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SC: Siobhan Sanders (Maura)

Aus gegebenem Anlass hier mal ein wieder ausgegrabener Charakter von mir mitsamt Hintergrundgeschichte. Nee, eigentlich nicht ein Charakter für mich, sondern der Charakter.

Name :    Dame Maura – Siobhan Sanders
Kith: Sidhe
Court: unseelie
Seeming: Grump
Seelie Legacy: Wayfarer (regain whenever you survive a life-threatening scene through your own cleverness): Never plan for the future!
Unseelie Legacy: Riddler (regain whenever you manage to confuse or mislead someone): Never allow others to discover the truth about you and your origins
House: Ailil (Schwierigkeit -1 bei Manipulation; kein Botch bei Politics oder Subterfuge; Flaw: trauen sich alles zu)

Attributes:

Strength: 1
Dexterity: 2
Stamina: 3
Charisma: 3
Manipulation: 4 (deceitful)
Appearance: 5 (bold demeanor)
Perception: 2
Intelligence: 4 (discerning)
Wits: 2

Skills:

Alertness: 2
Intimidation: 2
Empathy: 1
Kenning: 2
Persuasion: 3
Subterfuge: 3
Drive: 1
Enigmas 2
Etiquette: 3
Gremayre 2
Leadership: 2
Stealth: 3
Computer: 2
Investigation: 1
Science: 2

Flaws:
-1 Addiction (Nikotin)
-1 Dark Secret (Ailil –> Dougal / Balor)
-2 Curiosity
-2 obsession (–> Hintergrund)
-3 Driving Goal (–> Hintergrund)

Merits:
+1 Acute Senses (smell)
+4 Iron Resistance
+1 Concentration
+1 Poison Resistance
+3 Iron Will
—> 10

Glamour: 4
Willpower: 5
Banality: 5

Backgrounds:
Ressources 3 (50.000 / 3.000)
Title 2 (Knight / Lady)

Arts:
Chicanery 1
Soothsay 2

Realms:
Fae 2
Actor 2
Prop 2

Er verstand einfach nicht, warum es nicht klappen wollte.

Als Rüdiger Helené kennengelernt hatte, da war ein Knistern zwischen ihnen in der Luft gewesen. Es war ein fast hörbares Zischen gewesen und alle Sehnsucht seines Lebens hatte sich in diesem ersten Moment, als sie sich in die Augen sahen, erfüllt. Nur sieben Wochen später hatten sie geheiratet und weitere sieben Wochen später stand fest, dass Helené schwanger war.

Dass sie erst 20 war, vor drei Monaten erst wieder einen Job als Verkäuferin bekommen hatte und er mit 22 Jahren auch eben erst seine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen hatte, das hatte sie beide kaum gestört. Es würde schon alles gut werden. Was konnte das Leben ihnen schon anhaben? Wenn sie nur zusammen waren …

Vergessen waren die Träume eines gemeinsamen Hauses mit großem Garten, einem Pool und einem Jahresurlaub in die entlegensten Winkel der Welt.

Daraus wurde eine kleine 3-Zimmer-Wohnung außerhalb von Darmstadt, ein Käfig mit einem Goldhamster und einem rosa Zimmer für ihre Kleine.

Sein Mädchen hatte sich gut entwickelt, schnell durchgeschlafen und war derart pflegeleicht, dass Helené nach zwei Jahren wieder arbeiten wollte und auch die Stelle im Geschäft zurück bekam, womit sie beide eigentlich nie gerechnet hätten. Gut, sie arbeitete jetzt nur noch auf 400€-Basis und dafür zu unterschiedlichsten Zeiten, weil die immer lauter werdenen Rufe der Konsumenten nach verlängerten Ladenöffnungszeiten und verkaufsoffenem Sonntag gerade auch vor kleinen Geschäften keinen Halt machten, so war es nicht gedacht gewesen, aber schlimm war es auch nicht, denn zum einen bastelte er selbst auch eifrig an seiner Karriere, um zumindest den Traum vom Haus irgendwann in Erfüllung gehen lassen zu können, zum anderen hatten sie eine sehr nette und flexible Tagesmutter für die Kleine gefunden.

„Herr Sanders? Sie können dann jetzt zum Doktor rein.“, riss ihn die rundliche Arzthelferin aus seinen Gedanken.

Rüdiger atmete noch einmal tief durch und ging dann in das Sprechzimmer, wo Dr. Maigann ihn hinter einem schweren Eichentisch bereits erwartete.

„Herr Sanders, Sie sind wegen der Ergebnisse hier, nicht wahr?“

Er blätterte in seinen Unterlagen.

„Ja, da habe ich sie! Nun gut… sie haben es sich vielleicht schon gedacht. Die Medikamente, die sie seit zwei Jahren nehmen … hinzu kommt ihr Übergewicht und ihr Gebrauch von … Genussmitteln … nun, ich will nicht lange herum reden: Zur Zeit produzieren Sie kaum Spermien und die wenigen, die zu beobachten sind, sind sehr langsam und nicht ganz … vollständig. Wissen Sie, wenn Sie abnehmen, gesünder leben und dann vielleicht irgendwann die Medikamente absetzen können, aber jetzt … aber Sie haben bereits eine Tochter, nicht wahr?“

Rüdiger nickte. Zum Sprechen hatte er nicht die Kraft. Er hatte es geahnt, ja, aber im Augenblick fühlte er sich einfach nur unvollständig. Kraftlos bedankte er sich und machte sich dann auf den Heimweg, hin und her überlegend, wie er Helené sagen sollte, dass er keine Kinder zeugen konnte, zumindest nicht jetzt. In seinem Hinterkopf erklang die Stimme, die ihm sagte, dass er sich eigentlich viel mehr ein zweites Kind wünschte als sie, aber er ließ die Stimme gar nicht erst richtig in sein Bewusstsein dringen.

Als er den Schlüssel in die Wohnungstür stecken wollte, wurde ihm bereits geöffnet und seine Frau umarmte ihn freudestrahlend.

„Schatz, ich habe gute Neuigkeiten! Es hat endlich geklappt! Ich bin schwanger!“

Rüdiger schwieg.


Nur ein einziges Mal hatte er seine Frau im Krankenhaus besucht, deren ganzes Bett voller voll geweinter Taschentücher gewesen war. Helené hatte das Kind nicht bei sich und wie man ihm sagte, verweigerte sie, es sich auch nur anzusehen. Rüdiger hingegen wollte den Jungen sehen, musste den Jungen sehen … und dann verschwamm der Anblick des Kleinen vor seinen Augen, als er weinte. Die kaffeebraune Haut, die großen dunklen Augen … nein, das war mehr, als er befürchtet hatte. Er sah die Wahrheit, die er vorher so lange nicht gesehen hatte und nicht sehen wollte.
Er dachte eine Weile nach, aber nach drei Wochen dann trafen die Scheidungspapiere bei Helené ein.

Der Junge blieb bei Helené, aber Rüdiger konnte durchsetzen, dass er das Sorgerecht für seine Tochter bekam. Er hatte wie ein Löwe gekämpft, denn sie war das Einzige, das ihm noch wirklich erschien. Wirklich – und ehrlich im Leben.

Den Traum von einem Haus begrub er mit seiner großen Liebe und ließ sich in der Bank versetzen, so dass er näher an der neuen 2-Raum-Wohnung war, näher an seiner Tochter.

Zum Glück hatte er auch Janine als Tagesmutter behalten können und die hatte die fast 4-jährige mittlerweile so sehr ins Herz geschlossen, dass sie auch mit der Hälfte ihres vorherigen Lohnes zufrieden war.


Siobhan wuchs heran und blieb das liebe, nette und freundliche Mädchen, das sie gewesen war. Zudem wurde sie immer hübscher und als sie schließlich in die Schule kam, erzählte Rüdiger jedem seiner Arbeitskollegen mehrmals am Tag, wie stolz er auf seine Tochter sei, wie fleißig und brav sie sei und wie gut sie in der Schule zurecht käme.

Etwa 12 Jahre war sie alt, als es begann, dass man sie ständig ansprach, wo immer sie auch war. Nicht nur Jungen, die ihr Interesse an ihr bekunden wollten, nein, von denen gab es eigentlich nur wenige. Viele scheuten Siobhan, die schon früh sehr selbstbewusst auftrat und in der Schule niemals abschreiben ließ. Sie petzte des öfteren und brachte einige von ihnen damit in Teufels Küche, oder zumindest zu einem Wochenende Hausarrest, wenn die Lehrer bei ihnen in der Schule anriefen. Petzen war etwas, dass sich bei Siobhan allerdings hauptsächlich auf Jungen beschränkte, bei den Mädchen kannte sie andere Methoden. Bei denen war sie beliebt und schon so einige enge Freundinnen hatte sie auseinander gebracht, weil sie eine Freundin „ausgespannt“ hatte. Sie blieben nie lang ihre Freundinnen, aber immer lang genug, dass die andere, die „alte“ Freundin, nichts mehr kitten wollte und längst andere Spielkameraden gefunden hatte.

Trotzdem sprach man sie dauernd an. Junge Mütter mit Kinderwagen, ältere Herrschaften besonders oft, manchmal auch Damen mittleren Alters. Sie fragten nach dem Weg, der richtigen Buslinie irgendwo hin, ihrer Empfehlung in einem Buchladen oder bei den CDs in größeren Kaufhäusern. Sie erzählten ihr ungefragt ihre Geschichten, selbst wenn sie in ein Buch vertieft und abwesend wirkend irgendwo einfach so herum stand – und sie alle hatten meist ein Lächeln für sie übrig. Warum auch nicht? Siobhan war stets freundlich, eine gute Zuhörerin und geduldig. Trotzdem verstand sie nicht, warum immer sie es war, die angesprochen wurde, ganz gleich, wie viele Menschen gleich neben ihr standen.


Helené hatte nicht wieder geheiratet. Als sie nach „langem Leiden“, wie Helenés Mutter es in der Zeitung hatte schreiben lassen, dem Krebs erlag, war Siobhan gerade 19 geworden und war mitten in den Abiturprüfungen. Man ging rührselig mit ihr in der Schule um, nachdem ihr Vater es den Lehrern erzählt hatte und Siobhan verstand nicht, warum. Sie hatte ihre Mutter nach der Geburt von Kelvin noch drei Wochenenden gesehen und sich dann geweigert, dort wieder hin zu gehen. Sie hatte für Helené nie wie für eine Mutter empfunden und sie verstand damals zwar noch nicht die Umstände und was zu ihnen geführt hatte, aber sie verstand, dass es ihrem Vater schlecht ging wegen den beiden und machte es daher zu ihrer Aufgabe, sich ebenso schlecht wegen ihnen zu fühlen. Nicht, dass es Siobhan viel Kraft gekostet hätte, denn sie hasste es, nicht genügend Aufmerksamkeit von Helené zu bekommen und mit Grauen erinnerte sie sich noch an das kreischende Kind. Immer brüllte er, schrie, krakehlte … es gab nicht genug Worte für diesen Lärm, um ihn ausreichend zu beschreiben.

Das einzige, das Siobhan wirklich leid tat nach dem Tod ihrer Mutter war die Tatsache, dass Kelvin, als Rüdigers leiblicher Sohn eingetragen, nun zu ihnen zog.

Siobhan ignorierte Kelvin, so gut es eben ging und viele Wochen lang ignorierte sie auch ihren Vater, der trotz allem nicht den Mumm in den Knochen hatte, die Dinge so aufzuklären, wie sie wirklich waren.

Kelvin war 15 und wer je behauptet hatte, dass Jugendliche in diesem Alter schwierig waren, musste einen Zwilling von Kelvin zu Hause gehabt haben. Demonstrativ trug er schwarze Sachen, um seine Trauer zu demonstrieren, ließ die Musik so laut schallen, dass sich sogar einige Male die Nachbarn beschwerten und kam und ging, wie es ihm passte. Letzteres war der einzige Lichtblick bei der Sache, denn so musste Siobhan ihn nicht ständig ertragen. Musste sie es doch einmal, konnte sie diesen Umstand rasch beheben. Es dauerte nicht lange, bis sie erkannte, dass jedes Wort über ihre Mutter für Kelvin eines zuviel war und sie ließ keine Gelegenheit aus, ihm aufzutischen, dass sie auch sterben würde, wenn sie ihn so lange ertragen müsste.

So wenig Rüdiger auch mit „seinem“ Sohn anzufangen wusste, so stand er doch hinter ihm und all die bösartigen Sticheleien Siobhans bekam er nicht mit. Überhaupt bekam er immer weniger mit, denn umso mehr Zeit er mit diesem Jungen in einem Haushalt lebte, umso mehr ließ er sich von seinen Erinnerungen gefangen nehmen, und umso mehr trank er auch.

Siobhan weigerte sich, für ihn Alkohol zu kaufen, schüttete Flaschen aus, wann immer sie welche finden konnte und flehte ihren Vater an, etwas gegen seine Depressionen zu unternehmen, aber zum ersten Mal in ihrem Leben musste sie erleben, dass sie nicht zu ihrem Vater vordang, keinen Einfluss auf ihn ausüben konnte, der Situation, so wie sie gegeben war, hilflos ausgeliefert war.

Immer seltener ging sie zur Uni, an der sie ein Studium der Chemie auf Diplom begonnen hatte und als ihr Vater schließlich den Job bei der Bank verlor, nachdem man ihn mehrfach ermahnt und trotzdem immer eine Flasche im Schreibtisch oder eine Fahne aus seinem Mund gerochen hatte, begann sie zu kellnern, um den Lebensunterhalt und die Wohnung irgendwie weiter absichern zu können.


„Papa? Papa! Ich bin wieder zu Hause! Ich hab uns was zu essen mitgebracht!“, rief Siobhan, als sie die Wohnungstür aufschloss. Mit einem gründlichen Blick stellte die 21-jährige fest, dass Kelvin nicht zu Hause war, immerhin. Das ersparte ihr zudem eine Ausrede, weil sie nicht eingesehen hatte, für den kleinen Schmarotzer auch was von ihrem sauer verdienten Geld zu kaufen.

Als sie keine Antwort bekam, seufzte sie traurig in dem Wissen, dass ihr Vater wieder betrunken sein musste, ging in die Küche, füllte das chinesische Essen aus ihren Pappbehältnissen in das Geschirr um, legte sorgfältig das Besteck dazu und machte sich dann auf den Weg ins Wohnzimmer, um ihren Vater zu wecken.

Rüdiger lag wie immer auf der Couch eingerollt und mit dem Gesicht zur Wand.

„Papa, jetzt komm schon! Ich hab uns was zu essen mitgebracht. Du musst doch was essen!“, sagte sie mit ärgerlicher Stimme, ergriff ihren Vater an den Schultern und drehte ihn herum. So rasch sie ihn angefasst hatte, so rasch ließ sie ihn auch wieder los, als sie erkannte, dass ihr Vater nicht mehr lebte.

Sein Kopf war rotviolett angelaufen, seine Augen standen leblos offen und ein widerlicher Geruch stieg Siobhan in die Nase, der von dem Erbrochenen herrührte, das auf der Couch bröckelte und an dem ihr Vater erstickt zu sein schien.

Die Wände des Zimmers begannen zu wackeln und stolpernd schaffte es Siobhan bis zum Telefon.

„Ja?“, fragte jemand am anderen Ende. Doch Siobhan antwortete nicht, sie schrie.

In ihrem gellenden lang gezogenen Schrei nahm sie nur am Rande die Gestalt war, die gleich hinter der Couch kauerte und auf ihren Vater starrte, dann zu ihr. Lange Finger schoben sich über die Rückenlehne der Couch nach vorn und Siobhan fasste sich panisch an die Stirn, wandte den Blick zur Wand. Sie schrie noch immer, als die Frau auf dem Bild ihr besorgt entgegen blickte und winkte. Die aus dem Bild kriechenden Nebel waren das letzte, das Siobhan noch ertrug, dann fiel sie zu Boden, landete in einem Bett aus verführerisch duftendem Obst und gab sich der Ohnmacht hin.


Siobhan wusste, dass sie nass geschwitzt war, auch ohne nachzufühlen. Kaum konnte sie einen klaren Gedanken fassen, als ihr die Tränen wieder in die Augen stiegen.

„Liebes!“, hörte sie eine bekannte Stimme und sah Janine vor ihrem Bett knien. Als sie sah, dass Siobhan sie bemerkt hatte, lächelte sie, tränkte einen Lappen in einer Schüssel auf dem Boden und beugte sich vor, um Siobhan das Gesicht abzutupfen und zu kühlen.

„Ich habe schon gedacht, du schaffst es nicht. Du warst lange … weg, weißt du.“

Siobhan sah sich um. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Das Zimmer war abgedunkelt, aber die Vorhänge waren schwer und alt, so wie auch die Möbel. Überall waren Geräusche, leises Knistern, Knarzen, dann ein Flüstern …

„Janine, wo bin ich? Ich muss … nach Hause! Papa …“, begann sie, doch Janine legte den Zeigefinger auf die Lippen und bedeutete ihr, nicht zu sprechen.

„Du bist zu Hause. Das klingt jetzt komisch, ich weiß, aber glaub mir, dass es so ist. Ich habe mir gleich gedacht, dass du das am Telefon bist und ich bin sofort losgelaufen, mit … äh … mit den anderen. Es ist alles geregelt, alles getan. Ich habe den Bestatter angerufen und … du hast vier Tage lang geschlafen, weißt du. Dein Vater, er ist bereits beerdigt worden, der Junge ist in einem Heim und deine Sachen sind alle bereits hier. Es ist nicht so gut für dich, wenn du wieder in der Wohnung lebst. Wir haben … sie auch schon gekündigt.“

Janine senkte schuldbewusst den Kopf.

Mit einem Ruck setzte sich Siobhan auf.

„Was? Das kannst du gar nicht! Du gehörst nicht zur Familie! Lüg mich nicht an!“, rief sie wütend und Janine wurde unter ihren Worten scheinbar immer kleiner.

„Stimmt, das kann sie gar nicht. Aber ich konnte sehr wohl“, erklang plötzlich eine Stimme aus einer Ecke des Zimmers und eine junge Frau trat an das Bett. Als sie näher kam, glaubte Siobhan, sie würde ihren Augen nicht trauen. Die junge Frau sah ihr unheimlich ähnlich!

„Uula, lass uns mal alleine.“, sagte die Fremde selbstsicher und Janine stand abrupt auf und verließ den Raum.

„Aber sie hatte Recht, als sie sagte, dass du nun zu Hause bist. Ich denke, wir haben einiges zu bereden, Maura ni Ailil.“


Später wusste Siobahn, oder: Maura, dass alles fast Zufall gewesen war. Janine alias Uula verdiente sich ihr Geld schon seit längerem als Tagesmutter, was ihr als Boggan nahezu auf den Leib geschrieben war. Zufällig war sie dann auch an den Haushalt der Sanders geraten und hatte nicht lange gebraucht, um zu erkennen, dass in dem Mädchen, das sie betreute, ein Kith schlummerte. Sie hatte den Hof benachrichtigt, wie sie es als ihre Pflicht empfand und war fortan, ohne dass es jemand des Haushaltes bemerkt hätte, mehr als nur Tagesmutter für Siobhan gewesen. Sie hatte auf sie geachtet, sie beobachtet, über sie berichtet und mit den Jahren war man am Hof zu der Erkenntnis gekommen, dass eine Sidhe des eigenen Hauses auf ihr Erwachen wartete. Eine Ailil. Die Zeit verging und nichts deutete darauf hin, dass Maura in Erscheinung treten würde. Man hatte die Hoffnung beinah aufgegeben und überlegte schon lange, ob etwas zu tun sei, um den Prozess in Gang zu setzen, war jedoch nicht zu einem Schluss gekommen. Der unerwartete Tod des Vaters jedoch hatte ihre Chrysalis zur Folge und man war herbei geeilt, um sie aufzunehmen.

Maura hatte nicht lange gebraucht, um sich in ihr neues Leben einzufinden, vielleicht deshalb, weil sie so gerade eben noch als Wilde durchging, als ihr Traumtanz begann. Schnell hatte sie sich am Hof eingelebt und auch die Qualen um den Tod ihres geliebten Vaters hatte sie in den Hintergrund treten lassen können.

Einziger Dorn im Auge war ihr ihre Cousine Meherion, was jedoch auf Gegenseitigkeit zu beruhen schien. Beide schienen jedoch ineinander ebenbürtige Gegnerinnen gefunden zu haben, was listige Gemeinheiten und derlei betraf, so dass die Konkurrenz zwischen ihnen bereits nach wenigen Wochen ins Bodenlose gestiegen war.

Umso schöner waren die Tage, an denen Maura viel Zeit mit ihrem Mentor Matthiall verbringen konnte. Er erinnerte sie sehr an ihren Vater und wurde rasch ihre engste Vertrauensperson in allen Dingen. Natürlich, sie vertraute auch Uula, aber die Tatsache, dass sie all die Jahre in Ahnungslosigkeit gelebt hatte mit dieser Boggan an ihrer Seite, die jedoch keinen Ton hatte verlauten lassen, erweckten in Maura Unbehagen, so dass Matthiall an ihre Stelle trat.

Nach einer Zeit völlig neu empfundener Freiheiten trat Maura in das mundane Leben zurück. Sie bekam durch ihre neuen Verbindungen einen Job als Parfumeurin, bei dem ihr ihre Kenntnisse der Chemie nicht ungelegen kamen und zählt heute zu den etwa 600 Spitzenleuten ihres Faches.


Vor knapp einem Jahr erlebte Maura nach dem Verlust ihres Vaters den wohl stärksten Einschnitt in ihrem Leben. Sie hatte sich eigentlich schon ein wenig vom hessischen Hof abgewandt, um nicht in ihren eigenen Schritten beschränkt zu werden und ihren neuen Beruf in Berlin weiter auszuüben, als sie die erschütternde Nachricht traf, dass Matthiall ermordet worden war.

Sie scheute keinen Aufwand, um die näheren Umstände herauszufinden und mit Hilfe einer Rotkappe und dessen Kontakte erfuhr sie schließlich, dass Meherion zum Schattenhof gehörte und sie Matthiall getötet hatte (oder hatte töten lassen), um damit Mauras größte Angriffsfläche blutig zu schlagen.

Zwar hatte sie aus den Umständen heraus damals auf die Verlässlichkeit der Rotkappe zählen können, aber um einen Schritt weiter zu gehen, benötigte es mehr als ein paar Flaschen guten Weins und ein paar intimen Momenten.


Beinahe sanft zupfte sie die leicht hervorquellende Ader ihres Handrückens mit der Messerspitze auf und verzog kaum das Gesicht dabei.

Mit dem rechten Zeigefinger tauchte sie in das sickernde Nass und zeichnete sich das Wappen ihres Hauses blind, jedoch konzentriert, auf das Gesicht. Beinah zitternd hob sie danach die Hand an Rubens Gesicht, dem die Gier ins Gesicht geschrieben stand. Als er sich über ihre Hand beugte, um all das aufzunehmen, das noch aus der Wunde floss, schloss sie die Augen, um sie einen Augenblick später, als er tatsächlich wieder von ihr ließ, wieder zu öffnen und zu sprechen zu beginnen:

„Für deine Unterstützung, deine Verschwiegenheit und deinen Hammerschlag an diesem Abend schwöre ich, meine Person mit all ihren Möglichkeiten in deinen Dienst zu stellen, wenn du ihrer bedarfst. Nicht Tag, nicht Nacht, nicht Sommer, nicht Winter sollen dich davon abhalten können, mich durch mein Blut zur Rückkehr zu dir zu rufen. In jeder Phase des Mondes werde ich jeweils einmal in deinem Dienst stehen, so lautet der heilige Eid.“

Ruben grinste breit und ließ seine spitzen Zähne dabei hervorblitzen.

Nach einem weiteren Moment der Stille atmete Maura tief durch und legte dann ihre Hand auf die Arbeitsfläche.

„Und jetzt … schlag zu!“

Und Ruben ließ den Hammer mit Genuss auf ihre linke Hand hinabsausen, ein um das andere Mal, bis wohl jeder Knochen in ihrer Hand gebrochen war und diese leblos und als blutiger Klumpen, scheinbar gar kein Teil mehr von ihr, vor ihr lag.

Niemand hörte ihre gellenden Schreie, die erst eine Minute später in ein Heulen und Jammern übergingen. Kraftlos sackte Maura zu Boden und glaubte, besinnungslos zu werden. Aber ihr Wunsch, ihre Besessenheit, siegten schließlich und sie rappelte sich wieder auf.

„Okay, lass uns gehen und … das da verbinden lassen“, murmelte sie, ließ sich bis zur Kellertür stützen und machte sich dann tapfer allein weiter auf den Weg nach oben. Ein Küchenunfall … so was passierte eben schon mal …


Jeden Tag cremte sie das, was einmal ihre Hand gewesen war, sorgfältig ein und verband sie. Dann schob sie die Finger mühselig in die speziell angefertigten Handschuhe und lächelte.
Sicher, es beraubte sie eines Teils ihrer makellosen Schönheit, aber es war den Preis wert.

Sie hatte geschworen, Matthialls Tod zu rächen, Meherion ins Verderben zu stürzen. Und sie würde so viele Anhänger des Schattenhofes mit ihr stürzen, wie sie eben konnte. Rache war ihr Hauptantrieb geworden und wenn sie, eine Ailil, es nicht schaffte, wer dann?

Sie plante sorgfältig, war nie lang in einer Gegend, um nicht aufzufallen, sich nicht zu verraten und kehrte nie mehr an den heimischen Hof zurück. Sie war eine Dougal in den Augen der einen und eine Balor würde sie sein, wenn sie ihrem Ziel nah genug gekommen, genug herausgefunden hatte. Ailil, dieses Herz schlug nur noch in ihrem Inneren.

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