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9. Inplay-Zusammenfassung III: „Französische Schnecken & tote Wölfe“ (Werwolf, TS)

Nach der Frühschicht dackle ich gleich nach Hause und stelle mich unter die Dusche. Blöder Frittengeruch. Danach räume ich weiter um und ein, bis man schließlich so einigermaßen davon sprechen kann, dass ich den Zimmerwechsel nun tatsächlich vollzogen habe. Und dann ist es auch schon an der Zeit, anständige Klamotten heraus zu suchen, denn abends hat Paul uns alle ins Restaurant eingeladen. Natürlich nicht in ein Restaurant, sondern in sein Restaurant, was sonst?

Kat erzählt am Telefon, dass sie das Restaurant flüchtig kenne, weil ihre Eltern dort des Öfteren zum Essen waren. Französische Küche, gehoben. Also so richtig was für mich … naja, ich entscheide mich für eine schwarze Stoffhose, schwarze flache Schnürschuhe und eine dunkle Batik-Tunika. Da kann ja kein Mensch was gegen sagen, oder? Dazu noch die einzige Handtasche, die ich besitze, die aber Stauraum für fünf Taschen bietet, auch wenn man es ihr nicht auf den ersten Blick ansieht und es kann losgehen, nachdem ich mich selbst zur Feier des Tages glatt noch zu ein bisschen Make-Up überreden konnte.

Bevor ich abgeholt werde, habe ich aber noch Zeit, Helga zu antworten:

Hey Helga,

was hab ich mich gefreut, dass du nicht sauer auf mich bist und so schnell zurück geschrieben hast, ehrlich! Sag mal, Flüren ist echt ein Teil von Wesel, stimmt das? Hat eine Freundin gemeint und ich selbst hab es nicht so mit dem Internet und Technik an sich. Das ist ja dann gar nicht so weit weg?

Ich würde voll gerne mal vorbei kommen und dann am liebsten die eben erwähnte Freundin mitbringen, Kat heißt sie. Vielleicht mal am Wochenende demnächst?

Was du so machst, klingt ziemlich toll. Gärten, Seen, Kinder und Natur und sowas alles, find ich super!

Naja, ich jobbe derzeit in der Pommesbude, bewerbe mich aber gerade mehr im Sportbereich. Mal gucken, was daraus wird, schreibe ich dir dann oder erzähle es dir noch besser persönlich.

Mein Freundeskreis hat sich in letzter Zeit ziemlich verändert, kann man sagen. Kat und ich sind schon länger befreundet, ansonsten hänge ich jetzt ziemlich viel mit ganz unterschiedlichen Leuten rum, der eine jünger, der andere älter, der eine ziemlich flippig, der nächste eher spießig … naja, irgendwie passen wir aber trotzdem ganz gut zusammen und sind erst letztens noch zusammen ein bisschen durch die Gegend gereist. Schräg, oder? War aber echt mal was anderes als in Köln rumzuhängen, auch wenn es schön war, letztlich wieder zu Hause anzukommen.

Gibt eigentlich unheimlich viel zu erzählen, aber ich hoffe, das kann ich demnächst dann direkt persönlich machen, sonst platzt der Brief gleich aus allen Nähten. Sobald ich einen möglichen Termin habe für einen Besuch, sag ich dir gleich Bescheid bzw. frage mal an, ob der passen würde. Stehst du im Telefonbuch oder könntest mir deine Nummer mal schicken, bitte?

Ich tüte den Brief also mal ein und schicke dir mal meine Handynummer mit. Kannst eigentlich jederzeit anrufen, wenn du mal magst, und außer mir geht da an sich auch nie einer ran, weil das Handy das einzige technische Gerät ist, auf das ich echt aufpasse und eigentlich immer bei mir habe.

Auf ganz bald,

Charly

Gesagt, eingetütet, eingesteckt, um ihn beim nächsten sichtbaren Briefkasten gleich einzuwerfen, damit er optimalerweise gleich am Montag ankommen kann. Kat holt mich ab und in Nullkommanix stehen wir vor dem Restaurant. Paul hat den hinteren Raum, der sonst wohl für Geschäftsessen, kleine geschlossene Gesellschaften und so einen Kram reserviert ist, extra für uns reserviert. Schick ist es hier. Zu schick für mich, aber wohlfühlen kann man sich hier schon, ist wirklich nett eingerichtet und hat Stil, wenn auch nicht meinen.
Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit Paul und bestelle entsprechend Lourdes-Wasser, als der Kellner fragt. Er ist sichtlich erbost und erzählt etwas von Frevel, und dass man dieses Wasser doch nicht kommerziell verkaufen könne und überhaupt. Keine Ahnung, was mit dem abgeht, und mitten in dieser Diskussion kommt Paul dazu, der sich die Empörung des Kellners erklären lässt, lächelt und meint, da liege wohl ein Missverständnis vor. Komisch, er regelt das alles ganz freundlich und gar nicht so von oben herab wie sonst. Ich habe glatt das Gefühl, hier tatsächlich einer der geladenen Gäste zu sein, und das verwirrt mich in Pauls Restaurant gerade mehr als dieses Theater wegen des Wassers.

„Sprudel! Einfach Sprudelwasser?“, werfe ich mehrfach zwischendurch kleinlaut ein, und irgendwann verschwindet der Kellner dann auch, um die Getränke zu holen, während jemand anderes die Speisekarten bringt, die zum Glück nicht nur in französischer Sprache verfasst sind. Bouillabaisse kenne ich, die bestelle ich vorweg, danach nehme ich denselben Hauptgang wie Kat – sicher ist sicher und sie sagt irgendwas von „mit Lamm“, was so schlecht nicht sein kann – und zum Abschluss bestelle ich eine Käseplatte und komme mir damit erst ein bisschen doof vor, als alle anderen sich für etwas Süßes entscheiden.

Der Sprudel kommt, die Vorspeise auch, und noch aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Adriano sich eine der Schnecken auf seinem Teller schnappt, sie in seinem Mund verschwinden lässt und – knack. Es wird still im Raum, wir alle blicken ein wenig fassungslos zu Adriano hinüber, der mit vollem Mund etwas sagt wie „Dasch masche isch imma scho!“ – nee, ist klar. Nach der Irritation folgt das Gelächter, doch Adriano nimmt es niemandem von uns übel und pult sich gelassen einen Gehäusesplitter aus den Zähnen, während Kat ihm erklärt, wie man diese Schnecken essen sollte, wenn man es eben nicht immer so machen möchte wie Adriano.

Paul ist der einzige, der Adrianos Tischmanieren nicht ganz so lustig findet wie wir anderen, was wohl auch daran liegt, dass Adriano ihn am Donnerstag versetzt hat, wie ich so halb zwischen den Zeilen mitbekomme. Dass Kat, bevor das Essen serviert wird, einige kritische Bemerkungen zur Qualität des Essens macht, ein wenig bissig, ein wenig provokant, verbessert Pauls Laune auch nicht so wirklich. Er tut mir tatsächlich ein bisschen leid, denn ihm ist dieser Abend wichtig, diese Gäste, also wir, sind ihm heute Abend wichtig, und auch, dass wir mit einem guten Eindruck von ihm und dem Restaurant hier sitzen, ist ihm wichtig. Bemerkt das niemand hier außer mir? Sicher, Paul ist schon irgendwie selbst Schuld, dass ihn niemand mit Samthandschuhen anfasst, Rücksicht auf ihn nimmt oder besonders nett und freundlich zu ihm ist, dennoch habe ich den Eindruck, dass er uns mit dieser Einladung und seinem Verhalten heute Abend mehr über sich preisgibt als in der Zeit davor. Vielleicht tut ihm auch die vertraute Umgebung gut?

Wie auch immer, jedenfalls kann man selbst als fiese Zunge heute Abend ausnahmsweise wirklich nichts Negatives über ihn sagen, im Gegenteil, und so bin ich mir auch nicht zu schade, das Essen später über Gebühr zu loben und auch nach den verwendeten Gewürzen zu fragen. Paul will mir eine Liste zukommen lassen später, und – auch das ist neu – er spricht mich nicht ein einziges Mal mit meinem Nachnamen an oder siezt mich mit dieser komischen Betonung. Irgendwas scheint wirklich gänzlich anders als sonst. Seltsam. Find ich aber gut so, wie es jetzt ist.

Wir plaudern eine ganze Weile über dies und das, über uns, unseren Alltag, unsere Rückkehr nach Hause und die letzten Tage, bis wir irgendwann an dem Punkt stehen uns zu fragen: Und nu? Kat erwähnt die Schlagzeilen der letzten Zeit, laut denen es einige Warnungen vor Hunden gab. Erst glaube ich, sie meine die Schlagzeilen, die auf Grund unserer Verwandlungen entstanden seien, doch sie beharrt darauf, dass sie andere meine und von einer Art Tollwut die Rede gewesen sei, die allerdings schon lange bekannt sei und zur Dezimierung der Wolfpopulation in Deutschland geführt habe. Sie referiert ein wenig über diese Tollwutgeschichte und endet schließlich mit der Information, dass man im Kölner Zoo vor ein paar Tagen Wölfe abgeschlachtet habe oder etwas in der Art. Hä? Und wieso habe ich davon noch nichts gehört und nichts gelesen? Wie, was heißt hier abgeschlachtet?

In den meisten von uns erwacht der detektivische Spürsinn, in mir mehr sowas wie Planlosigkeit, aber wir verabreden, uns den Zoo einfach mal live anzusehen, von der Geisterseite aus sozusagen, um dann Genaueres zu besprechen. Je nachdem, wie es läuft, übernimmt Kat die Internetsuche. Da könnte man Sven mal gebrauchen und ausgerechnet da turnt der noch in Bremen rum, wo er irgendwas erledigen wollte. Blöd. Aber Kat macht das schon, da bin ich ganz sicher.

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