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16. Inplay, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – „Assamiten in Kronstadt“

Das Beste an den Auseinandersetzungen war die sich daran anschließende Nähe, das war immer so. Viel Zeit war von der Nacht nicht mehr geblieben, doch ich ging zu ihr, kniete mich neben sie, stützte mich mit beiden Händen auf dem Boden ab und lächelte, konnte gar nicht anders. Sie lag da, umgeben vom lockigen Feuer ihrer Haare, wie Devi. Mahadevi. Wie passend. Die große Göttin, die alle anderen in sich vereint. Mich in sich auf jeden Fall.

Eine Sommerwiese entstand unter uns und um uns herum, es war gar nicht so einfach, ihr Farben zu geben. Grell rot leuchtende Mohnblüten, saftiges grünes Gras, zart weiße Gänseblümchen, ein leises Flattern und Summen überall, nur leise, damit es nicht die Königin übertönt, ihr keinen Raum nimmt. Nicht das gleißende Licht der Sonne, und doch ihre Wärme, ein heißer Sommertag, dennoch warm-feuchter Tau auf der Wiese. Und in all diesem Strahlen große, weiche Flocken, die vom Himmel fielen und auf ihrem Körper zu Kristallen zersprangen. Bienenkönigin. Schneekönigin. Wiesenkönigin. Der Duft der letzteren zog fein mit einer sanften Brise über uns hinweg.

Ich beugte mich hinunter, drückte meine Lippen ganz seicht auf die ihren, blickte in ihre smaragdgrünen Augen, bis ich sie erreichte, schloss sie dann. Keine sonstige Berührung, nur diese. Ich verharrte einen Moment, bevor ich mich neben sie legte, nach ihrer Hand griff und sie mir auf die Brust legte.

„Ich muss dir da noch etwas sagen. Etwas Wichtiges …“, begann ich und hoffte, nicht doch noch ihr die Laune oder mir mein Glück zu verderben. Ich bat sie, mit meinen Augen zu sehen, mit meinen Ohren zu hören, zu fühlen, was ich fühlte, alles, was ich ihr zeigen wollte, mit allen erdenklichen Sinnen wahrzunehmen.

Dann zeigte ich ihr zur Gänze, wovon sie bislang nur Bruchstücke kannte. Alles. Den Wald, die Wolflinge, die rettende Mauer, die Lichtung, die Reise zurück. Ich zeigte ihr, woher der Sari stammte, den alle so bewundert hatten, zeigte ihr, dass in meiner Brust kein Herz mehr lag, zeigte ihr sogar all die Momente, die mich damals so verwirrt hatten, mich so unsicher hatten werden lassen, die Intimität, die all das für mich hatte, den chaotischen Sturm in mir, an den ich mich noch erinnern konnte. Nichts ließ ich aus. Und ich zeigte ihr die Vereinbarung von damals, so peinlich sie auch war. Das spielte jetzt keine Rolle, ich konnte mich nicht mit Peinlichkeiten aufhalten, dafür war all das zu wichtig. Viel, viel zu wichtig. Und zum Abschluss zeigte ich ihr, dass ich schon seit einem Jahr in jeder Meditation einer jeden Nacht jeweils hundert Mal die Worte ins Irgendwo richtete, dass ich mein Herz zurück haben wollte.

Sie blinzelte, ihre Augen füllten sich mit Blut. Sie schien sie erst verstecken zu wollen, doch dann sah sie mir in die Augen und ich fühlte, was sie fühlte, spürte ihre Trauer – um mich.

„Dürfen wir es fühlen?“, fragte sie mich in Gedanken und als sie meine stumme Zustimmung vernahm, ergriff sie meine Hand und ließ ihre andere langsam durch meinen Brustkorb sinken, wo sie nichts als Leere fand.

„Oh, Durga, wir dachten, es würde uns gehören. Wir wollen nicht mit ihm teilen. Wir wollen es haben. Bis dahin wird dieses hier für uns beide da sein.“

Sie zog meine Hand zu sich, legte sie zwischen ihren Brüsten ab, schien einen Moment lang zu zögern, doch dann schob sie meine Hand langsam tiefer. Sie begrüßte mich regelrecht in sich, ihr Blut umspülte meine Hand, als sei es aufgeregt und ich vernahm ein Flattern ihrer Lungenflügel. Wie Schmetterlinge. Ich spürte die Vibration leisen Brummens in ihr und dann erreichte meine Hand ihr Herz – den knöchernen Harnisch darum, das es schützte. Sie ließ die Knochen sich beiseite biegen, streifte sie ab und saß nackter vor mir als je zuvor, ihr Herz in meinen Händen.

„Es ist geschützt, Durga. Vor allem, außer vor dir. Unser Herz gehört dir.“

So viele gemeinsame Nächte, in denen ich dachte, es könne nicht mehr besser werden, es könne mir nicht mehr besser gehen, ich könne mich nicht besser fühlen, könne nicht mehr Intensität erleben. Und schon so oft hatte ich mich geirrt. Und ebenso oft war ich dennoch jedes einzelne Mal sicher gewesen, nun das Ende des Möglichen erreicht zu haben. Jedes Mal lag ich falsch. Scheinbar gab es irgendwann tatsächlich keine Grenzen mehr. Ich konnte jedenfalls keine mehr entdecken.

Dass ich nie auf die Idee gekommen war, dass sie natürlich ihr Herz schützen würde, dass es natürlich ebenso der Perfektion entgegen strebte wie alles sonst an ihr. Dabei war sie für mich längst vollkommen. Mehr als das. Diese Geste und ihre Gedanken ließen meine Augen sich mit Tränen füllen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Es gab nichts mehr zu sagen. Ich nickte nur und schwieg. Behutsam streichelte ich über ihr Herz und zog die Hand schließlich wieder zurück, legte sie an ihre Wange und strich ihr durchs Gesicht, hinterließ blutige Spuren. Dann näherte ich mich ihr und leckte ihr das Blut aus dem Gesicht, langsam, genussvoll, ließ keinen Flecken übrig, bevor ich weiter zu ihren Lippen wanderte und meine Zunge die ihre suchte.

Meine Hände suchten ebenfalls, suchten die ihren, ließen Finger zwischen Finger gleiten und umschlossen sie damit zur Gänze, drückten sie sanft zu Boden, während ich sie unentwegt küsste. Langsam presste ich sie zu Boden, auf den Rücken, während sie ihre Seite längst wieder verschlossen hatte, setzte mich auf ihren Nabel, wie eine sich buckelnde Katze gebogen, um den Kontakt zu ihrem Mund nicht zu verlieren. Meine Brüste stießen fast an ihr Kinn in dieser Haltung, betteten sich fast im letzten Augenblick in die Kuhlen ihrer Schlüsselbeine, während die ihren sich gegen meine Rippen pressten. Sie mochte die Leere dahinter sehen und spüren, doch mein wahres Herz lag woanders. Ich selbst war mein Herz. Mein ganzes Ich, alles, was ich war, bin und je sein, tun und denken würde, all das war mein Herz.

Sie musste schon lange nicht mehr warten, um auch an mir Wärme zu finden, und so war es auch jetzt nicht anders. Eine milde, zärtliche Wärme, die sie erreichte, die ihr alles anbot, alles, was sie wollte, alles was sie brauchte und alles, wovon sie träumte.

„Vergiss den Traum nicht, Melissa. Alles andere ist unwichtig. Du bist alles für mich. So lange du nur von mir träumst, bin ich da. Immer. Bei dir … neben dir … auf dir … unter dir … in dir …“

__________________

Magdalena berichtete aufgeregt und ohne Umschweife, dass man Jaris vernichtet hatte. Sie wünschte eine sofortige Zusammenkunft und ich bat Reynaud, sich darum zu kümmern, dass alle anderen Bescheid bekamen von einem solchen sofortigen Treffen.

Es dauerte nicht allzu lang, bis sie alle bei mir eintrafen. In der Zwischenzeit hatte ich die Blutbarriere am Hauseingang und am Zugang zum Versammlungsraum erneuert und ein paar Worte mit Magdalena gewechselt. Ich musste mich anstrengen, keine bissigen Bemerkungen fallen zu lassen, denn trotz der Ereignisse der letzten Nächte entlockte mir Jaris‘ Vernichtung schwerlich etwas anderes als ein Schulterzucken. Doch nur, weil sich das Gefühl des Verlustes in Grenzen hielt, war das kein Grund, sich leichtsinnig zu zeigen.

Melissa kam nicht allein zur Versammlung – sie kam zu fünft. Fünf Male stand diese hübsche Frau vor mir, wegen der wir uns in der letzten Nacht gestritten hatten. Fünf Male setzte sie mich diesem Gesicht, dieser Gestalt aus und meine wenig begeisterten Kommentare ignorierte sie schlichtweg, selbst den, dass für so viele kein Sitzplatz zur Verfügung stehe, beantwortete sie einfach damit, dass sie stehen könnten. Ich wollte nur eine von ihnen einlassen und den Rest vor der Tür stehen und dort von mir aus versauern lassen, aber … welche von ihnen? Welche von ihnen war wirklich Melissa? Eine? Alle? Mit einem Seufzen verwarf ich meinen Plan und ließ sie widerstrebend alle ein.

Als wir alle beisammen waren, berichtete Magdalena, von Jaris‘ Vernichtung geträumt zu haben, ihn noch zu warnen versucht hatte, jedoch zu spät gekommen sei. Doch sie hatte noch einiges an Detailwissen parat: Sie hatte fünf Assamiten gesehen, von denen zwei im Verlauf der Auseinandersetzung gefallen waren, doch die verbliebenen fünf hatten einen verbalen Schlagabtausch mit einer Toreador, die sehr aufgebracht und unzufrieden schien. Sie schalt die drei Meuchler, bislang nicht das Gewünschte erreicht zu haben. Sie sprach davon, dass sie gefälligst ihren Auftrag zu erfüllen hatten: Die Vernichtung der Vampire, die den Propheten, den Nekromanten und den Ventrue getötet hatten. Sie übergab den Assamiten eine Schlange, die ein tödliches Gift in sich bergen sollte sowie eine Kanope, mit der sie den Prinzen der Stadt unter Druck setzen oder vernichten konnten.

Ich kniff die Augen zusammen und ließ mir die Toreador genau beschreiben. Nach Magdalenas Beschreibungen war ich mir sicher, dass sie von Rabakti sprach, und wenn sie von Rabakti sprach, sprach sie also zugleich von Shukaris, denn sowohl diese Schlange als auch die Erwähnung der Kanope bekräftigten diesen Eindruck. Und es war klar: Diese Mörder hatten nun mein Herz!

Magdalena verabschiedete sich zügig, um ihren Sohn aufzusuchen, den sie ebenfalls noch warnen wollte und wir anderen blieben allein zurück. Mir waren nur zwei Dinge wichtig: Dass möglichst alle anderen Vampire Kronstadts nicht ebenfalls Opfer weiterer Eindringlinge in die Stadt wurden, aber vor allem, dass ich diese Kanope in die Finger bekam. Ohne Genaueres zu verraten, wies ich die anderen auf ihre Dringlichkeit hin. Auf Nachfrage gab ich an, eine gute Vorstellung davon zu haben, welches Druckmittel diese Assamiten damit in den Händen hatten, behielt Einzelheiten jedoch für mich.

Adonai nahm die insgesamte Problematik von allen am ernsten, wie es schien. Er nutzte die Gelegenheit, uns anderen mehr von den Assamiten zu berichten, gegen die er wohl bereits in der Vergangenheit etliche Male gekämpft hatte. Dass er schon die Existenz von dreien von ihnen innerhalb Kronstadts Mauern für nicht nur bedenklich, sondern durchaus im mindesten für gefährlich, vermutlicher sogar noch für tödlich hielt, beruhigte uns andere nicht gerade.

Dennoch hörte ich nur mit halbem Ohr zu, denn in Gedanken war ich noch immer bei der Kanope. Wie konnte er sie in diese Hände geben – und warum? Nur weil man acht geben sollte, was man sich wünschte? Was kümmerte ihn Constantine McMillan? Er hätte ihn selbst vernichtet, wenn die anderen mich damals gegen sein Leben und das von Nova Arpad ausgetauscht hätten. Was kümmerte ihn der Nekromant, vielleicht einmal abgesehen davon, dass er ihm treu ergeben gewesen war – und abgestellt zu meiner Beobachtung und meinem Schutz? Und was kümmerte ihn vor allem Jean-Baptist? Die Mörder des Propheten … da musste er doch nur die Klinge gegen sich selbst richten! Wäre er nicht gewesen, hätte er mich nicht betrogen, da schon, wäre Jean-Baptist noch immer einer von uns.

Uns vernichten lassen … warum? Was war das für ein Spiel, das er da trieb? Meine Vernichtung konnte er um so vieles leichter haben, wenn er wollte, stattdessen setzte er drei solcher Assamiten auf das Spielfeld, auf mein Spielfeld, und ließ uns, ließ mich ihnen wie ein Esel einer Karotte folgen? Warum ging er nicht einfach dorthin, wo der Pfeffer wuchs, in meiner Heimat nämlich, und blieb dort für sich, ließ mich einfach in Ruhe? Oder kam selbst her und beendete das Ganze, wenn er meiner Existenz überdrüssig geworden war?

Das Gerede, ob wir nun zusammen blieben oder uns aufteilten, ob wir warten sollten, bis die Meuchler zu uns kamen oder unsererseits nach ihnen suchten, langweilte mich. Mir war egal, ob wir blieben oder gingen. Es war völlig egal, ob ich mich hinter meiner Barriere hier verschanzte oder offen auf die Straße ging. So lange die Kanope in ihrer Hand war, konnte es für mich ohnehin jeden Moment vorbei sein. Einzig die Tatsache, dass auch die anderen, dass auch Melissa in Gefahr war, so lange die Assamiten in der Stadt waren und nach unserer Vernichtung strebten, machte es für mich interessant, sie aufzuspüren und zu vernichten, bevor umgekehrt sie es mit uns taten.

Wir suchten gemeinsam Magdalena auf, doch erfuhren nur von einem Diener, dass sie vor kurzem die Stadt mit ihrem Sohn verlassen habe. Ob es stimmte oder nicht: Feiges Stück! Anstatt sich der Gefahr mit uns anderen zusammen zu stellen, verschanzte sie sich sonst wo und vergrößerte damit nur noch die Gefahr für uns alle, obwohl sie über Fähigkeiten verfügte, die das Aufspüren der Meuchler mindestens erleichterten.

So waren wir auf uns gestellt und auf Adonais Empfehlung hin bewegten wir uns in zwei Gruppen spiralenförmig durch die Stadt in Richtung der Slums, um unsere Gegner aufzuspüren. Es war Adonais Gruppe, die schon bald zwei von ihnen auf Häuserdächern sahen und es war Reynaud, der eins der Häuser daraufhin in Brand steckte – leider nicht auch den darauf befindlichen Gegner. Fast alle stoben wir auseinander, als die Flammen empor schlugen und teilten uns somit unfreiwillig auf. Fast ein Wunder, dass es uns gelang, erneut auf dem Marktplatz zusammen zu treffen, bevor sich die Assamiten unsere Aufteilung zunutze machten.

Unser Glück hielt allerdings nicht allzu lang, denn noch bevor wir uns erneut aufteilten, wurde Reynaud von hinten mit einem Schwert durchbohrt. Der Klingenführer kam aus dem Nichts, versenkte seine Klinge in Reynauds Brust, zog sie wieder heraus und verschwand so schnell, wie er gekommen war, ohne dass wir auch nur den Hauch einer Chance hatten, ihn festzuhalten oder unsererseits anzugreifen.

Wir liefen weiter und plötzlich drehte sich Viktor nach hinten um, deutete ins Nichts und rief: „Ich seh dich!“ Während wir anderen noch damit beschäftigt waren, uns über Viktor zu wundern, reagierte Adonai bereits und versuchte, den für mich noch immer unsichtbaren Angreifer festzusetzen, doch der spuckte Adonai gegen den Helm, durch den sich das ätzende Blut sogleich hindurch bis zu Adonais Gesicht fraß, und konnte fliehen.

Wir beschlossen, zu mir zu gehen und uns somit erst einmal zurückzuziehen, als mehrere Dinge zugleich geschahen: Noch bevor wir so recht wussten, was geschah, wurden Svetlana, Melissa und ich von den giftigen Klingen der Assamiten durchbohrt, zeitgleich, alle drei. Der Schmerz war nicht nur plötzlich, er war auch unbeschreiblich heftig und einen Moment lang konnte ich nicht mehr, als mich einfach nur auf den Beinen zu halten, nachdem die Klinge wieder aus meinem Körper gezogen wurde.

Adonais Klinge fuhr wie eine Sense durch den Hals einer der Angreifer und trennte den Kopf mit einem Streich fast gänzlich vom Körper, Reynaud setzte einen von ihnen fest, indem er ihn mit seinen Fähigkeiten schlicht ein Stück in die Luft hob, doch der dritte Assamit griff ein weiteres Mal an und Viktor ging reglos zu Boden.

Dann erschien eine Windböe bei uns und verwandelte sich in Sorin, der angesichts der Situation sein Schwert bereits gezogen hatte und den letzten Angreifer derart durchbohrte, dass diese sich um die Klinge herum in Asche verwandelte.

Während Adonai dem halb kopflosen Assamiten den Rest gab, zog Melissa dem in die Luft Gehobenen die lederne Maske vom Kopf, um ihn zum Schweigen zu bringen, bevor sich Adonai dessen Gliedmaßen entledigen wollte. Der Schwebende spuckte Melissa jedoch an. Sein ausgespucktes Blut war ätzend und Melissa verlor fast augenblicklich ihren rechten Arm. Getroffen von diesem Blut, löste er sich von unseren Augen fast vollständig auf, doch Melissa ließ sich wenig anmerken und streckte geistesgegenwärtig einfach ihren anderen Arm aus, um den Mund des Gefangenen zu verschließen, was ihr dann auch gelang.

Sorin sagte, er sei eigentlich gekommen, um eine Einladung auszusprechen, doch das könne noch eine Nacht warten, bis er sich offiziell damit an uns wenden würde. Er zeigte sich recht beeindruckt davon, dass wir fast allein mit den Assamiten fertig geworden waren und vor allem äußerte er seinen Stolz über seine Töchter. Aus den Augenwinkeln vernahm ich das Strahlen in Svetlanas Augen und blickte verstohlen zu Melissa hinüber, die jedoch keine Regung erkennen ließ. Das gab mir die Möglichkeit mitzubekommen, wie vertraut er und Adonai wirkten. Sie ließen keinen Zweifel daran, sich schon lange zu kennen, wirklich lange.

Ich ließ Adonai den Gefangenen, der ohne Beine zwar nicht mehr weglaufen, allerdings entsprechend auch nicht mehr selbst laufen konnte, ebenso wie Viktor tragen und vor Melissa laufen. Svetlana und ich liefen an Melissas Seite und Viktor ließ ich in Melissas Rücken laufen. Svetlana zeigte sich nicht sehr begeistert, als Schutzschild eingesetzt zu werden, aber das störte mich wenig, immerhin stand ich selbst auf der anderen Seite und setzte sie somit keinem Risiko aus, dem ich mich nicht selbst auch ausgesetzt hätte.

Als wir mein Haus erreichten, erklärte ich Sorin, er sei willkommen, mit herein zu kommen, doch dazu müsste ich ihn erst berühren. Er stimmte nur widerwillig zu, was mich ziemlich amüsierte, dann geleitete ich die anderen in den Versammlungsraum. Ich ließ zehn Kinder wecken und zu uns hinunter bringen, während Svetlana Viktor in den Garten bringen ließ, wo sie ihn der Erde übergeben wollte. Ich empfahl ihr die Mitte des Gartens, ohne mich weiter dazu zu äußern und ging zu den anderen. Gerade wollte Sorin Adonai warnen, als eine Schlange über dessen Schulter erschien und Adonai biss, bevor sie in Windeseile verschwand. Adonai wusste wohl bereits, was Sorin aussprach: Ihr Gift war tödlich, wenn auch erst im Verlauf von Jahren. Doch die einzige Möglichkeit für Adonai war, einen Heiler seiner Art zu finden, um ihr Gift loszuwerden und davon gab es, so bekam ich mit, vielleicht gerade mal eine oder zwei Hand voll.

Ich selbst war eher irritiert, wieso diese Schlange es hier in diese Gemächer geschafft hatte, doch Reynaud brachte mich darauf, dass der Gefangene die Barriere durch meine eigene Berührung habe überqueren können und er sie bei sich gehabt haben musste. Wenn er die Schlange bei sich hatte, dann … ich schickte Reynaud los, rasch die hinterlassenen Aschehaufen draußen nach weiteren Hinterlassenschaften, vor allem jedoch nach der Kanope zu suchen und versuchte meinerseits, den Überlegungen Adonais und Sorins, wie Adonai dem langsamen Tod entgehen könne zu lauschen.

Es dauerte nicht lang, bis Reynaud mit der Kanope in den Händen zurück kam. Ich riss sie ihm beinahe aus den Händen, er übergab sie mir mit einem Lächeln und den Worten, sie käme von Herzen, doch diese Anspielung war mir im Augenblick egal. Ich entschuldigte mich und ging in meine eigentliche Zuflucht, versuchte die Kanope zu öffnen, zog und zerrte, bis ich damit begann, sie gegen die Wand zu werfen, wieder und wieder, bis sie endlich zerbrach, zu Sand zerfiel und darauf mein Herz zum Liegen kam. In dem Moment übermannte mich der Hunger und es gelang mir nur noch gerade so, das Herz behutsam in meinen Sari zu knoten, bevor ich zu den anderen in den Raum stürzte, das nächstbeste Kind in die Arme schloss und es gierig austrank. Erst mit dem Absetzen erkannte ich, was ich getan hatte und tat so, als brächte ich das schlafende Kind in mein eigenes Bett, um die anderen nicht zu beunruhigen, nicht sicher, ob und unter welcher Art der Kontrolle sie gerade standen.

Melissa folgte mir und als wir allein waren, zog ich das Herz vor und zeigte es ihr mit einem Lächeln, das sie erwiderte.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht“, meinte sie und ich stimmte ihr zu. Nun, für sie war es nur die eine Nacht des Wartens gewesen, für mich ein ganzes Jahr, doch beides waren kurze Zeiträume verglichen mit denen, die es hätte dauern können.

So gut sie mit nur einem Arm konnte, brachte sie das Herz in meinen Brustkorb ein und verschloss das Ganze notdürftig, so dass ich den Sari höher knoten musste, um keine Wölbung an einer ungewöhnlichen Stelle erkennen zu lassen, dann kehrten wir zu den anderen zurück. Immerhin hatten wir noch einen Gast und es war jetzt keine Zeit für Zweisamkeiten. Schade.

Allzu lang hielt Sorin sich allerdings nicht mehr auf. Er zog sich mit Adonai noch zu einer Besprechung zurück in einen der oberen Räume, danach verabschiedete er sich bis zur folgenden Nacht. Adonai bat auch mich noch um ein Gespräch unter vier Augen, in dem er nach meinen Plänen für den Gefangenen fragte und erkennen ließ, dass er ihn zu vernichten gedachte, allerdings nicht, ohne sich seine Seele einzuverleiben. Mir war gleichgültig, was mit ihm geschah. Ich hatte, was ich wollte, was ich dringend brauchte, der Rest interessierte mich nicht mehr, also gab ich ihm meine Erlaubnis unter der Voraussetzung, dass er Melissa sein Anliegen ebenfalls vortrug und sich mit ihr abspräche.

Bevor wir zu den anderen zurückkehrten, sprachen wir noch über den Biss, den er erlitten hatte und er berichtete von seiner Tochter Ansinae. Ich erinnerte mich an die Frau, die ich damals bei Goratrix gesehen hatte, die Tobias geheilt hatte, nachdem dieser nach seinem Ausrasten aus heiterem Himmel von Svetlana wieder unter Kontrolle gebracht worden war. Das war also seine Tochter? Sie war es und betrübt erzählte Adonai, sie sei etwas Besonderes gewesen, da sie, eine ehemalige Nonne, eine bestimmte Gabe beherrschte, die sie von niemandem erlernt hatte. Eine Gabe, die er selbst benötigte, wie er mir sagte. Doch sie habe sich nicht nur von ihm abgewandt, sondern sei übergelaufen zu einem anderen.

Wir sprachen über die Auftraggeberin der Assamiten, er fragte, ob mir ihre Beschreibung etwas sagte, da ich Magdalena entsprechend gezielte Fragen gestellt hatte und ich nickte. Ich erzählte in ein paar Worten das Wenige, das ich von Rabakti wusste. Dass sie meiner Ansicht nach nicht in eigenem Interesse gehandelt hatte, sondern in dem eines anderen. Darüber hatte ich in der Zwischenzeit tatsächlich nachgedacht: Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder agierte sie auf eigene Faust, doch dann hätte sie weder die Schlange noch die Kanope bei sich gehabt. So einfach kam man an beides ohne Einverständnis sicherlich nicht heran. Also blieb nur das Handeln in seinem Auftrag, Shukaris.

Zu meiner Überraschung sprang Adonai auf dessen Erwähnung ziemlich an. Er sei derjenige, zu dem seine Tochter übergelaufen sei. Natürlich, darum war sie damals ebenfalls bei Goratrix gewesen … dass ich diesen Schluss nicht sofort selbst gezogen hatte! Wenn Adonai auf sie setzte, um das Gift aus seinem Körper zu bringen, stand sein Vorhaben wohl kaum unter einem guten Stern. Sie zu finden hieß vermutlich, auch ihn zu finden und er … war nicht zu finden, wenn er sich nicht finden lassen wollte. Eher fand er die gesuchte Hilfe im fernen Osten, da war ich mir ziemlich sicher.

Wir kehrten gerade rechtzeitig zurück, um noch mitzubekommen, dass Svetlana sich verabschiedete und in ihrer Burg nach dem Rechten sehen wollte. Beinahe entrüstet berichtete sie mir, die Pflanzen in meinem Garten seien wohl mehr als seltsam, denn sie hätten sich auf sie zu bewegt. Ich lachte in mich hinein. Ich hatte ihr doch gesagt, dass sie die Mitte wählen sollte … und hatte ich ahnen können, dass sie dort gleich hocken blieb? Nun ja, es war Viktor, der da begraben lag, vielleicht also hätte ich es mir tatsächlich denken können. Seltsame Pflanzen … das mochte sein, doch sie gehörten zu dem wenigen, auf das ich wirklich stolz war.

Auch Reynaud verabschiedete sich und Melissa und ich blieben allein zurück. Sie fragte, ob ich nun verstanden habe, was sie mir in der vorigen Nacht hatte sagen wollen: Alles war nur dazu da, es zu formen, war wie Wachs und unwichtig, ohne weitere Bedeutung. Nein, offenbar verstand ich noch immer nicht genug, denn warum dann das Leuchten in den Augen, warum die Folter, warum die Heftigkeit, mit der Melissa für all das eingestanden hatte? Sie erklärte mir, Informationen könne man niemals genug sammeln und schließlich sei das, was diese Frau da getan hatte, äußerst interessant und noch unbekannt, es wert, erforscht zu werden, Wissen zu sein, das man in sich aufnehmen konnte. Ich dachte einen Moment darüber nach und nickte dann, wenn auch bedauernd, meine Zustimmung nicht ihrem Gesicht, sondern dem dieser … Person zu schenken.

Sie wollte sich verabschieden und ich fragte, ob sie gern allein sein wolle. Mit einem Lächeln antwortete sie:

„Aber wir sind niemals allein.“

Ich mochte den Tag nicht allein verbringen und entschloss mich dazu, mit ihr zu gehen. Wir würden in der nächsten Nacht ohnehin rasch hierher zurückkehren und bis dahin würde Viktor schon allein zurecht kommen.

_____________

Sorin ließ in der nächsten Nacht nicht lange auf sich warten, und auch die anderen waren allesamt zeitig bei mir. Sorin berichtete von den Problemen mit den Osmanen und den Überlegungen der europäischen Kainiten, sich gegen die drohenden Gefahren mittels eines Bündnisses zu stellen. Während man einerseits einen Verbund beschlossen hatte, den man Camarilla nannte, standen die Voivoden Transsylvaniens dem nicht nur skeptisch gegenüber, sondern hatten zudem andere Lösungen dieser und anderer Probleme im Sinn. Sorin etwa wollte Vlad Dracul, den Pfähler und ein Wiedergänger, der Zehntausende auf dem Gewissen hatte, zu einem der unsrigen machen, um damit letztlich auch Herr über die Osmanen zu werden. Eine kritische Idee, wie ich fand, doch zugleich eine recht clevere.

Er berichtete, in Hermannstadt fände in einigen Nächten eine Versammlung der verbliebenden Voivoden statt, um vor allem über das Osmanen-Problem zu reden, zu der wir stellvertretend für Sorin gehen sollten. Zugleich sollten wir Dracul, der ebenfalls vor Ort sein würde, von dort aus zum Borgopass bringen. Ich sah nicht, was dagegen sprach, es kamen auch von den anderen keine Einwände und was mich betraf, so war ich sogar froh für einen Grund, mich endlich mal wieder ein bisschen außerhalb Kronstadts zu bewegen.

Außerdem bot uns Sorin ein Bündnis an und abgesehen von seinem ungeschickten Einstieg zum Thema, bei dem er erwähnte, der Rest seines Klüngels sei ja leider von ihm vernichtet worden, weil sie sich gegen seine Ziele gestellt hatten, sah ich auch hier keinen Grund, das abzulehnen. Vor allem seine Nähe zu Adonai, dem ich im Verlauf der Zeit zu vertrauen gelernt hatte, war für mich ausschlaggebend dafür, auch hier zuzustimmen. Außerdem schienen unsere Ziele zwar nicht identisch, jedoch einander nahe genug, wie ich es einschätzte.

Wir vereinbarten, in fünf Tagen aufzubrechen, allerdings zu meinem Bedauern nicht per Planwagen oder ähnlich, sondern mit dem Wind und mit Sorins Hilfe. In der Zwischenzeit gab es noch einiges zu tun: Svetlana wollte ihre Tochter aus Kronstadt heraus und zur Burg bringen, Reynaud bat ich, den Brief erneut aufzusetzen, nachdem nun die Option bestand, den Zwillingen in Hermannstadt zu begegnen. Also konnten sie mir dort darauf antworten oder wie gehabt nach Kronstadt. Svetlana sollte den Brief überbringen, sobald sie zurück war.

Aber das war nicht das einzig Wichtige, mit dem es sich zu beschäftigen galt. Während Reynaud, Viktor und Svetlana noch keine Zeit gehabt hatten, über Schauspiele nachzudenken, hatte Melissa nicht nur die Idee für eine Entschädigung „verprügelter Bürger Kronstadts“, um Adonais Jagdtrieb und die damit verbundene ängstliche Mentalität in der Stadt zu kompensieren, sondern sie und Adonai planten eine Art Gladiatorenspiele, wozu auch immer das genau gut sein sollte. Ich hörte in dieser Nacht nur mit halbem Ohr zu, denn ich hatte eigene Pläne, für die es allerdings noch zu früh war, um sie anzusprechen. Auf eine Nacht mehr oder weniger kam es nicht an.

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