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15. Inplay, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – „Gäste, Dürre & Morde“ I

August 1472.
In zwei Jahren lag der Tag meiner Geburt genau zweihundert Jahre zurück.

24 Jahre hatte ich von da an gelebt. Eigentlich falsch. 24 Jahre lang wurde ich von da an gelebt, verplant, genutzt, in ein Schema und in eine Kultur gepresst, die für mich nichts übrig hatte, für die ich einfach nur überflüssig war, obwohl ich ihr soviel zu geben hatte und soviel geben wollte.

Danach 114 Jahre, in denen ich existierte, ohne genauer zu wissen, warum und wozu überhaupt. Gelenkt vor allem dadurch, den Blick ins Gestern zu richten und dadurch zu wenig Antrieb für das Jetzt aufzubringen. Über die Hälfte meiner gesamten Existenz hinweg geleitet von … nichts.

Und dann, innerhalb weniger Monde im Grunde, änderte sich so vieles. Mein Weg hätte damals geendet, bevor ich ihn betreten hatte, wenn er nicht da gewesen wäre. Ja, das wusste ich noch gut und dafür war ich tatsächlich noch immer dankbar. Dankbar dafür, dass er mir die Augen ein kleines bisschen geöffnet hatte, dass ich Dinge gelernt hatte, die ich noch nicht von mir wusste, dass Feuer eine Waffe war, die man nicht nur gegen uns richten konnte, dass ich durchaus noch fähig war, etwas zu empfinden, und dass es tatsächlich Dinge gab, die ich wollte, mehr wollte als andere. Und dann war er verschwunden. Und dafür hasste ich ihn immer noch. Dafür und für den Handel, für den Betrug, für die Schuld, die ich spürte, weil ich sie mir nicht selbst gegeben hatte, denn das wäre es keine gewesen. Und dafür, dass er mir erst gezeigt hatte, wie viel ich empfinden konnte, nur um mir dann all das und noch so viel mehr wegzunehmen.

Danach eine Nacht. Nur eine einzige Nacht, die erneut alles veränderte. Weitere zwei Nächte, in denen ich mich wand vor Angst, kaum in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen, in denen ich verletzlicher war als in den fast 190 Jahren davor zusammen. Fast 190 Jahre und plötzlich war jede einzelne Minute zu lang gewesen. In der dritten stand sie vor meiner Tür. Nach dreißig weiteren kehrte sie zurück nach Kronstadt.

Seither zehn Jahre. Zehn Jahre zunehmender Gewissheit. Zehn Jahre der Freude und des Glücks. Auch zehn Jahre des Tauziehens und der Auseinandersetzungen. Keine einzige Minute davon eine zuviel, nur noch unendlich viele Minuten zu wenig.


Viktor kehrte nach Kronstadt zurück. Wieder einmal. Und wieder hatte es ihn nach Osten verschlagen. Er verbrachte recht viel Zeit in Bukarest, was nicht das Schlechteste war, denn immerhin lag es nicht allzu weit entfernt von Kronstadt und es war gut, über die hiesigen Dinge Bescheid zu wissen. Seine Reisen in den Osten hingegen passten mir nicht. Zwar wollte er diesmal nur so gerade eben bis nach Indien, und das wohl auch mehr, um die Liste abzuarbeiten, die ich ihm mitgegeben hatte. Heimische Gewürze, Kräuter, Stoffe und derlei mehr. Vielleicht sein Weg, sich für die Reisen bei mir zu entschuldigen? Oder hatte er mir einfach nicht zugehört, als ich ihm von den Kuei-Jin erzählt hatte? Ich wurde den Eindruck nicht los, dass er viel für sie übrig hatte, auch wenn er nicht viel darüber sprach, vor allem seit unserem Gespräch damals nicht, in dem ich ihm erzählt hatte, dass sie in meinen Augen Dämonen waren, mit denen man nicht sprach, sondern die man vernichten musste. Und trotzdem reiste er wiederholt gen Osten. Auf Dauer musste ich mir etwas dazu einfallen lassen.

Diesmal hatte er jedoch nicht nur all die Dinge von meiner Liste mit zurück gebracht, sondern auch noch Gäste. Drei Kainiten, einen Brujah namens Salim, eine Ishtarri namens Rasu und eine Laibon namens Maryam. Allesamt machten sie einen guten Eindruck auf mich, außerdem sprachen sie alle in erster Linie arabisch und ich hatte mich schon lange nicht mehr in dieser Sprache unterhalten. Nicht mehr, seit Jean-Baptist … nicht mehr da war. Sie wollten nach Italien, erzählten sie, und ich unterhielt mich eine ganze Weile mit ihnen, bevor ich ihnen Unterkünfte in der Stadt zuwies und ihnen für einen Mondlauf das Gastrecht einräumte. Ich mochte ihre durchaus als lebendig zu bezeichnende Art, gerade die kleine Vampirin, noch deutlich kleiner als ich und geradezu zerbrechlich wirkend, mochte ich sofort. Mit der burschikosen Laibon konnte ich wenig anfangen, sie war einfach zu unauffällig, und was den Brujah betraf, so war er mir fast schon zu ernst und höflich und all so etwas, einfach zu langweilig. Und doch trugen sie alle einen Hauch der Exotik in sich, die ich hierzulande so oft vermisste, und es war mir nur Recht, wenn sie eine Weile in der Stadt blieben.

Adonai besuchte mich zwischen seinen Patrouillen noch immer recht häufig und auch ihn sah ich mittlerweile gern. Ich hatte mich durch all die Besuche und Gespräche an ihn gewöhnt, und auch, wenn auch er mir meist immer noch zu ernst und ehrenhaft war und ich es dadurch nach wie vor nicht lassen konnte, ihn hin und wieder mildem Spott auszusetzen, harmlosen Spielereien, die ihn nie wirklich trafen oder auch nur treffen sollten, mochte ich ihn. Außerdem konnte ich ihn wegen seiner Art noch so steif finden: Er war verlässlich. Er war ein wirklicher Gewinn für Kronstadt, für uns, und auch für mich, und ich hatte ihn gern zu Gast. Er stellte wenige Fragen, und doch hatte er viele Antworten, wenn man selbst ihn fragte. Er akzeptierte, was man ihm sagte, auch andere Meinungen, er verurteilte nicht, zumindest nicht offensichtlich erkennbar, und gleichzeitig hatte er jedoch eine eigene Meinung und vertrat diese auch. Keiner dieser lästigen Arschkriecher, und wahrscheinlich mochte ich ihn allein deswegen schon. Speichellecker waren nicht meins, die brauchte niemand.

Als er mich in jener Nacht besuchte, hatte er ein seidenes Päckchen bei sich, das er mir mit den Worten überreichte, er habe ein Geschenk für mich. Ich war erstaunt. Er wollte mir etwas schenken? Neugierig öffnete ich das Päckchen und fand darin ein Kleidungsstück vor, einen japanischen Kimono, feinste schwarze Seide mit aufwändigen Stickereien in rosa und violett, Blüten … ich fand ihn wunderschön, außerdem war ich neugierig, wie mir so ein Kimono wohl stehen würde. Für einen Moment vergaß ich, dass ich für alles aus Japan stammende – von meinem Gast einmal abgesehen – nicht allzu viel übrig hatte und probierte ihn sogleich aus. Ein interessantes Gefühl auf der Haut und vor allem sehr schnell angezogen. Es gab nur einen Gürtel zum Binden, kein Knoten, kein Wickeln war nötig.
Adonai meinte, er wolle mir diesen Kimono geben, weil er keine Verwendung für ihn habe und sich dachte, bevor er ihn wegwerfe, gäbe er ihn mir. Ich zog die Augenbrauen hoch und war verärgert. Er schenkte ihn mir also, weil er ihn sonst wegwerfen würde? Das schmälerte meine Freude über sein Geschenk deutlich, und dass er weiterhin anführte, er habe einer ihm wichtigen Person gehört, die nicht mehr sei, der Kimono sei also alles, was von ihr übrig geblieben war, machte es nicht besser. Dann jedoch dachte ich einen Augenblick nach, bevor ich mich zu einer bissigen Bemerkung hinreißen ließ. Er hatte also einer gehört, die ihm sehr wichtig gewesen war. Er ließ sich nicht sonderlich dazu aus, doch es klang nach einer lange vergangenen Romanze und irgendwas hielt mich trotz aller Neugier davon ab, weiter nachzubohren. Wenn mein Eindruck richtig war, war es also nicht so, dass er seinen Abfall bei mir abladen wollte, sondern vielmehr vermutlich so, dass er sich zum Loslassen entschieden hatte und den Kimono darum weg gab. Und da gab er ihn mir … und wenn das so war, dann waren seine Worte vielleicht nicht so gut gewählt, doch dann war es tatsächlich eine Ehre, diesen Kimono zu bekommen. Adonai ergänzte, es sei das Kleidungsstück einer sehr wichtigen und hoch gestellten Person, doch das interessierte mich viel weniger als das, was er zuvor gesagt hatte. Vielleicht war das nur von mir hineininterpretierter Blödsinn, aber ich verstand sehr gut, dass man um jemanden trauerte, verstand sehr gut, dass man sich schwer von Erinnerungen lösen konnte und verstand auch sehr gut, wie stark Gefühle sein konnten – und wenn man sie an so etwas Unsinnigem wie Kleidungsstücken festmachte. Kurz kam mir ein Sari in den Sinn, der seit beinahe sechzig Jahren verschlossen unter meinem Bett lag und um den ich mich irgendwann mal in irgendeiner Form kümmern sollte, aber das hatte nun auch noch Zeit. Ich lächelte Adonai an, bedankte mich erneut und tat etwas, das ich nur selten tat und am ehesten dann, wenn ich zu Adonai Kontakt hatte: Ich begleitete meinen Dank mit einem Mudra. Ich führte die Handinnenflächen zusammen, legte sie an meine Nasenspitze und verbeugte mich. Adonai kannte diese Geste mittlerweile. Er wusste, dass das Mudra üblicherweise auf Herzhöhe ausgeführt wurde, und umso höher man die Hände führte, bis hin zum Dritten Auge, desto ehrenvoller war die Geste. Doch die Nasenspitze war bereits das Höchste, das ich für einen durchaus weltlichen Dank aufbringen konnte. Alles andere wäre unangemessen gemessen, und auch das wusste Adonai.

Ich erzählte ihm von den fremden Gästen, doch davon zeigte er sich wenig begeistert und äußerte seine Bedenken, einfach so Fremde in die Stadt zu lassen und ihnen ohne weitere Prüfung das Gastrecht einzuräumen, doch ich wischte seinen Einwand mit einer Handbewegung weg. Wegen der Fremden, vor allem jedoch wegen der aktuell schlechten Stimmung in der Stadt, die gerade mir, die am Rande der Slums lebte, deutlich vor Augen stand, wollte ich gern alle einmal wieder zusammenrufen lassen. Es gab genug gute Gründe dafür. Viktor war zurück und konnte sich darüber gleich wieder ins aktuelle Stadtgeschehen bringen, Reynaud wollte ich von der Idee zu einem Schauspiel im Ampitheater berichten und ihn bitten, dies zu organisieren, die anderen sollten Bescheid wissen über unsere Gäste, und außerdem war das drängendste Problem und das eigentliche Übel in der Stadt derzeit die Dürre, gegen die wir dringend was auch immer unternehmen mussten. Adonai machte sich sogleich auf, um Melissa zu kontaktieren, damit sie als Seneschall weitere Anweisungen zur Einberufung eines Ahnenrats geben konnte.

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