Hinterlasse einen Kommentar

SC: Lu Bai (KotE)

Hat lange genug gedauert, bis ich den KotE-Charakter (Kindred of the East) auf der Reihe hatte, so als Nicht-Asien-Fan, dann will ich sie zumindest jetzt mal bloggen:

Name: Lu Bai

Konzept: Pharmakologin

Attribute:

Intelligence: 3
Wits: 2
Resolve: 4

Strength: 2
Dexterity: 2
Stamina: 2

Presence: 2
Manipulation: 2
Composure: 3

Skills:

Academics: 2
Investigation: 2
Medicine (Pharmakologie/Toxikologie): 3
Science: 2

Athletics: 1
Stealth: 1
Survival: 2

Empathy (Körpersprache): 3
Intimidation: 1
Persuasion: 3
Socialize: 1
Subterfuge (Vorspiegelung falscher Tatsachen): 3

Vorzüge / Vorteile:

Ganzheitliches Bewusstsein 3
Gutes Aussehen 2
Ressourcen 2
Nushi 2
Magisches Artefakt 2
Horoskop 3

Def: 2
Health: 7
Ini: 5
Morality: 5
Size: 5
Speed: 9
Willpower: 7

Disciplines:
(Demon Art) Schwarzer Wind 1

Yin: 4
Yang: 2
Hun: 3
P’o: 3

P’o: Barbar

Richtung: Westen

Hintergrundgeschichte:Ist die eigene Person ist Ordnung, ist die Familie in Ordnung.
Ist die Familie in Ordnung, ist der Staat in Ordnung.
Ist der Staat in Ordnung, ist die Welt in Ordnung.

Geboren wurde Bai am 17.06. 1981 im Zeichen des Hahns als erstes Kind ihrer zu diesem Zeitpunkt 31 Jahre alten Mutter Dai und ihres 37 Jahre alten Vaters Kang. Dass es problematisch für ihre Eltern war, dass sie ein Mädchen war, bekam sie eine ganze Weile lang überhaupt nicht mit. Erst nach der Geburt ihres Bruders sechs Jahre später dämmerte ihr ein kleines bisschen, dass mit ihr wohl irgendwas nicht in Ordnung war. Doch es hätte schlimmer sein können. Bei den Leuten vom Land nahm der Staat ganz gerne mal Abstand von der Ein-Kind-Regelung, denn immerhin war es dort nicht so leicht wie in der Stadt. Man arbeitete härter auf dem Land, die Tage waren länger, man strapazierte seinen Körper enorm bei der Arbeit auf den Feldern. Sicherlich, in der Stadt kam es ganz darauf an, zu welcher Schicht man gehörte. Verglichen mit Beamten und derlei Leuten jedoch ging es Bais Familie nicht allzu gut. Doch die Arbeit war da, man musste sie erledigen, denn von allein erledigte sie sich nun mal nicht.

Dass es überhaupt irgendwie problematisch war, ein Mädchen zu sein, davon bekam sie erst eine Ahnung, als es Zeit wurde, sie zur Schule zu schicken. Sie nicht zur Schule zu schicken, das war keine Option, immerhin bestand mittlerweile die neunjährige Schulpflicht, doch Bai hörte abends ihre Eltern und Großeltern miteinander reden, wie das werden solle, wenn ihr Bruder zur Schule ginge. Beide Kinder den ganzen Tag hindurch weg – wer würde den Haushalt unterstützen, die Arbeit auf dem Feld oder sich um die Großeltern kümmern, sollten diese nicht mehr so rüstig und selbstständig sein bis dahin. Der Junge, der sollte möglichst sogar irgendwann die Oberstufe besuchen, vielleicht würde man sich die oder gar mal eine Privatschule leisten können, so träumte man, doch für Bai war all das nicht vorgesehen und die Schulpflicht ihrer Familie eher lästig.

Bai ließ sich davon nicht abhalten, sich in der Schule möglichst fleißig und ehrgeizig zu zeigen. Trotz der riesigen Schulklasse von fast fünfzig Schülern, die aus den umliegenden Dörfern kamen, brauchte Bai nur knapp zwei Jahre, um sich an die Spitze zu setzen. Zwar wertete ihre Familie das anerkennend, doch es bedeutete, dass Bai nun besonders gefördert wurde und nochmals drei Stunden später nach Hause kam – ohne dass sie bis dahin Hausaufgaben erledigt hatte. Nach vielen weiteren abendlichen Diskussionen, von denen die Kinder wie immer ausgeschlossen waren, war es schließlich Bais Großvater Z, der ein Machtwort sprach und sich für die Bildungschancen der Enkelin einsetzte. Niemand wagte zu widersprechen, und so durfte Bai die besondere Förderung in Anspruch nehmen. Doch da sie immer dann, wenn sie sich recht sicher war, nicht dabei erwischt zu werden, den Gesprächen der Erwachsenen lauschte, nahm sie sich vor, sich durch noch mehr Fleiß und noch mehr Ehrgeiz bei ihrer Familie für diese Möglichkeiten zu bedanken. Und so begann Bais Tag fortan um fünf Uhr morgens, um noch ein wenig Hausarbeit zu leisten, bevor sie dann ab sieben Uhr in der Schule saß, von der sie in der Regel erst gegen 19 Uhr zurückkehrte. Dann nahm sie sich stets zwei Stunden Zeit, um wiederum im Haushalt zu helfen, bevor sie sich an ihre Hausaufgaben setzte. Sie ging nicht eher schlafen, bis sie diese fertig hatte, selbst wenn es manchmal bis Mitternacht dauerte.

Der Zeitpunkt der Einschulung ihres Bruders Guangming rückte langsam näher und Bai hoffte, später dennoch die Oberstufe besuchen zu dürfen, auch wenn sie wusste, dass sich ihre Familie das schlicht nicht leisten konnte. Doch dieses Problem trat letztlich niemals auf. Kurz vor seinem sechsten Geburtstag drückte sich eine schon länger bestehende Leistenhernie bei Guangming derart stark durch, dass um eine Operation nicht herumzukommen war. Sie brachten ihn in das nächste Krankenhaus, einen düsteren Ort, schmutzig und voller unangenehmer Gerüche, doch es gab kein anderes Krankenhaus, das auch nur halbwegs erreichbar und erschwinglich gewesen wäre. Die Operation und der Krankenhausaufenthalt, die Reise dorthin und die Unterkunft dort verschlangen alles Ersparte, das Bais Eltern im Verlauf der Jahre mit Mühe und Not gespart hatten – im wahrsten Sinn des Wortes vom Mund abgespart, um notwendige Reparaturen und derlei durchführen zu können, wenn es sich nicht umgehen ließ. Nun war es jedoch der Bruder, der „repariert“ werden musste, und obwohl das alles schon jeden Yuan fraß, der aufzutreiben war, legte man Bais Eltern nahe, einen Obolus zuzugeben, um die bestmögliche Versorgung auch wirklich zu gewährleisten. Den hätten die Eltern sicher gern gegeben, doch es gab nichts mehr, was für einen solchen Obolus hätte herhalten können. Die operierende Ärztin nahm den vermeintlichen Unwillen der Eltern missmutig zur Kenntnis. Hätten diese gewusst … aber sie wussten nun mal nicht, wie wichtig ein solcher Obolus wirklich war, sonst hätten sie Bais Bruder wohl wieder mitgenommen und zu Hause versorgt, bis auch noch die Zusatzkosten hätten getragen werden können. Die Operation war deutlich komplizierter als gedacht, wie man Bais Eltern später mitteilte, so dass dieser Routineeingriff unter den gegebenen Umständen des Landkrankenhauses leider problematisch gewesen sei. Was auch immer sie Bais Eltern sagten, es erreichte sie ohnehin nicht. Sie erreichte nur dumpf die Information, dass Guangming bei der Operation verstorben sei.

Der Tod ihres Bruders veränderte Bais Leben nachdrücklich. Ein paar Wochen lang drückte sie sich leise herum, wenn sie zu Hause war, um möglichst wenig aufzufallen, denn sie hatte Angst davor, dass ihre Eltern ihre Trauer an ihr auslassen würden, auch wenn kein wirklicher Grund bestand, so etwas anzunehmen. Danach jedoch konnte Bai sich nicht mehr verstecken, denn umgekehrt suchte ihre Familie nun vielmehr ihren Kontakt. Sie wurde zu dem einzigen Kind der Familie und damit in jeder Hinsicht zur einzigen Hoffnung. Hoffnung auf mehr Geld, auf ein besseres Leben, auf eine Nachfolge in der Landwirtschaft, auf eine Altersversorgung jedoch vor allem. Und von da an wurde der Arbeitstag für jedes Familienmitglied nochmals deutlich länger, als er es ohnehin schon war, denn man war fest entschlossen, in Bais Ausbildung zu investieren. Einige Jahre später war es erneut der Großvater, der Bais Wunsch, die Oberstufe nicht an einer berufsbildenden Schule zu verbringen, sondern an einer, die auf die Hochschule vorbereitete, unterstützte. Wieder gab es keinen Widerspruch, diesmal jedoch, weil Bais Großvater seine Unterstützung und seinen Wunsch auf dem Sterbebett verkündete, von wo aus er seiner Frau folgte, die nicht einmal ein Jahr zuvor verstorben war.

Der Weg zur Oberstufe war länger, doch Bai bemühte sich, wie sie es seit jeher getan hatte, der Familie nicht das Gefühl zu geben, falsch zu ihren Gunsten entschieden zu haben. Erst nachdem sie auch die Oberstufe mit Bravour gemeistert hatte, ohne in der gesamten Schulzeit jemals Leistungseinbußen gezeigt zu haben, war sie bereit, für sich selbst einzutreten. Sie überzeugte ihre Familie davon, sie in Beijing studieren zu lassen, dort neben dem Studium selbstverständlich zu arbeiten und später ihre Familie viel besser finanziell wie auch persönlich unterstützen zu können, wenn sie durch das Studium und das zeitweilige Leben in der Stadt ein gutes Einkommen erhielte. Und so führte Bais Weg 1993 nach Beijing.

Seit dem Tod ihres Bruders plante Bai im Stillen, einmal Medizin zu studieren. Als es nun jedoch soweit war und ihr nach Bestehen der Aufnahmetests die ganze Palette der Universität offen stand, konnte sie sich nicht dazu durchringen, diesen Weg zu gehen und wählte stattdessen das Studium der Pharmazie am Peking University Health Science Center. Zunächst als eine Art Kompromiss gedacht, fachte das Studium Bais Leidenschaft jedoch mehr an, als sie zuvor gedacht hätte, und so schloss sie das Studium 2000 mit einem Masterabschluss und dem Schwerpunkt Pharmakologie und Toxikologie ab, derweil sie das ganze Studium hindurch noch als Hilfskraft im Krankenhaus gearbeitet hatte.

Nach dem Studium dauerte es keine drei Jahre, bis Bai die Leitungsposition der pharmakologischen Abteilung eines Krankenhauses inne hatte, deren Aufgaben zu 60% in der Beschaffung von Arzneimitteln und der Versorgung der angeschlossenen Kliniken und Praxen bestand, zu 40% in Zusammenarbeit mit der Universität im Bereich der Forschung. Bais Familie, von der mittlerweile nur noch die Eltern lebten, waren enttäuscht, aber nicht überrascht, dass ihre Tochter nicht aufs Land zurückkehrte, und die monatlichen Gelder, die Bai ihnen gewissenhaft und möglichst großzügig schickte, trösteten sie über die Abwesenheit hinweg.

Doch Bai war nicht einfach nur erfolgreich in der Großstadt angekommen, sondern Peking war die zweite Station, an der sich ihr Leben nachhaltig veränderte. Alles änderte sich in Beijing.


Anfangs hatte ihr die Großstadt vor allem Angst gemacht. Sie glaubte, nicht bestehen zu können in diesem Gewusel von Menschen. Ein Test, eine Prüfung, davor fürchtete sie sich nicht, doch das alltägliche Leben, das bereitete ihr einige Sorgen. Sie ging damit um, indem sie sich auf das konzentrierte, das sie am besten konnte: Leistung erbringen.

Den Alltag Pekings zu bewältigen, fiel ihr letztlich leichter, als sie annahm. Tatsächlich hatte sie längst all die Kleinigkeiten zur Kenntnis genommen, sich angepasst und aufmerksam Details ihrer Umgebung in sich aufgenommen, noch bevor es ihr selbst bewusst wurde.

Mit dem Bewusstsein kam der Hass. Und er kroch wie Gift unerbittlich durch alle Zellen ihres Körpers, so wie sie unerbittlich Gift in die Zellen der Versuchstiere im Labor spritzte.

Es reichte nicht. Forschung an Tieren brachte nicht die gewünschten Ergebnisse, war bei weitem nicht effektiv genug. An Menschen war schwer heran zu kommen. Nicht unmöglich. Nicht in China und nicht, wenn man die richtigen Leute kannte, die richtigen Knöpfe drückte. Doch es waren zu wenige, an denen sie Medikamente erproben konnte. Die wenigen, die übrig blieben, die durch das System Gefallenen und Gescheiterten, für die Vivisektion nicht das Schlimmste war, das sie erleben konnten und erlebten, hatten nicht einmal die Krankheit, gegen die das jeweilige Medikament wirken sollte. Es war frustrierend. So frustrierend wie vieles andere, wie die Texte, die sie las, wie die Wahrheiten, die sie abseits der Zensur mühelos finden konnte.

Wie getrieben lief Bai in ihrer freien Zeit immer häufiger durch die Stadt, mit immer offeneren Augen entdeckte sie immer verstecktere Teile von Peking. Die bunte Stadt, zugleich grau und vom Nebel des Smogs verhangen, Lebensfreude suggerierend, Verfall bringend. Alles Fassade.

Ihr Heimatdorf beherbergte 497 Menschen, zumindest waren irgendwann einmal so viele gezählt worden. 497 Menschen – von denen 73 nachweislich an Krebs erkrankt waren. Sie las diese Zahlen in dem Artikel eines Aktivisten, der über Jahre hinweg Dörfer, die sich allein aus dem Wasser der sie umgebenden Flüsse speiste, kontrollierte. Der Verfasser des Artikels stellte fest, dass sich diese hohe Anzahl an Krebserkrankungen direkt auf das Wasser des Flusses zurückführen ließ, aus dem sie alle tranken. Giftstoffe, Krebs erregende Stoffe, die wahre Pest floss an ihnen vorbei, ohne dass jemand Bai je davon etwas gesagt hätte. Sie war schrecklich aufgeregt, als sie diesen Artikel fand, schrieb sogleich ihren Eltern davon, doch diese antworteten zwar, gingen in ihrer Antwort allerdings nicht einmal auf ihren Brief ein. Was hatte sie auch erwartet? Welche Alternativen gab es für ihre Eltern? Sie hätten alles abkochen können. Bai hatte ihnen das in ihrem Brief auch empfohlen, doch sie ahnte, dass sich ihre Eltern daran nicht halten würden. Es kostete Zeit, kostete Energie, kostete schlussendlich Geld, alles Dinge, die sie nicht hatten, selbst jetzt noch nicht. Eine Beschwerde war undenkbar. Sie war es ohnehin, doch das Land gehörte zudem dem Staat. Es zu verlieren war ein Risiko, das einem Todesurteil gleich gekommen wäre. Ihre Eltern nach Peking holen, sie in dieser Stadt versorgen, das war einfach nicht möglich. Der Preis war zu hoch, in jeder Hinsicht. So blieb ihnen nur zu hoffen, dass es die anderen traf und nicht sie selbst. Zusehen, immer wieder nur zusehen. Zusehen und schweigen, wie alle es taten. Fast alle. Nur die, an denen Bai Medikamente testen durfte, die hatten oftmals zu viel gesagt, als ihnen gut getan hatte.

Doch es gab noch ganz andere Leute, an denen Bai testen durfte. Keine, die zu viel gesagt hatten, sondern solche, die ihre Perfektion auf andere Art zu erreichen suchten. Die sich Ämter erkauft hatten, die sie nie ausfüllten, nur um damit einen Status zu erreichen, der sie immun machte gegen die Staatsgewalt, der ihnen half, noch mehr Geld zu scheffeln, um noch mehr kaufen zu können. Die Ämter besaßen, die nicht nur sie nicht ausfüllten, sondern auch andere nicht. Und so kümmerten sich viele Leute um nichts, was dazu führte, dass viele Dinge nicht nur ungesagt blieben, sondern auch ungetan. Gab es überhaupt Leute, die Prinzipien folgten, die sie vertreten konnten? Und gab es unter ihnen auch welche, die Chancen hatten, damit längerfristig durchzukommen?

Bai bezweifelte das ernsthaft, doch mit ihrem Hass bildeten sich ihre eigenen Prinzipien heraus, ihre eigene Form der Weltanschauung und ihr eigenes Bild von Richtig und Falsch. Wenn ohnehin niemand eine Chance hatte, dann waren alle nicht mehr als Ressourcen, wie sie auch die verlogenen Amtsinhaber in Form von Geld benutzten, um ihren Weg zu ebnen. Bais Ressourcen hingegen waren nicht das Geld, sondern es waren die Menschen. Vor allem die Menschen, die sich am Bahnhof tummelten, über Tage, Wochen und günstigerweise sogar viele Monate hinweg, weil sie auf Gehör der Behörde oder des Gerichts warteten. Der eine verharrte dort, um sich sinnloserweise gegen die hohen Abgaben aufzulehnen, die man den Bauern aufdrückte, eine andere blieb hartnäckig, um das Leben ihres zu Tode verurteilten Sohnes zu retten. Bai hielt sich immer öfter in der Gegend auf und sprach mit zahlreichen Leuten, auch wenn sie dabei möglichst unauffällig zu bleiben versuchte. Sie erfuhr, dass etwa neunzig Prozent der Leute, die Gehör fanden, sogar Recht bekamen, aber es waren zu viele, als dass sich je etwas Grundsätzliches geändert hätte. Wie auch, wenn die Amtsinhaber, die für eine solche Umsetzung verantwortlich gewesen wären, ihrem Posten gar nicht dienten, wie sie sollten?

Doch Bai konnte ihnen helfen. Sie konnte sie mit ein paar Decken versorgen und hatte immer ein paar Lebensmittel parat gegen den gröbsten Hunger. Und natürlich hatte sie gegen jedes Wehwechen nach kurzer Zeit die richtigen Medikamente bei sich. Niemand argwöhnte, denn es gab immer wieder Leute, die sich für einige Zeit all der Wartenden annahmen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Doch Bai wollte ihr Gewissen nicht beruhigen, auch nicht die Umstände verändern. Sie wollte Heilmittel entdecken, die ihr Ruhm und Ehre bringen würden, wollte irgendwann dem Moloch China gänzlich den Rücken kehren auf diese Weise. Natürlich konnte sie all ihre Versuchsobjekte in keiner wissenschaftlichen Arbeit anführen, doch hatte sie erst einmal gefunden, was sie suchte, so würde es ein Leichtes sein, entsprechende Versuche auf rechtmäßige Art nachzuholen oder zu fälschen. Und niemandem fiel auf, wenn der eine oder andere aus der Masse plötzlich unverhältnismäßig schwer erkrankte oder verstarb. Der Lauf der Dinge … so etwas konnte passieren.

Sie war kurz vor dem lang ersehnten Durchbruch, da war sie sich sehr sicher. Vielleicht noch sechs Wochen, vielleicht neun, aber dann wäre sie weit genug, dann würde endlich jemand geheilt. Durch ihre Hand, durch ihre Medizin allein. Doch war sie auch der lauernden Obrigkeit und ihresgleichen in der Menge rund um den Bahnhof nicht aufgefallen, so tuschelten die Wartenden dort doch schon lang über sie. Bai war zu besessen, als dass sie mitbekommen hätte, dass es längst nicht mehr so leicht war wie anfangs, Probanden zu finden. Vielleicht hätten sie sie dennoch in Ruhe gelassen und nur ihre Arbeit erschwert, indem sie ihre Kooperation mit der vermeintlich guten Seele aufgaben, doch dazu hätte Bai sich wohl ausschließlich an den Erwachsenen orientieren sollen und die Finger von den Säuglingen vor Ort lassen sollen.

Es war nicht schwer, den Sack über ihren Kopf zu stülpen und sie aus der Reichweite von ungebetenen Zeugen zu bringen. Hätte sie das Heilmittel bereits entdeckt, wäre vielleicht doch noch alles gut ausgegangen, doch so erfuhr sie eines Abends, wie schmerzhaft die Injektionen waren, mit denen sie hantierte. Sie spürte das Gift, die Erreger, Zentimeter für Zentimeter durch ihren Körper kriechen, war zu ihrem eigenen Versuchstier geworden. Und es dauerte, das wusste sie, etliche Tage. Kein Moment ohne Schmerzen, ohne sie schüttelndes Fieber, ohne Wahn. Scheinbar unendlich, bis es endlich vorbei war … nur um dann zu bemerken, dass nichts vorbei war.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: