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Werwolf New Orleans I (Tischrunde)

Als wenn sich die Welt überlegt hätte, die zweite Woche für Kilian möglichst interessant zu gestalten, scheint sich in der Schule in der einen Woche, in der ich nicht dort war, um 180 Grad gewandelt zu haben. Als ich Kilian ins Sekretariat schleife wegen der letzten Bescheinigungen und all dem, stellt Miss Pennybottom mir einen neuen Schüler vor und bittet mich, ihn unter meine Fittiche zu nehmen.

Von oben bis unten mustere ich den Jungen, der seine Bücher schützend vor seine Brust hält, seine Zehen in den offenen Sandalen vor Aufregung jedoch ein wenig eingezogen hat und frage nach seinem Namen. River. River, der neu zugezogen ist. Mit diesem Namen direkt an den Mississippi … mutig. Mutig scheint der Junge aber gar nicht, er wirkt ziemlich schüchtern und zugleich angespannt. Komische Mischung. Ich zupfe seinen Stundenplan aus seinen Fingern und stelle fest, dass wir die ersten Stunden zusammen haben.

„Na dann!“, sage ich freundlich lächelnd und gehe einige Schritte rückwärts, wobei ich erwartungsvoll im Wechsel von Kilian zu River und wieder zurück blicke und abwarte, ob sie mir folgen. Sie tun es.

In der Mathestunde verzieht sich River sogleich in die letzte Reihe, während ich mich wie immer in die erste Reihe setze – Kilian setzt sich natürlich neben mich. Ich bemerke die neugierigen Blicke in meinem Rücken und schwanke zwischen dem unangenehmen Gefühl, beobachtet zu werden und dem angenehmen Gefühl, endlich mal beobachtet zu werden, auch wenn ich weiß, dass die Blicke eigentlich Kilian und nicht mir gelten.

Mister Drake bittet die neuen Schüler aufzustehen und sich kurz vorzustellen, erst River, dann Leif. Huch, den habe ich noch gar nicht gesehen bislang. Noch ein Neuer! Braun gebrannt, markantes Gesicht, blonde Locken. Und Troy. Du liebe Zeit, wo kommen denn all die neuen Schüler auf einmal her? Blond, adrett, pastellfarbenes Hemd und darüber ein Jackett. Sieht nach Bubi aus. Und zuletzt Kilian, der sich nur kurz vorstellen lässt und sich dann ohne große Worte wieder setzt.

Die Information, dass Kilian aus Deutschland kommt, schlägt ziemlich ein, und aus den Augenwinkeln sehe ich die Blicke der Cheerleader-Fraktion. Oh nein … das kann anstrengend werden. Für mich zumindest.

Nach der Stunde sammle ich River wieder ein, um ihn zur nächsten Stunde mitzunehmen, nach der ich ihn erneut einsammle, um ihn in seinem nächsten Raum, in dem wir dann mal nicht gemeinsam Unterricht haben, abzusetzen und verspreche, ihn später wieder abzuholen, und so geht es immer weiter, bis schließlich die Mittagpause ansteht und wir uns gemeinsam auf den Weg in die Cafeteria machen.

Als es ein wenig lauter wird, horche ich noch nicht auf, aber als ich sehe, dass Kaitlyn  von den Cheerleadern plötzlich aufsteht und sich mit ihrem Tablett ein paar Tische weiter weg setzt, ahne ich, dass es noch spannend werden könnte und spitze die Ohren. Völlig unnötig, denn nachdem dieser Leif und dieser Troy ihr an den neuen Tisch gefolgt sind, folgt auch Jackson, Kaitlyn s Freund. Allerdings nicht, um sich zu setzen, sondern vielmehr, um Kaitlyn  wieder von dort zurück an „ihren“ Tisch zu komplementieren.

In der Cafeteria ist es fast unbemerkt immer stiller geworden und die meisten Blicke sind jetzt auf diese Szenerie gerichtet. Man merkt einfach, wenn irgendwo etwas Spannendes ansteht. Spannend ist in dem Fall untertrieben. Auf einmal wird geschrien und gebrüllt und dann … fliegen Nudeln durch die Gegend. Ich sitze staunend mit offenem Mund da. Nicht wegen der Nudeln, sondern wegen Kaitlyn , die ich so gar nicht kenne. Nicht, dass ich sie überhaupt kennen würde, aber sie ist eigentlich so … naja, sie ist halt Cheerleaderin und mit wem aus dem Football-Team zusammen. Das sagt eigentlich alles. Und während ich staune, ruft Kilian leise: „Woa, verschärft!“

Dann geht alles ganz schnell. Die Streithähne werden getrennt und sofort von der Aufsicht zum Direktor zitiert. Später erfahren wir, dass sie für drei Tage von der Schule suspendiert wurden, was Kilian sehr bedauert und mault, er hätte sich so gerne mal mit denen unterhalten. Tja, das muss dann wohl ein paar Tage warten. Ich bin ohnehin nicht so dafür, dass er sich mit denen unterhält. Hinterher finden die den noch gut, tun die Mädels da jetzt schon, das sehe ich, und dann sitze ich wieder alleine rum. Juhu. Nee, dann lieber nicht unterhalten. Mit denen kann man doch sowieso nicht reden. Die reden doch nur über … komische Sachen.

Die Neuigkeiten der Woche zeigen sich geballt allesamt am Montag. Am Dienstag ist es abgesehen vom Getuschel über die Cafeteria-Aktion schon wieder recht ruhig, allerdings munkel man, Jackson und sie seien nicht mehr zusammen, was dazu führt, dass am Mittwoch erstaunlich viele der Mädchen mit neuer Frisur zur Schule kommen. Mit Kaitlyns Frisur nämlich. Jagd eröffnet. Oh Mann.

Ich sammle weiterhin River dauernd irgendwo ein, führe ihn sonstwo hin, erkläre ihm Dinge, frage nach seinen Interessen. Er zeichnet wohl gerne, auch wenn er mir keine seiner Zeichnungen zeigt. Er erzählt irgendwas von einer Kommune, in der er lebt, und dass man sich seinen Namen ein bisschen aussuchen könnte, wo er lebt. Ich verstehe nur Bahnhof und nicke daher immer nur artig, frage wenig nach. Seine Eltern heißen Minya und Airplane, also denke ich mir, ich frag den Fluss dann da mal lieber nicht allzu viel. Klingt alles arg schräg. Zwar interessant, aber … das kann ich ihn alles nächste Woche noch fragen, wenn Kilian weg ist. Im Moment interessieren mich Kommunen nicht so sehr wie Kilian, zumal ich mit einigem Unbehagen wahrnehme, was Kilian gar nicht so mitzukriegen scheint: Das Interesse an ihm ist ungebrochen. Zu meinem Glück entfallen etwa zwei Drittel der Interessentinnen derzeit auf Jackson, nur der Rest teilt sich auf Leif und Kilian auf, aber das ist mir schon zu viel Rest. Sowas hatte ich nicht einkalkuliert, hab da bislang gar nicht drüber nachgedacht, und gefallen tut es mir nicht.

Am Dienstag ist Jackson schon wieder zurück und bestätigt die Trennung von Kaitlyn , was den Gerüchtekessel noch mal anheizt, am Mittwoch kehrt sowas ähnliches wie Normalität in den Schulalltag ein. Dafür hat meine Mutter dann eine Neuigkeit für mich, als Kilian und ich von der Schule kommen.

Meine Eltern hatten Fragebögen ausgefüllt zu mir, für irgendeine Forschungseinrichtung. Ich erinnere mich daran, als Mum es erwähnt, weil ich selbst auch einige Seiten ausfüllen musste und ich die Fragen etwas seltsam fand. Die hatten da viel nach schlechtem Schlaf und schlechten Träumen gefragt, und das war da schon genau das, was mich tagsüber so alle gemacht hat, dass ich nachts eben nicht ordentlich schlafen konnte. Und die von diesem Institut hatten sich nun gemeldet und mit meiner Mum einen Termin für den nächsten Tag um 15 Uhr vereinbart. Da sollen dann noch weitere Fragen gestellt werden und man will noch Untersuchungen machen und sowas, weil der Verdacht besteht, dass bei mir ein genetischer Defekt vorliegt. Meine Mutter erzählt das alles einfach so und ich bin stinksauer und ziehe mich zügig in mein Zimmer zurück, muss mich beherrschen, die Tür nicht hinter mir ins Schloss zu knallen. Genetischer Defekt. Was soll das denn heißen? Dass ich irgendwie „kaputt“ bin oder was? Und wie kann sie so etwas sagen, wenn Kilian daneben steht? Genau, ich bin nämlich nicht nur ne langweilige Streberin, für die sich kein Mensch interessiert, jetzt hab ich noch gestörte Erbanlagen oder was? Mann, lasst mich doch alle in Ruhe …

Kilian kommt mir irgendwann nach, klopft an und kommt dann auch ohne mein „Herein“ ins Zimmer. Nicht aus Unhöflichkeit, sondern wahrscheinlich, weil er davon ausgeht, dass er das darf. Da hat er Recht. Ich liege einfach schmollend auf dem Bett und er steht einen Moment davor, dann hüpft er einfach über mich drüber und legt sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen schweigend neben mich, was mich dazu bringt, den Kopf in seine Richtung zu drehen. Schweigen.

„Ich bin nicht defekt“, sage ich irgendwann.

„Ist doch egal“, meint er nur.

„Ja. Dir ist das egal. Du hast ja auch diesen Termin nicht.“

„Ich komme mal mit, was?“, fragt er.

„Echt?“, frage ich erstaunt zurück.

„Klar. Muss ja auf dich aufpassen“, grinst er.

Grinsen ist gemein. Wenn er grinst, verziehen sich fast immer auch meine Mundwinkel nach oben. Das geht fast automatisch, da kann ich gar nicht so gegen an. Will ich eigentlich ja auch nicht.

Und dann mache ich was, was die alte Elle niemals getan hätte: Ich robbe ein Stück weiter an ihn ran, drehe mich auf die Seite zu ihm hin und lehne den Kopf an ihn, so etwa an seine Achsel. Und das geht auch fast automatisch und kommt mir gar nicht komisch vor. Ist besser so jetzt. Dass es besser ist, muss mein Körper erst rausfinden, denn mein Herz klopft dann doch ganz schön schnell, als ich da so nah angelehnt liege, aber es beruhigt sich auch schnell wieder.

Es ist völlig verrückt, dass ich mich an einen Jungen lehne, den ich gerade mal eine Woche lang kenne, obwohl ich ihn ja eigentlich schon viel länger kenne durch die Briefe, aber eben nicht so richtig. Und es ist völlig verrückt, dass seine Anwesenheit sich so auf mich auswirkt, wie sie es eben tut. Dass er mich zum Lachen bringen kann, mich mit einem Fingerschnippen zu dummen Sachen bewegen kann, dass er mich tröstet einfach damit, dass er da ist. Ich kenn den eigentlich gar nicht, aber ich vertrau ihm völlig. Sowas hab ich noch nie gehabt. Es ist toll. Und es ist in vier Tagen vorbei. Vielleicht liegt es daran. Zeit mit Kilian zu verbringen ist ein bisschen so, als wenn man in einer Sanduhr lebt. Jede Minute rinnt einem einfach so durch die Finger und kommt nie wieder, obwohl vorher jeder ganze Tag war wie der andere – und in der nächsten Woche auch jeder Tag wieder so sein wird. Darüber nachzudenken, macht mich traurig, also schließe ich die Augen und zwinge mich dazu, möglichst an gar nichts zu denken, was gar nicht so einfach ist und mir auch nicht so wirklich gelingt.

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