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Werwolf New Orleans III (Tischrunde)

„Hey, aufwachen!“, flüstert Kilian mir ins Ohr, aber ich bin längst wach. Wie könnte ich auch nicht? Wir haben Glück gehabt, es war eine verhältnismäßig laue Nacht, aber nicht, wenn man nackt im Wald … Gott, wir sind wirklich immer noch nackt und mein Wunsch, dass das alles nur ein mieser, ein ganz, ganz mieser Albtraum war, hat sich nicht erfüllt. Ein Blinzeln mit dem Auge in Bodennähe zeigt mir einen nackten Rücken, ziemlich gebräunt. Leif. Lag da gestern Abend nicht noch Kaitlyn? Egal. Ich liege also gerade nackt zwischen zwei Jungs im Wald. Ich, Elle Gartner. Nein, ich mache die Augen nicht auf. Ich mache einfach gar nicht mehr die Augen auf. Wenn ich es nicht sehe, ist es auch nicht wahr. Das hat vor zehn Jahren etwa auch noch wunderbar funktioniert.

Die Hand, die durch meinen Nacken fährt und mich streichelt, die soll aber wahr sein, denn sie ist ganz sicher von Kilian. Es ist schwer, sie unter zu bringen. Eigentlich würde ich alles andere ausblenden und mir sagen, nur diese Hand ist wahr, alles andere nicht. Aber das funktioniert auch nicht, denn so schön ich das finde und so lautstark ich mein Herz wummern höre, ändert es doch nichts daran, dass es zugleich verdammt weh tut. Jede Bewegung seiner Hand, seines Arms, zieht seinen Oberkörper von mir weg. Wahrscheinlich sind es nur Millimeter, aber in die fährt der Wind, eiskalt, klaut mir noch mehr von dem letzten bisschen Wärme, das noch irgendwo dank Lagerfeuer und Körpernähe geblieben ist.

Lärm. River und Leif sind aufgestanden, jedenfalls sind es zwei Jungs, deren Schritte ich höre und Kilian ist noch immer hinter mir. Es sind auch ihre Stimmen, die uns auffordern aufzustehen, ein bisschen Gas zu geben, um aus diesem verdammten Wald rauszukommen, wohin auch immer.

„Elle, komm, wir müssen los“, flüstert Kilian wieder und diesmal drehe ich mich ein Stück um und schaue ihn an.

„Wohin?“, frage ich und er antwortet:

„Nach Hause.“

Nach Hause. Gestern Abend hieß es noch, dahin gehen wir auf gar keinen Fall mehr.

„Ehrlich?“, frage ich und er nickt mir ernst zu.

Ich kenn den Jungen, mit dem ich hier nackt im Wald rumliege, immer noch kaum, aber ich bin mir sicher, dass er nicht lügt – und versuche aufzustehen, ohne dass dabei zu viel von meinem Körper zu sehen ist. Aber das ist … nicht möglich. Kilian scheint damit kein Problem zu haben, mit seiner eigenen Nacktheit, meine ich, aber er bekommt meine rasch wieder ansteigende Verzweiflung mit, hilft mir auf und drückt mich kurzerhand ein wenig hinter sich. So wirklich gut kann ich mich hinter ihm nicht verstecken, da wäre jemand wie Leif die bessere Wahl, wie ich mit einem flüchtigen Blick hinüber zu Kaitlyn feststelle, aber darauf kommt es dann doch wieder nicht wirklich an. Die rote Elle vom Mississippi und ihre großen Reden über den Prinzen mit dem weißen Pferd, der sie irgendwann zu sich aufs Pferd holt und mit ihr ins nächste Schloss reitet. Jetzt mehr die durchgefrorene nackige Elle mitten in den Bayous, die von einem genauso nackigen Kilian statt aufs Pferd auf die Füße gezogen wird und für die Zuhause Schloss genug wäre. Eigentlich alles, was eine funktionierende Heizung oder einen Kamin oder irgendwas in der Art hat.

Wir gehen langsam los, aber es herrscht noch immer Uneinigkeit darüber, wie wir nun weiter vorgehen, ob wir nach Hause gehen, einfach gucken, dass wir irgendeine Form der Zivilisation erreichen und dann weitersehen oder was wir sonst machen. Als sie darüber reden, was mit Troy geschehen soll, stelle ich auf Durchzug. Nicht hingucken, nicht drüber nachdenken. Wird nicht gesehen und nicht gehört heißt, es ist nicht wahr, denk dran, Elle!

Bibbernd sagt Kilian schließlich, dass wir auf jeden Fall nach Hause gehen würden, ganz egal, ob DNA oder sonst wer uns sucht. Ich wusste doch, dass er mich nicht anlügt. Ich freue mich darüber, mich nicht geirrt zu haben. Viel mehr freue ich mich jedoch über das, was er als nächstes sagt, wobei Freude da jetzt vielleicht nicht die perfekte Vokabel ist. Er sagt, er habe einmal jemandem geschrieben, dass es blöd wäre, wegen jemandem über die Klippe zu springen, dass es viel besser wäre, wenn man stattdessen den anderen runter schubst. Er sagt, dass er davon überzeugt sei, und dass wir deshalb nach Hause gehen würden, und dass wir Kaitlyns Vater suchen, selbst dann, wenn wir dafür noch mal bei DNA einsteigen müssten oder sonst was.

Ich war diese Jemand, dem er das geschrieben hat. Der Fels, der blutet, wenn die Sonne untergeht, und den sie Selbstmordfelsen nennen, weil alle paar Monate dort jemand runter springt. Ich hab die Briefe alle so oft gelesen, ich kann sie fast auswendig. Aber das hat er jetzt nicht geschrieben, das hat er gesagt. Und obwohl er ziemlich gehakt hat beim Sprechen, weil seine Stimme so zittert … ist da irgendwas. Das liegt jetzt nicht daran, dass ich Kilian so toll finde – für’s Protokoll: Ja, ich gebe es zu, ich finde ihn megatoll! -, ich seh es auch in den Gesichtern der anderen. Was er da sagt, macht irgendwas mit ihnen, vielleicht dasselbe, das es mit mir macht? Einen Moment lang denke ich nicht darüber nach, unter welchen Umständen wir hier rumstehen, habe keine Angst. Einen Moment lang ist mir ganz warm im Bauch und ich denke mir: Ja, verdammt noch mal, wir gehen jetzt nach Hause, wärmen uns auf, und sobald wir unsere durchschnittlich 98 Grad Fahrenheit erreicht haben, machen wir uns auf und reißen diesen Pennern den Arsch auf! Komisch. Muss an der Kälte und all dem liegen.

Vom Laufen wird uns auch nicht wärmer, im Gegenteil. Ohne das Feuer, ohne die dauerhafte Körpernähe hilft auch die Bewegung nicht. Ich kann kaum meine Hand in Kilians lassen, die er unentwegt festhält, einfach weil ich sie kaum spüre. Ich merke meine Fingerspitzen kaum noch, und mit halb gefrorenen Zehen, so kommt es mir jedenfalls vor, die Schritte durch die Bayous zu lenken ist auch kein Spaß.

Kilian findet allen Ernstes einige Pilze, die er einfach so essen will. Ich bin dagegen und verweise darauf, dass er sich ja noch so doll mit Pflanzen auskennen mag, hier aber nun mal Louisiana sei und nicht Deutschland. Und so, wie die Eichhörnchen bei ihm rotes Fell haben und hier graues, können sich die Pilze hier ja auch irgendwie umtarnen, sehen essbar aus und sind es dann gar nicht. Kilian versteht gar nicht, wieso ich deshalb so protestiere, River ist auch der Ansicht, das passe schon so mit den Pilzen und schließlich meinen die anderen, er solle einfach erst mal ein Stückchen probieren und wenn das ginge, das ginge auch der Rest. Immerhin soviel Vorsicht lässt Kilian walten, aber mich ärgert, dass die anderen da so viel sorgloser sind als ich. Wenn das nämlich nicht gut geht, wenn ihm die Zunge anschwillt und er dann erstickt, weil wir einfach sonst wie weit von jedem Telefon entfernt sind, dann ist es zu spät. Das ist genau derselbe Mist wie in der Schule. Wie ich Gruppenarbeiten hasse, weil Team da immer heißt: Toll, ein anderer macht‘s. Und ein anderer bin immer ich. Weil die anderen einfach nicht voraus denken, nicht an ihre Zukunft denken und ans College und all sowas. Und um mir meine Zukunft nicht zu versauen, muss ich dann für drei bis fünf Leute mitarbeiten. Und da soll mich noch mal wer fragen, wieso ich dauernd zu Hause rumhänge statt was zu unternehmen, echt mal.

Kilians Zunge schwillt aber nicht an, er erstickt nicht und fällt auch nicht tot um. Ich hab trotzdem noch Angst deswegen. Er könnte ja vielleicht einfach nur verspätet umfallen, das kann man alles nicht wissen. Stattdessen ist es aber Kaitlyn, die umfällt. Jedenfalls hört man sie auf einmal laut kieksen und dann … ist sie weg. Ein Blick auf die riesigen lila Blüten kurz seitlich hinter uns und auf die sich kräuselnde Entengrütze zeigt mir: Die ist da rein gefallen. Das ist auch River offenbar sofort klar gewesen, jedenfalls springt er wie jemand von Baywatch gleich hinter ihr her, während ich den anderen sage, dass das ein See ist und Kaitlyn wohl unter Wasser.

Leif springt nicht, sondern sucht nach dem Rand des Ganzen, legt sich flach auf den Boden und hangelt nach Kaitlyn, während Kilian Leifs Füße festhält. River schafft es offenbar, nicht selbst in die Schlingwurzeln zu geraten, schiebt Kaitlyn hoch und beide kommen unversehrt aus dem Wasser. Und ich … ich steh dumm daneben und hab nicht mehr beigetragen als zu sagen, dass das ein See ist, dass da Wasserschlingpflanzen sind und Kaitlyn unter Wasser ist. Tolle, Elle, da hast du ja wirklich geglänzt und dich voll eingebracht … Zum ersten Mal denke ich darüber nach, ob ich vielleicht doch mal besser mehr an die frische Luft gegangen, mehr Sport gemacht oder sonst irgendwas anderes hätte tun sollen in den letzten sechzehn Jahren, als irgendwelche Bücher zu lesen und zu lernen. Wenn man weiß, dass da Schlingpflanzen sind, ist das gut. Hilft demjenigen unter Wasser allerdings nicht so wirklich.

Kilian scheint mich da nicht so kritisch zu sehen, zum Glück. In all der Aufregung hat er Leif wohl gesagt, er solle ihm eine Blüte abpflücken und Leif wiederum hat trotz aller Aufregung tatsächlich eine gepflückt. Die überreicht mir Kilian jetzt. So eine schöne Purpurlilienblüte habe ich noch nie gesehen. Und das ist die erste Blume, die ich geschenkt bekomme, mal abgesehen von dem kleinen Strauß, der zu meinem sechzehnten Geburtstag auf dem Tisch stand. Meine allererste geschenkte Blume!

Es dauert einen Moment, bis ich mich wieder daran erinnere, dass wir uns den Hintern abfrieren. Vielleicht hätte ich sogar noch einen Moment länger gebraucht, aber River und Kaitlyn sehen gerade ziemlich mies aus. Sie schlottern, ihre Fingerspitzen und Lippen sind ziemlich blau, und River zeigt sich plötzlich ziemlich energisch und befiehlt fast schon, dass wir zu joggen anfangen. Wir versuchen es, aber barfuß ist das nicht so einfach, ohne das Risiko einzugehen, dass sich noch jemand irgendwas bricht oder so, also ist es mehr schnelles Gehen, das uns weiter durch den Wald treibt.
Kaitlyn geht nach ihrem Sturz ins Wasser nicht mehr als letzte, sondern ich. Auf einmal rennt sie wie von irgendwas gestochen einfach los zu … ja, wohin rennt sie eigentlich? Die anderen setzen sich auch in Bewegung, allen voran Kilian und damit auch ich, denn er zieht mich einfach mit sich. Ein Haus! Ein Haus und ein rauchender Kamin, Ofen oder irgendwas sonst. Warm, endlich!

Auf gute Kinderstube hat Kaitlyn offenbar keine Lust mehr gerade und ich kann es ihr nicht verübeln. So gerade eben sehe ich sie noch durch ein Fenster in das Haus blicken, dann reißt sie einfach die Tür auf, laut rufend, und geht hinein. Kilian und ich folgen, die anderen ebenso.

Die kleine alte Dame mit der riesigen Brille auf der Nase nimmt es erstaunlich gelassen, dass da plötzlich fünf nackte Jugendliche in ihrem Haus stehen. Kilian erzählt irgendwas von beim Schwimmen geklauten Sachen, aber das scheint sie weder zu glauben, noch scheint es sie sonderlich zu interessieren. Sie zieht nur die Augenbrauen skeptisch hoch und verzichtet darauf, das Ganze irgendwie zu kommentieren. Stattdessen erzählt sie was von frisch gebackenem Kuchen und davon, dass sie uns allen heißen Kakao machen würde, was ich schon mehr als nett finde, sucht nach Decken und hat für jeden von uns eine. Dann schaut sie Kaitlyn von oben bis unten an, streichelt ihr über die Wange und den Arm und sagt etwas von „So ein schönes Mädchen!“ Vielleicht hab ich mich verhört, denn niemand einschließlich Kaitlyn reagiert irgendwie komisch, aber mir läuft es bei dem Satz eiskalt den Rücken runter. Gut, wir sind jetzt nicht das Paradebeispiel für die Dinge, wie sie sein sollten, aber die Oma da irgendwie auch nicht.

Als wir in der Küche ankommen, habe ich das schon fast wieder vergessen. River schneidet den noch warmen Kuchen an und schiebt jedem von uns ein Stück auf den Teller. Der Kuchen sieht innen eher nach Kirschen als nach Äpfeln aus, doch als wir probieren stellen wir fest: Schmeckt wie Nierchen oder sowas. Innereien-Pastete, kein Apfelkuchen. Blöder Irrtum. Ich esse ja aus Familientradition quasi schon so ziemlich alles, aber Innereien sind meistens nun nicht so wirklich mein Ding. Das scheint uns allen so zu gehen, jedenfalls schiebt einer nach dem anderen sein Stück von sich und in Richtung River, der sich genüsslich Stück für Stück in den Mund schiebt und, so sieht es jedenfalls aus, wohl den gesamten Innereien-Kuchen allein verputzen will und wird.

Kaitlyn wirft einen Blick in den Kühlschrank, doch neben weiteren Innereien, saurer Milch und schon braun-schleimigem Gemüse ist da nichts zu finden. Mist. Eigentlich müsste ich supergute Laune haben, weil ich endlich wieder in einem Haus statt draußen bin, weil ich mich in eine Decke kuscheln kann und mir langsam etwas wärmer wird, und weil irgendwo eine nette alte Dame nach dem Kakao sucht, den sie uns machen will. Kakao, toll! Wir haben den bei uns immer gleich in der Küche, weil man ihn da ja schließlich auch zubereitet, aber vielleicht hat sie den nur für die Enkel immer in der Vorratskammer oder so. Egal. Ich komme mir ziemlich unverschämt dabei vor, aber mich nervt es, dass es nichts zu essen gibt außer diesem Innereien-Kuchen. Wenn sie schon so nett ist, hätte sie auch gleich einen Obstkuchen machen können. Oder einkaufen gehen. Oder sowas. Ich weiß, dass das nicht nur unverschämt gedacht ist, sondern auch noch ziemlich unlogisch, aber es ärgert mich trotzdem, weil ich einfach wirklich, wirklich Hunger habe. Außerdem ist mir einfach immer noch kalt und ich glaub, ich werde nie wieder richtig warm, habe zumindest nicht den Eindruck.

Kälte, Hunger und schlechte Laune sind nicht die schlechteste Kombination, die man sich denken kann, zumindest dann nicht, wenn man sich nicht irgendwo hilflos in der Pampa befindet, sondern in halbwegs zivilisierter Umgebung. Ohne drüber nachzudenken frage ich Kilian, ob wir nicht lieber zusammen unter unseren Decken, also doppelt … und noch während ich frage, denke ich: Gott, Elle, was machst du denn da!? Und ich bin ärgerlich. Und zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass ich mich gar nicht darüber ärgere, dass ich gefragt habe, sondern mich darüber ärgere, dass ich mich darüber ärgere, dass ich gefragt habe. Die erste Elle ärgert sich, weil allein die Frage schon nicht sehr katholisch ist. Die zweite Elle ärgert sich, weil sie gerade über die Stränge schlägt. Und offensichtlich gibt es da noch eine dritte, die ich noch nicht kenne, und der ist das sowas von egal, was die anderen beiden Elles so meinen.

Kilian hat das Problem mit verschiedenen Kilians in sich definitiv nicht. Er grinst einfach nur, wickelt sich aus der Decke, schlägt sie über die andere und beide zusammen über uns. Ich lehn mich ein Stück zurück und drücke den Rücken an seine Brust, er verschränkt die Arme mit den Decken in den Händen über meinen Armen und es ist gleich mal ein paar Grad wärmer. Das ist gut.

Kaitlyn entwickelt sowas wie die Eigenschaften eines Waschbären, jedenfalls wuselt sie eifrig durch die Küche und sucht noch immer nach Essbarem. Irgendwann dann kriegt Kilian mit, dass es vielleicht doch nicht nur Innereien sind, die da im Kühlschrank liegen und er springt auf, stürzt zum Kühlschrank und greift nach einer Tüte mit Fleisch darin. Ich bin noch gar nicht wirklich dazu gekommen, sein Aufstehen zu bedauern, als er das Fleisch aus der Tüte zieht, hinein beißt und ein Stück heraus reißt, begeistert darauf herum kaut.

Ich schaue ihn etwas ungläubig an und er sagt irgendwas davon, dass er Sushi auch gerne mag und das ja quasi dasselbe sei. Nee, Kilian, das kauf ich dir jetzt nicht ab. Die Flusskrebse hast du auch nicht roh gegessen und du hast nicht ein einziges Mal im Laden irgendwas Rohes gegessen, obwohl was da gewesen wäre. Du hast einfach Kohldampf. Hab ich auch … sehnsüchtig schaue ich zu ihm herüber und mein Blick gilt nicht allein ihm, sondern auch dem Fleisch in seiner Hand. Ich stehe auf, suche in den Schränken nach einer Pfanne, werde fündig, zünde den Herd an und zwinkere ihm zu.

„Wie wäre es mit braten, hm?“, frage ich und mit begeistertem Nicken reicht er mir das Fleisch rüber.

Ich wickle mir die Decke eng um und stecke ein Ende oben fest, damit ich die Hände frei habe. So wirklich braten ist vielleicht übertrieben, vielleicht so kurz vor medium, dann siegt einfach der Hunger. Bevor ich das Stück teile, frage ich River, ob er auch was möchte, aber der ist mit der Pastete voll ausgelastet und Kaitlyn und Leif sind … weg. Kilian und River meinen, sie hätten sich vor ein paar Minuten gemeinsam verdrückt, also kein Grund, sich Sorgen zu machen. Ich finde das mutig, dass die beiden sich jetzt in der Situation einfach absetzen, um wahrscheinlich … aber geht mich ja auch nichts an. Viel besser bin ich mit der Doppeldeckenaktion ja irgendwie auch nicht gewesen und ich hab nicht mal die Erfahrung, ziemlich lange mit einem Footballspieler zusammen und bei jeder Party dabei gewesen sein, also egal. Außerdem ist mir ganz recht, dass wir nur zu zweit teilen müssen. Ich zwinge mich dazu, langsam zu essen und jedes Stück von dem Muskelfleisch zu genießen. Lecker!

Plötzlich ruft Leif laut. Die Stimme kommt von oben und wir beeilen uns, ihr zu folgen. Oh je. Wir räumen der armen alten Frau hier einfach den Kühlschrank leer und die ist auf dem Weg zum Kakao wahrscheinlich tot umgefallen oder sowas …

Nein, die Oma nicht, aber ein Mann, vermutlich der ihre, liegt wie schlafend in einem Sessel. Wäre nicht ganz so schlimm, wenn man in seinen Augen nicht nur das Weiße sehen würde, doch immerhin hat er tatsächlich noch einen Puls und atmet auch noch vernünftig, wie Leif und River, der glatt die Pastete mit rauf genommen hat, feststellen. Kurz darauf ist auch Kaitlyn bei uns und wir überlegen, was zu tun ist.

Telefonieren geht nicht. Die alte Dame hat kein Telefon, wie sie sagte, weg ist sie noch immer und der Mann hier … ja, was könnte er haben? River untersucht ihn nach Zeichen eines Schlaganfalls, über die er etwas weiß, ich hingegen tippe auf sowas wie einen epileptischen Anfall, nachdem meine Idee von extremem Grauen Star abgeschmettert wird von den anderen. Naja, da sieht man schlecht, man kann so jemanden aber wecken, schon richtig, trotzdem komme ich mir im Nachhinein wegen der Idee selbst ziemlich blöd vor.

Kaitlyn und Leif beschließen, Hilfe in den anderen Häusern zu suchen, die Kaitlyn bei ihrer Stippvisite nach draußen ausgemacht hat, derweil River oben bei dem Mann bleiben und da nach Medikamenten gucken will. Letzteres wollen Kilian und ich ebenfalls tun, aber in der Küche. Wir durchforsten jede Schublade und jeden Schrank, einfach alles, was wir so ausmachen können, aber hier unten sind keine Medikamente. Kilian guckt sogar im Kühlschrank nach, wo ihm auffällt, dass es noch eine Tüte mit Muskelfleisch statt Innereien darin gibt. Wir sehen uns kurz schweigend an, dann werfe ich den Herd wieder an und er zieht die Tüte aus dem Kühlschrank. Wir können eh nichts finden und nichts tun, Kaitlyn und Leif rufen gerade bestimmt schon einen Krankenwagen und wir … haben einfach immer noch ziemlichen Hunger.

Gerade habe ich das Fleisch in die Pfanne gelenkt und einmal leicht geschwenkt, als Kilian mir auf die Schulter tippt.

„Hm?“, frage ich und drehe mich um.

Kilian zieht mich ein Stück an sich heran und ich kriege nur halb mit, dass er gerade ganz komisch guckt, als er sich zu mir runter beugt und mich küsst. Herzklopfen, Hektik, Panik … was jetzt? Was muss ich jetzt machen, was muss ich jetzt sagen? Offenbar gar nichts, denn Kilian drückt mich einfach an sich, legt seinen Kopf auf meinem ab und sagt ebenfalls nichts. Eine gefühlte Ewigkeit, tatsächlich vielleicht gerade mal eine Minute, stehen wir einfach so da, bis mich wieder dieser schräge Übermut packt, ich mich ein Stück löse, auf die Zehenspitzen stelle und ihm einen Kuss auf die Lippen drücke.

„Du, sag mal … vielleicht … also würdest du vielleicht …? Ich meine, das mit den Küssen und so, worüber wir da geschrieben haben zuletzt … das mit dem Üben, also … das geht echt nicht alleine, weißt du? Und …“

Soviel zu meinem neuen Übermut. Ich stammle mir einen zurecht, dabei war das alles in meinem Kopf gerade noch so toll sortiert und jetzt kommt da alles so schief raus. Eigentlich will ich doch nur fragen, ob er mich noch mal küssen mag. Elle, so schwer ist das nicht, reiß dich mal zusammen!

Kilian hat mit meinem Gestammel aber offensichtlich keine Probleme. Er grinst nur, beugt sich noch mal zu mir runter und küsst mich noch mal. Anders als gerade, aber nicht so, wie andere das sonst immer machen. Also mehr so … ist ja auch egal. Ich finde es jedenfalls toll. Das hätte er längst mal machen können. In den ganzen letzten Tagen schon, wo noch alles in Ordnung war zum Beispiel, oder am Feuer, da wäre mir bestimmt doch noch ein bisschen wärmer geworden oder … nee, Quatsch. In den letzten Tagen war die zweite Elle noch nicht so auf der Höhe und eine dritte gab es noch gar nicht, also hätte ich ihn vielleicht blöderweise sogar noch weg geschubst oder so. Und jetzt mit den Decken … das ist schon besser so als da mit allen auf einem Haufen an diesem Feuerchen. Alles gut. Kein Pferd, aber alles gut. Alles bestens. Das hier zumindest. Und es wird noch besser!

„Hey?“, fragt er.

„Hm?“, frage ich zurück und gucke zu ihm hoch.

„Ich hab Bock drauf, dein Deckel zu sein“, sagt er. Ich verstehe sofort und grinse, doch er sagt sogar noch mehr. „Ich will mit dir zusammen kochen.“

Ich drück mich an ihn, ganz fest. Ja, das will ich auch! Und ich habe nicht den Eindruck, dass uns die Gewürze dabei schnell ausgehen würden.

„Wir sollten River da nicht einfach so alleine sitzen lassen“, sagt Kilian plötzlich und ich seufze innerlich. River hat doch seine Pastete … oh, Mist … kochen, Pastete … das Fleisch! Schnell schiebe ich die Pfanne von der Platte und hab meine Enttäuschung dann auch wieder so weit im Griff, dass ich nur nicke, „Klar!“ sage und ihm nach oben folge. Da oben hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert. Nur von der Pastete ist jetzt weniger übrig, sonst ist alles unverändert.

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