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12. Inplay-Zusammenfassung: „Wattebausch aus Eis“ (Werwolf, TS)

Mittwoch, 01.06. Dreiviertelmond

Die Plakate am frühen Morgen in der Stadt aufzuhängen, ist irgendwie ziemlich witzig. Auch hier will Marie wieder unbedingt mitmischen, und gegen das Aufhängen von Plakaten spricht nun wirklich nichts, also reiche ich ihr ein Plakat und halte das Krepp-Papier bereit. Es dauert eine Weile, bis dieses Plakat hängt, denn selbst so eine einfache Sache traut sich Marie nicht alleine zu, so dass ich sie dazu motivieren und mit Worten unterstützen muss, bis wirklich so eine Marie-Plakat an der Litfass-Säule prangt. Irgendwann stößt zu meiner Überraschung sogar doch auch Paul noch zu uns und in Nullkommanix werden die Plakate, die unter den Arm geklemmt sind, statt irgendwo in Köln zu hängen, immer weniger.

Mein Handy klingelt plötzlich und als ich auf das Display gucke, sehe ich … unser Badezimmer zu Hause. Es ist über und über mit Reif überzogen, langsam bewegt sich etwas, bewegt sich jemand in diesem Raum in Richtung Spiegel, doch so wirklich zu sehen ist niemand, die Bewegung erfolgt quälend langsam. Viel zu langsam für mich. Hastig klappe ich das Handy zu und renne los, brülle den anderen noch im Vorbeigehen zu, dass es Probleme gibt, bei mir zu Hause, renne einfach weiter.

Die anderen fackeln nicht lange, als sie mich so außer mir erleben, laufen mir nach und schließen auf, als mein Handy erneut klingelt. Wieder das Badezimmer und diesmal deutlich das Gesicht von dieser Frau Winters. Sie sagt etwas und an den überraschten Gesichtern der anderen neben mir erkenne ich, dass auch sie Schneewittchen sprechen hören, obwohl ich den Lautsprecher nicht eingeschaltet habe. Moment … nein, ich habe den Lautsprecher wirklich nicht eingeschaltet. Vielleicht merken sich die anderen auch, was sie zu sagen hat, keine Ahnung, ich jedenfalls höre nicht wirklich hin. Ich bin außer mir vor Wut und herrsche sie an, dass ich innerhalb der nächsten zehn Minuten zu Hause sein werde und sie da vor der Tür erwarte – und wehe, wenn sie sich dann noch immer bei mir zu Hause in der Wohnung befindet.

Als wir mein Zuhause erreichen, steht Frau Winters tatsächlich draußen, neben ihr eine weitere Frau, die allerdings deutlich jünger wirkt als Frau Winters. Die beiden stehen neben einer Limousine und scheinen dort zu warten. Noch immer stinksauer laufe ich auf die beiden zu und bremse erst wenige Zentimeter vor Frau Winters, herrsche sie an, was ihr einfalle, einfach in mein Zuhause, in mein Bad, in meine Privatsphäre einzudringen!?

Ich bemerke Taylor besonders dicht bei mir, ebenso Kat, nur dass Taylors Körperspannung so stark ist, dass sie fast auf mich überspringt, während Kat sehr entspannt aussieht. Ich bin mir erst nicht sicher, als ich meine, sie „Guten Tag!“ sagen zu hören, doch dann, als Schneewittchen zu verstehen gibt, dass sie offenbar nicht einmal das Wort Privatsphäre kennt und sich der Höflichkeit halber entschuldigt, ohne wohl genau zu wissen wofür, ist es Kat, die ihren „Fehltritt“ zu erklären versucht. Die Schnalle ist in meine Wohnung eingedrungen, hätte meine Familie da drin abmurksen können, hat unser Badezimmer in eine Schlittschuhbahn für Scheißhausfliegen verwandelt und Kat … nimmt die in Schutz!? Ich reiße mich zusammen, konzentriere mich auf die Worte von Frau Winters, konzentriere mich auf Taylor, der zwar näher erläutert, was Privatsphäre meint, aber dem wie mir eine simple Entschuldigung nicht auszureichen scheint.

Schließlich kommt Schneewittchen zum Punkt und meint, sie sei gekommen, um mir ein Geschenk von Darzel zu überbringen. Es handele sich um Informationen, nur für mich bestimmt, die er mir geben möchte als Ausgleich, als Entschuldigung. Er habe bemerkt, dass mir sein Auftreten und seine unerwartete Rede an den Rheinwiesen unangenehm gewesen seien und mich in irgendeiner Form getroffen hätten, und als Entschuldigung eben dafür habe er Frau Winters mit Informationen zu mir geschickt. Aha. Zur Entschuldigung einfach mal bei mir zu Hause einbrechen also. Die hatten echt schräge Vorstellungen auch abseits des Plans, die Welt untergehen zu lassen.

Letztlich siegt die Neugier über die Wut und ich stelle mich mit Frau Winters ein wenig abseits. Sie lässt eine Kugel aus Eis um uns entstehen, eine Privatsphäre, eine Privatkugel, wie sie betont, und wenn ich nicht immer noch so misstrauisch und sauer wäre, würde mich das vermutlich ziemlich amüsieren. Stattdessen dränge ich auf die versprochenen Informationen, und als sie sie mir gibt, bin ich überrascht. Sie sagt – oder Darzel sagt, oder er sagt durch sie oder wie auch immer -, dass manche furchtbaren Dinge nur entstehen, weil man an sie glaubt, weil man glaubt, dass sie entstehen, weil man sie entstehen lässt. Es dauert einen Moment, bis ich kapiere, worauf sie hinaus will: Dass Garou nicht mit Garou zusammen sein dürfen, nicht in der Form, dass sie einander lieben und sich, nun ja, näher kommen, das sei so ein Tabu der Litanei, das es gäbe, weil es das eben geben soll, weil man eben daran glaubt, weil dieser Glaube dazu führt, dass es wahr wird.

Kurz will ich den Kopf schütteln und diese Information als sinnlosen Blödsinn abtun, als mir der Spruch, „Glaube versetzt Berge“ in den Sinn kommt. Also ist es nicht wirklich schlecht, nicht wirklich böse, nicht wirklich ein Tabubruch, weil es im Grunde nur darum ginge, den Glauben zu verändern? Naja, nur … das mit dem Verändern des Glaubens hatten andere schon vor mir versucht, wenn wahrscheinlich auch keine Garou, also das war nicht so wie mal eben Geschirr abzuwaschen oder ein Hähnchen zu grillen oder so, aber es war also möglich? Das war ein Trugschluss, sowas wie eine Illusion oder sowas? Als ich merke, dass das die einzige Info ist, die ich bekommen soll, schnipse ich mit den Fingern gegen die Eiskugel und sie zerbricht von dort ausgehend ins Nichts. Eine aufgelöste Illusion. Die Information, die für mich darin steckte, muss ich erst mal sacken lassen. Ich muss überhaupt so sauviel sacken lassen mittlerweile. Aber … nicht jetzt.

Paul will unbedingt mit Darzel sprechen wegen dieser Winterweltuntergangssache, und tatsächlich sind wir eingeladen, in die Limousine zu steigen und zu dem  „Hexenkönig“ zu fahren. Ich steige zuerst ein, noch immer grollend, aber insgesamt ziemlich besänftigt, dann folgen Taylor, Kat und schließlich die anderen. Eisige Kekse, die aussehen, als seien sie mit Schnee bestäubt, stehen in der Limousine bereit. Kat greift als erste zu, und nachdem sie einen dieser Kekse gegessen hat, erzählt sie, es sähe nun alles anders aus. Krank oder so wirkt sie nicht, also schnappe auch ich mir so einen Keks. Aus der Limousine wird eine von Eisbären gezogene Kutsche auf Kufen, ziemlich cool. Frau Winters sieht nun wieder so aus, wie sie auf den Rheinwiesen aussah und die andere Frau, deren Name Schneeweiß ist, wie wir erfahren, trägt nun ein Kleid aus weißen Federn. Irgendwas an ihr erinnert mich an einen Wattebausch.

Es dauert eine ganze Weile, bis die Kutsche den Königsforst erreicht, wo Darzel Düsterglanz wohnt. Interessant. Ein großes Tor öffnet sich, nachdem man um bestimmte Bäume drei Male links und die anderen drei Male rechts herum läuft, und dann stehen wir auf einer Art Weg, von dem aus sich rechts und links ein Wahnsinnsabgrund erstreckt, aus dem seltsame Flammen emporschlagen. Krasse Nummer. Paul muss erst einmal überzeugt werden, einen von diesen Scheißkeksen zu essen, statt ihn in der Hosentasche mit sich rumzutragen, damit auch er sehen kann, was wir sehen und dieses Anwesen da betreten kann. Er murmelt dauernd etwas von Drogen, womit er wahrscheinlich Recht hat, doch letztlich lässt er sich dazu bewegen, ebenfalls einen solchen Keks zu probieren.

Darzel kommt auf uns zu, zeigt sich förmlich und distanziert wie immer. Er will uns mehr zeigen von seiner Vision, von dem, was er will und von seinen Beweggründen, und so fassen wir uns alle an den Händen, Darzel drückt seine Fingerspitzen gegen meine und wir sind quasi in so einer Art 3D-Kino. Wir sehen, dass er offenbar steinalt ist, dass andere wie er und er selbst Gaia ehrten, dass sie als so eine Art Götter den Menschen so Sachen wie Feuer, Wissen und Kunst zeigten, dass sie bereit waren, nicht so richtig zu herrschen, sondern vielmehr alle Geschenke Gaias und die Verehrung für sie zu teilen. Er zeigt uns, dass die Menschen jedoch nicht genug damit hatten und viele von ihnen erschlugen in ihrer Gier, mehr zu erfahren, zu wissen und zu besitzen. Darzel war davon nicht selbst betroffen, wie es aussieht, konnte sich in die Abgeschiedenheit fernab der Menschheit zurückziehen, doch er lebte da nicht einfach allein und vor sich hin, sondern pflegte seine Tochter. Sie, Hemera, der Tag, war krank geworden durch die Dinge, die sie tags erblickte, durch die Schmach, die die Menschen ihrem Volk und Gaia antaten. Darzel konnte ihr nicht helfen, weil das Übel nicht dort lag, wo er lebte und seine Tochter vor sich hin siechte, sondern eben bei den Menschen und durch sie. Also scharte er eine Armee aus finsteren Kreaturen um sich und machte sich als Nyx zusammen mit der Armee und seinen Schwarzen Reitern auf, um die Menschen zu bestrafen, sie zu verängstigen und in ihre Schranken zu verweisen. Er war verdammt gut in dem, was er da tat und drohte die gesamte Menschheit schließlich zu vernichten, bis es schließlich Darzels Vater war, der diesem Gemetzel ein Ende bereitete, indem er die Sylphen schickte, um die Schwarzen Reiter auf eine Wiese zu bannen. Es kam danach zu einem Abkommen: Darzel sollte sich in die Finsternis zurückziehen und den Menschen ihren Raum lassen, die Menschen hingegen sollten den Feen die Wildnis überlassen. Das alles ging ein paar Jahrtausende lang gut, doch dann vergaßen die Menschen das Abkommen, setzten sich darüber hinweg und Darzel beschloss, zurückzukehren und erneut zu handeln, diesmal ohne faule Vereinbarungen.

Als die Bilder verschwinden, ist es erst einmal mucksmäuschenstill. Kat schnieft einmal und schaut betreten zu Boden, in mir selbst jagen so viele Gedanken einander zugleich, dass ich keinen einzelnen davon wirklich greifen kann und Paul sieht so aus, als würde er jeden Moment die Fassung verlieren. Taylor findet als erstes seine Worte wieder und beginnt mit Darzel zu diskutieren, doch ich kann dem Gespräch nicht wirklich folgen, bin noch immer gefangen von dem, was er uns zeigte. Und als ich soweit bin, dass ich mich zumindest wieder an dem Gespräch beteiligen könnte, verabschiedet sich Darzel bereits, nicht ohne mit mir den nächsten Trainingstermin vereinbart zu haben. Es ist mir ein bisschen unangenehm, denn noch immer wissen die anderen nicht genau, was das für eine Geschichte ist, die da zwischen Darzel und mir läuft. Es war noch keine Zeit, das näher zu erklären und bei all dem Heckmeck um uns rum hat auch noch niemand nachgefragt. Ich weiß noch nicht, wie ich alles einordnen soll und kann, dennoch stehe ich dazu, Darzel zu trainieren. Für den Moment zumindest.

Nachdem Darzel verschwunden ist, verliert Paul die Fassung tatsächlich. Während Kat bereits wieder in Richtung Kutsche gegangen ist, schluchzt er lauthals und zu meiner Überraschung höre ich ihn zwischen den ganzen Schluchzern so Dinge hervorbringen wie „Es gibt auch soviel Gutes in der Welt!“. Taylor schnappt sich Paul geistesgegenwärtig und nimmt ihn in den Arm. Ich gucke mir das Ganze nur ziemlich irritiert an, habe absolut keine Ahnung, was ich nun tun oder sagen soll, bin viel zu sehr noch mit mir selbst beschäftigt und den Gedanken zu eben und zu Darzel und all dem, also gehe auch ich schließlich zur Kutsche zurück.

Dort angekommen sehe ich, wie Schneeweiß Kat, die sich in einen Wolf verwandelt hat, streichelt. Die beiden sitzen da, die eine streichelt der anderen einfach über Nacken, Schultern und Brust und unwillkürlich knurre ich lautstark. Schneeweiß zieht die Hand sofort erschrocken zurück. Aha. Erschrocken. Erwischt, was? Ich glaub’s ja nicht … und setze mich mit verschränkten Armen Kat schräg gegenüber in der Limousine. Die ganze Fahrt hindurch beschäftigt mich das, und umso länger wir fahren, desto mehr regt es mich auf. Mich kann sie vorführen, mich kann sie als sonst was hinstellen, mir kann sie in den Rücken fallen, aber für den Wattebausch verwandelt sie sich extra, um sich von ihr anfassen zu lassen. Was zur Hölle …!?

Als die Limousinenkutsche wieder meine Haustür erreicht und wir alle aussteigen, frage ich Kat in bissigem Ton, ob es denn schön gewesen sei, und als sei es noch nicht genug mit allem, antwortet sie auch noch mit einem lapidaren „Ja“.

„Schön“, meine ich und erwähne, dass ich die Hände der Frau aus der Umbra auch ganz toll gefunden hätte und Kat da gut verstehe. Darum habe ich mich wohl auch gleich noch mal mit ihr getroffen und mich erneut mit ihr verabredet, weil das nämlich so toll gewesen sei und man sich ja auch so gut verstehe.

„Wieso hast du dich mit dieser Frau getroffen? Ich dachte, wir hätten bereits über Alleingänge gesprochen?“, fällt Adriano ein. Fuck! Was mach ich denn jetzt? Ich kann schlecht sagen, dass das gerade glatt gelogen war, denn dann nimmt Kat mich gar nicht mehr ernst. Und wenn ich dabei bleibe, ist Adriano sauer, super. Ich murmle ein wenig vor mich hin und schließe derweil die Haustür auf, die ich gerade zuknallen will, als Taylor mir hinterher sprintet. Ich warte.

Taylor fragt, was mit mir los sei, vor allem jedoch will er etwas über Vampire wissen, warum auch immer ausgerechnet von mir. Ich verweise darauf, dass er da besser Paul fragen sollte, der da schon so einige Erfahrungen gemacht zu haben scheint, dann kommen wir kurz auf Marie zu sprechen, als auch schon mein Handy klingelt. SMS. Kat schreibt mir, wir sollen mal wieder was zusammen machen, zu zweit, weil ich ihr fehlen würde. Einen Moment später schreibt sie erneut, dass wir uns abends um Neun bei Paul treffen, wie Adriano – sie schreibt „Cheffe“ – angeordnet habe, um gemeinsam jagen zu gehen. Ich beantworte nur die zweite SMS mit meiner Zusage, gebe Taylor ebenfalls Bescheid und lasse ihn kurz unten warten, während ich mir meine Arbeitsklamotten anziehe. Zwischenzeitlich erreicht mich zu meiner Verblüffung noch eine SMS von Paul, in der er sich in aller Höflichkeit dafür entschuldigt, etwas darüber gesagt zu haben, meine Familie solle verrecken, außerdem wünsche er meiner Familie und mir Frieden und Glück und sei ihr und mir treu ergeben. Na sowas?

Zusammen joggen Taylor und ich schließlich gemächlich in Richtung Hühner Heini und reden noch weiter über Marie und über Darzel. Taylor hat den Gedanken, Darzel Menschen zu zeigen, die „gut“ sind, Kontakte von uns beispielsweise, Verwandte, doch ich bezweifle stark, dass das von Erfolg gekrönt sein würde. Ich jedenfalls würde nicht mal meine kleine Schwester zu Darzel schleppen, auch wenn sie mir meist noch so auf den Zeiger geht. Dann ist es auch schon Zeit, meine Schicht anzutreten und wir verabschieden uns voneinander und machen aus, demnächst auch mal zusammen ein Bier trinken zu gehen, wenn nicht gerade Morde, Schwerverbrecher und Weltuntergang Priorität haben.

Als ich nach der Schicht nach Hause komme, wartet ein strahlender Michael auf mich, der mir stolz erzählt, dass ich wegen des Traumkaninchens nicht gelogen hätte. Er hat nämlich von einer Kutsche geträumt und von einer Schneekönigin, mit der er unterwegs war, war eislaufen und all solche Dinge, was alles ganz toll gewesen sei, und abschließend habe die Königin ihm einen Schwan aus Eis geschenkt. Mit zunehmend hochgezogenen Augenbrauen höre ich mir das alles ein, doch als Michael mit einem „Guck mal!“ nach einem Schwan unter seinem Kissen greift, der sich ein bisschen weich anfühlt wie ein Stofftier und doch ganz sicher aus purem, nicht schmelzenden Eis besteht, bleibt mir der Mund offen stehen. Ich sehe mir Michael genau an, suche nach Anzeichen, dass es ihm schlechter geht als sonst, doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Ich nehme mir fest vor, Darzel später danach zu fragen.

Erst einmal setze ich jedoch einen kleinen Topf auf, krame die Löwenzahnköpfe hervor, die ich auf dem Rückweg sorgfältig abseits der klassischen Hundepinkelwege gesammelt und in eine Tüte gesteckt habe und hole den Bernstein aus der Tasche, lasse ihn leise klackernd in den Topf zu den Blüten fallen, rühre hin und wieder um, während ich auf die kleinen Schirmchen gucke, die durch das Wasser schweben. Irgendwann sind die Schirmchen wegen der blubbernden Blasen des kochenden Wassers nicht mehr zu sehen. Ich warte noch einen Moment, dann nehme ich den Topf vom Herd und seihe das Ganze ab in eine Karaffe, stecke den Stein wieder in die Hosentasche. Wie ist das eigentlich: Muss man den wieder aufladen oder in die Sonne legen oder irgendwie sowas? Irgendwann demnächst sollte ich diese Frau vielleicht noch mal danach fragen, je nachdem, wie sinnvoll oder hohl diese Sache mit dem Löwensteintrank oder Bernzahntee oder wie auch immer so ist. Erst mal springe ich jedoch unter die Dusche, um das Ganze ein bisschen abkühlen zu lassen, dann schütte ich mir gleich drei große Gläser ein, bis die Karaffe kaum noch etwas enthält, nur noch ein knapp halbes Glas voll vielleicht – und trinke. Nichts. Lauwarmes Wasser. Tolle Sache.

Zum vereinbarten Termin mit Darzel erscheine ich pünktlich, heute wieder im Studio. Abends ist es etwas voller und ich kann absprechen, wie wir das mit den Zeiten und anderen Kunden im Studio so regeln können, bekomme zwei Termine zum Personal Training anderer Kunden für die kommende Woche und ein paar Vorschläge für Stunden vor Ort auf der Trainingsfläche, zu denen ich mich bis Sonntag äußern soll, ob ich da kann oder nicht. Was Darzel angeht, so nutze ich gleich schon beim Aufwärmen die Gelegenheit, ihn nach dem Schwan zu fragen. Er meint, dass Schneewittchen meinen Bruder halt im Traum besuche, der Schwan ein Geschenk sei und ich mir keine Gedanken darüber machen solle. Er scheint meine Sorgen nicht zu verstehen, sondern eher wirkt er etwas befremdet, dass ich ihrem Tun und ihrem Geschenk so misstrauisch gegenüber stehe. Ist mir egal, ich werde mir trotzdem jeden Tag von Michael erzählen lassen, wie es ihm geht und wie er geschlafen hat und was er geträumt hat und all sowas.

Die Zeit vergeht diesmal wie im Flug und gleich nach dem Training mache ich mich auf die Socken zu Paul. Dort sieht es ganz anders aus als bei meinem letzten Besuch, als ich ihn mit Adriano zusammen abholte. Irgendwie ist die Türklinke weg und drinnen erwarten mich nicht nur Solariennes Welpen, sondern auch das Chaos in Dosen, echt strange. Es dauert einen Moment, bis ich schnalle, dass Paul wohl unten im Keller ist, und dort sehe ich nicht nur einen lesenden Paul, sondern auch einen echt fetten Schrein, den er offenbar für unseren Phönix errichtet hat. Sieh an, sieh an. Lächelnd gehe ich auf ihn zu, beuge mich zu ihm hinunter, nehme ihn in den Arm und drücke ihn fest, bevor ich ihn eilig wieder loslasse, bevor er die Chance dazu bekommt, sich gegen die Umarmung zu wehren. Irritiert sieht er mich an und erwidert meinen Gruß, ohne genauer auf die Umarmung einzugehen und ich grinse innerlich wie äußerlich. Hat er sich verdient, wegen der SMS schon alleine.

Nach und nach trudeln auch die anderen ein und mit zwei Autos fahren wir schließlich zum Königsforst, diesmal nicht zu Darzel, sondern zum Jagen. Entschieden fahre ich mit Paul und den Welpen mit, während die anderen bei Kat mitfahren. Ich will nicht mit ihr im selben Auto sitzen. Nein. Es gibt Hoffnung, Darzel hatte sie mir gegeben mit seinen Infos, die er mir geschenkt hatte. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich dieser Hoffnung folgen will. Irgendwann ist es genug, und ich habe es so satt, in ihrem Schatten zu stehen, mich von ihr maßregeln zu lassen mit ihrem Verständnis, das sie offenbar für alle hat, nur nicht für mich. Ich habe es satt, dass sie sich trotz allem nicht anders verhält als noch vor einem halben Jahr, dass sie mich stehen lässt, mich allein lässt, mich umgekehrt nicht an sich rankommen lässt und mich auf Abstand hält, sich mir nicht anvertraut. Sie kehrt ihre Intelligenz und ihre Diplomatie heraus, um das Leben von diesem Schrankgeist zu schonen, zeigt keine Regung, als das Bild meines kleinen Bruders gleich neben dem von Svens zerfetzter Angehörigen zu sehen ist, grüßt Schneewittchen freundlich, nachdem sie bei mir quasi eingebrochen ist, und bereitwillig lässt sie sich von einer Fremden streicheln, während mir nur ihre Hand bleibt, von Zeit zu Zeit. Vielleicht sollte sie mal vor einen Baum fahren oder so und sich tüchtig durchschütteln lassen, um wieder klar zu kommen. Das ist nicht die Kat, mit der ich mich angefreundet habe. Und das ist nicht die Kat, in die ich mich verliebt habe. Und trotzdem ist sie zugleich immer noch dieselbe und diejenige, die dafür sorgt, dass ich nicht nur sauer bin, sondern mich auch ziemlich scheiße fühle. Beschissener, als wenn wir über den Weltuntergang reden würden. Nicht gesundheitlich, nicht wirklich wütend, einfach irgendwie leer und traurig. Das ist völlig banane, aber ich kann es nicht ändern. Man kann nicht einfach ändern, was man fühlt.

Die Fahrt verläuft ziemlich still, denn weder Paul noch ich neigen zum Entertainment, wenn wir es nicht müssen, und als wir unser Ziel erreichen, hält Adriano eine kurze Rede, pusht unsere Stimmung und dann … geht es in der Wolfsgestalt ab in den Wald. Mein Kopf wird leerer, wird freier, endlich, und als Adriano gerade das erste Kaninchen erwischt hat, wittere ich ein Wildschwein und nehme seine Fährte auf. Das Wildschwein erlegen wir zu dritt und schlagen uns dann alle die Mägen voll, bis wir schließlich gesättigt und gut gelaunt auf dem Waldboden liegen.

Adriano ruft plötzlich eine Lune herbei und erzählt, man möge meine Taten anerkennen. Hä? Verwundert blicke ich auf den Mondstrahl, der sich auf die kleine Lichtung, auf der wir uns befinden, senkt und auf die Lune, die in eine Trompete bläst. Eine Art … Teddybär klettert an mir hoch, setzt sich auf meine Schulter und beißt mir kräftig ins Ohr, ruft „Fertig!“, und erst, nachdem Teddy und Lune längst wieder verschwunden sind und Adriano die Worte der Lune noch ergänzt hat, kriege ich eine Vorstellung von dem, was hier gerade passiert ist und geschieht. Ich bin quasi befördert worden, bin einen Rang aufgestiegen, hab genug richtig gemacht, um nun ein Pflegling statt Cliath zu sein. Und das so schnell. Wow! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, denn ich hab keine Übung darin, für Dinge gelobt zu werden und irgendwas besonders gut gemacht zu haben. Zum Glück geht es Adriano da offenbar nicht so wie mir und grinsend nickt er mir zu:

„Heute Abend, Charlotte, bist du mal der Bestimmer!“

So aufgefordert, verlängere ich unsere Jagd noch ein wenig, wenn auch mehr symbolisch, weil wir alle echt vollgefressen sind, dann lasse ich alle einen Kreis bilden, um eine Geschichte zu erzählen. Paul muss natürlich Zicken machen und weigert sich als einziger, in Menschengestalt zuzuhören wie alle anderen, aber nach einer ausgiebigen Kuschelattacke meinerseits und ein paar derberen Aufforderungen zieht er schließlich mit. Ich hab gerade gar keine coole Geschichte auf Lager, also erzähle ich allen die vom Froschkönig des Kölner Zoos, die Charlotte-Version, die auch schon mein Bruder zu hören bekommen hat, und danach ist mir wieder mehr nach Action, so dass ich Taylor zu einem Duell herausfordere. Ich halte gegen ihn immerhin länger durch als gegen die Fenrir der Loreley, aber schließlich verliere ich dann doch, nachdem er mir in den Nacken beißt und mich mit seinem Gewicht am Boden festnagelt. Hat trotzdem Spaß gemacht. Sollten wir wiederholen.

Kuschelattacken auf Paul, ein herzlicher Adriano, der mir die Nacht hindurch das Sagen überlässt, Tuchfühlung mit Taylor … und Kat ist bei allem dabei und doch nicht mittendrin. Sie setzt sich nicht neben mich, sie sucht nicht meine Nähe, sie spricht mich nicht an, sie gratuliert mir nicht. Sie ist einfach nur da, ohne es wirklich zu sein. Soviel weiter weg als je zuvor.

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