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Werwolf New Orleans IV (Tischrunde)

Irgendwann sind Kaitlyn und Leif zurück und berichten davon, dass es hier nirgends Telefone gibt … weil irgendwer die Leitungen offenbar alle einfach raus gerissen hat, genauso wie sämtliches Autokabelzeug, das für einen fahrtüchtigen Wagen sorgt. Und als sei das nicht genug, erwähnen sie auch noch, sie hätten beim Durchsuchen einiger Häuser noch mehr Leute gesehen, die … so sind, also so wie der Mann, neben dem wir immer noch ratlos sitzen. Also kein Krankenwagen, keine Hilfe, sondern im Gegenteil noch mehr Mist. Irgendwas läuft hier schief.

Die anderen beginnen geistesgegenwärtig nach Kleidungsstücken zu suchen statt nach Medikamenten, während ich noch auf meiner Unterlippe kaue und einzusortieren versuche, was die beiden da gerade berichtet haben. Letztlich finde ich aber doch noch einen knöchellangen Rock, eine Bluse und eine Strickjacke. Barfuß bin ich immer noch, der Look ist selbst dann mehr als gewöhnungsbedürftig, wenn man darauf keinen gesteigerten Wert legt, aber hey, es sind echte Klamotten.

Wir beschließen, uns noch in ein paar anderen Häusern umzusehen, vielleicht doch auch noch passende Schuhe zu finden, doch River weigert sich, beim Regen raus zu gehen. Kilian hat zwar einen Schirm ausgegraben, aber River kuschelt sich lieber an die Pastete und lässt uns beide zusammen gehen. Find ich nett von ihm, obwohl mir nicht so ganz wohl dabei ist, ihn allein zurück zu lassen, also ganz allein, ohne dass irgendwer von uns im Haus bleibt.

Gleich im ersten Haus, in das Kilian und ich uns wagen, scheint eine jüngere Frau zu wohnen. Jede Menge High Heels und Cowboystiefel, sogar ein weißer Cowboyhut, den Kilian mir gleich mal aufsetzt, ist hier zu finden, aber die Stiefel passen mir nicht und die anderen Schuhe würde ich nicht tragen, selbst wenn sie passen würden.

Während ich in der leeren Küche eine Schere finde, um mit ihr ein Loch in den Hut zu schneiden, damit ich die Lilie darin platzieren kann, schaut Kilian sich oben um. Ich komme gerade die Treppe rauf und will ihm in den Raum folgen, in dem er gerade verschwindet, als er auch schon wieder rauskommt und die Tür hektisch hinter dem Rücken verschließt. Da sei nichts, sagt er, und das so komisch, dass ich misstrauisch werde und es genauer wissen will. Er murmelt irgendwas von komischem Paar und beschäftigt und geht jetzt nicht und all solchem Zeug, aber ich verstehe noch immer nicht. Ist doch gut, wenn die da wach und vernünftig sind? Dann können die uns doch weiterhelfen! Aber nach einer Weile kapiere ich, dass sie wohl eher mit irgendwas beschäftigt waren und langsam rattert der Dollar durch meinen Kopf, bevor ich mit einem „Oh!“ Ruhe gebe und gar nicht mehr selbst nachsehen will. Komisch, dass Kilian das so hektisch gemacht hat. Er hatte mir doch geschrieben, dass … aber entweder stimmt das nicht oder er war so hektisch wegen mir. Und wenn das wegen mir war, frage ich mich, warum. Ich meine, nein, ich will sowas nicht sehen, aber ob man mich davor beschützen muss? Meint er, ich verkrafte sowas nicht? Bin ich echt so ein Weichei und so spießig? Aber er hat doch das mit dem Deckel und dem Kochen gesagt, dann kann er mich doch nicht so blöd finden? Bis gerade war ich mir da ziemlich sicher, war das eigentlich so ziemlich das einzige, wobei ich mir gerade sicher bin, aber jetzt bin ich verwirrt. Und verunsichert. Genau so werfe ich auch einen Blick zurück auf die geschlossene Tür, während Kilian versucht, mich wieder nach unten zu ziehen. Meine Verunsicherung kann er wohl nicht einordnen. Ist aber wahrscheinlich auch besser so.

Wieder unten und schließlich vor der Haustür angekommen, stoßen wir wieder mit Kaitlyn und Leif zusammen. Bis zu diesem Punkt, so quasi mit jeder Treppenstufe, die ich gerade abwärts gelaufen bin, regt mich diese Sache mit dem Paar da oben ziemlich auf. Er meint also mit Sicherheit, dass ich sowas nicht vertragen könnte und die kleine spießige dumme Elle das deswegen nicht sehen darf, glaube ich. Und das ärgert mich. Das ärgert mich vor allem, weil … er vermutlich auch noch recht damit hat. Ich bin also nicht nur langweilig und spießig, sondern auch noch völlig berechenbar und durchschaubar. Großartig. Und genau da läuft mir Kaitlyn vor die Linse. Die supertolle beliebte Kaitlyn, die das alles wahrscheinlich viiiiiel besser weiß und kann als ich, die viel besser aussieht, sich viel straighter verhält, die richtigen Läden zum Shoppen und Friseure kennt und was nicht alles. Na, sie hatte ja eh schon gefragt, ob Kilian eine Freundin hat, dann passt das ja.

Mit einem breiten und nicht weiter auffallend gekünsteltem Lächeln sage ich Kaitlyn, dass die Frau da drin ganz viele Schuhe hat und sie ja die Größe mal probieren könnte, weil ich glaube, dass das genau ihr Ding sein könnte … und ziemlich schadenfroh und mit einem zornigen Grummeln im Bauch sehe ich, dass Kaitlyn die Spitze meiner Worte wohl gar nicht mitbekommt, sondern dankbar an mir vorbei in den Hausflur geht und sogleich nach den Stiefeln greift, um sie anzuprobieren. Ich sehe ihr zu, und noch während sie versucht, sich in einen dieser Stiefel zu zwängen, denke ich: Elle, du bist echt so dämlich. Kaitlyn steckt in genau demselben Schlamassel wie du, hängt sich die ganze Zeit schon eher an Leif als auch nur irgendwie an Kilian, ist vorhin noch übelst ins Wasser gefallen und strengt sich hier voll an, sich einzubringen, während du nur hohles Zeug denkst. Die ist eigentlich die ganze Zeit über schon echt nett, wenn sie nicht genauso verzweifelte Momente hat wie du selber, außerdem solltest du mittlerweile gecheckt haben, dass das mit der Footballnummer da nicht alles ganz so war, wie alle immer dachten, also komm mal runter! Bevor mich das schlechte Gewissen so richtig auffrisst, gibt Kaitlyn sich geschlagen. Die Schuhe passen nicht. Die High Heels schaut sie nicht mal mit nur einem Blick an. Ich blöde Kuh.

Danach bin ich nur allzu bereit, mit Kaitlyn zusammen weitere Häuser nach Schuhen zu durchforsten, während Leif und Kilian sich eher nach anderem Kram umgucken wollen. Still und friedlich gehen wir ins nächste Haus, wo Kaitlyn erst einmal oben nach dem rechten sieht und ich unten, als ich plötzlich Babygeschrei höre. Babygeschrei! Hier? Ich folge dem Geräusch sofort und sehe mit einem Blick zur Hintertür raus, dass dort hinter dem Haus tatsächlich ein schreiendes nacktes Baby auf dem Boden liegt. Du lieber Himmel! Sofort stürme ich raus in den Regen, zu dem Baby hin und nehme es auf den Arm. Kaum hab ich es, da durchfährt ein plötzlicher stechender Schmerz meinen Hals und ich brülle laut auf, kann nur so eben verhindern, das Kind in meinen Händen vor Schmerz und Schreck einfach wegzuwerfen. Nur halb sehe ich irgendwas langes ekliges, das aus dem Bauch des Babys gekommen ist und sich offenbar in meinen Hals … gekrallt, gebissen, geschlungen, gedrückt, ge-wasauchimmer hat. Bandwurm! Aber scheidet man die nicht irgendwie anders aus? Weiter kann ich aber nicht denken, denn der Schmerz lässt nicht nach und ich höre mich selbst noch immer schreien.

Dann ein Schatten neben mir und etwas reißt mir das Baby aus den Händen. Nein, nicht etwas: Leif. Noch mal Schmerzen und diesmal viel doller, als dieser Bandwurm oder was auch immer das ist von meinem Hals gerissen wird und Fleisch mit sich nimmt. Ich höre es reißen, aber viel schlimmer ist, dass ich es nicht nur höre, sondern jede abgerissene Faser spüre. Ich werde verbluten oder sowas, bestimmt – und keine Sau hilft mir!

Dann plötzlich Kilian neben mir. Er redet auf mich ein, zieht sein Hemd aus und kommt auf mich zu mit Blick auf meinen Hals, sieht besorgt aus. Und dann reibt er dieses Hemd genau in die Wunde, als wolle er da irgendwas abrubbeln oder mich ausradieren. Ich fange wieder an zu brüllen. Hat der sie noch alle!? Als dann plötzlich Leif hinter mir steht und mich mit voller Kraft festhält, ich mich nicht mehr bewegen, mich nicht wehren, schon wieder einfach gar nichts machen kann, reißt der Film bei mir und ich raste aus, noch immer brüllend. Irgendwer brüllt „Fuck!“ und einer davon ist Leif. Der mich festgehalten hat, mich genauso wehrlos machen wollte wie diese Arschlöcher in diesem Institut. Ich drehe mich auf dem Absatz um und schlage blind in seine Richtung, treffe jedoch nur die Luft hinter mir. Wo bist du, verdammt!?

Dann Kilians Stimme, die wieder auf mich einredet, mir sagt, ich soll mich nicht aufregen, dass alles gut sei, dass es vorbei sei, dass sie mir nur helfen wollten, dass ich mich beruhigen soll. Mein Instinkt sagt mir, dass das die Stimme von dem Kerl ist, der mir gerade verdammt weh getan hat. Mein Herz sagt mir, dass das die Stimme von dem Jungen ist, der mich geküsst hat und den ich sehr, sehr gerne mag. Kitsch wird unterbewertet. Definitiv. Ich drehe mich um in seine Richtung und schaue ihn an, schaue … auf ihn hinunter. Denn ich, ich bin jetzt locker einen Meter größer als er. Verwirrt blicke ich an mir herab, noch immer nicht ganz sicher, ob ich Freund oder Feind vor mir habe. Und dann sehe ich Fell, jede Menge Fell. Oh, nein! Am liebsten würde ich sofort losheulen, als ich kapiere, was hier gerade passiert ist, aber dazu bin ich viel zu wütend, also entfährt mir ein nicht näher bestimmter grollender Ton. Nein, nein, nein, nein!

„Mit mir kochen, weißt du noch? Nicht mich kochen!“, höre ich und beruhige mich ein wenig, will ihm sagen, dass es mir leid tut und er keine Angst haben muss, dass ich auch nicht weiß, was gerade passiert, aber dass die Elle irgendwo hier in diesem Monsterding feststeckt. Stattdessen kommen weiterhin nur komische Laute aus mir heraus, von denen nur manche nach Worten klingen – und die klingen nicht nach mir.

Ein Klirren. Unsere ursprüngliche Gastgeberin, die alte Dame, fliegt durch das Küchenfenster hinaus zu Kilian und mir, kommt auf dem Boden auf, blutet, ist offenbar tot. Ich mache einen halben Schritt auf sie zu, Kilian mehr so drei ganze, und schaue sie an. Oh nein, was ist mit ihr geschehen? Ihr Hals ist wie von Klauen aufgerissen und noch immer sickert Blut aus der klaffenden Wunde. Und dann macht die Oma auf einmal die Augen auf! Aber nicht so, wie man Augen an sich öffnet, sondern mehr so, als würde sie ihre Augäpfel nach außen drücken. Und es sieht nicht gequält aus.

„Elle? … Bitte … mach das weg?“, höre ich Kilian mit zitternder Stimme sagen.

In dem Moment kann ich Freund und Feind sehr genau unterscheiden, greife mit einem Griff meiner Pranke nach ihrem Hals und ziehe sie nach oben in die Luft, halte sie auf Armeslänge entfernt, noch nicht sicher, was ich jetzt mit ihr anstellen soll, als jemand … wie ich aus dem Haus stürmt, die Tür aus den Angeln reißt dabei, auf mich – nein, auf die alte Dame – zustürzt und nach dem Kopf der alten Dame schlägt. In hohem Bogen fliegt der Kopf beiseite, ich halte nur noch den kleinen alten Körper in den Händen und der entgleitet mir auf Grund der fehlenden Masse oberhalb meiner Hand, nein, meiner Klaue, rutscht schmatzend durch meine Finger und klatscht dann wie ein nasser Sack auf den Boden.

Ich nehme mir kaum die Zeit hinzusehen, denn erst muss ich den nächsten Feind sondieren. Nein, doch nicht. Alle sind da außer Kaitlyn. Kaitlyn war im Haus. Das Monster vor mir kam aus dem Haus heraus. Das Monster vor mir ist Kaitlyn! Leichte Schlüsse, schwer gezogen. Und als ich noch mal von einem zum anderen blicke, sehe ich Kilian und Leif sich verwandeln, höre ihr Brüllen und stehe daneben, als ihre Kleidung zerreißt und sie wachsen und wachsen und wachsen und immer haariger werden.

In ihren Augen sehe ich das, was ich bis eben noch gefühlt habe, eigentlich immer noch fühle: Zorn. So viel davon, dass ich am liebsten nonstop brüllen oder etwas zerschlagen würde. Immer noch. Leif und Kilian sind da gelenkter, recken die Nasen in die Luft und nehmen eine Witterung auf. Wittern, gute Idee! Ich mache es ihnen nach und kriege den Hauch von Babygeruch in die Nase. Den würde ich aus allem anderen heraus riechen, also folge ich meiner Nase – und ich folge ihr zügig, denn von meinem Mitleid für das Kind ist nichts mehr übrig geblieben, auch wenn ich noch immer nicht genau weiß, was geschehen ist. In jedem Fall waren weder Leif noch Kilian das Problem gewesen, sondern das Baby. Und den Irrtum will ich jetzt beheben, und zwar sowas von unbedingt!

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