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11. Inplay-Zusammenfassung, Teil II: „Gedanken zum Impergium“ (Werwolf, TS)

Taylor ist mit seinem Umzug dank Katias Hilfe so gut wie fertig. Mich wundert ein bisschen, dass Kat da so tatkräftig mitgeholfen hat. Tatkraft ist eigentlich nicht unbedingt eins der ersten Worte, das mir zu ihr einfällt. Vielleicht mag sie ihn besonders gern – oder es gefällt ihr eher nicht, dass er bei ihr untergekommen ist zwischenzeitlich und sie ist so hilfsbereit, damit er schnell wieder auszieht. Kann ich mir aber auch nicht vorstellen. Sie hat Taylor selbst angeboten, dass er bei ihr bleiben könne. Nicht nur das, sondern hier und da lässt sie immer mal den vagen Vorschlag einer WG oder etwas in der Art anklingen. Also nicht nur für die beiden, sondern für uns alle. Das wäre ja eine WG …

Die Idee ist gar nicht so schlecht. Ich hätte schon Bock, mit den anderen zusammen zu leben. Die ersten Tage waren rückblickend gesehen ziemlich einfach, aber jetzt, seit wir wieder in Köln sind, kann ich die Spannung in der Luft fast greifen. Charlotte, wo warst du? Charlotte, wohin gehst du? Charlotte, bleib hier! Charlotte, wo treibst du dich rum? Charlotte, wer sind diese Leute? Charlotte, warum hast du nicht früher angerufen? Charlotte, was ist mit der Hausarbeit? Charlotte …

Das geht so nicht. Das geht so alles nicht. Zum Glück bin ich meist wach und fühle mich fit, brauche kaum noch Schlaf im Vergleich zu vorher. Ansonsten wüsste ich nicht, wie ich das alles auf die Reihe kriegen sollte. Pommesbude, Fitness-Studio, häusliche Pflichten und Familienleben, Garou-Dasein. Das funktioniert so nicht. Die Welt retten zu wollen ist offenbar kein Teilzeitjob.

Aber was macht man da? Soll ich zum Amt und sagen „Stellen Sie mich mal frei und um auf Hartz4 oder so, weil … ich hab gerade keine Zeit zum Arbeiten“? Ich kann nicht zu Hause wohnen bleiben, aber ich kann auch nicht von da ausziehen, weil mir dazu die Kohle fehlt. Da bleibt nur, diesem Darzel da trotz allem zu helfen, fit zu bleiben oder fitter zu werden … damit er dann fit genug ist, um seine Weltuntergangsidee in die Tat umzusetzen? Sauber, das sind ganz tolle Aussichten.

Und wie sollte das aussehen mit so einer WG? Kat meinte, wir könnten alle zu ihr ziehen. Ich war in der letzten Zeit ja immer nur kurz bei ihr, aber ihre Mutter habe ich meist trotzdem gesehen. Ich hab versucht, wie immer freundlich zu grüßen, aber wo vorher eine distanzierte Freundlichkeit war, oft mit einem Hauch des Naserümpfens, weil sie mich nicht für den optimalen Umgang hielt, da ist jetzt Hass. Ob das wirklicher Hass ist, da bin ich mir nicht sicher. Aber da ist viel Wut, viel Schmerz und viel Verzweiflung. Ich hab versucht, mit ihr zu sprechen, eine Brücke zu schlagen, aber ich hab es kaum über die Zimmerschwelle geschafft, bis sie mich mit einem Ton wie einer Druckwelle wieder hinaus katapultiert hat. Ich war ziemlich sauer deswegen. Da will man hingehen und mit der Frau reden, um ihr irgendwie zu helfen, um irgendwie nett zu sein, obwohl sie das nie über Gebühr auch umgekehrt gewesen ist, und als Dank schmeißt sie einen quasi raus. Ich wollte eigentlich stehen bleiben und ihr meine Meinung sagen, genau das. Dass sie sich mal nicht so aufregen soll, dass sie gefälligst mal ein bisschen freundlicher sein kann. Mich hat das so aufgeregt, wie sie mir da entgegen getreten ist, obwohl ich ihr schließlich nichts getan habe … und genau deshalb hab ich dann gar nichts gesagt, sondern hab mich einfach umgedreht und bin gegangen, wie sie es wollte. Ich glaube, es wäre nicht sinnvoll gewesen, daraus ein … Streitgespräch zu machen.

Später ist mir dann erst ein bisschen klarer geworden, dass in dieser Familie in der letzten Zeit jede Menge zerbrochen ist. Wir haben alle irgendwie unsere Probleme, gerade im Moment, aber bei Kat hat das alles ganz schön eingeschlagen. Mittlerweile erwähnt sie den Tod ihres Vaters mal in einem Nebensatz, aber ich glaube, so wirklich durch ist sie mit dem Thema noch nicht. Oder sie ist damit mehr durch, als ich mir vorstellen kann, und das würde es nicht gerade besser machen. Und dann turnen wir da alle bei Kat rum, Taylor zieht da sogar zeitweise ein, und Kats Mutter sitzt da mit einer Dreiviertelahnung von allem und hat all dem nichts mehr entgegen zu setzen. Ich hab über die Sachen nachgedacht, die Allen mir mal erzählt hat über dieses Impergium und so. Ich weiß noch, dass ich überhaupt nicht gecheckt habe, wieso das so gelaufen ist, was das für eine bekackte Einstellung ist, die da vertreten wurde, und dass die lange nicht auf die Idee gekommen sind, dass sie da Scheiße bauen mit dem, was sie so tun. Nach dem Gesprächsversuch mit Kats Mutter denke ich, dass das so einfach wahrscheinlich alles gar nicht war. Weil es irgendwie nie einfach ist.

Kats Mutter fühlt sich verletzt, betrogen, verraten, ausgenutzt. Sie sitzt zu Hause wie in einem Käfig und wahrscheinlich fühlt sie sich auch so ähnlich. Heile Welt kaputt, heile Familie kaputt, Monster im Haus. Ja, Monster. Hat sie selbst so gesagt. Und da fängt sie an zu hassen. Kat zu hassen. Mich zu hassen. Uns alle zu hassen. Aber wir können nichts dazu. Ich nicht, Kat auch nicht. Kat wusste nicht, was sie da tat, als sie diese Menschen zerfetzte. Sie konnte gar nicht unterscheiden zwischen Freund und Feind, zwischen überhaupt irgendwas. Da war nur … Beute. Du kannst das nicht verstehen, weil du es nicht erlebt hast, weil du das nicht gespürt hast. Weil du in Bahnen denkst, in denen es immer ein Richtig und ein Falsch gibt, in denen man sich immer für eine dieser Bahnen entscheiden kann. Und wenn man die falsche Bahn nimmt, dann hat man sie so gewählt. Das haben wir nicht getan. Es gibt keinen Grund und keine Erklärung für die Sachen, die passiert sind. Sie passieren. Weil unsere Natur eine andere ist als deine. Weil wir einfach nicht sind wie du. Und weil wir so anders sind, hasst du uns. Und weil du so wenig bereit bist mit unseren Augen zu sehen, werden wir wütend. Weil wir wie ich vorhin reden wollen, erklären wollen, Teil sein und Teil haben wollen. Aber du lässt mich nicht, lässt uns nicht. Und dann drehe ich mich um und gehe. Dann ignoriert dich Kat und tut so, als gäbe es dich nicht. Dann erinnert sich Taylor an seine guten Manieren und entschuldigt sich. Aber du in deinem Käfig kommst nicht mehr zur Ruhe und findest deinen Frieden nicht. Du steigerst dich da rein und es wird immer schlimmer. Irgendwann gehst du zu weit. Und dann geht jemand von uns zu weit. Dann verstößt jemand gegen die Regeln, gegen deine und gegen unsere. Damit müssen wir leben. Du dann nicht mehr.

Wie oft passiert sowas wohl? Hat das irgendwann so angefangen und ist einfach immer so weiter gegangen? Hat man dann nicht irgendwann einfach mal die Schnauze voll? Wenn du immer im Abseits stehst, dir immer Mühe gibst, dauernd versuchst, dich anzupassen, akzeptiert zu werden, einen Platz zu finden und immer wieder dasselbe Muster abläuft, was wird dann aus dir, was passiert dann mit dir? Wie oft passiert sowas, bis in dir der Gedanke aufkeimt, dass es so nicht geht? Dass du jemandem deiner Art sagst, dass es besser ist, sich von Städten fern zu halten und in den Wald zu gehen, wie Chara meinte? Wie lange dauert es, bis du kapierst, dass es viel weniger Gemeinsamkeiten gibt, als du bislang dachtest? Und wie lang dauert es von da an, bis zu begreifst, dass du bei all dem, bei all der Ausgrenzung und all der Angst der anderen, bei all den Vorurteilen und all den Gehässigkeiten, immer die sein wirst, die am längeren Hebel sitzt? Dass du das ändern kannst, wenn du aufhörst, die Gemeinsamkeiten zu suchen, sondern dich auf die Unterschiede stützt? Und wie lang dauert es dann, bis du es nur für fair hälst, wenn sie einfach tun, was du für richtig hälst und sie dafür sorgen, dass es deine Art weiterhin gibt? Dass du entscheidest, wann sie zu sehr in dein Territorium eingreifen, dass du eingreifst, wenn sie sich zu viel herausnehmen? Dass dir bewusst ist, dass du stärker bist, dass deine Regeln darum immer schwerer wiegen als ihre, dass du spürst, dass du die Dinge regeln kannst, auf deine Weise, und dass du glaubst, dass es richtig ist, so wie es ist?

Das alles macht Allens Geschichte nicht weniger schlimm und nicht besser. Sie ist und bleibt Murks, und funktioniert hat es so auch nicht, kann also nicht der Weg der Wege gewesen sein. Aber ich verurteile sie nicht mehr so, wie ich das anfangs getan habe. Ich verstehe ein bisschen besser, was dahinter steckt. Glaub ich. Und als ich so darüber nachdenke, kommt mir ausgerechnet Darzel wieder in den Sinn. Das, was er da erzählt hat, was er sagte, was er will … ist das nicht irgendwie genau dieselbe Geschichte? Er will, was schon da war und glaubt, dass das Verändern von Kleinigkeiten ausreicht, um das Ergebnis zu einem anderen zu machen. Aber auch, wenn ich immer noch nicht begriffen habe, was genau er da eigentlich vor hat, bin ich mir ziemlich sicher, dass er falsch liegt mit seinen Absichten. Eigentlich heißt es ja, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird, aber ich glaube, hier ist es umgekehrt. Umso länger man etwas kühlt, desto kälter wird es. Was mich betrifft, halte ich nicht viel von Kälte. Ich war schon immer ein Frierpitter. Dieses Impergium war Hitze, Darzel ist Kälte. Beides ist so nicht richtig.

Und ich komme bei der ganzen Rumdenkerei tatsächlich zu einigen Schlüssen. Ich muss mit Kat sprechen und wir müssen uns was überlegen wegen ihrer Mutter. Entweder müssen wir aus diesem Haus oder, sollte Kat bei ihrer WG-Idee bei sich bleiben, ihre Mutter muss raus. Ich hab keine Ahnung, wie Kat reagieren wird, wenn ich ihr das sage, aber da muss ich wohl durch. Schließlich ist ihre Mutter nicht die einzige, die im Zweifelsfall raus muss. Ich muss auch raus. Wohin auch immer. Im Vergleich zu Kat habe ich Glück gehabt bislang, aber sowas soll man ja nicht überstrapazieren. Als mir klar wird, dass „raus“ die einzige dauerhafte Option ist, dass ich rumdenken kann, so lange ich will und trotzdem zumindest für den Moment keine andere Lösung habe, merke ich, wie weh mir diese Erkenntnis tut. Im Grunde bescheuert, denn ich wollte sowieso demnächst irgendwann mal ausziehen, in ein paar Monaten … oder Jahren … oder so. Familie nervt einfach. Aber Familie ist Familie, Konstante ist Konstante. Bei Kat ist beides einfach weggebrochen und hat ihr die Entscheidung abgenommen. Aber die Entscheidung bleibt dieselbe, oder?

Ich muss mit Kat sprechen und ich muss bei nächster Gelegenheit mal mit allen sprechen. Diese WG-Idee ist gar nicht so schlecht. Eigentlich sogar ziemlich gut. Ich weiß auch nicht, wie sich das sonst finanziell regeln lassen sollte für mich. Finanzen … die bringen mich zu zweierlei: Ich muss auch mit Adriano sprechen wegen Darzel. Vielleicht erzähle ich ihm mal von meinen Gedanken in Bezug auf Kats Mutter und das, was Allen mir so erzählt hat. Falls er das nicht eh schon weiß. Ich glaube, das kann helfen, um zu entscheiden, wo wir überhaupt stehen oder uns hinstellen wollen. Und auch, wenn mir das immer noch nicht schmeckt, muss ich eigentlich auch mit Darzel sprechen. Ich brauche den Job im Studio und wenn ich mal ehrlich bin, brauche ich dazu erst mal auch ihn. Und damit geht der uns auch nicht so schnell durch die Lappen vielleicht. Und ich kann mehr über ihn rausfinden, mehr über ihn lernen.

Wahrscheinlich klappt das alles so nicht. Joaquin Phoenix sagte ja schon zu Nicolas Cage: „Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Naja, gut, aber verändern müssen sich die Dinge erst mal. Und dann sehen wir mal weiter, oder?

Das alles sind Gedanken, die sich in vielleicht zehn Minuten abspielen, während wir vor dem Zoo stehen und auf Paul und Adriano warten. Paul verspätet sich kaum, wirkt noch immer gehetzt, will schon alleine vor gehen. Boa …

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