestens drei Male an gänzlich unterschiedlichen Orten unseren Weg gekreuzt hatten, gab mir zu denken. Dass selbst fernab von Transsylvanien jemand aus noch ferneren Gefilden auf uns gewartet hatte, um uns Hinweise ausgerechnet zu Kupala zu geben, gab mir noch viel mehr zu denken. Für mich war diese Binderei mit irgendwelchen Glyphen noch immer völliger Unsinn, weshalb ich mich nie der Begeisterung Isabellas und Svetlanas angeschlossen hatte, was ihr Erlernen betraf. Doch ich hatte die Rufe der Kathedrale des Fleischs ebenso vernommen wie alle anderen und konnte mich nicht davor verschließen, dass da etwas war, mit dem es sich auseinander zu setzen galt. Ausgerechnet Sorin, Shukaris und eine Sidonie sollten es gewesen sein, die einst Kupala gebunden hatten, der jetzt jedoch wieder an Kraft gewann, woran die Glyphenmalerei von uns auch nicht viel geändert hatte, wie es aussah. Damit war dann das Ende der Welt, von dem die Jüngerin des Seth berichtet hatte, wohl besiegelt, denn schon zwei von den drei genannten waren unmöglich noch einmal zur selben Aufgabe zu bringen, soviel stand wohl fest. Nein, es gäbe da Bishamon, die wir am Ende der Welt suchen sollten und die das nötige Wissen hätten, Kupala weiterhin zu binden.

Ich dachte angestrengt über das Gehörte nach und fragte mich, ob es richtig war, dieses Ende der Welt überhaupt verhindern zu wollen. Man unterbrach damit den Kreis, das Rad, das sich unaufhörlich drehte, ob nun mit oder ohne uns. Und unterbrachen wir den Kreis und damit die Zeit, dann stellten wir uns auch gegen die Rückkehr Liliths, und das wäre noch viel verheerender als jedes Ende für sich genommen. Denn in der einzig wahren Prophezeiung hieß es: „Und ihr Streitwagen ist Schmerz und Schrecken. Der Kristall ist zerbrochen, die Dämonen sind frei. Der Kristall ist zerbrochen, die Dämonen sind frei. Das Wasser steigt. Das Wasser steigt. Weint, oh ihr Kinder der Unsterblichen. Denn euer Unleben wird gesprengt wie eine Nussschale von den Blitzen jeder neuen Welt. All dies hier wird vergehen (…) Seht die geborstene Kammer der 500 Jahre und den zerbrochenen Kristall auf dem Boden. Seht die weinenden Steine und die freien Drachen. Lilith ist da. Lilith ist frei.“

Andererseits … es stand auch geschrieben: „Riecht das Blut des Bruders vom Anbeginn der Zeit, lau jetzt und dünn wie Wasser. Im Wasser wird das Licht sterben! Im Wasser wird das Licht sterben! Aus dem Osten, übers Meer wird die Rache kommen und von denen, deren Blut Wasser ist! Die Städte des Westens werden vor Zorn erzittern, und ein großes Rad aus dem Osten, aus den ungestalten Landen, wird sie zermalmen. In der letzten Nacht, wenn der Mond nur ein Streifen Finsternis ist, kommt der letzte Kuss. Schwarz leuchte die Sonne! Schwarz leuchte der Mond! Die Flut kommt! Ahi hay Lilitu!“

Aus dem Osten, über den ich schon so lang nachdachte. Am Ende der Welt, am Ende der östlichen Welt, da sollte es Bishamon geben, die beim Binden Kupalas helfen konnten. Und mit diesem Wissen würden wir also vielleicht zurückkehren nach Transsylvanien. Wir kamen also aus dem Osten. Vielleicht war mit zermalmen ja das Binden gemeint. Aber unser Blut war doch nicht wie Wasser, so ein Unsinn. Also erreichten wir Bishamon vielleicht gar nicht, kehrten vielleicht nicht zurück? Vielleicht war es noch nicht an der Zeit und irgendwann würden ganz andere denselben Weg wie wir beschreiten und diese waren mit der Prophezeiung gemeint? Oder wir würden denselben Weg noch mal zurücklegen? Aber warum sollten wir das tun? Naja, was machten Inconnu mitten in der Wüste? Alles sehr kompliziert. Und die Erwähnung von Bishamon machte es nicht besser.

Alle sprachen von den Bishamon, also von vielen, zumindest von mehreren. Adonai hingegen kannte Bishamon als Gott des Krieges und der Krieger, einer der Himmelskönige, und zwar der des Nordens, der vor Dämonen schützte. Das verwirrte mich noch mehr. Denn der Gott des Nordens in meiner Heimat ist Vaisravana – und man nennt ihn auch Kubera. Er ist einer der Beschützer der Welt, die wir Lokapala nennen. Einst war er der Anführer der bösen Geister, der Dämonen, doch später wechselte er die Seiten und wurde selbst zum Gott, auch wenn seine Gestalt noch an seinen Ursprung erinnert, denn er ist zwergenhaft, hat nur acht Zähne und ein Auge, wovon er mit Juwelen ablenkt, denn er ist auch Gott des Reichtums und damit ein Kenner der irdischen Schätze. Also passt nichts zusammen und doch irgendwie eine Menge, denn das Wissen der Geomantie, das der oder die Bishamon haben sollen, entspricht dem Kennen irdischer Schätze. Auch der Bezug zum Dämonischen passt zu der Geschichte, und schließlich kann man durchaus die Nähe der Worte Kupala und Lokapala erkennen – doch ich erinnere mich nicht an eine Bedeutung für Kupala oder auch nur Ku in meiner Sprache.

Das alles rotierte in meinem Kopf, als plötzlich jemand erwähnte, wo wir überhaupt gerade waren: Kabul. Wir waren seit 51 Nächten untergebracht in dieser Stadt, offenbar gut versorgt von irgendwelchen, die waren wie wir und doch nicht. Sie hatten uns so lange untergebracht, weil sie auf Melissa und mich warten wollten, weil sie uns irgendwas lehren wollten, aber auch, weil wir irgendetwas stehlen sollten, um dafür Reisefreiheit zu erhalten. Moment, was? Etwas war von den Dieben gestohlen worden und wir sollten es zurück holen, erklärte man mir. Von den Dieben … von den Ravnos also, ja? Wer genau hatte uns hier untergebracht? Ich ahnte es fast, bevor ich die Antwort hörte: Wan Kuei. Ich war fassungslos. Fassungslos und zornig. Ich hatte die letzten sieben Wochen in einer von Wan Kuei beherrschten Stadt verbracht? Als deren Gast, in Starre, ihnen ausgeliefert? Und niemand hatte Verdacht geschöpft? Hatte mir denn nie jemand zugehört? Hatte niemand auch nur ein Wort des Zweifels oder der Vorsicht verlauten lassen? Viktor sicherlich nicht, wohl eher im Gegenteil. Aber hatten sie nicht denselben Schluss gezogen wie ich, dass es darum ging, sich in Angelegenheiten zwischen Wan Kuei und Ravnos einzumischen, dass es darum ging, eine Position auf Seiten der Wan Kuei einzunehmen? Und für was? Für Reisefreiheit durch mein Land?

In mir loderte die Wut. Am liebsten hätte ich geschrien vor Zorn, hätte Dinge zerbrochen oder Menschen oder was oder wen auch immer. Ich fühlte mich eingesperrter als im Jahr der Starre, fühlte mich unverstanden, verraten und hilflos. Hilflos, weil ich in einer Situation gefangen war, die ich so niemals zugelassen hätte, hätte ich eine Wahl gehabt. Überhaupt hier zu sein, war so falsch. Schon so lange hier zu sein, war noch viel mehr falsch. Alleine dadurch verriet ich, was man mir gesagt, mich zu lehren versucht hatte. Ich hatte versagt. Ich konnte den anderen die Schuld geben, mir nicht genug zugehört zu haben, aber ich wusste, dass das falsch war. Ich hatte einfach nicht genug gesagt, nicht genug hingewiesen, nicht genug erzählt. Und das hatte ich nicht getan, weil ich mit solchen Begegnungen nicht gerechnet hatte, weil eine solche Situation nicht einmal annähernd in meinen Gedanken vorgekommen war, weil ich einfach nicht darüber nachgedacht hatte. Ich wollte nur noch eins: Weg hier!

Meine Entschlossenheit und meine Wut waren so offensichtlich, dass niemand ein Wort gegen unsere sofortige Abreise verlor. Wir packten in aller Eile, doch wir kamen nicht weit, denn eine dieser Verfluchten versperrte uns mitsamt einem Haufen Bauern den Weg. Ihre Stöcke wandten sie bedrohlich in unsere Richtung, und dass diese Person in ihrer weißen Kleidung uns aufhalten wollte, war offenkundig. Spätestens, als sie mit versteckten Drohungen und irgendwelchen erwähnten Geisterflammen anfing, hätte ich ihr am liebsten den Hals umgedreht, auch wenn ich keine Ahnung hatte, ob das irgendeinen Effekt haben würde außer Ventil für meinen Zorn zu sein.

Dass es überhaupt noch zu einem Gespräch kam, war erstaunlich. Sinnvoll war es allerdings nicht, doch ich war zu durcheinander. Ich hatte überhaupt keine Idee, wie ich mit der Situation, wie ich mit ihr umgehen sollte. Ich hatte nie eine wie sie gesehen, geschweige denn mit einer gesprochen. Sie sprach von Erleuchtung, von der Notwendigkeit zu lernen, von den Möglichkeiten, den Verlauf der Dinge zu ändern dadurch, aber ich konnte mich nicht einlassen auf das, was sie sagte. Denn was auch immer sie sagte, es lief darauf hinaus, dass wir, dass ich, von ihnen, von ihr zu lernen hatten. Und diese Arroganz, diese Überzeugung, etwas Besseres zu sein, mehr zu wissen, mehr wert zu sein, über mehr zu verfügen, brachte mich zur Weißglut, die ich nur mit sehr viel Mühe im Zaum halten konnte. Als wenn ich ausgerechnet von denen etwas lernen müsste … und so drehte sich das Gespräch im immerwährenden Kreis, bis die Wan Kuei die Lust verlor, ging und uns ziehen ließ.

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