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Duo: „Offene Worte“ (Werwolf, TS)

Ich halte mich diesmal nicht lange damit auf, schweigend neben Kat sitzen zu bleiben. Die anderen sind alle noch immer nicht zurück und wer weiß, wann so eine Gelegenheit wieder kommt – oder ich entschlossen bin, sie zu nutzen. Nach dem Gespräch mit Paul im Keller fehlt mir die Zeit, es darauf ankommen zu lassen.

„Lass mich raten: Du sitzt hier die ganze Zeit schon rum und hast noch immer weder gegessen, getrunken oder getanzt?“, beginne ich und zu meiner Überraschung grinst Kat.

„Doch, ich hab mir zwischendurch mal kurz was geholt, mich dann aber wieder hingesetzt, und tanzen … bei der Musik?“

Wo sie Recht hat …

„Hör mal, ich würde ganz gerne was mit dir besprechen, wenn das geht. Aber vorweg mal: Ich versteh dich irgendwie in letzter Zeit nicht mehr so wirklich. Du ziehst dich so zurück und ich weiß manchmal gar nicht, was ich genau mit dir anstellen soll oder warum das alles so ist.“

Sie nickt wissend, bevor sie mir antwortet.

„Ja, es ist alles so schwierig geworden und so unverständlich. Ich hatte das perfekte Leben, im Grunde hatte ich das wirklich, und dann auf einmal … und die Sache mit meinem Vater … und meine Mutter redet nicht mehr mit mir und ich habe nächste Woche eine wichtige Prüfung und sitze stattdessen hier herum und höre Rammstein und bin plötzlich ein Werwolf. Ich frage mich, wie ihr das macht. Ihr wirkt so unbekümmert und scheint so leicht mit all dem hier zurecht zu kommen. Ich verstehe das gar nicht.“

„Naja, Paul beispielsweise hat da auch so seine Probleme, glaube ich“, beginne ich, doch Kat winkt ab.

„Den hab ich jetzt mal außen vor gelassen. Ich meinte mehr dich und Adriano“, sagt sie.

„Hm … naja, weißt du, Adriano und ich sind uns in einem Punkt vielleicht ein bisschen ähnlich. Er hat ja schon öfter was von sich erzählt, also die Sache, dass er früh von zu Hause und Schule und all dem weg ist, dass er im Zirkus gelebt hat und all das. Und bei mir … naja, perfektes Leben ist irgendwie anders. Weißt du ja alles soweit. Und deshalb ist das hier alles ehrlich gesagt im Moment eher ziemlich cool und besser als das Vorher, es ist neu und es ist eine Erklärung und eine Chance und all sowas. Und ich glaub … also du denkst ständig über alles nach und analysierst alles und so weiter, und Adriano und ich, also … wir machen einfach. Glaub mal nicht, dass ich auch nur die Hälfte von dem kapiere, was hier alles so erzählt wird und abgeht, aber das wird schon mit der Zeit. Und bis dahin lass ich mich da einfach mitziehen und von meinem Bauch lenken. Vielleicht solltest du auf deinen auch mal mehr hören?“

Sie sieht mich einen Moment lang nachdenklich an.

„Auf das Bauchgefühl hören … einfach machen …“, murmelt sie, dann nickt sie.

„Ja, ich glaube, ich versuche das mal zu beherzigen.“

Sie lächelt – endlich wieder mal. Mir geht das Herz dabei auf, und das wiederum erinnert mich daran, dass ich noch mehr mit ihr zu besprechen habe. Kurz erwähne ich, wen ich so getroffen habe in der letzten Stunde und was ich so erfahren habe und derlei mehr, bevor ich abschließend erwähne, dass sich hier ständig irgendwer mit irgendwem irgendwo hin zurück zieht. Das ist die Schleife, die ich sowieso machen wollte, denn sie gibt mir recht unverfänglich die Möglichkeit, Kat zu fragen, ob wir beide uns vielleicht auch mal kurz verdrücken könnten, weil ich da noch zwei Dinge hätte, die ich ihr gern etwas abseits und in Ruhe sagen würde.

Kat springt sofort mit einem „Klar!“ auf, hakt sich bei mir ein und dieses ganze bedrückte Zeug von vorhin scheint wieder einmal gänzlich von ihr abgefallen sein. Gemächlich schlendern wir in den angrenzenden Wald hinein und laufen eine kleine Weile, bis wir nicht zu weit weg von allem anderen sind, aber weit genug weg, dass die Musik nur noch recht leise zu hören ist. Ich setze mich im Schneidersitz auf den Boden und Kat folgt mir, sitzt halb neben und halb vor mir.

„Hast du in der Zwischenzeit eigentlich mal wieder mit Chris gesprochen oder so? Wollte ich dich eh schon länger fragen“, beginne ich das Gespräch vielleicht nicht allzu intelligent.

„Nö“, meint Kat schlicht und klingt dabei einigermaßen gelangweilt. Sie erzählt, dass sie eh nicht mehr wisse, was sie dazu gebracht habe, mit dem was anzufangen, und dass das alles nicht so dolle gewesen sei. Es dauert nicht lange, bis wir in so einer Art typischem Frauengespräch stecken und darauf zu sprechen kommen, was da überhaupt so lief zwischen den beiden, was es dazu Besonderes zu erwähnen gibt und all sowas. Bevor wir uns in Details verlieren, kriegen wir aber die Kurve über diverse Witze zurück und ich dann auch meine Kurve, um endlich mal zu sagen, worauf ich eigentlich hinaus will.

„Öhm, dir ist das wahrscheinlich nicht aufgefallen und so, und wir haben da auch noch nicht so drüber gesprochen, aber eine von den beiden Sachen, die ich mit dir besprechen wollte, also die ich dir unbedingt noch sagen will, meine ich …“, stammle ich herum und komme mir total bescheuert vor, „also sagen wir mal so: Wenn ich da eine Person hätte in der Richtung, dann … naja, also es wäre dann wohl eher eine Christiane.“

„Ja, ist klar soweit“, meint Kat trocken,  und ich sehe sie überrascht an.

„Nee, ist nicht klar. Ich glaub, du hast nicht verstanden. Was ich meine, ist …“, beginne ich erneut.

„Doch, ich hab dich schon verstanden. Was du meinst ist, dass du nur Frauen magst“, unterbricht mich Kat und ich bin baff, dass sie das so völlig selbstverständlich sagt, ohne auch nur im Mindesten überrascht zu sein.

„Oh … ja … und?“, frage ich und Kat zuckt mit den Schultern.

„Was und? Das wusste ich, das ist mir schon länger klar.“

„Aber wieso? Ich meine, wirke ich irgendwie … komisch? Anders?“, erkundige ich mich ein wenig besorgt und Kat lächelt.

„Nein, natürlich nicht. Aber wir waren ja nun schon einige Male zusammen unterwegs und ich sehe doch, wenn sie dich angraben und wie du darauf reagierst. Und du hast noch nie so reagiert, dass man dachte, naja, gut, nicht ihr Typ. Der Typ ist völlig egal, also ob der jetzt groß ist oder klein, dick oder dünn, blond oder braunhaarig oder was auch immer, du reagierst auf alle gleich und wimmelst die über kurz oder lang auch immer gleichermaßen ab. Und erzählt hast du auch nie von wem, also … liegt das doch auf der Hand, oder?“

Ich höre ihr zu und nicke dann meinerseits. Wäre einfacher gewesen, wenn sie dazu mal irgendwann was gesagt hätte. Entsprechend frage ich nun auch nach.

„Aber du hast nie was gesagt oder nachgefragt. Du hast nie gefragt, ob es da vielleicht jemanden gibt oder sonst irgendwas. Warum nicht?“

Kat rückt ein Stück näher an mich ran, nimmt meine Hände in ihre und sagt ganz ruhig:
„Ich wusste nicht, was du mir antworten würdest. Und ich dachte, je nachdem, ob es da vielleicht doch jemanden gibt … ich hatte Angst, dass mir die Antwort nicht gefallen würde.“

Ich verstehe, was sie mir da sagt. Und gleichzeitig verstehe ich gar nichts mehr. Mir wird so warm, dass mir fast schon wieder kalt ist. Ich muss bewusst schlucken, bevor ich mich zwinge, mich zusammen zu reißen. Wahrscheinlich interpretiere ich das alles gerade total falsch. Kann ja gar nicht anders sein.

„Das ist eigentlich das zweite, das ich dir sagen wollte. Es gibt da wirklich jemanden, schon ziemlich lange sogar. Aber nur theoretisch, also sie weiß das nicht und überhaupt, aber wo wir schon dabei sind, wollte ich dir das auch gleich sagen, weil das wahrscheinlich besser so ist. Also diese Person, das ist … also das bist … du.“

So, jetzt ist es raus. Jetzt wird sie loslassen, ziemlich empört sein und gehen, und wahrscheinlich wird sie nie wieder ein Wort mit mir reden, Rudel hin oder her. Doch stattdessen gibt es nicht mal diesen unangenehmen Schweigemoment, den man aus Büchern und Filmen so kennt, und sie lässt nicht mal los, sondern rückt noch ein kleines Stück näher und drückt meine Hände noch ein wenig fester.

„Ich mag dich auch sehr gern, Charly“, sagt sie. Sie hat mich nicht verstanden.

„Kat … du bist meine Freundin und so, klar, das wissen wir ja. Und natürlich mag ich dich auch. Aber ich rede gerade nicht von mögen, weißt du? Ich meine, dass ich … also du … also ich … dass ich dich eben mehr als mag und …“, und Kat unterbricht mich erneut.

„Ich weiß, was du meinst. Ich habe gehofft, dass du sowas sagen würdest. Ich sagte doch eben noch, dass ich Angst hatte nachzufragen, weil ich dachte, die Antwort könne mir nicht gefallen. Es gibt unterschiedliche Arten von mögen und man kann jemanden sehr, sehr gern mögen, nicht nur freundschaftlich, sondern darüber hinaus. Und genau das meine ich. Ich meine das genauso wie du, Charly.“

„Aber … und Chris … und so?“, frage ich. Ich kann einfach nicht glauben, was sie da sagt. Ich will das glauben, weil ich seit über einem Jahr nichts lieber hören möchte als genau das, was sie da gerade sagt, aber das kann nicht stimmen. Ich träume gerade, oder sie versteht mich doch nicht, oder ich verstehe sie nicht, oder sie veräppelt mich gerade ganz übel und fies oder … das kann jedenfalls gerade nicht passieren. Das ist sehr viel unwahrscheinlicher und unglaublicher für mich als … als … wenn mir jemand erzählt, ich sei ein Werwolf.

„Ich war mir nicht sicher. Kennst du das nicht auch? Ich meine, man interessiert sich eben für Jungs und ich wusste nicht … naja, ich bin ja noch jung und ich hab vorher keine so gute Freundin wie dich gehabt und ich wusste einfach nicht, ob das nicht einfach so ist bei Freundinnen wie bei uns. Ich bin da erst mal von ausgegangen, dass es wohl einfach so ist und hab versucht, da gar nicht groß drüber nachzudenken. Und dann kam das alles mit der Verwandlung und Solarienne hat mir ja alles mögliche dazu erzählt und mir auch erklärt, dass dieses ganze Außenseiterdasein auch mit all dem zusammen hängt, und dass du und ich, dass wir uns deshalb so mögen, weil wir eben beide Garou sind. Und ich dachte in dem Moment, dass das so nicht stimmt. Dass das nicht alles ist, weißt du? Und seitdem habe ich das im Kopf und darüber nachgedacht und wir waren so viel zusammen und haben so viel zusammen erlebt und du warst in Gefahr und verletzt und ich hab mir Sorgen gemacht und all das. Und da ist mir klar geworden, nein, es ist wirklich nicht nur, dass wir Freundinnen sind, und es ist auch nicht nur, dass wir Werwölfe sind, es ist mehr, geht da wirklich drüber hinaus.“

Ich höre ihr zu und ich wünschte, ich könnte das alles auch so sortiert am Stück vorbringen und erzählen wie sie. Ich stammle mir hier einen zurecht und sie sagt das alles einfach so in einem Rutsch. Ja, ich weiß, was sie meint, ich habe fast dasselbe Gespräch mit Allen geführt, aber ich wusste da schon, dass das nicht alles ist und es darüber hinaus geht. Nicht wichtig. Absolut nicht wichtig.

Erneut höre und fühle ich mich selbst schlucken, dann blicke ich kurz zu Boden, bevor ich Kat wieder ansehen kann und sage:
„Das ist … schwierig, weißt du das? Hat Solarienne darüber auch mit dir gesprochen oder die bei deinem Stamm da, wo ich ja nicht mit durfte?“

„Nein, was meinst du?“, fragt Kat zurück.

„Naja, diese Regeln, und dass Garou nicht mit Garou und so, also das meinen die wohl so ganz generell. Ich dachte erst, die meinen damit halt einfach so den üblichen Sex, weil es dabei ja auch darum geht, dass bei Werwölfen als Nachwuchs irgendwas Schräges raus kommt und so, aber es geht eigentlich wohl auch darum, dass man eben gucken soll, dass man sich vermehrt bekommt, weil die Garou sowieso schon aussterben. Und so gesehen ist es dann also egal, ob man dasselbe Geschlecht hat oder nicht, weil … naja, man zeugt halt keine schrägen Kinder, aber man zeugt eben gar keine“, versuche ich wiederzugeben, was man mir dazu erklärt hat zwischenzeitlich.

Nein, das wusste ich so genau nicht“, sagt Kat – und schweigt.

„Die Frage ist also, nein, anders: Also wenn da irgendwas … also das geht eigentlich nicht, das darf man nicht … dürfen wir nicht. Und das hat wohl auch irgendwelche Konsequenzen, auch wenn ich dir nicht genau sagen kann, wie die aussehen.“

Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich ihr das alles überhaupt erzähle. Wenn ich ihr das alles nicht erzähle, wäre es jetzt einfach so, wie es in meinem Kopf schon lange sein sollte. Stattdessen verderbe ich das Ganze, indem ich immer noch was nachlege, was sie wieder von mir weg treiben kann. Aber ich muss ihr das ja sagen, weil es wichtig ist. Sie muss ja wissen, worauf sie sich da einlässt – wenn sie sich auf irgendwas einlässt. Worauf lasse ich mich eigentlich da gerade ein?

„Also wir können versuchen, das einfach zu ignorieren – oder eben nicht. Ich weiß auch nicht.“

„Das wird dann wohl so sein, dass wir es ignorieren. Anders geht es doch auch gar nicht?“, meint Kat und meine Welt bricht wieder ein Stück zusammen und wird kleiner. Selbst Schuld, Charlotte, du bist echt dermaßen saublöde …

„Verstehe ich. Du hast natürlich Recht. Ist wohl auch das Beste so, auch wenn ich noch nicht weiß, wie das laufen soll. Ich versuche jetzt echt schon seit einem Jahr, mir das einfach abzugewöhnen mit den Gefühlen und so, aber das klappt irgendwie nicht. Aber ich versuchs einfach weiter. Klar. Logisch. Sicher!“, stimme ich eifrig zu und versuche darüber weg zu plappern, dass mir das gerade mehr weh tut als irgendwas sonst in meinen Erinnerungen.

„Nein! Nein, nein, du hast mich missverstanden – oder ich hab dich missverstanden. So meinte ich das nicht. Es ist umgekehrt!“, beeilt sich Kat zu sagen. „Natürlich kann man sich Gefühle nicht abgewöhnen oder so, das ist Unsinn, du hast völlig Recht! Ich sehe das ganz genauso. Ich dachte, du meintest, dass wir das Verbot ignorieren, denn egal, wie sie das meinen und was sie da wollen – es ändert ja nichts an dem, wie es ist, richtig? Also … für mich nicht!“

Nicht mehr reden. Nicht mehr missverstehen. Nicht mehr drum rum oder weit weg. Reicht jetzt.

Am liebsten würde ich auf sie zustürmen, doch stattdessen rücke ich das letzte Stück zwischen uns auf und komme mit meinem Gesicht langsam näher an ihres, auf jedes Detail achtend, das mir vielleicht zeigt, dass sie sich doch lieber zurückziehen will. Jede Prüfung meines Lebens ist ein Dreck gegen die Nervosität und das Herzrasen, das ich genau jetzt gerade habe. Ich hab mich schon oft verausgabt beim Laufen oder beim Training, aber noch nie ist mir der Kreislauf so zusammen gekracht, wie ich jetzt den Schwindel wahrnehme, als ich ihr soviel näher bin als jemals zuvor und vor allem auf eine Art und in einer Absicht, die es so zuvor nicht gegeben hatte.

In dem Moment, in dem meine Lippen behutsam auf ihre treffen, atme ich ein, und auch, wenn ich ihren Geruch kenne, die Mischung aus Shampoo, Cremé und ihr selbst, riecht sie jetzt ganz anders. Ein anderes Shampoo, keine Cremé, viel mehr Kat. Und im Bruchteil eines Augenblicks fällt mir auf, dass sie anders riecht als früher. Als ich bei ihr übernachtete, nachdem das mit Chris geendet hatte und sie diesen Hund … Solarienne … angefahren hatte, da hatte mich ihr Geruch, als ich neben ihr beziehungsweise hinter ihr im Bett lag, ganz kirre gemacht. Aber die Erinnerung daran ist kein Vergleich zu der Wirkung jetzt. Der Geruch ist so fein und zugleich so intensiv, dass ich durchdrehen könnte, es mir schwer fällt, so langsam und vorsichtig zu agieren. Am liebsten würde ich stattdessen … aber da ist noch etwas, das vorher nicht da war, oder das ich vorher nicht wahrgenommen habe. Vielleicht liegt das an diesem Shampoo oder an irgendwas anderem, aber da ist sowas wie eine Unternote, irgendwas … Scharfes irgendwie, das mich kurz fast so aus dem Konzept bringt wie die sonstigen Veränderungen. Nur dass das eine mich anzieht und das andere mich, ja, was genau? Irgendwie abstößt tatsächlich.

Aber was immer ich da für eine Mischung in der Nase habe, ist doch viel interessanter, was meine Lippen fühlen. Die ihren sind ein bisschen spröde im Moment, aber dennoch sind sie weich und geben unter dem leichten Druck der meinen nach. Mein Herz zerspringt fast in der Brust, als ich meine Lippen etwas öffne und ihre Lippen mit meiner Zunge berühre. Keine Anzeichen eines Rückzugs, stattdessen öffnet auch Kat ihren Mund ein wenig und wir verlieren uns in einem langen Zungenkuss. Fast so lang wie die Ewigkeit und doch viel, viel zu kurz. Am liebsten würde ich nie wieder aufhören, sie zu küssen. Wir rücken im Verlauf immer näher aneinander heran, ich streiche mit den Händen durch ihre Haare, schiebe sie hinter ihre Ohren, fahre über ihre Wangen und ihre Schulterblätter, drücke sie noch immer vorsichtig an mich heran und mich selbst näher an sie, bevor ich mich irgendwann im Zeitlupentempo langsam von ihr löse und sich meine Lippen von den ihren verabschieden. Ich habe den Kopf noch keine zehn Zentimeter zurück gezogen, als Kat sich vorbeugt und mir ihrerseits einen Abschiedskuss gibt – für den Moment.

Keine von uns sagt etwas. Es gibt auch einfach nichts zu sagen, was den Moment nicht zerstören würde. Schweigend spielen unsere Hände noch eine Weile miteinander, streicheln sie mich, ich sie, wir uns, legen wir uns schließlich einander zugewandt einfach beide auf den Boden, sehen uns an, betrachten uns, als wenn wir uns noch nie zuvor gesehen hätten. Haben wir auch nicht. Nicht so, nicht mit diesen Augen. Sekunden werden zu Minuten, werden zu gefühlten Stunden und zu gefühlten Sekunden zugleich. Zeit wird überbewertet. Total.

Irgendwann bin dann doch ich es, die das Schweigen bricht.

„Was machen wir … wie gehen wir damit jetzt um?“, frage ich.

„Du meinst, ob wir das geheim halten oder offen zeigen?“, fragt Kat zurück und ich nicke.

„Wie du möchtest, Charly. Was denkst du?“

„Ich will das nicht verstecken. Aber weil wir das eigentlich ja nicht dürften … vielleicht sollten wir damit auch nicht hausieren gehen. Aber ich denke, vielleicht sollten die anderen das wissen? Oder müssen es sogar?“

Kat überlegt einen Moment.

„Zumindest mit Adriano sollten wir wahrscheinlich sprechen, oder?“

„Ja, das klingt gut. Das machen wir auch – bei Gelegenheit.“

Ich bin froh, dass wir das kurz geklärt haben für den Moment, aber der Großteil des Zaubers ist dadurch jetzt zunächst verflogen. Langsam löse ich mich von Kat und stehe auf, reiche ihr die Hände, um sie ebenfalls wieder auf die Füße zu ziehen. Wir sehen uns noch mal an, lächeln, küssen uns noch einmal kurz, aber innig, dann greift Kat nach meiner Hand und wir gehen zusammen zurück, lassen uns erst los, als wir fast wieder bei all den anderen sind.

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