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Werwolf Rage across the Atlantic II (Tischrunde)

Vom Flughafen nach Beauville

Sonntag, 28. März 2010, Neumond

Während ich Gas gebe, frage ich mich, was das soll. Warum lassen die uns nicht einfach in Ruhe!? Ich kenne die Antwort, die hatte Summer mit im Caern ja bereits gegeben: Weil man entweder zu ihnen gehört oder nicht existiert, zumindest nicht als Garou, nicht als Fenrir. Dass die das so ernst meinen, dass sie uns sogar am Flughafen auflauern, hatte ich irgendwie nicht erwartet. Aber die kriegen mich nicht, uns nicht, nie!

Das meine ich ernst. So ernst, dass ich auch nicht bremse, als die Straße in Sicht kommt. Im Gegenteil, als ich sie einmal erreicht habe, gebe ich erst richtig Stoff, denn die Straße ist ganz schön voll. Wenn mich keins von den Autos umfährt, dann ist das hier eine gute Option, um den Idioten zu entkommen oder sie zumindest auszubremsen. Also Augen zu und durch – öhm, besser Augen auf und durch.

Auf der anderen Straßenseite beginnt das Einkaufszentrum. Nächste Option, denn obwohl ich alle Sachen weggeworfen habe, bin ich ziemlich langsam. Viel zu langsam, wie ich aus den Augenwinkeln erkenne, als ich nach hinten gucke, eigentlich um zu sehen, ob die anderen drei hinter mir sind. Wir kommen nicht von der Haupteingangsseite, also führt der Weg erst mal direkt in den Discounter.

Kaum drin, stelle ich fest, dass es dort ziemlich voll ist. Eigentlich ganz gut, denn so fallen wir zwischen den ganzen Regalen noch mal weniger auf. Andererseits rennt außer uns hier niemand, und tatsächlich stelle ich bei einem weiteren Blick über die Schulter fest, dass Thore, Summer und die anderen ihren Blick auf uns geheftet halten wie Teppichklebeband. Mist! Einer Eingebung folgend reiße ich einen Stapel Osterhasen um, doch Schokolade hält die auch nicht wirklich auf. Hätte ich mir auch denken können. Liz ist da cleverer und brüllt auf einmal „Feuer!“ wie eine Halbgescheite durch den ganzen Laden. Damit hat sie noch mehr Aufmerksamkeit vom Teppichklebeband, dafür löst sie aber auch eine mittlere Panik unter den nicht ganz so cleveren, hier einkaufenden Gestalten aus. Gut gemacht!

Dieses ganze Gucken nach hinten ist für mein Lauftempo nicht gerade förderlich. Ich werde langsamer, verpasse nach und nach den Anschluss, beiße die Zähne zusammen und versuche, schneller zu rennen. Eigentlich haben sie mich schon, denn Thore stürmt an mir vorbei und auf Blauauge zu, der gerade nach draußen in eine Gasse läuft. Keine Ahnung, warum der sich auf den Hund stürzen will, der ja nun mal nicht zu uns und wohl kaum zur Händchen haltenden Fraktion gehört, aber mir kann es nur Recht sein. Sonst wäre der Spaß hier nämlich schon zu Ende für mich, definitiv.

Ich folge Blauauge, doch der Weg führt in eine Sackgasse mit einem hämisch grinsenden Maschendrahtzaun am Ende. Nein, natürlich nicht wirklich grinsend, aber so kommt er mir vor. Total hoch und ich ziemlich klein und unsportlich. Endstation für Elle. Dann sehe ich jedoch Blauauge auf eine Mülltonne springen und von da aus mit einem Satz über den Zaun. Das kann ich versuchen. Nein, das muss ich versuchen. Ich puste noch ein paar Mal kräftig die Luft ein und aus, um mir damit Mut zu machen. Vielleicht überflüssig und ein bisschen blöde, aber Sauerstoff hat noch keinem geschadet bei so einer Verfolgungsgeschichte, würde ich meinen. Und tatsächlich hilft es, denn ich schaffe es, auf die andere Seite des Zauns zu kommen. Dank Blauauge, dank der Mülltonne, allerdings nicht dank meines sportlichen Vermögens. Das bisschen Vorsprung, das uns noch geblieben ist, schrumpft auf ein winziges bisschen zusammen und damit meine Hoffnungen, diesen Verrückten zu entkommen.

Als ich hinter mir eine Art ‚Klong‘ höre und etwas wie ein Keuchen, drehe ich mich um. Liz ist stehen geblieben und zeigt dem Kerl, der nun vor ihr steht, sprichwörtlich die Zähne. Tatsächlich nimmt sie ihre Fäuste und so, wie sie da steht, scheint sie die öfter zu verwenden. Aber bei diesen Leuten auf den Fersen stehen bleiben und kämpfen … ist die verrückt!? Na, wenn sie es ist, bin ich auch nicht besser, denn ich drehe mich ebenfalls um, um ihr zu helfen. Kilian und ich hatten die beiden in den ganzen Mist reingeritten im Grunde, also kann ich sie da jetzt nicht einfach alleine lassen. Das kann uns allerdings den Kopf kosten. Und das ist nicht sprichwörtlich gemeint.

Ich hab Liz und ihren Gegner noch nicht ganz erreicht, als ich hinter mir einen Schmerzensschrei höre. Nicht von irgendwem, sondern von Kilian. Blitzschnell drehe ich mich erneut um und sehe gerade noch Summer, die ihre Hand zurückzieht, nachdem sie die Kilian quer über den Rücken gezogen hat. Keine Hände, nein – Klauen. Diese fiese, blöde, alte, irre Mistziege!

Ich wachse, höre das Reißen von Kleidung, schließe für einen ganz kurzen Moment die Augen. Ich hab keine Angst mehr vor diesem Geräusch, vor der veränderten Perspektive. Jetzt im Moment schon mal gar nicht. Ich bin einfach nur himmelschreiend wütend und das einzige, was ich will ist, Summer den Kopf abzureißen. Und auch das meine ich nicht sprichwörtlich. Doch auszuflippen und nachzudenken sind zwei Sachen, die nicht gut miteinander auskommen, und so gelingt es mir zwar, Summer immer mal wieder zu erwischen, doch ich streife sie jedes Mal nur.

Immerhin gibt mir das aber die Chance, sie von Kilian fern zu halten, der die Gelegenheit nutzt, an meiner Stelle Liz zur Hilfe eilt und dem Typen vor ihr das halbe Bein aufreißt. Natürlich nicht mit bloßen Händen, sondern mit bloßen Klauen, denn auch Kilian hat die Faxen jetzt dicke und hat die Gestalt gewechselt. Koordination gehört zu seinen Stärken und das sieht man hier im Kampf ohne Zweifel, denn während ich mehr so aussehe, als würde ich mit Summer sowas wie Ringelpietz mit Anfassen spielen wollen, reißt Kilian nach dem Bein die halbe Schulter aus seinem Gegner, diesmal aber mit den Zähnen. Der erkennt, dass auch so planlose und sündenhafte Mini-Werwölfe wie Kilian und ich auf Zack sein können und verwandelt sich ebenfalls in die riesige Gauru-Form. Super. Wenn die anderen jetzt auch noch auf die Idee kommen, ist es vorbei mit uns – und zu allem Überfluss schaffen es die letzten von Summers und Thores Rudel jetzt auch endlich über den Zaun und in unsere Richtung. Die sind einer mehr als wir, auch wenn ich weder Thore noch Blauauge im Moment sehen kann, aber auf jeden Fall ist das Ungleichgewicht unübersehbar. Noch zwei Minuten, vielleicht drei, vielleicht vier, dann steht der Sensenmann vor unserer Tür. Fast wie im Weihnachtsreim, schießt es mir durch den Kopf, aber darüber kann ich gerade nicht lachen, das ist wohl eher Galgenhumor.

Und dann ist da plötzlich diese Stimme in meinem Kopf. Die Stimme einer Frau, klingt ein bisschen wie ein Engel. Sie sagt, wir sollen fliehen, sie würde uns helfen und uns Zeit verschaffen. Ob Engel oder nicht, es ist die einzige Hoffnung, die ich gerade so sehen kann, also brülle ich ähnlich wie am Flughafen ein „Rennt!“ in die Luft. Das war nicht besonders schlau, denn natürlich werden das auch unsere Verfolger mitbekommen haben, aber irgendwie muss ich den anderen ja Bescheid geben und kann schlecht sagen, dass ich gerade so eine Engelsstimme im Ohr hatte, die mir geflüstert hat, genau das zu tun, nämlich zu fliehen.

Kilian setzt sich sofort in Bewegung, Liz scheint nicht auf mich hören zu wollen. Im Laufen erreiche ich schließlich Blauauge, der von Thore zu Boden gedrückt wird, und dann stehen da auf einmal ein paar Männer in komischen militärartigen Anzügen mit silbernen Streifen, legen Waffen an und fangen an zu feuern. Zum Glück nicht auf uns, sondern auf die anderen, zumindest kann ich sehen, dass sie Thore ziemlich durchsieben, doch der steht auf, womit er Blauauge frei lässt, verwandelt sich ebenfalls in ein Riesenmonster und – wusch! – gehen zwei der uns helfenden Schützen einfach in Flammen auf. Himmel, Herrgott, dass wir überhaupt stehen geblieben sind in dem Glauben, gegen die verrückten Fenrir kämpfen zu können. Wir sind ja komplett bescheuert, alle miteinander. Wir hätten nie stehen bleiben dürfen, aber … egal jetzt … weiter!

Alle überholen mich, erst Blauauge, dann Kilian, der langsamer wird, nachdem er mich eingeholt hat, dann schließlich Liz, die sich in einen Wolf verwandelt und als solcher zu Boden nach ein paar Schritten blutüberströmt zu Boden sinkt. Kilian grollt mir „Mitnehmen!“ zu, und so greife ich nach der Wölfin, die da am Boden liegt und in meinen Pranken gerade sehr klein und leicht wirkt.

Natürlich laufen wir nicht einfach nur auf eine Lagerhalle zu, sondern natürlich hat diese Lagerhalle eine Tür, die zwar offen steht und durch die Blauauge einfach so hindurch laufen kann, doch für Kilians und meine Größe ist kein Platz, die Tür ist viel zu klein. Kilian denkt offenbar dasselbe und rennt in vollem Tempo vor, auf die Tür zu. Als er die Tür mitsamt der sie umgebenden Ziegel aus den Angeln reißt und somit Platz schafft für sich selbst und für mich, sehe ich, dass er etwas in den Händen hält. Etwas Großes und Plüschiges. Ist das … es ist mein Teddy! Er hat meinen Teddy mitgenommen! Wären wir jetzt nicht hier, als Monster, noch immer auf der Flucht, wäre da nicht die schwer verletzte und fast bewusstlose Liz auf meinen Armen, dann würde ich ihm um den Hals fallen und ihn einfach küssen. Aber im Moment gilt es dafür zu sorgen, dass ich das überhaupt jemals noch mal tun kann, also verziehe ich die Lefzen zu einem Grinsen, das wohl kein Mensch je als solches erkennen würde und renne weiter.

Am anderen Ende der Halle befindet sich ein Rolltor und, Gott lob, es ist nach oben gezogen, so dass wir einfach durch das Tor hindurch laufen können. Der Engel in meinem Kopf sagt etwas von einem Wagen, in den wir einsteigen sollen, und nach ein paar Metern sehe ich den schwarzen Van, in dem gerade Blauauge verschwindet, dann verwandelt sich Kilian in einen Menschen und steigt ebenfalls ein. Bevor ich mich verwandle und selbst einsteige, beuge ich mich vor und schiebe die Wölfin in meinen Armen vorsichtig in den Wagen und auf Kilians Schoß. Dann werde auch ich wieder zum Menschen, steige flugs in den Wagen und ziehe die Tür zu.

Der Wagen fährt los und für einen kurzen Moment lehne ich den Kopf nach hinten und schließe die Augen, blinzle die Tränen weg, die sich dahinter gebildet haben, vor allem noch immer aus Wut, aber auch aus wahnsinniger Traurigkeit, weil alles so den Bach runter geht. Erst der Abschied von Zuhause, der kein wirklicher war und keiner sein durfte, dann die Hoffnung auf Deutschland, auf Kilian-Zuhause und jetzt … wieder nichts.

Als ich die Augen wieder öffne und zu Kilian blicke, sehe ich seinen betretenen Blick. Ob er dasselbe wie ich denkt? Dass das alles einfach blöd läuft und blöd ist? Er sieht mich ein bisschen entschuldigend an, kommt mir zumindest so vor, aber ich verstehe nicht, warum. Ich hoffe, es ist keine Entschuldigung, die sowas meint wie „Das mit uns war eine doofe Idee“ und einen kurzen Moment lang bleibt mir fast das Herz stehen aus Angst, dass es genau das sein könnte, was er meint. Dann fällt mir – diesmal zum Glück – ein, dass ich mal wieder nackt bin, nackt in diesem Auto sitze, genau wie er. Das lenkt mich ab, auch wenn ich mich langsam daran gewöhne, aber das liegt wohl im Augenblick mehr daran, dass Kilian mich nun echt schon zig Stunden nackt gesehen hat, Blauauge mit dem Konzept der Nacktheit wahrscheinlich eh nichts anfangen kann und die arme Liz es sowieso nicht einmal mitbekommt.

Wir fahren ziemlich weit nach draußen, in die hinterletzten Winkel von New Orleans. Das klingt, als wenn man uns in die Pampa fahren würde. Ist auch so, was die Häufigkeit von Häusern und derlei mehr angeht, aber der Richtung nach fahren wir eher in so eine Art Nobel-Außenbezirk. Der Blick nach draußen lenkt mich ab und ich bin gespannt, wo wir letztlich auskommen werden.

Wie ich es fast schon ahnte, hält der Van schließlich vor einer Art alleinstehendem Herrenhaus. Schneeweiß und ziemlich riesig. Wie nicht anders zu erwarten rennt Blauauge direkt zur Tür, drückt dagegen und fängt dann an zu bellen und an der Tür zu kratzen, noch bevor wir anderen auch nur aus dem Van gestiegen sind. Kilian und ich tragen Liz gemeinsam, denn jetzt ist sie für mich allein zu schwer und ich brauche zumindest seine Hilfe. Anderthalb Hände stellt er mir wortlos zur Verfügung, eine halbe weitere benötigt er, um meinen Teddy mit aus dem Auto zu nehmen, wofür ich ihm ein Lächeln schenke.

An der Haustür angekommen begrüßt uns eine hübsche Frau mit dunklen Korkenzieherlocken und einem knöchellangen weißen, mit Spitze besetzten Kleid. Schon wie sie in der Tür steht macht klar, dass die Hausherrin selbst uns die Tür geöffnet hat und keine Angestellte oder sowas. Sie bittet uns herein, galant und freundlich wie ein Engel … wie ein Engel! Ich erkenne die Stimme wieder. Es ist die aus meinem Kopf von vorhin. Beinahe bin ich enttäuscht, aber nur beinahe, denn ihre Warnung von zuvor, ihr freundliches Auftreten und nicht zuletzt das warme Wohnzimmer, in dem teils schon jetzt, teils noch im Aufbau befindlich Obst, Gemüse, Blätterteigtaschen, Limo und noch so einiges für uns stehen, lullt mich geradezu ein, und die warmen Decken, die sie uns noch bringt, tun ihr übriges dazu, dass ich mich einfach nur geschützt fühle – nicht zuletzt, weil Kilian und ich nebeneinander auf der Couch sitzen und ich nach einigen Minuten spüre, dass er unter den Decken nach meiner Hand tastet, die ich nur zu gern ergreife. Es ist ein Halten, ein „Ich bin bei dir und bin es gerne“, und das beruhigt mich ungemein nach meiner Furcht vor dem „Das mit uns war eine blöde Idee“.

Kilian geht schließlich ins Bad, um seine Wunden zu versorgen und will dabei auch allein sein. Wahrscheinlich hat er Angst davor, dass irgendwas brennt oder so. Und Indianer kennen ja keinen Schmerz, das hatten wir ja schon. Ich löse ihn derweil bei Liz ab, zu der er immer mal wieder hin gegangen ist, um sie dazu zu bewegen, ein bisschen was zu fressen. Schläfrig kaut sie eine Blätterteigtasche, erst als Kilian zurück kommt und ihr heiße, feuchte Handtücher auf die noch immer leicht blutenden Wunden an ihrem Körper legt, kehren nach und nach die Lebensgeister in sie zurück. Noch eine Weile, dann verwandelt sie sich zurück in die Menschengestalt, nimmt den Teller mit den Spaghetti, der mittlerweile vor ihr steht, verkrümelt sich mit einer Decke in eine Ecke – eine andere als Blauauge für sich ausgewählt hat, nachdem er erst mal wieder das halbe Essen für sich allein abgeräumt hatte – und beginnt still zu essen.

Dass sie sich verwandelt hat, verändert meinen Blick auf sie und ich stelle fest, dass ich ganz schön bescheuert bin und noch viel umzudenken habe. Ich habe vorhin nur den verletzten Hund gesehen, nicht die Frau. Und ich hab sie Kilian auf den Schoß gelegt, Kopf auf den einen, Brust auf den anderen Oberschenkel. Auf den nackten Kilian wohlgemerkt. Elle, du bist echt … und mit einem Schreck fällt mir wieder der betretene Blick ein, über den ich neu nachdenken muss, während ich Liz verstohlen beobachte. War das ein „Das mit uns war eine blöde Idee“ oder eher ein „Das war eine blöde Idee von dir“? Ich weiß es nicht sicher, könnte mich ohrfeigen für meine Dummheit. Aber Liz da drüben ist nicht wie Kaitlyn, ist weit von ihr entfernt. Sie sieht auf ihre eigene Art und Weise nicht schlecht aus, vor allem ist sie weiter als ich. Körperlich in jeder Hinsicht, also entwicklungsmäßig ebenso wie von ihrer athletischen Statur her, aber sie hat auch kein Problem mit vielen Dingen, scheint nicht halb so viel über einige Sachen nachzudenken wie ich. Ob sie da nackt sitzt oder in China ein Sack Reis umfällt, scheint ihr ziemlich egal zu sein, so wie sie auch aufmerksam zugehört hat, als wir ihr erzählt haben, was wir von Werwölfen wissen und selbst – wie auch sie – welche seien, hat das alles ruhig abgewogen und ebenso ruhig eine konsequente Entscheidung getroffen. Dazu gehört sehr viel mehr als gut auszusehen, mit einem Footballer zusammen zu sein oder die richtigen Klamotten in den richtigen Läden zu kaufen, was auch immer „richtig“ da bedeuten soll. Dazu gehört ein ziemlich ausgebildeter Charakter, eine Persönlichkeit, und ich frage mich, ob nicht doch was an ihrer Andeutung dran ist, dass der Skandal damals, als sie von der Schule geflogen ist, nicht so war, wie wir ihn mitbekommen haben – und ich über ihn geschrieben habe. Falls ja, hab ich es damals wohl eher schlimmer als besser gemacht, und trotzdem ist sie jetzt hier zusammen mit uns, ist offenbar wie wir trotz aller Unterschiede. Ich mag sie. Kaitlyns Kopf und Brust auf Kilians Schoß wäre ein Problem gewesen, aber ich glaube, bei Liz gibt es kein Problem.

Nachdem wir uns alle ein bisschen erholt und uns den Bauch vollgeschlagen haben, eröffnet uns Madame LaMotte, so heißt der Engel, dass sie die beiden Gästezimmer oben für uns vorbereitet hat, wir aber auch im Wohnzimmer bleiben können, wenn wir das lieber wollen. Wir entscheiden uns für die Gästezimmer, noch bevor wir sie überhaupt gesehen haben, und unsere Gastgeberin nickt und meint, sie sei am nächsten Tag schon früh unterwegs und das wohl den gesamten Tag über, aber dass sie der Haushälterin, die nicht zuletzt dank Blauauge jetzt schon auf Hochtouren in der Küche läuft, Bescheid geben würde, dass wir ordentlich verpflegt würden, und dass sie sich freuen würde, wenn wir bei ihrer Rückkehr dann noch da wären. Wir nicken ebenso und machen uns dann daran, nach oben zu den Gästezimmern zu gehen. Naja, teils mehr zu krabbeln als zu gehen. Aber der Weg nach oben lohnt sich.

Oben gehen rechts zwei kleinere Zimmer ab, jedes so an die vier mal drei Meter. Das eine mit zwei Betten, einem Kleiderschrank und einer Spiegelkommode, alles aus ziemlich dunklem Holz und eher rustikal bis edel. Nicht von schlechten Eltern. Im anderen Zimmer stehen eine bereits ausgezogene Schlafcouch, ein Schreibtisch und ein PC. Ich bin für die Betten und gerade im Begriff, sie vorzuschlagen, als Liz sich auch schon an den PC gesetzt hat. Kann kaum geradeaus gucken oder sitzen, aber sitzt direkt am Computer. Schräg. Dass sie uns einfach ignoriert sorgt dafür, dass schließlich Kilian den Schlafplatz auswählt und sich auf die Schlafcouch sinken lässt. Ich vertue lieber keine Zeit damit, das erst noch weiter zu diskutieren, sondern beeile mich, neben ihn zu kommen, bevor dieser Riesenhund von Blauauge es wieder schafft, sich zwischen uns zu legen und die halbe Couch für sich allein zu beanspruchen. Vielleicht hat er dazu gelernt, wahrscheinlicher ist er aber einfach nur zu träge und zu vollgefressen, als dass er protestieren würde, und so landet Blauauge friedlich am Fußende. Ob und wann Liz zu uns kommt, bekomme ich nicht mehr mit, denn da bin ich längst in Kilians Armen eingeschlafen.

Am nächsten Tag bin ich die vorletzte, die das Bad für sich entdeckt. Und dieses Bad ist ein absoluter Traum! Es ist riesig, hat eine durchgängige Fläche voller Tiegel, Flakons und derlei mehr, die sich um zwei große Waschbecken an der darüber komplett verspiegelten Wand sammeln. Doch das Beste ist die Badewanne, die Platz für mindestens drei Leute bietet, Massagedüsen hat und sogar ein einschaltbares LED-Lichtspiel. Selig versinke ich in einem Meer aus Papayaschaum, roten, grünen und blauen Lichtern, bis Kilian irgendwann anklopft und fragt, ob ich wohl noch lange bräuchte. Oh ja, mit Sicherheit sogar! Dann fragt er vorsichtig, ob er rein kommen dürfe und nachdem ich mein Okay gegeben habe, setzt er sich auf den großen runden Flauschteppich vor der Badewanne. Bei allem Chaos toll, dass wir mal eine kleine Weile haben, in der wir allein sind und reden können. Nur die Themen wären meinem Geschmack nach besser andere. Ich will nicht mehr über Verrückte reden oder auch nur darüber nachdenken, will mir keine Sorgen über das Morgen machen, nicht jetzt, wo ich mir ein Stück Paradies einbilden kann. Aber natürlich hat Kilian Recht. Wir müssen nachdenken und uns was überlegen. Ich bin nicht dafür, dass wir sofort noch mal versuchen, das Land zu verlassen. Zu gefährlich. Eine bessere Idee habe ich aber auch nicht. Ich bin eigentlich dafür, dass wir uns ein Loch buddeln zum Verkriechen oder uns eine Höhle suchen oder irgendwie sowas, aber ich glaube, das sind nicht die Optionen, über die Kilian gerade ungewohnt ernsthaft nachdenken und reden will. Wäre schön, wenn alles ein bisschen einfacher wäre. Das einzig Gute ist, dass er nicht wie geplant weg geflogen ist, durch all das nicht hier längst wieder zu Hause ist, doch ich sehe in seinem Gesicht, dass es etwas ist, das ihm weh tut. Dass es ihn selbst verletzt, dass seine Mutter sich wohl Sorgen um ihn macht und mit ihm jetzt noch mal sowas Ähnliches durchmacht wie damals bei seinem Vater. Er spricht nicht darüber, aber ein paar Seiten kann ich in seinem Gesicht lesen von diesem offenen Buch und diesem offenen Geheimnis. Schade, dass irgendwie alles und jeder überschattet, dass wir uns so sehr mögen.

Irgendwann bin ich dann doch noch aus der Wanne zu kriegen, schon ein bisschen schrumpelig, aber ziemlich gut gelaunt allein wegen des Bades. Vielleicht sollte ich Kilian auch mal in Papaya versenken, vielleicht hilft das auch ihm, wer weiß. Doch erst einmal geht es zum Frühstück, das nicht weniger üppig ausfällt als das Abendessen, eher im Gegenteil.

Der Tag vergeht recht schnell mit einem Eichhörnchen jagenden Blauauge und Kilian, doch irgendwann meint Kilian, Liz sei weg. Bei mir läuten sofort die Alarmglocken, und so machen sich Blauauge und Kilian auf die Suche. Blauauge hat ihre Fährte an der Haustür offenbar sogleich aufgenommen und ich gucke ihnen hinterher, während sie nach Liz zu suchen beginnen, setze mich auf die Stufen der Terrasse und warte auf ihre Rückkehr, mache mir Sorgen, wo Liz wohl abgeblieben ist.

Dann kommt Blauauge zurück, schießt zufrieden hechelnd geradewegs an mir vorbei ins Haus und vermutlich einmal mehr in Richtung Küche, doch Kilian und Liz sehe ich nicht. Eine Minute vergeht, drei Minuten, fünf Minuten. Nachdem Blauauge so gut gelaunt zurückgekehrt ist, mache ich mir keine Sorgen mehr um Liz. Jetzt mache ich mir welche um mich. Wieso kommen die beiden nicht wieder? Wo sind die? Und was machen die? Irgendwann sehe ich sie endlich gemütlich nebeneinander her laufend auf das Haus zukommen. Kilian als Wolf, Liz als Mensch. Das beruhigt mich. Warum auch immer, ist genauso blöd wie viele andere Gedanken, die ich vorher schon mal hatte, aber ist egal. Liz lächelt vage, zumindest interpretiere ich ihre etwas angehobenen Lefzen so, als sie mich erreicht, doch ich suche vor allem Kilians Blick. Er guckt wie immer, da sehe ich keine Entschuldigung, nichts Betretenes oder sonst irgendwas, das da aus meiner Sicht nicht in den Blick gehört. Alles ist gut. Dumme Elle. Natürlich ist alles gut. Soviel Murks und wir beide hier. Was sollte also nicht in Ordnung sein nach all dem? Hier geht’s nicht um die Prom Night, also lass den Unsinn.

Abends kommt Madame LaMotte wie angekündigt zurück und isst mit uns zu Abend. Sie selbst hat außerhalb gegessen und trinkt daher nur Rotwein. Den bietet sie uns auch an, aber nee, danke, das muss ich jetzt nicht haben. Sie erwähnt nochmals, dass sie mit den irren Fenrir schon öfter aneinander geraten und nicht sonderlich gut auf sie zu sprechen sei. Wie ich findet auch sie, dass ein sofortiger weiterer Versuch, das Land zu verlassen, nicht allzu gut enden würde vermutlich, doch sie sieht auch unser Problem, im Nichts zu stehen, nicht nach Hause zu können und nur ein paar Klamotten, die sie noch von ihren eigenen Kindern im Schrank hat, am Leib zu tragen. Eine Weile denkt sie nach, wie es aussieht, dann hat sie einen ziemlich guten, zugleich aber auch ziemlich schrägen Vorschlag zu machen: Sie will ein Haus in Beauville kaufen, ist sich aber noch nicht sicher, ob der Hype um diese neue Wohnanlage, von der schon öfter was in der Presse stand und von der auch ich daher schon mal was gehört habe, berechtigt ist. Eigentlich geht es ihr darum, ob das Ganze als Kapitalanlage lohnt oder eher mit Verlusten zu rechnen sei. Zu diesem Zweck würde sie dort an sich ganz gern probewohnen, denn einige Häuser stehen dort noch frei, aber sie kriegt das zeitlich aus beruflichen Gründen nicht hin, wie sie meint. Tags sei sie einfach meist sehr lange unterwegs, und so würde sie Nachbarschaftlichkeit, eventuelle Veranstaltungen der Eigentümergemeinschaft, irgendwelche ungeschriebenen Regeln in Bezug auf Gartenpflege und all solche Dinge nicht wirklich beurteilen können. Wichtig sei ihr zwar die Sicherheit in der Wohnanlage, aber zugleich will sie nicht darauf verzichten, so ungestört wie jetzt hier, wo es meilenweit keine Nachbarn gibt, zu leben. Sie schlägt vor, dass wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Wir wohnen dort an ihrer Stelle zur Probe, haben somit erst mal ein Dach über dem Kopf, wo man uns auch sicher so bald nicht findet, dafür schreiben wir so eine Art Protokoll jeden Tag und geben ihr Rückmeldungen, wie es sich so wohnt in Beauville. Da kann ich mir bei Gott Schlimmeres vorstellen. Die anderen auch, also stimmen wir zu. Madame LaMotte zieht sich zurück, um die Maklerin anzurufen und mit ihr ein solches Probewohnen auszumachen. Als sie zurückkehrt, überreicht sie Liz einen mittelgroßen Umschlag und verkündet, noch ein paar Sachen zu regeln und dann, wenn wir wollen, mit uns zusammen nach Beauville zu fahren.

Etwa zwei Stunden später sitzen wir alle im Van auf dem Weg in unser neues provisorisches Zuhause. Die Mauer, die Beauville umgibt, ist riesig lang. Die Anlage ist so groß, dass man das Ende nicht sehen, sondern höchstens erahnen kann und wir fahren an einem Tor ohne Tor und einem Wächterhäuschen ohne Wächter hinein und eine ganze Weile durch das leicht hügelige Kleinstadtflair, bis wir vor unserem Haus stehen. Beauville 53, schlicht und ergreifend. Das Haus ist wie alle anderen zartgelb gestrichen, insofern man das in der Dunkelheit noch erkennen kann. Eine Terrasse führt in der ersten Etage rund ums Haus und das Grundstück reicht von der Straße mit Garagenauffahrt und Briefkasten bis weit hinter das Haus zur Baumgrenze, bestimmt hundert Meter, würde ich schätzen. Auch zu den Seiten ist reichlich Platz. Irre.

Innen weiß das Haus bei weitem nicht so zu beeindrucken. Zwar gibt es hier ein funktionierendes Telefon, einen Fernseher sowie DVD-Player und sogar einen Internetanschluss soll es geben, aber die Wände sind zwar relativ frisch gestrichen, aber in einem kalten Weiß. Die Möblierung ist alt, farblos und langweilig und das Bad verfügt zwar ebenfalls über eine Badewanne, ist jedoch ziemlich klein.

Madame LaMotte lässt uns mit einigem zurück. Da sind drei schwere Tüten mit Lebensmitteln und den restlichen Klamotten ihrer Kinder, keine Kleider mehr außer dem einen, auf das Liz keine Lust hatte und dem pinkfarbenen, das ich trage, dann ein Klemmbrett mit Protokollblättern, eine Faxkopie von der Vereinbarung mit der Maklerin, Haustürschlüssel, einem Zettel mit Adresse und Telefonnummer des Hauses sowie Internetdaten sowie ihre eigene Handynummer, falls wir sie erreichen wollen. Geld wäre ziemlich cool gewesen, aber sie meint, wenn wir wollten, könnten wir abgesehen von den technischen Geräten auch gerne Möbel oder Hausrat bei einem Garagenverkauf oder so etwas verkaufen, da sie davon ausgeht, dass sie das Haus eh kaufen wird, wenn nichts Gravierendes dazwischen kommt und an diesen Möbeln, die sie mit deutlichem Missfallen und einem Naserümpfen kommentiert, ohnehin kein Interesse habe. Dann verabschiedet sie sich schließlich von uns und wir sind für uns allein, diesmal aber Sicherheit. Hier kommen die Verrückten ganz sicher nicht hin.

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