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Werwolf New Orleans VI (Tischrunde)

Irgendwann sind wir endlich an dieser ominösen Werkstatt angelangt, von der die anderen jetzt schon einige Male gesprochen haben und zu der Leif von vornherein wollte. Ich passe genau auf, als die Männer sich in Menschen zurückverwandeln und – zack – hab ich es auch geschafft und freue mich drüber. Flugs sehe ich zu, dass ich den Sweater wieder überziehe und dann … stehen wir ein bisschen da wie bestellt und nicht abgeholt.

Eine Frau kommt in die Werkstatt, ziemlich alt, bestimmt schon Vierzig oder so, sieht uns und zeigt uns erst mal die Dusche. Heiße Dusche, warmes Wasser, Seife … ich fühle mich wie im Himmel. Erst danach fällt mir auf, dass der Sweater auch schon wieder ziemlich versifft ist, so dass ich ihn ordentlich da irgendwo hinlege und mich mit dem großen Handtuch begnüge, das ich mir nach dem Abtrocknen umwickle. Frisch geduscht, frisch gewaschene Haare, frisches Handtuch, einfach herrlich.

Die Frau führt uns hinter die Werkstatt und über eine ziemlich heikel aussehende improvisierte Baumstammbrücke, die über eine Art Mega-Bach führt. Ich lass mich von Kilian ein bisschen festhalten, ganz allein sieht mir das zu unsicher aus, aber wir kommen alle problemlos auf die andere Seite, sieht man einmal davon ab, dass ich ein komisches Kribbeln im Nacken habe, während wir rüber gehen. Darüber mache ich mir aber weniger Gedanken, als wir auf einer Lichtung mit ein paar Hütten ankommen und die Frau uns eine dieser Hütten zuweist. Acht Betten, ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle – und ein Kamin, der allerdings noch keine Wärme verbreitet. Richtige Kleidung und was zu essen sollen folgen … erwähnte ich schon, dass ich mich wie im Himmel fühle?

Tatsächlich kommen bald darauf schon zwei Mädel ins Haus, beide mit Kisten, in der einen Klamotten, in der anderen Lebensmittel. Die beiden sind nicht viel jünger als wir, vielleicht zwei oder drei Jahre, würde ich schätzen, wobei die eine verdammt schlecht gelaunt aussieht, vielleicht auch einfach zickig oder so, jedenfalls nicht besonders freundlich. Ist mir aber auch egal und den anderen ebenso, denn wir machen uns bald über die Kisten her.

Kaitlyn reicht mir eine Tunika und strahlt mich an, dass die doch genau das Richtige für mich sei? Graubraunes Kratzleinen, sieht aus wie ein Kartoffelsack mit vier Löchern für Kopf, Arme und Unterteil. Hm, vielleicht hab ich mich doch vertan und Kaitlyn ist doch genau so, wie ich dachte? Zumindest komme ich ins Grübeln und kaue noch immer auf diesen Gedanken rum, als sie sich ein Shirt überzieht, knalleng, auf dem „Punk is not dead“ steht, in ziemlich großen Buchstaben, die sich genau über ihren Busen ziehen. Ich komme näher heran und versuche ihr mitzuteilen, dass sie da gerade einen ziemlich ungünstigen Blickfang bildet, dass bedruckte Shirts – gerade so enge – nicht so die beste Wahl sind, aber erst versteht sie offenbar nicht, was ich ihr sagen möchte, und als sie es versteht, wirkt sie amüsiert bis verärgert. Dabei bin ich doch nicht diejenige, die da … Dinge in sowas interpretiert oder reininterpretieren könnte, sondern andere … das will ich ihr doch nur sagen!

Etwas resigniert gebe ich auf und suche mir ein Shirt zu dem Rock, den ich aus der Kiste gefischt habe, heraus, während Kilian sich die Sacktunika übergezogen hat, in der er ein wenig … seltsam aussieht, aber was soll’s. Er greift nach dem Brot in der Kiste und beißt herzhaft hinein, erklärt mir, so müsse ein Brot sein und nicht diese komische Pappe, die wir hierzulande so essen würden. Ein bisschen fühle ich mich dadurch gekränkt und versuche damit zu argumentieren, dass ein Sandwich mit dem Brot, wie er es da gerade in Händen hält, ein bisschen schwierig wäre, doch wie zum Beweis baut er eine Art Riesen-Öko-Burger zusammen und beißt hinein, obwohl ich mir bis zu dem Moment sicher bin, dass er den Mund gar nicht weit genug öffnen kann, um eben dies zu tun.

River legt mal kurz die Füße hoch und ist direkt eingeschlafen, Kilian schläft mit dem „Sandwich“ in seiner Hand ein. Ein bisschen ratlos sitze ich auf der Kante des Bettes zwischen den beiden. Ich würde mich eigentlich gern zu Kilian rüber legen, so wie am Feuer, nur mit Kleidung und mit Decken und Kissen und Kaminwärme, aber ich trau mich nicht, und nachdem ein paar Minuten verstrichen sind, seufze ich einmal leise und leg mich dann ins eigene Bett.

Am nächsten Morgen sind Kaitlyn und Leif schon zeitig in der Werkstatt, während River wegen irgendwelcher Übungen nach draußen gegangen ist und irgendwie nicht mehr wieder kommt. Ich hab ihn einen geschlängelten Pfad links des Hauses entlang gehen sehen. Glaube ich zumindest. Ist mir aber auch gerade nicht so wichtig, denn Kilian erinnert mich daran, dass er am nächsten Tag wieder nach Deutschland fliegen muss und mir wird ganz komisch. Ich will nicht, dass er wegfährt und zu meiner Erleichterung würde er lieber auch bleiben. Wir beschließen, zu Hause mein Sparbuch zu holen, sein Flugticket vielleicht noch zu Geld zu machen und dann irgendwie und irgendwo weiter zu leben. Genauer definieren wir das nicht, sondern folgen Kaitlyn und Leif in die Werkstatt, doch als wir da ankommen, scheint die Stimmung etwas negativ aufgeladen, als wir sie Hand in Hand betreten, umso mehr.

Es herrscht einen Moment Stille, bis einer der Männer ziemlich entsetzt fragt, ob wir zusammen wären. Kilian antwortet mit einem laut vernehmlichen Ja, ich mit einem leiseren, woraufhin der Typ uns befiehlt, uns an entgegengesetzte Orte des Raums zu setzen, einer auf die Couch, einer auf den Hocker am anderen Ende und erzählt, wir seien nicht zusammen, kein Paar, dürften keins sein, das sei verboten und das gäbe es nicht. Punkt. Hat der einen Knall?

Es kommt zum Streit, zunehmend lautstark, und dann versucht der Kerl Kilian eine zu kleben. Kilian kann nicht so wirklich ausweichen, geht auch zu Boden, versucht den Mann über sich zu treten, doch stattdessen zieht der ihn am Nacken gepackt in die Höhe wie eine junge Katze, während Kilian sich hängen lässt wie ein Sack und sich auf diese Art zu widersetzen versucht.

Schließlich landen wir wieder in dieser Hütte, die mir jetzt nicht mehr ganz so himmlisch vorkommt. Ich verstehe nicht, wieso die sich da einmischen und auch nicht, was die das überhaupt angeht. Der Typ hat etwas gefaselt von Gesetzen und Verboten, dass Garou nicht zusammen dürfen, niemals, dass es gar keinen anderen Weg gäbe als die strikte und absolute und sofortige Trennung. Wie stellt der sich das vor? Ich hab mir nicht ausgesucht, Garou zu sein, ich hab mir nicht mal Kilian ausgesucht. Wenn schon, dann hat Kilian mich ausgesucht. Wie auch immer, jedenfalls gibt es da keinen Schalter zum An- und Ausschalten. Das funktioniert so nicht. Weiß der das nicht? Gesetze … wir tun doch nichts Verbotenes? Meine Güte, er hat mich zwei Male geküsst, ich habe ihn einmal geküsst, so halb, ganz kurz, wir fassen uns an den Händen … was soll daran so schlimm sein? Ich kann daran nichts Schlimmes finden und heißt es in der Schule nicht immer, ich sei spießig?

Ja, bin ich auch. Ich bin verdammt noch mal spießig. Und ich hab mir schon vor Jahren geschworen, dass es genau einen geben wird, der mich jemals küssen, mich jemals anfassen darf. Nicht nur, weil ich ziemlich katholisch erzogen wurde, nein, sondern auch aus all den Gründen, von denen ich Kilian die meisten schon geschrieben hatte, als wir uns noch nicht mal gesehen hatten, als ich noch nicht mal darüber nachgedacht hatte, dass ich ihn überhaupt mehr als freundschaftlich gut finden würde. Ach was, ich war mir nicht mal sicher gewesen, dass wir überhaupt Freunde werden würden, geschweige denn mehr als das. Und jetzt … ist der Zug einfach abgefahren. Vor einer Woche hätte man mir das noch erzählen können, vor einer Woche wäre es nicht allzu schwer gewesen, einfach nicht über mehr als über Freundschaft nachzudenken. Aber es ist nicht eine Woche früher. Es ist jetzt. Und jetzt ist nicht nur eine Menge verfluchte Scheiße passiert in den letzten zwei Tagen, sondern auch ein paar sehr wichtige, sehr bedeutsame Sachen. Und eine davon ist die mit dem Kochen, mit dem Topf und dem Deckel, ist die Sache mit DEM einen. Und die lass ich mir nicht wegnehmen. Von niemandem.

Dann klopft es und River, zwischenzeitlich wieder zurück, macht eine Bemerkung über Honig, den sie wohl schicken, um mehr Fliegen anzulocken. Und tatsächlich kommt eine sympathisch aussehende Frau herein, die sich als Summer vorstellt und ausgesprochen gute Laune versprüht – naja, versprühen will. Es dauert nur Minuten, bis wir wieder bei diesem dämlichen Paarverbot ankommen und mir wird es zu bunt. Ich verlasse die Hütte und suche mir am Waldrand ein paar Steine, die ich in den Wald donnern kann. Summer folgt mir.

Vertraulich legt sie mir den Arm um die Schultern, was ich abwimmle, doch schließlich bringt sie mich dazu, ihr zu einem Fleckchen etwas weiter weg zu folgen, um in Ruhe zu reden. Sie erzählt denselben Mist wie der Typ zuvor, nur viel ordinärer. Sie benutzt Worte, die ich gar nicht wiedergeben will, auf jeden Fall behauptet sie, dass wir früher oder später sowieso Sex hätten und das nicht ginge, weil ich dann auf jeden Fall schwanger würde, ob mit Verhütung oder ohne. Und dabei käme auf jeden Fall ein deformiertes Monster heraus, und selbst davon abgesehen sei das alles extrem unehrenhaft und wir brächten mit sowas Schande über uns und damit auch über die anderen. Sie bringt mich zur Weißglut mit all diesem Zeug, hört mir nicht zu, selbst dann nicht, als ich mir halb schreiend das Wort erkämpfe. Aber ich zapple mehr im Netz wie ein Fisch rum und meine Argumente prallen an ihr ab.

Auf Kilian zu verzichten, die Gefühle für ihn einfach zu vergessen – wie soll das gehen!? Das kapiert sie offenbar schon nicht, wie soll sie dann verstehen, dass das einzig Unehrenhafte ist, sowas von mir zu verlangen und die einzige Schande wäre, wenn ich dem nachgeben würde, wenn ich meine Prinzipien, nein, wenn ich das Prinzip von mir verraten würde wegen … wegen was? Wegen ein paar Werwölfen, die von sich selbst behaupten, sie hätten die – Entschuldigung, das sind nicht meine Worte! – dicksten Eier in der Hose? Das soll die Basis für mein weiteres Leben sein? Für ein vermurkstes, kreuzunglückliches Leben ohne Prinzipien, nur mit diesen selbstgebrauten Gesetzen, die sie Litanei nennt? Sie faselt was von von „uns gibt es seit Urzeiten“ – ja und? Die Kirche gibt es auch schon ewig, und obwohl ich von der überzeugt bin und an sie glaube, was ich von eurem Haufen hier nicht sagen kann, bin ich nicht mit allem d’accord. Das mit den Kreuzzügen war ziemlich blöde damals und heute … naja, anderes Thema.

Aber Reflexionsfähigkeit scheint hier nicht angesagt zu sein, Argumente auch nicht, sieht man einmal davon ab, dass ich das alles ja nur nicht kapiere, zu blöde bin und derlei mehr. Ja, das sind natürlich wunderbare Argumente. Dass ich das nicht von selbst sehe …

Die anderen sind irgendwann gefolgt, hören sich das alles mehr oder weniger in Ruhe an. Sie bekommen fast alles mit, auch als Summer schließlich damit anfängt, dass sie mich töten werden, wenn ich mich widersetze. Und sie töten mich auch, wenn ich versuche zu fliehen, weil ich ja dann dem Wyrm in die Hände fallen könnte. Wem auch immer – ich hatte schon Tentakel im Gesicht, damit bin ich auch ohne euch zurecht gekommen. Wir Garou sind etwas Besonderes, wir haben eine Bestimmung, wir sind Krieger Gaias, und es gibt nur wenige von uns … ja, so besonders, dass die bisherigen Krieger also gleich mal die wenigen weiter dezimieren, indem sie ihre kriegerischen Waffen an zum Beispiel meinem Kopf ausprobieren, ja? Und ich bin zu blöde!? Ihr könnt mich mal!

Summer gibt irgendwann auf und geht, sich noch immer gänzlich im Recht fühlend, natürlich. Vorsichtig überlegen die anderen, was nun zu tun ist. River redet auf mich ein, ich sei ein Teil des Ganzen und wichtig, darum dürfe ich nicht gehen – und vermutlich auch nicht sterben, aber ich weiß nicht mehr, ob er davon auch was gesagt hat. Ist wahrscheinlich aber sowieso inklusive. Und auch sowas von egal, denn ich bin auf 180.

Kilian will gehen, mit mir gehen, Kaitlyn will sich anschließen. River ist derjenige, der sich dafür ausspricht zu bleiben, was ich überhaupt nicht begreifen kann, Leif wirkt unentschlossen, tendiert aber auch dazu zu bleiben, und sei es nur, um sich ein paar Sachen beibringen zu lassen und danach zu verschwinden. Die benutzen, so wie sie denken, uns benutzen zu können? Das ist auch nicht besser – und etwas in der Art spricht Kilian dann auch prompt laut aus.

Wir stehen da rum und kommen auf keinen grünen Zweig, als uns dieser Kerl abholt, damit wir zurückkommen, zumal wir bei Sonnenuntergang an Collins Beerdigung teilnehmen sollen. Er weist darauf hin, dass das schließlich unsere Pflicht sei, nachdem der für uns gestorben sei, und da wir von seinem Tod berichten könnten, sei unsere Anwesenheit ebenfalls wichtig. Was sollen wir denn da sagen? Dass er gefangen war wie wir, sich aber befreien konnte und dann auch uns befreite … weil er seinen Überzeugungen folgte? So wie ich es tue? Dass er das, was er liebte, in dem Fall seinen Sohn, um jeden Preis retten wollte? So wie ich es tue? Dass er nicht bereit war aufzugeben, nicht in die Knie gegangen ist trotz der Übermacht, die sich ihm entgegen stellte, die ihn töten wollten? So wie ich es tue?

Ich kannte diesen Collin nicht, doch im Grunde möchte ich ihm natürlich gern die letzte Ehre erweisen, würde das auch dann gern tun, wenn er uns nicht da aus diesem Mistladen geholt hätte. Doch als Summer ging, sagte sie „Bitte, dann geh doch!“. Vielleicht ist das hier die einzige Möglichkeit zur Flucht … doch Kilian meint, wir müssen das machen mit dem Abschied, mit der Beerdigung. Ich weiß, dass das nicht die richtige Entscheidung ist, nicht hier, nicht jetzt, nicht so. Doch ich weiß auch, dass er eigentlich Recht hat – und folge.

Ich gebe mir Mühe, den Rand zu halten, während wir hinter dem Typen zurück zur Blockhüttenlichtung laufen. Irgendwas sage ich irgendwann, keine Ahnung mehr, etwas Harmloses. Aber der Kerl springt direkt darauf an, blafft mich an, wirft mir und dann auch Kilian wieder Respektlosigkeit vor und dann sind wir irgendwie schon wieder bei diesem Paarthema. Was zum Geier …!?

Zurück in der Hütte setzen Kilian und ich uns auf ein Bett, er zieht mich näher an sich heran, legt den Arm um mich und ich den Kopf an seine Schulter. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich bin so verzweifelt, dass ich jetzt nicht einmal mehr heulen könnte, selbst wenn ich wollte. Und ich hab einen solchen Hass über all diese Ungerechtigkeiten im Bauch, dass ich gar nicht verstehe, wieso ich hier noch als Elle sitze und nicht wieder das Oma-mordende Fellungeheuer bin vor lauter Zorn. Das ist alles so unglaublich unfair und so unglaublich ausweglos. Ich wünschte, wir wären den Männern gar nicht erst bis hierher gefolgt. Was auch immer man sagt, was auch immer man fragt, was auch immer man an Argumenten bringt, alles prallt an wie an einer Teflon-Pfanne. Es gibt einfach keinen Weg, nirgendwo hin.

Irgendwann gehen wir in die Werkstatt zurück, wo Summer gerade River und den anderen, vor allem Kaitlyn hört ebenfalls aufmerksam zu, diese Litanei erklärt. Ich höre ebenfalls aufmerksam zu, doch schon vom Zuhören kriege ich wieder die Wut. Nicht, weil diese Gesetze allesamt so blöde wären, nein, sondern weil sie so … ausgelegt klingen. Sie klingen, als hätten sie tatsächlich einen bestimmten Sinn, etwas Rudimentäres, doch die Auslegung pervertiert das Ganze. Respekt vor Höherrangigen, ja, darauf geht sie geradezu exzessiv ein, doch die Niederen ebenfalls zu respektieren, denn „alle sind von Gaia“ bekommt ganz offensichtlich einen anderen Stellenwert von ihr, obwohl sie eingangs noch meinte, alle Gesetze hätten den gleichen Stellenwert, wenn ich das einem von Rivers Einwürfen richtig entnehme. Herausforderungen in Friedens- und Kriegszeiten ist auch … variabel offenbar, denn auf Rivers Nachfrage heißt es, es sei gerade „ziemlich friedlich“. Wäre ja auch ein Ding gewesen, wenn es dazu mal zur Abwechslung eine eindeutige und klare Aussage oder Messlatte gegeben hätte. Die scheint es immer nur da zu geben, wo man sie gerade hinhängt.

River erkundigt sich auch nach anderen Stämmen, anderen Septen, doch er wird abgeschmettert. Fenrir oder Tod, so einfach ist das für die hier, wie sie immer wiederholen. Na, da fühl ich mich doch gleich viel besser aufgehoben, geradezu heimelig. Das schafft Vertrauen, das bildet eine klasse Basis, echt. Ganz großes Kino.

Ich steche in zwei Löcher der Logik, aber natürlich regt sich Summer nur wieder auf und bezeichnet mich als dumm und derlei mehr. Kenne ich schon. Nächste Leier bitte? Sie hat aber sogar tatsächlich noch eine neue Scheibe auf Lager. Sie begründet tatsächlich, wieso es keine Ausnahmen geben kann und auch Händchen halten unter Todesstrafe steht, nämlich – jetzt kommt es: Weil wir ja doch irgendwann Sex hätten, also einfach mal prophylaktisch, und weil – und das ist meine Lieblingsstelle in den ganzen Diskussionen – die anderen sowas nachmachen könnten.

Das ist ungefähr der Punkt, an dem ich aufgebe. Der ist nicht zu helfen. Denen allen hier ist offenbar nicht zu helfen. Und damit ist auch mir nicht mehr zu helfen. Ich darf nicht zusammen sein, mit wem ich will, weil es jemand nachmachen könnte … das ist ungefähr so logisch wie zu Hause sein zu müssen, wenn es dunkel wird, weil man tags ja nicht Händchen halten oder andere Sachen machen kann. Natürlich nicht. Nein, nein, nein, auf gar keinen Fall.

Es kommt diesmal nicht wirklich wieder zum Streit, denn Summer schmeißt uns aus der Werkstatt, schickt Kilian und mich wieder in die Hütte zurück. Stubenarrest quasi. Toll. Wir gehen, denn eigentlich wollen wir beide keinen Ärger, auch keinen machen, wollen auch niemandem was auch immer absprechen, wollen niemanden kritisieren, wollen deren Regeln nicht in Frage stellen. Aber sie stellen uns in Frage, zur Gänze, uns jeden für sich allein und uns beide zusammen. Was will man da noch machen?

Irgendwann kommt Leif und bringt uns was zu essen mit. Nett von ihm. Ich quittiere das mit einem schiefen, aber dankbaren Lächeln und der Frage „Henkersmahlzeit?“. Ich esse ein kleines Stückchen, Kilian widmet sich draußen dem zu hackenden Holz.

Uns bleibt nichts übrig als zu warten, zu warten, zu warten – also tun wir genau das, bis es Zeit ist, zu dieser Bestattung zu gehen. Als wir abgeholt werden, tauschen Kilian und ich nur einige Blicke, dann ist klar: Wir werden die Gelegenheit nutzen, um von hier weg zu kommen.

Tatsächlich gelingt es uns, uns ungesehen aus dem Staub zu machen und dann sind wir – wieder mal – auf der Flucht. Unser Weg soll zuerst mal zu mir nach Hause führen, wo ich zumindest ein paar Sachen und mein Sparbuch holen will. Gott sei Dank wissen wir ja beide, wie man ungesehen über den Anbau hinein und hinaus kommt, und gerade wie jetzt am Abend beziehungsweise in der Nacht, bis wir dort sind, sollte immerhin das keine Probleme bereiten. Was wir dann machen … wissen wir noch nicht.

Wir haben Kilians Flugticket und könnten ein zweites dazu kaufen, doch dazu müssten wir erst einmal eine weitere Nacht irgendwo verbringen, was bedeutet, dass wir zumindest mal Geld abheben und uns ein Motel suchen müssen. Bei den Motels bleiben nur die fiesen Kaschemmen, denn bestimmt haben meine Eltern Kilian als vermisst gemeldet, vielleicht sind sie zwischenzeitlich auch schon darauf gekommen, dass DNA da ein falsches Spiel spielt und suchen auch mich? Ich hoffe, beides bleibt uns weitgehend erspart, weil es sonst auch schwierig werden könnte, das Land zu verlassen, aber das werden wir sehen müssen.

Falls wir alles hinbekommen und nicht unterwegs von irgendwem erwischt werden, wird unser Weg nach Deutschland führen, zu Kilian. Dass ich diese Burgen da mal so schnell zu Gesicht bekommen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber was hab ich mir schon groß denken können von all den Ereignissen der letzten zwei Tage? Und ich muss irgendwie herausfinden, ob meine Eltern mich tatsächlich vermissen oder sie noch immer glauben, dass ich in Lebensgefahr schwebend im Bunker von DNA liege. Ich würde mich so gern zumindest von ihnen verabschieden, wenn ich schon nicht bleiben kann, aber die Gedanken daran müssen warten, sonst schaffe ich es nicht, das alles hier durchzuziehen. Dass Summer meinte, der Kontaktabbruch zu allem bisherigen sei der einzige Weg, weil sonst alle, zu denen man den Kontakt eben nicht abbricht, in Gefahr geraten, ist in dem Fall nur ein schwacher Trost, immerhin sind es meine Eltern.

Trotzdem: Wir tun das Richtige, davon bin ich überzeugt – und auch das einzig überhaupt Mögliche. Mehr kann man nicht wollen, mehr kann man nicht erreichen. Nicht im Moment.

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