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14. Inplay-Zusammenfassung: „Beisetzung in der Finsternis“ (Werwolf, TS)

Als wir wieder oben ankommen, sitzen Mortima und Ciprian noch immer auf den harten Stühlen gegenüber der Rezeption, sind nicht weg gegangen. Ich erinnere mich an Ciprians Berührungen an diesem Tag. Wiederholte Versuche, Kontakt aufzunehmen, wie ich jetzt verstehe. Ich denke nicht weiter darüber nach, aber als ich vor den beiden stehenbleibe, gebe ich dem Drang nach, diesen riesigen jungen Mann zu umarmen. Er wirkt überrascht, stößt mich aber nicht von sich weg, wie ich es vorher getan hatte, sondern erwidert meine Umarmung und klopft mir etwas ratlos auf den Rücken. Wieder siegen die Tränen und ich schniefe vor mich hin.

Ein Handyklingeln durchbricht die sonst recht schwer über uns liegende Stille, und erst nach einer ganzen Weile erkennt Taylor, dass es seines ist und geht ran. Sven ist gleich am Kölner Bahnhof und fragt, ob ihn jemand abholen könne. Taylor bietet sich sogleich an, Adriano stimmt zu, mir ist sowieso alles egal, und so macht Taylor sich auf den Weg, während wir versichern, hier zu bleiben und auf ihn zu warten, denn immerhin wollen wir auch wissen, was mit Paul ist und wie seine Operation verläuft.

Wir ziehen uns in den Krankenhauspark in ein mit von Efeu bewachsenen Bänken bestücktes Rondell zurück, um in Ruhe reden zu können. Soviel zu sagen gibt es aber eigentlich nicht. Adriano erkundigt sich danach, wie Mortima und Ciprian nach Köln kommen, wie sie zu uns gestoßen sind, fragt nach ihrem Rudel, ich werfe hier und da eine höfliche Nachfrage meinerseits ein. Mortima kommt aus Schottland, scheint aber von allem anderen abgesehen auch verwirrt, dass wir ihn nicht gleich zerfleischen oder etwas in der Art. In Schottland seien alle Werwölfe, die er getroffen habe, böse. Marie weiß zu berichten, dass es dort einst einen Stamm gab, der durch irgendein Labyrinth getanzt ist und dadurch zu Tänzern der Schwarzen Spirale wurde, wohl alle miteinander. Wie die, die wir an dieser U-Bahn-Haltestelle in Berlin getroffen hatten und die Taylor bereits kannte also. Na, uns von denen zu unterscheiden, ist nun nicht allzu schwer, was wohl erklärt, wieso Mortima trotz seiner Vorerfahrungen nicht allzu panisch auf uns reagierte.

Ciprian fällt plötzlich auf, dass seine Hunde, die beiden Huskies, die er bei sich hatte, verschwunden sind, und nach kurzem Überlegen scheint klar, dass sie sich noch im oder am Dom befinden müssen. Dort also, wo auch die Hundefänger waren. Sieht nicht gut aus. Und obwohl weder Adriano noch ich noch sonst jemand ein Wort darüber verliert, kommt Ciprian nach einem Moment selbst auf diese Idee. Riesige Tränen bilden sich in seinem Gesicht und kullern plötzlich über sein Gesicht. Gerade eben noch waren mir diese Hunde relativ egal im Vergleich zu allem anderen, aber als ich in Ciprians Gesicht gucke, tut mir sein Verlust so unendlich leid und verdrängt für eine Weile meinen eigenen. Rasch gehen wir zurück zur Rezeption und hinterlassen eine Nachricht für Taylor, bevor wir uns auf den Weg zurück zum Dom machen, wo auch Mortima hofft, seine Sachen, darunter auch sein Schwert, wiederzufinden.

Am Dom sieht es nicht so aus, als sei irgendetwas hier zu finden. Sofort fällt mir auf, dass das von mir zerlegte Motorrad weg ist, und auch sonst erinnert nichts an das, was vorhin hier geschah. Es sieht so aus, als sei nichts passiert. Gar nichts. Wie schön das wäre, wenn es wahr wäre!

Ciprian verwirrt mich damit, dass er laut nach Anubis und Osiris ruft, doch nachdem er seine Rufe mit Pfiffen zu unterstreichen beginnt, schnalle ich, dass er damit wohl seine Hunde meint. Naja, besser als Bello und Rex allemal. Mortima macht sich zielstrebig auf den Weg zum Dom, um dort vielleicht doch noch etwas zu finden, während Adriano auf einmal auf eine Gruppe Punks zuläuft. Ich folge ihm.

Aus der Gruppe Punks löst sich eine junge Frau heraus und kommt auf uns zu, fragt, ob sie uns helfen könne und gibt irgendwas von „Oh nein, nicht schon wieder!“ von sich. Ich wundere mich mehr über ersteres als über letzteres, frage aber gleich, ob sie die gesuchten Hunde gesehen habe. Sie verneint, weiß aber immerhin zu berichten, dass die Hundefänger keine mit sich genommen hätten. Ich bedanke mich, lasse sie stehen, drehe mich um und gehe zurück in Richtung Ciprian. Adriano schließt rasch auf und weist mich auf einen Tauben fütternden Mann und eine Zeitung lesende Frau rundum hin. Er glaubt, sie beobachten uns, schauten die ganze Zeit zu uns herüber. Möglichst verstohlen sehe ich hin, finde die beiden jedoch in keiner Weise auffällig.

Gerade, als ich Ciprian erreiche, um ihm zu sagen, dass die Hundefänger schon mal keine Huskies mit sich genommen hätten, vernehmen wir alle eine Stimme. Wir sehen uns um, doch die Stimme ertönt in unserem Kopf. All unsere gesuchte Habe und die Hunde seien im Dom, bei ihr, sagt sie. Agrippina. Natürlich machen wir uns sofort auf den Weg, die Stufen hinauf und hinein in den Dom. Nur wenige Menschen sind dort, so dass es uns nicht allzu schwer fällt, hinüber zu wechseln. Denken wir uns zumindest. Adriano ist von den letzten Ereignissen allerdings ebenfalls ziemlich angegriffen und schafft es nicht, uns hinüber zu bringen. Wieder ertönt die Stimme Agrippinas, die sagt, sie bringe uns zu sich, wenn wir hinter die Absperrung dort drüben und hinunter gelängen. Sofort lassen wir die genannte Absperrung hinter uns und steigen die Treppen hinab, wo wir auf Agrippina stoßen, die uns beinahe unbemerkt zu sich geleitet hat. Zumindest ich habe nichts davon mitbekommen.

Hunde und Zeug befinden sich oben, Ciprian freut sich wie ein großer Junge, während Mortima sich sogleich auf die Suche nach seinen Sachen macht, und derweil fängt diese Clownsnasenfrau wieder mit dem Bündnis an, das sie unbedingt schließen will. Schutz ihres Tores will sie – und diesmal sagt Adriano ihr zu, dass wir dieses Tor unbehelligt lassen würden. Mir fehlt der Überblick über die Bedeutung dieser Zusage, darum hätte ich sie wohl nicht getroffen, doch Adriano hat ohnehin den besseren Bezug zu diesen Sachen „drüben“. Wir gehen hinauf zu den anderen, als ich plötzlich ein Reißen spüre, den Phönix schreien höre. Da ist … nichts mehr. Ich sehe Adriano vor mir, aber irgendwas zwischen uns ist anders als vorher. Ich kann sie nicht mehr fühlen. Alle nicht mehr. Kein Taylor. Kein Sven. Keine Kat. Und diesmal begreife ich schneller als zuvor bei Kat. Ich begreife es sofort, versuche mich an der Wand abzustützen, an der ich kraftlos zu Boden sinke, schaue mit offenem Mund ins Leere. Ich höre Ciprians besorgte Fragen, was los sei, ob alles in Ordnung sei, was ich habe, höre Adrianos Rufen, sein Weinen, sehe wie in einem Film, wie er sein Gesicht in Maries Schulter vergräbt. Ich taste noch immer in meinem Kopf herum, will nicht glauben, was ich da spüre. Nein. Was ich nicht mehr fühle. Ohnmacht. Ich habe mich noch nie so klein und so hilflos gefühlt. Zuviel. Viel zu viel. Zu viel Schmerz. Zu viel Scham. Zu viel Verzweiflung. Von allem zu viel.

Und dann ist es, als wenn jemand ein Kabel in meinem Kopf durchschneidet. Nicht das, das mich mit den anderen verband. Ein bisschen wie bei einer Bombe, die man entschärfen will. Schneidet man den roten Draht durch, explodiert alles. Schneidet man den grünen Draht durch, ist die Bombe entschärft und alles wieder gut. In meinem Kopf ist es der blaue Draht. Es ist der Draht der Wahl, und meine Wahlmöglichkeiten bestehen darin, jetzt an genau dieser Wand hier sitzen zu bleiben und nie wieder auf die Füße zu kommen – oder aufzustehen und zu handeln. Nicht wirklich nachdenken und es doch auch nicht sein lassen. Wie bei den Fädchenbuden der Kirmes einen Faden nach dem anderen ziehen und tun, machen. Automatisch, wie gesteuert. Nicht fühlen und doch von Gefühlen überschwemmt zu sein, wie in Watte gepackt, abgepuffert vom eigenen Schmerz. Ich kann wählen. Und ich stehe auf.

„Bahnhof. Sie müssen am Bahnhof sein“, sage ich und bewege mich in Richtung Ausgang. Umso näher wir dem Bahnhof nach den wenigen Schritten kommen, desto langsamer wird Adriano – und desto schneller werde ich. Ein kurzer Blick auf die riesige Tafel in der Bahnhofshalle zeigt mir das Gleis an, auf dem Sven angekommen sein muss. Gefolgt von den anderen gehe ich hin und hinauf, zwei Stufen auf einmal nehmend, doch oben ist nichts. Wieder einmal nichts. Mortima und Marie sind sich sicher, unten etwas zu riechen, in Richtung eines anderen Ausgangs. Ich selbst rieche nichts, aber ich folge ihnen, den Gang entlang, der noch nie so unendlich lang auf mich wirkte, hinaus auf den riesigen Parkplatz, bis mich auch meine Nase nicht mehr im Stich lässt. Zielstrebig nehme ich den Geruch auf und folge ihm bis zu Taylors Auto. Wieder nichts. Einer Ahnung folgend gehe ich um den Wagen herum. Sie sitzen dort, an den Wagen angelehnt, nebeneinander, zusammen. So, als hätten sie eine kurze Pause eingelegt. Doch es ist eine lange Pause geworden. Sie ist ewig. Der Geruch des Blutes ist jetzt so stark, dass ich ihn nicht mehr ausblenden kann. Ich sehe Svens durchschnittene Kehle, die Einschusslöcher in Taylors Brust und mitten in seiner Stirn. Ich trete zwei Schritte zurück und schaue mir die beiden an. Ich empfinde alles und nichts zugleich in diesem Moment, fühle mich, als stünde ich neben mir selbst.

Die anderen erreichen den Wagen ebenfalls, Adriano kniet sich zu den beiden herunter. Er kann um sie trauern, kann erfassen und akzeptieren, was geschehen ist. Ich kann es nicht. Ich funktioniere einfach nur. Aber ich funktioniere gut. So gut, dass ich es schaffe, in Taylors Hosentaschen nach dem Autoschlüssel zu suchen, die Tür zu öffnen, die beiden mit Hilfe der anderen auf die Rückbank zu setzen. Adriano findet einen Hut und ein Tuch, um die Wunden der beiden nun groteskerweise angeschnallten Leichen zu kaschieren. Niemand antwortet auf meine Frage, ob jemand fahren könne oder schüttelt den Kopf. Entschlossen setze ich mich hinter das Steuer. Das kann so schwer nicht sein, ich habe immerhin Kat abgefragt, als sie ihren Führerschein machte. Ich kapiere das ganze Geblinke nicht, als ich den Wagen starte, aber wer braucht schon Geblinke? Ich brauche nur einen Blinker, ein Lenkrad und ein paar Pedalen … wird schon. Ciprian traut sich tatsächlich, sich auf den Beifahrersitz zu begeben, obwohl ich ausdrücklich darauf hinweise, keinen Führerschein zu haben. Marie ist wenig begeistert davon, dass wir uns schon wieder trennen wollen, aber es geht nun einmal nicht anders, und so trennen sich unsere Wege. Ich fahre zum Königsforst, Adriano, Marie und Mortima laufen dorthin. Unnötig zu sagen, wo genau wir uns treffen werden. Adriano und ich wissen beide sehr gut, wohin unser Weg führt.

Ciprian versucht die Fahrt damit zu überbrücken, irgendwas zu sagen, doch er findet nicht die richtigen Worte. Genau genommen findet er gar keine. Ich bitte ihn, mir einfach nur Bescheid zu geben, wenn eine Ampel auf Rot umspringt und ich es vielleicht nicht bemerke. So hat er eine Aufgabe und ich mehr Sicherheit. Ganz so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe, ist das nicht mit dem Fahren, aber so lange nichts Unvorhergesehenes passiert, geht es schon. Irgendwann beginnt Ciprian wieder mit dem Erzählen, lässt sich nicht davon abbringen, aber ich weiß nicht genau, ob ich nur die Hälfte mitbekomme oder er die meisten seiner Sätze nicht beendet. Ich bekomme nur Satzanfänge mit. Nur ein Satz ist vollständig und brennt sich in dem Moment, in dem er ihn sagt, schon in meinen Kopf ein, ganz, ganz tief, und ich muss meine Hände um das Lenkrad krallen, um mich trotz seiner Wirkung weiter auf den Verkehr konzentrieren zu können. Er sagt:

„Gaia vergisst niemals und Gaia zahlt immer zurück … jedem.“

Ist das so? Wer bestimmt das? Ihre Kämpfer? Wir? Ja, ich zumindest bestimme das. Wer auch immer das war, die werde ich finden, wann auch immer, wie auch immer, und dann, ja, dann zahle ich es ihnen zurück. Am besten nicht nur den Mördern selbst, am besten gleich allen, die mitverantwortlich sind für all das. Kats Mutter, die das hätte verhindern können, wenn sie Kat anderes mit auf den Weg gegeben hätte, als sie es getan hat. Svens Krähe, die ihre Augen besser so aufgehalten hätte, wie wir es hätten tun sollen, würde Sven wohl sowieso vermissen, da war das Umdrehen des Halses wohl eher Segen als Strafe. Und da mir keiner den Hals umzudrehen bereit war, ausgenommen vielleicht die, die noch immer hinter uns her sein mochten, würde auch ihr niemand den Hals umdrehen. Diese schwarze Schlampe von der U-Bahn, die kam jedoch auf meine Liste, ebenso wie kriminelle Kölner, die es nötig machten, dass ein Paul eine solche Sicherheitsfirma hatte und so weit weg von allem war durch sie und durch was auch immer er so erlebt hat und wir nicht erfahren haben. Nein, nicht alle Kriminellen. Erst mal nicht. Erst mal haben sie die Leute in Angst und Schrecken versetzt, und damit haben sie Darzel zurückgebracht. Und der, der ist jetzt gerade der einzige, an den ich mich wenden kann. Ich mich, wir uns. Mein Zorn ist unbeschreiblich, aber noch immer in Watte gepackt, wird gelenkt, formt sich zu Rachegedanken, Zerstörungswut, Zerstörungslust, bekommt ein Ziel. Ich hoffe, all das ist fertig geformt, bis die Watte von mir weicht und ich wieder im freien Fluss oder im freien Fall bin. Wenn nicht, wäre das beängstigend. Nicht für mich. Nur für die anderen. Alle anderen vielleicht. Wer weiß?

Mit diesen Gedanken voll bis obenhin erreiche ich endlich den Hügel im Königsforst. Wie Schneeweiß es uns gezeigt hat, umkreise ich rückwärts den linken Baum und vorwärts den rechten, beide drei Male. Das Tor erscheint, doch Ciprian kann es nicht sehen. Ich erkläre ihm die Schrittfolge, er macht es mir nach und es funktioniert. Ich ziehe Taylor aus dem Auto. Ciprian will mir helfen, aber ich wiegele ihn recht barsch ab, verweise darauf, dass er lieber Sven nehmen solle. Das Tor ist schwergängig und es kostet mich einige Mühe, bis ich es aufgestoßen bekomme und mit Taylors Körper hindurch kann. Ich warne Ciprian vor den Abgründen rechts und links und gemeinsam ziehen wir die Toten weiter und weiter, bis wir endlich die Burg am Ende des Weges erreichen.

Eine seltsame nackte Frauengestalt mit ledriger Haut und Flügeln klettert von einem der Türme, die ebenfalls eigenartig geformt sind, zu uns herab. Sie hat lange Krallen, die man am Mauerwerk klackern hört und mit kreischender Stimme fragt sie nach unserem Begehr.

„Wonach sieht es denn aus? Wir wollen rein“, antworte ich, doch sie fragt weiter und will wissen, wer wir sind. Ich stelle uns vor, alle vier, doch noch immer ist sie nicht zufrieden, und als ich ihr sage, dass wir zu Darzel wollen, lacht sie nur schrill auf. Noch eine, der es sich den Hals umzudrehen lohnt, denke ich, als das Vieh plötzlich wie von irgendwas getroffen zusammenschrickt und sich zurückzieht. Die Tore öffnen sich und heraus tritt eine hoch gewachsene schlanke Ritterin und ein paar noch viel größere Gestalten, die ebenfalls wissen wollen, was wir wollen. Meine Fresse, da machen die so einen Zirkus um diese bekackten Bäume vor dem Außentor und dann muss man noch an 120 Wachhäuschen vorbei oder wie ist das hier? Ich steh hier mit zwei toten Rudelmitgliedern. Zur Hölle, lass mich da rein! Das denke ich, aber ich reiße mich zusammen, habe auch schlicht keine andere Idee, was ich machen soll. Wenn die uns hier wegschicken, weiß ich nicht mehr, wohin. Dann können wir die beiden nur noch im Wald verscharren, wo irgendwann vielleicht ein Spaziergänger … nein, das geht nicht. Ich bleibe höflich, so freundlich wie möglich, wenn auch wortkarg, wiederhole, zu Darzel zu wollen, meine Kameraden begraben zu wollen. Und zu meinem Glück kommen dann auch schon Adriano und Mortima ebenfalls an und ich kann Adriano das Wort überlassen. Das mache ich umso lieber, nachdem er mir mitgeteilt hat, dass Marie Kat herbringen würde. Kat … Also würde ich sie noch mal wiedersehen. Noch einmal … nichts.

Wir dürfen hinein, können Taylor und Sven auf Bahren betten, müssen nur kurz warten, während man uns einen Raum vorbereitet, in dem wir schließlich Altäre vorfinden, auf die wir die beiden legen können. Wasser, Öle, Holz, Kräuter … was auch immer wir brauchen könnten, scheint da zu sein. Nur das Schlagen zweier weiterer Herzen nicht.

Adriano beginnt damit, Taylor auszukleiden, ihn zu waschen, einzuölen, ihn zu salben, wie man sagt, ihn vorsichtig wieder anzukleiden. Ich stehe daneben, bereit zu helfen, doch während ich nur da stehe und Bereitschaft signalisiere, ist es Ciprian, der tatkräftig hilft und ich bin die, die Kleidung zurecht legt und irgendwelche Dinge anreicht. Mehr kann ich nicht. Mehr geht nicht in und durch meine Hände – bis Marie mit Kat in der Tür steht und sich wie aus dem Nichts ein weiterer Altar in die Höhe schiebt, auf den wir sie legen können. Ich atme tief durch, einmal, mehrmals. Weil ich es kann. Weil ich mich daran erinnern will, dass ich es kann. Dass ich es will. Leben.

Die anderen lassen mich eine Weile mit Kat alleine und wieder sehe ich sie an, diesmal nicht mehr in steriler Umgebung. Ich lasse mir Zeit damit, sie aus dem Laken zu wickeln, dieses widerliche Krankenhaushemd zu entfernen. Das Wasser in der Schüssel ist noch immer warm, als ich hinein greife und nach dem Schwamm greife, nachdem ich vorsichtig alle Pflaster aus ihren Haaren gezogen habe. Sie haben ihr die Haare teilweise rasiert. Und es wäre noch immer Kat, auch wenn keine übrig geblieben wären. Sie ist es. Das habe ich verstanden, habe ich sacken lassen, habe es akzeptiert. Und mit dieser Akzeptanz zwinge ich mich dazu, ein Stück aus meiner Watte zu kriechen und zuzulassen, dass es weh tut, verdammt weh tut, und dass es mir unendlich leid tut, während ich zum ersten und zum letzten Mal über jede Stelle ihres Körpers fahre, erst mit dem Schwamm, dann mit dem Öl, bis ich mir einbilden kann, ihre Haut sei wärmer geworden, bevor ich das Hemd wieder über sie lege, ohne es zu schließen, und das Laken wieder über ihr ausbreite, nur den Kopf frei lasse, damit sie sehen kann, was auch immer ihr Blick jetzt noch oder erst ab jetzt einzufangen vermag.

Ich bleibe noch eine Weile bei ihr, halte ihre Hand, fahre ihre Finger entlang, küsse ihre Stirn, muss plötzlich an ein Lied denken, das vor einigen Jahren, als es diese Tsunami-Katastrophe in Thailand gab, ziemlich oft lief: „Und obwohl du sie kennst, die Zeit und ihre Regeln, steht das dem Leid im Moment nicht entgegen. Also lässt du es zu und es dringt tief in dich ein, du wehrst dich nicht mehr, du lässt es herein. Und dann begreifst du … wenn du daran nicht zerbrichst, dann reifst du. Und dann entdeckst du … wenn du das überstehst, dann wächst du, dann wächst du.“ Aber ich wollte mit ihr zusammen wachsen, nicht alleine, nicht ohne sie, schon gar nicht wegen ihr. Was ich will, danach hat mich aber wieder mal keiner gefragt.

Nach einer ganzen Weile nehme ich mich zusammen und lasse die anderen wieder rein. Adriano sagt einige Worte, Mortima hilft beim Anzünden von vier Fackeln. Eine zündet den um Sven gebildeten Scheiterhaufen an, eine Taylors, meine Kats, während Ciprian eine als Symbol einfach in der Hand brennen lässt bei uns. Mortima stimmt ein schottisches Trauerlied an und auch ich habe noch einiges zu sagen. Manches spukte bereits in meinem Kopf, anderes entsteht im Moment, ohne dass ich mich auch nur wenige Minuten später noch daran erinnern könnte. In der Nacht des Rudelrituals war das anders gewesen, lang vorbereitet und verschämt. Das ist jetzt alles anders.

Irgendwann teilt man uns mit, dass Darzel noch mit uns sprechen wolle. Richtig, eigentlich hatte ich ja zu ihm gewollt, richtig? Nein, das hatte ich nicht. Ich hatte gewollt, was er uns hier ermöglicht hatte. Das war nett von ihm und ich höre mich mehrfach Danke sagen, an diese groß gewachsene schöne Frau, an diese riesigen Kerle, die ein bisschen mithalfen, an Darzel selbst, der allein auf seinem Thron sitzt, ohne Schneewittchen.

Er bietet uns an, uns den Schmerz zu nehmen. Ich sehe Adriano fragend an. Soll er für uns beide sprechen, doch Adriano will, dass jeder für sich spricht. Und dann sagt er doch genau das, das ich denke: Nein. Ich brauche den Schmerz noch. Ich kann damit leben. Leben.

Aber etwas anderes brennt mir auf der Seele. Nicht noch mehr Verluste, ich kann nicht noch weitere ertragen – vor allem einen nicht. Ich bitte ihn, wenn er kann, mir zu helfen, meinen Bruder zu schützen, und Darzel sagt, er könne. Er zieht sein Schwert, legt seine Hand darauf, ich die meine auf seine und wir leisten einen Schwur. Immer fünf Stunden an fünf Tagen der Woche bin ich in Darzels Nähe, damit er sich von meinem Zorn nähren kann, ein Jahr und einen Tag lang, dafür schützt er Michael, und sollte er in Gefahr sein, soll er nur drei Male Darzels Namen denken und er wird ihm zur Hilfe kommen. Bricht einer von uns sein Wort, soll denjenigen ein mächtiger Fluch treffen, doch so lange wir unser Wort halten, begleitet uns ein minderer Segen, was auch immer das bedeutet.

Ich fühle mich ein bisschen, als würde ich meine Seele verkaufen, aber das ist nicht schlimm. Wie das mit den ganzen Stunden funktionieren soll, weiß ich noch nicht, aber ich bin fest entschlossen, mein Wort zu halten, und ich habe Zorn genug, um welchen abzugeben. Genug für zwei, genug für die halbe Welt, wenn nicht mehr, so ist zumindest mein Eindruck.

Wir wenden uns zum Gehen, als Schneewittchen plötzlich doch hinter Darzel erscheint und sagt:
„Es ist getan. Alles ist eingefroren.“
„Die Opfer?“, fragt er nach und sie antwortet schlicht:
„Zwei Millionen.“
Ich will gar nicht wissen, worüber genau sie reden, doch Ciprian fragt nach, was das bedeute und erhält zur Antwort:
„Nun ja, Fukushima war nicht ganz unbewohnt.“
Marie zieht Ciprian an den Fingern hinter sich und damit hinter uns her und wir gehen.

Kaum haben wir Darzels Reich verlassen, hören wir Wolfsgeheul in der Ferne. Trauergeheul, jemand trauert um seine Kinder, jemand anderes stimmt Kriegsgeheul an. Solarienne und noch jemand. Sie rufen. Wir machen uns auf den Weg. Noch so ein schwerer, den wir gehen müssen. Ich frage mich, ob das alles je vorbei ist oder je zumindest so vorbei, dass ich aus der Watte gleiten kann.

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