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22. Inplay, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “In Starre”

Shiva sitzt da und träumt. So wie er immer träumt. Die ganze Welt, alles. Vom Nabel der Welt aus, dem Kailash, von dem aus ein Fluss aus Gold den Weg in meine Heimat zeigt.

Weil er dort ist, dort sitzt, bin ich. Und ich werde immer sein, auf die eine oder andere Art und Weise. Denn so ist es angelegt, so träumt er es.

Auf der Bergspitze ist es kalt, doch Shiva friert nicht, obwohl der Wilde kaum bekleidet ist. Es ist seine eigene Kälte, die von ihm geträumte, und darum wird er niemals frieren, und auch sein Weib und seine Kinder werden hier nicht frieren, dort wo andere den Tod in der Kälte finden.

Schnee. Ich hasse seine Kälte, der ich in meiner Heimat nie ausgesetzt war. Nur in diesem Land voller Wälder, voller merkwürdiger Wesen und seltsamer Ansichten, nur dort ist es je so kalt geworden. Es macht nicht wirklich etwas aus, könnte mir egal sein, denn die Anstrengungen, das Blut in angemessener Form im Körper zu verteilen ohne aufzufallen, sind viel zu minimal, als dass man auch nur von einer Anstrengung sprechen könnte.

Und im Schnee liegt die Göttin. Engelsgleich. Meine Göttin. Mein Engel. Ihr Lachen so viel bezaubernder als jede Magie, die je irgendwer weben könnte. Blumen im Schnee. Vögel. All das so viel farbenfroher, als es sie je außerhalb eines Traums geben könnte. Nur der Engel ist echt.

Der Tod in der Kälte. So viele Leiber, nicht nah genug, um sich zu wärmen. Das Geräusch pumpenden Blutes, doch verlangsamt, schwer, zähflüssig. Ich sehe die eingesogene transparente Luft, die sich an den Lippen in feinen violetten Nebel verwandelt, bevor sie in den Körpern verschwindet. Noch mehr Engel. Nein. Es gibt nur einen von ihnen, wer sind die anderen?

Ein Schrei, die Ebene aus Schnee erhebt sich in die Luft, formt sich in immer schneller werdenden Bewegung zu einer Kugel, die all die Leiber schließlich ausschüttelt. Sie verschwinden, werden zu violetten Lachen auf dem verhärteten Boden, die zähflüssig darüber kriechen, während die Kugel zur Klippe rotiert, schließlich in die Tiefe stürzt und verschwindet.

Ich sehe meine Erzeuger. Nein. Er trägt nur seinen Namen, sieht aus wie er. Vishnu gräbt sich in den Boden, in die Tiefe, bis zum Mittelpunkt der von Shiva erträumten Welt. Doch er findet nicht, wonach er sucht. Er sucht nach einem Ende, dem Ende der Säule aus Feuer, dem Ende von allem. Es gibt keine Enden, es gibt nur den Kreis. Ich weiß das, doch Vishnu weiß es nicht. Er gräbt und gräbt, durch die Dunkelheit, immer tiefer, die nach ihm ausgestreckten Hände und Klauen ebenso ignorierend wie die sich aus dem durchpflügten Erdreich bildenden Gesichter und Fratzen. Halte ein, sie wissen mehr als du! Doch es dauert lange, bis er aufgibt, denn er nimmt keinen Ratschlag an. Und so verliert er das Spiel, das er gegen Brahma antrat. Brahma hat ihn betrogen, hat ihn mit der Hilfe einer Kuh und einiger sprechender Blumen genarrt und sich so zum Herrscher über die Welt gemacht. Shiva sorgt für den Ausgleich, für die Gerechtigkeit, doch plötzlich stehe auch ich dort, greife nach den Blumen und breche ihre Stängel. Sie verdorren augenblicklich. Ich laufe zur Kuh, um sie für ihren Verrat zu zerreißen, doch etwas schleudert mich zurück, noch bevor ich sie erreiche.

Ein rascher Flug, alles fliegt an mir vorbei. Ich sehe Zimtstangen und habe den Geruch von Sandelholz und Vanille in der Nase. Eine Wiege, auf die ich zusteuere, ein Leuchten, das aus ihr empor strahlt, Freude, Glück und Liebe verspricht. Weg. Ich bin allein. Im Dunkeln. Etwas schlurft und sabbert. Einer oder viele. Ich weiß nicht, wie viele, weiß nicht, wer, weiß nicht, warum. Dann lacht der Engel wieder. Nicht so glockenrein wie zuvor, sondern es liegt Bösartigkeit in diesem Lachen. Ich folge dem Gelächter dennoch, bis ich endlich eine stickige Kammer erreiche, warm und feucht wie meine Heimat. Ein krachendes Geräusch. Knochen brechen. Blut tropft auf den Boden und jemand haucht sein Leben aus. Das Lachen des Engels klingt nun zufriedener, leiser, beinahe sehnsuchtsvoll. Und dann sehe ich sie wieder, nackt und wunderschön. Sie sieht mich herausfordernd an, zieht Wissen aus mir, das ich nicht mit ihr teilen will. Die Wiege. Ein Kind. Noch kein Jahr alt. Nicht mehr.

Schmerzen in meinen Gliedern, ein Ruck, der mich gegen die Wand schleudert und dagegen presst. Meine Rippen drohen zu brechen. Alles in mir droht zu brechen, zu zerfließen. Ich muss bezahlen, muss büßen, sagt der Engel mir, doch ich schüttle den Kopf und will nicht. Ich tue, was ich will, daran wird mich dieser Engel nicht hindern, denn irgendwas an ihm ist falsch. In dem Moment verändert sich der Engel, wird zu Stein, presst mich damit noch viel fester gegen die Wand. Gleich ist es vorbei mit mir … nein, doch nicht. Der Stein bricht. Da steht kein Engel vor mir. Der Engel ist in mir, ich spüre die Flügel seines Herzens schlagen, doch vor mir steht jemand anderes.

Ich weiß, was nun geschehen wird und mir gelingt, was mir nicht wirklich gelungen ist. Ich kann eine meiner Hände befreien, ausstrecken und auf seinen Mund legen. Ich spüre die kalte Zunge, die an meiner Handfläche entlang schlängelt, zunächst überrascht, dann amüsiert. Bevor ich den Grund dafür verstehe, hat die Zunge meine Hand umwickelt und zieht sie in den Mund hinein. Tiefer hinab, an der Kehle vorbei und an dem Ort, an dem ein Herz sitzen sollte, noch tiefer, bis zum Nabel. Doch meine Hand, mein Arm, sie reichen so weit nicht, und so werde ich von der Zunge in den Körper hinein gezogen. Schmerzen. Angst. Dunkelheit. Eingesogen und verloren. Ich durchstoße mit meinen Fäusten das Bauchfell und hämmere gegen die Bauchwand, brülle vor Zorn, vor Angst, doch niemand kann mich hören. Nur der eine, und den interessiert mein Rufen nicht. Es hat ihn noch nie interessiert. Und auch sonst fragt niemand, wo ich bin, niemand sehnt sich nach mir, niemand kommt mir nahe. Ich bin allein, bin eingesperrt, war nie so einsam. Und ich werde es bleiben, denn ich bin ewig.

Das Rad dreht sich. Es dreht sich um mich herum, ich bin Teil davon. Und doch stehe ich außen vor, denn ich drehe mich nicht mit. Ich bin machtlos. Schlimmer noch. Hilflos. Ich merke mir einen Punkt und verfolge seinen Weg als Teil des Rades, hinauf bis zum Höhepunkt und wieder abwärts bis zu einem Tiefpunkt. Ich bin weder das eine noch das andere. Ich bin in der Mitte und damit bin ich nichts.

Ich höre seine Stimme und sie sagt, er sei Chepre am Morgen, sei die Mittagssonne und Atum am Abend. Ich habe keine Ahnung, was mir das sagen soll, aber es macht mich unendlich wütend. Mir egal, wer Chepre und wer Atum sind, mit der Sonne hat die Stimme jedenfalls nichts zu tun. Niemand trägt weniger davon in sich als er. Und ich strecke meine Hände aus, fahre mit den Krallen durch alles, was mich umgibt und versuche, mich aus dem Mittelpunkt zu befreien. Ich will wieder Teil der Bewegung werden, Teil des Flusses, Teil des Rades. Teil des Schicksals. Lass mich hier raus, denn ich habe mehr Blick für Gesetzmäßigkeiten als du, denn ich bin noch immer all das Fühlen, das dir fehlt!

Doch umso mehr ich mich anstrenge, desto fester bildet sich ein Ring wie eine Mauer um mich, der den Mittelpunkt definiert, bis ich erkenne, dass ich keine Möglichkeit habe, der Mitte zu entfliehen. Dabei wollte ich genau das doch einmal sein. Der Mittelpunkt. Mit einem wütenden Aufschrei gebe ich auf und lasse mich zu Boden sinken, bette meinen Unterleib auf ein vages Netz verdorrten Fleisches.

Und ich erinnere mich an den Traum, den ich vor lauter Angst vergessen hatte, verändere meinen Sitz und nehme die Position des Lotus ein. Zeit existiert nicht mehr in der Mitte, also schließe ich die Augen. Wenn der Traum mich nicht aus sich herauslassen will, verändere ich eben den Traum. Dazu bin ich schließlich da.

Mir gelingt das scheinbar Unmögliche. Als ich die Augen wieder öffne, ist der Ring verschwunden. Wie in einer Gondel sitze ich im Rad des Schicksals und bewege mich wieder mit ihm mit. Es geht hinauf, geht aufwärts, ich wachse, gewinne an Zuversicht und Sicherheit. Der Weg nach unten ängstigt mich nicht, denn ich weiß, dass es danach wieder aufwärts gehen wird.

Unten warten Blumen auf mich, ein friedvoller Anblick, doch er macht mich unruhiger als alles zuvor. Etwas stimmt nicht mit diesen ausladenden roten Blütenblättern, mit dieser geradezu blutigen Pflanze. Erst am Tiefpunkt erkenne ich, dass ich sie bereits gesehen habe, dass man ihr den Namen eines Dämons gab, gegen den wir vorgehen und dessen Hintergründe ich nie verstanden habe.

Im Bruchteil einer Sekunde, hier am Tiefpunkt, verstehe ich plötzlich alles. Doch all das wird weggespült von der gnadenlosen Flut, die über die Blumen peitscht, das Rad unter sich begräbt und mich mit sich. Leute in schwarzen Kutten werden vom Meer an mir vorbei getragen. Einer wispert mir mit der Stimme der Wellen zu: „Wir können dich auch sofort vernichten“. Ich habe diesen Satz schon einmal gehört, doch ich erinnere mich nicht, wo und von wem. Und ich kann nicht mehr darüber nachdenken, denn ich versuche ihren Ketten auszuweichen, die sie um mich schlingen wollen wie um die anderen, die sie mit sich durch das Meer tragen. Ein anderer Engel mit goldenen Flügeln gleitet an mir vorbei, jemand mit einem Pfahl im Herzen, dann Jean-Baptists Herrin. Danach sind es keine Personen mehr, die ich erkennen kann, sondern Monster. Riesige Fische mit unglaublich langen Zähnen, unendlich lange Schlangen und tentakelbewehrte Kreaturen, und sie alle wollen nur eins: Mich aus dem Rad ziehen und meiner Fahrt ein Ende setzen.

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