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8. Inplay-Zusammenfassung: „Zum Schwerte Tyrs“ (Werwolf, TS)

Als Paul in den Keller geht, als wir wieder bei Solarienne angekommen sind, folge ich ihm ziemlich zügig. Er ist ziemlich wütend gegangen, nachdem wir über mögliche Namen für uns gesprochen haben. Solarienne meinte, jeder Garou hätte so ziemlich noch so eine Art Beinamen, so wie sie eben Solarienne Sonnenfeder hieße und so, irgendwas, das typisch für einen wäre oder einen irgendwie wiederspiegelt oder einen bestimmten Zug von einem oder sowas. Ich hatte für Paul ‚Monopoly‘ vorgeschlagen, was er offenbar als Affront wertete, jedenfalls ist er danach in den Keller verschwunden und ich bin hinterher, um das zu klären.

Unten kommt es zu einem ziemlichen Schlagabtausch, mit dem ich in der Form nicht gerechnet habe. Paul fragt, was ich eigentlich von ihm denke und einmal aufgefordert, fasse ich zusammen, dass er ein arroganter, eingebildeter Chauvi ist in meinen Augen, der sich für was Besseres hält und von oben auf andere herab blickt und versucht, sie klein zu machen oder zu halten. Er hält dagegen, sich alles hart erarbeitet zu haben im Leben, es sehr schwer gehabt zu haben, was er habe, wirklich verdient zu haben. Er meint, mit der Verwandlung und all dem sei alles vor die Hunde gegangen, aber ich halte dagegen, dass er nur von Geld und Materiellem redet und sein Haus immerhin noch stehe, also wo ist das Problem?

Umgekehrt hält Paul mir vor, ich sei eine verwöhnte Göre, die vermutlich noch bei ihren Eltern lebt, sich dort aushalten lässt und noch keinen Finger im Leben gerührt habe, um zu arbeiten. Ich sei eine , die die Kerle wechselt wie die Unterhosen, weil sie nur alles bezahlt haben will und sich auch da sicher lediglich aushalten lässt. Für so eine berechnende Ziege hält der mich? Wie kommt er nur auf sowas? Ich erkläre ihm ein paar Tatsachen, denen er nur so halb Glauben zu schenken scheint, doch als er auf die Nummer mit den Kerlen und den Unterhosen kommt, bin ich baff. Mir gehen ja selten die Worte aus, aber damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet, nicht im Entferntesten. Ich komme ins Schleudern, damit ins Stottern, und das führt dazu, dass Paul kapiert, wie falsch er mit seiner Einschätzung diesbezüglich liegt. Er tut etwas, was mich noch mehr aus dem Konzept bringt: Er lacht. Ich bin mir erst nicht mal sicher, ob er mich auslacht, bis er dann recht deutlich andeutet zu verstehen, dass ich offenbar noch gar keine Erfahrungen in dieser Hinsicht hätte. Das kann ich so nicht stehen lassen und widerspreche, aber bewusst und dann, wenn es ‚um nix‘ geht sozusagen zu lügen war noch nie unbedingt meine Stärke. Und für mich geht es hier zwar um eine ganze Menge, aber naja, es hängt nichts davon so wirklich ab – denke ich in dem Moment zumindest noch. Entsprechend laufe ich mit meinem Gestammel ziemlich auf und dann sagt Paul etwas, womit er mich mehr trifft als mit wahrscheinlich allem möglichen, das er sonst hätte sagen können:

„Und ich hatte zwischendurch schon so das Gefühl, dass Sie da irgendwie in Miss Turner … ich hatte ja keine Ahnung, dass ich da so dicht …“, lacht er aus vollem Hals und noch immer lachend drückt er mir wortlos ein Handy in die Hand und geht noch immer schallend lachend wieder nach oben und lässt mich stehen. Ich bleibe zurück mit einer Mischung aus Verwirrung, Wut und Entsetzen, weil Paul damit in ein Wespennest gestochen hat. Er wird es den anderen erzählen und noch schlimmer: Er wird Kat darauf ansprechen. Er wird alles kaputt machen.

Ich werfe einen kurzen Blick auf das Handy und sehe einen SMS-Verkehr, indem eine Kanzlei nach einer Hilfe fragt und Paul geantwortet hat, dass er jemanden kenne und jemanden vorbei schicke oder jemanden telefonisch Kontakt aufnehmen lasse – da er es mir in die Hand drückte, offenbar ein Jobangebot an mich. Kanzlei? Tippse?

Ich pfeffere das Mobiltelefon wütend durch den Raum, wo es zum Glück weich auf einer Matratze landet, die ich danach prompt zu zerlegen beginne, bevor ich mich nach einer ganzen Weile erst wieder einkriege, zurück verwandle, mir das magischerweise noch immer funktionstüchtige Handy schnappe und einen Moment später mit noch immer geröteten Wangen wieder nach oben gehe, wo ich von da an versuche, Kat mehr aus dem Weg zu gehen als ihre Nähe zu suchen. Man weiß ja nie … und ich will Paul nicht noch mehr Munition liefern.

Lange halten wir uns jetzt bei Solarienne nicht mehr auf, bevor wir uns einmal mehr auf den Weg zur Septe der Mauerbrecher machen, um von dort aus mittels Mondbrücke Richtung Bremen zu reisen. Da sollen wir jetzt nach unserer bestandenen Prüfung, wie man wohl so sagen kann, zu einem Rudel werden und in unsere Stämme kommen, so ganz offiziell. Und mit dem Phönix werden wir dann auch richtig verbunden, damit er uns helfen kann, wenn nötig und sowas. Ich bin gespannt.

Am Ziel angekommen befinden wir uns in der Septe zum Schwerte Tyrs bei den Nachfahren des Fenris. Als wir dort eintreffen, bin ich ziemlich überrascht. Nicht, dass ich eine sonderliche Vorstellung davon gehabt hätte, wie die so leben oder so eine Septe von denen aussieht, aber mit Zelten in der Heide, Gemüsebeeten und so einem Hinkelstein wie bei Obelix hab ich jedenfalls nicht gerechnet, soviel weiß ich. Auch damit, dass es hier so voll ist, habe ich nicht gerechnet. Sind die alle wegen uns hier? Naja, wahrscheinlich schon. Ist ein Grund zum Feiern, und einen Grund zum Feiern sollte man nicht auslassen. Wahrscheinlich sehen die das ähnlich wie ich, vermute ich mal.

Drei riesige Feuer brennen rund um den Hinkelstein, von dem mir irgendwer halb vorwurfsvoll sagt, dass man nicht Hinkelstein, sondern Menhir dazu sagt, und von den ganzen Leuten hier kommt mir kaum jemand bekannt vor. Mit den Fianna von der Loreley hätte ich irgendwie gerechnet, aber von denen ist niemand hier, trotz Party. Lunas Fänge sind hier, die erkenne ich natürlich wieder, und auch Solarienne, die mir gefehlt hätte, wenn sie nicht da gewesen wäre. Offenbar haben sie sie in ihr Rudel aufgenommen, womit Solariennes weiterer Weg in den Schwarzwald besiegelt sein dürfte. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde. Abschiede sind im Moment sowieso komisch, doppelte Abschiede noch mehr, auch wenn ich ja eigentlich langsam kapiert haben sollte, dass sich die Sache mit den Entfernungen zwischen einzelnen Orten ziemlich relativiert hat in der letzten Zeit.

Es ist verdammt laut hier. Aus riesigen Boxen und Anlagen, an denen irgendwelche Glaswandler rumfummeln, dröhnt Rammstein. Na, super, das ist jetzt nicht gerade das, was ich unter Musik verstehe, aber naja. Paulina und Oralee erkenne ich wieder, aber es ist Sven, der darauf verweist, dass die Glaswandler hier für die Technik sorgen. Erst überlege ich, wieso die hier so eine Art DJ-Part machen, bis mir auffällt, dass es mit der Stromversorgung mitten in der Heide ein bisschen schwer sein dürfte, wenn man nicht trickst. Ah, deshalb wahrscheinlich die Glaswandler.

Als ich herum schaue, entdecke ich Allen, offenbar mit seinem Rudel und in der Nähe von irgendwelchen Leuten mit roten Schärpen, die ziemlich exotisch wirken, ähnlich exotisch wie die anwesenden Zigeuner, die mir auch alle nichts sagen. Ansonsten ist die Mischung der Leute hier generell verdammt schräg. Im normalen Leben würde man die meisten wahrscheinlich aufgeteilt in mindestens 47 Gruppen finden, aber ganz sicher nicht alle zusammen auf derselben Party.
Das alles sehe und beurteile ich innerhalb der ersten zwei Minuten nach unserer Ankunft, genau genommen, bis ich spitz bekommen habe, wo sie Wildschwein am Spieß brutzeln und die Getränke versteckt haben. Das mit dem Wildschwein gehört aus meiner Sicht ja mal echt zu den Highlights bei der ganzen Werwolfsache, mal im Ernst, und sich literweise Bier reinzuziehen, ohne dass einem auch nur ein Hauch übel wird, ist auch ziemlich cool, wenn auch nicht unbedingt für jede andere Party geeignet. Könnte seltsam rüberkommen, wenn man irgendwo literweise bechert und noch nüchtern ist.

Kat ist weder für das eine noch das andere zu begeistern und wirkt insgesamt mal wieder ziemlich in sich versunken und ablehnend. Ich verstehe sie einfach nicht. Wieder mal ist Paul, derzeit ebenfalls sehr bei sich, ihr sehr viel näher als ich und ich kapiere einfach nicht, wie man auf so einer Feier stehen und Maulaffen feil halten kann. Rammstein hin oder her.

Zum Glück stehen wir gar nicht lange dumm rum, denn ziemlich zügig kommen welche auf Adriano zu und erklären ihm grinsend, dass sein Initiationskampf gegen einen Fenrir noch ausstehe. Adriano, der eh schon ziemlich Schiss davor hatte, schluckt mal kräftig, sieht aber weniger verschreckt aus, als er erfährt, dass er den Kampf mit Schild und Schwert gegen Taylor führen soll. Wer zuerst drei Schilde des anderen zerstört hat, hat den Kampf gewonnen.

Noch immer genüsslich Wildschwein mampfend stehe ich etwas abseits bei den anderen und warte auf den Beginn des Kampfes – so wie alle anderen Anwesenden sich den Kampf mit einleitendem Gestampfe ansehen wollen.

Der Anfang des Kampfes ist wenig spektakulär. Taylor gelingt es praktisch mühelos, Adrianos erstes Schild zu zerstören. Als Adriano sich sein zweites holt, rennt Taylor schon hinter ihm her, und kaum hat Adriano sich umgedreht, greift Taylor auch schon wieder an. Ich ziehe verwundert die Augenbrauen hoch, weil ich das ganz schön unfair finde und offenbar bin ich nicht die einzige, die das so sieht, denn aus dem Publikum ertönen zahlreiche Buhrufe, die eher Taylors Angriff als Adrianos erstem Verlust zu gelten scheinen. Taylor scheint davon den Bruchteil eines Moments lang irritiert zu sein, doch dann setzt er den Kampf fort und ich wundere mich über seine unwahrscheinliche Verbissenheit, die im Kampfverlauf eher zu- als abzunehmen scheint. Gut, die Nachfahren sind mir sowieso bislang nur sehr kampflustig vorgekommen und immerhin habe ich Taylor ja schon in anderen Situationen in Aktion erlebt, aber dass der offenbar Überlegene derart krass und energisch in Richtung Sieg prescht, wundert mich dann doch.

Dass kurz darauf auch Adrianos zweites Schild bricht war zu erwarten und ist bei Taylors Kampfgebahren nicht weiter verwunderlich. Ich erwarte ein Ende des Ganzen innerhalb der nächsten zwei Minuten oder so, als es überraschend Adriano gelingt, einen Schild Taylors zu zerstören. Von dem Augenblick an wendet sich das Blatt. Taylors Verbissenheit scheint ihm von diesem Verlust an eher selbst im Weg zu stehen, während Adriano an Fahrt und Selbstvertrauen gewinnt – so sehr, dass er den zweiten Schild Taylors mit einem einzigen Hieb zerstört. Jetzt geht es um die Wurst!

Bis zum Ende des Kampfes dauert es nun doch noch eine spannende kleine Weile, bis letztlich doch Taylor den Sieg davon trägt. Gleich danach laufe ich wie die anderen zu den beiden hin, die sich sogleich kurz beglückwünschen, beglückwünsche Taylor ebenfalls zu seinem Sieg, bevor ich mich eher Adriano widme und den Kampf kommentiere.

Nicht lange danach geleitet man uns alle zu den Leuten von unserem Stamm, wo man uns erneut fragt, ob wir Teil des Stammes werden wollen. Wir werden bemalt und dann müssen wir alle zunächst einmal diese Regeln wiederholen. Puh, gar nicht so einfach nachzusprechen, denn das ist irgendwie Originalton oder so. Zum Glück werden die Sachen noch mal von den Frauen neben mir leise auf deutsch wiederholt, damit ich auch weiß, was ich da so von mir gebe – obwohl ich mir eh nicht sicher bin, ob ich das alles so richtig sage:

Urum da Takus – Wölfe müssen jagen
Imru Nu Fir Imru – Man bringt nicht die eigenen Leute um
Sih Sehe Mak; Mak Ne Sih – Die Niederen ehren die Höhergestellten, die Höheren respektieren die Niederen
Ni Daha – Respektiere deine Beute
Uratha Safal Thil Lu’u – Die Garou sollen sich mit Menschen verbinden
Nu Hu Uzu Eren – Iss nicht das Fleisch von Mensch oder Wolf
Nu Bath Githul – Die Herde muss nichts wissen

Naja, irgendwie so jedenfalls. Ich spreche alles nach, dabei bin ich da gar nicht mit allem so ganz einverstanden. Mach ich aber nichts dran, kann ich jetzt auch schlecht diskutieren, ist vermutlich auch eher eine schlechte Idee so insgesamt, also sage ich das, was ich sagen soll – und soweit ich das beobachte, machen es die anderen ebenso.

Danach haben wir noch Gelegenheit, ein wenig mit den Leuten von unserem jetzt ganz richtig echten Stamm zu sprechen, was allerdings nur sehr kurz ausfällt, weil es noch mehr zu tun gibt, denn sie erklären mir, wie ich die richtigen Worte finden kann, um andere zu beruhigen oder zu etwas zu ermutigen. Jetzt keine Nachhilfe in Kommunikation oder sowas, sondern eine Gabe, die ich nutzen kann, eine Gabe, die ich nutzen kann, weil ich jetzt offiziell zum Stamm der Schwarzen Furien gehöre. Und als eine solche hat man nicht nur Sachen, die man mehr nutzen kann, sondern man hat auch bestimmte Aufgaben, die man sich auf die Fahnen schreibt. Den Furien liegen weibliche Wesen vor allem am Herzen, also deren Wohlergehen, vor allem das der Jüngeren, und eigentlich egal, wem nun genau, also ob Garou, Mensch oder sonst was. Find ich gut und ich glaube, die haben mich oder ich sie oder wir uns oder wie auch immer ganz gut ausgesucht. Wobei das schon sehr easy klingt erst mal und trotzdem eine ziemliche Aufgabe ist. Man soll ja nicht nur den Netten helfen, davon war zumindest nicht die Rede, und dann kann sowas schon ganz schön herausfordernd werden. Naja, mal sehen, wie ich mich da so anstelle.

Bevor ich wieder zu den anderen zurück gehe nach der Aufnahme in die Stämme hole ich mir erst mal noch was zu trinken und zwei Portionen Wildschwein. Die eine werfe ich bei einem der Feuer hinein und bleibe einen Moment da stehen und sehe dem Fleisch beim Kokeln zu. Wahrscheinlich müsste ich jetzt was Schlaues oder was Bestimmtes sagen oder das gilt nicht, weil ich dieses Schwein da weder selbst gebraten noch gekauft noch erlegt hab, aber der Wille zählt ja und ich will einfach bloß nicht vergessen, dass Apoll meinte, so könne man ihm noch mal danke sagen. Also: danke.

Zurück bei den anderen steht dann ziemlich schnell die Anführerfrage wieder im Raum beziehungsweise auf der Heide, die vor allem Adriano und ich aufwerfen, weil wir das beide nach der Sache in der tiefen Umbra geklärt haben wollen. Wir wollen das mit einer simplen offenen Wahl machen, was sich natürlich nicht halb so simpel zeigt wie angedacht. Es geht schon damit los, wer sich dafür aufstellen will. Adriano meint, er wolle den Job nicht haben und wirft mich damit völlig aus dem Konzept. Ich hatte überlegt, dass ich das eigentlich gern machen würde und mich da vielleicht auch gar nicht so schlecht machen würde, aber dann hatte ich schon in Gedanken doch ein bisschen kalte Füße gekriegt, ob mir dazu nicht irgendwas fehlt an Wissen oder Biss oder sonst irgendwas. Und da war ich die anderen durchgegangen und Adriano war eigentlich gleich derjenige gewesen, den ich in dieser Rolle am liebsten gesehen hätte, auch wenn wir uns bei der einen besagten Geschichte uneinig gewesen waren. Und nu stellt er sich gar nicht zur Wahl? Und jetzt!?

Verwirrt stehe ich da und höre mir an, wie einer nach dem anderen sich eher aus der Geschichte raus zieht oder einfach meint, das wäre nicht so sein Ding, bis ausgerechnet Paul sich natürlich aufstellt. War ja an sich klar, aber mich packt die Wut bei der Vorstellung, den als Anführer der Gruppe zu haben. Kann er ja machen, aber dann ohne mich. Nein, ich kann den nicht als Anführer akzeptieren. Nicht so einen arroganten Chauvi, der sich für was Besseres hält. Geht einfach nicht, nö. Und somit stehe ich auch zur Wahl, denn wie ich finde: Lieber ich als er.

Paul stimmt für sich, Sven stimmt für ihn, Taylor ebenso, während Kat, Adriano und ich für mich stimmen. Pattsituation. Super. Es folgt eine Wahlkampfrede und für einen Teil von dieser nimmt Paul mich extra zur Seite, um mir noch mal ausführlich zu erläutern, wie geeignet er für diesen Posten sei und wie ungeeignet ich selbst. Ich reiße mich zusammen und es kostet mich einiges, denn ich fang schon an, Punkte zu sehen. Das ist übrigens spannend. Wenn ich so richtig wütend werde, sehe ich irgendwann Punkte. Also die sind nicht wirklich da, ich sehe sie nur zusätzlich zu allem anderen. Sie engen das Blickfeld ein bisschen ein und wabern da so rum, und sie sind schwarz. Das sind sie jetzt nicht mehr. Sie sind ein bisschen rötlich. Wie auch immer sind Punkte ein verdammt schlechtes Zeichen, denn sie zeigen an, dass es nicht mehr lange dauert, bis eine Situation zu einer körperlichen Auseinandersetzung wird, und genau da stehe ich jetzt, als Paul mir einmal mehr zu verstehen gibt, was für ein geiler Typ er ist und wie scheiße ich bin. Ich sage nicht viel, obwohl ich ihm gerne jede Menge ins Gesicht schleudern würde, angefangen von Worten bis hin zu einem Hieb jede Menge Argumente, aber wenn ich jetzt noch viel quatsche, kann ich mich nicht mehr auf die Punkte konzentrieren, also würde ich Müll reden und ausflippen und ich will beides nicht. Ich schlage also nur vor, das in einem Kampf zu regeln oder auf andere Art, falls Paul das lieber ist, doch Paul schlägt vor, das jemand Drittes entscheiden zu lassen.

Taylor ist von der Idee, das jemand Dritten entscheiden zu lassen, auch gleich ziemlich angetan und läuft los, um Ragnar zu suchen, denn Solarienne habe ich als Schiedsrichterin sogleich ausgeschlossen. Ich mag sie, aber sie ist eine von Pauls Stamm und wer weiß, im Zweifel hackt eine Krähe der anderen ja kein Auge aus, wie man so schön sagt. Diese Schiedsrichtergeschichte lenkt mich zum Glück ein bisschen ab, weil ich mich jetzt darüber aufregen kann. Ich finde es bescheuert, dass wir jetzt andere Leute in diese Anführerfrage einbeziehen. Wir sind doch betroffen, wir sind doch das Rudel und alle anderen, egal wer, kennt uns doch gar nicht gut genug, um da irgendwie zu urteilen. Wieso klären wir das nicht alleine irgendwie?

Während wir darauf warten, dass Taylor mit Ragnar zurückkehrt, beschließen wir als erste Maßnahme dann doch unter uns eine weitere Wahl. Adriano stellt sich als Dritter auf, Paul und ich bleiben aufgestellt und jeder soll erneut seine Stimme abgeben. Das erzählen wir auch Taylor und Ragnar, und letzterer bleibt erst mal bei uns und sieht sich das Ganze an, findet aber gut, dass wir es erst mal allein versuchen wollen. Erneute Wahl … Paul stimmt für Adriano, Taylor wieder für Paul, Kat wieder für mich, ich für Adriano … und Adriano stimmt dann zu meiner Erleichterung für sich selbst und entscheidet damit diese erneute Wahl für sich. Ich bin doppelt froh. Kein Paul, stattdessen doch noch wie von mir erhofft Adriano. Damit kann ich nicht nur gut leben, das finde ich sogar richtig gut so und entsprechend beglückwünsche ich ihn zur gewonnenen Wahl. Ragnar nickt zufrieden und geht dann wieder, Paul schmollt, wie es aussieht, der Rest hakt das Thema jeder für sich und auf seine Weise ab.

Paul und Kat verhalten sich dann plötzlich beide ziemlich seltsam, rücken näher zusammen und reden komisches Zeug, dann machen sich beide auf und durchstreifen gemeinsam die Menge, allerdings eher suchend als feiernd oder etwas in der Art. Ich nehme das mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis. Dazwischen zu halten habe ich mittlerweile aufgegeben und ich kann nicht mehr als zu hoffen, dass Paul die Gelegenheit nicht gleich nutzt, um Kat wer weiß was zu erzählen. Taylor ist Ragnar gefolgt und hat mit dem wohl noch irgendwas zu besprechen, auch Sven läuft sonst wo rum und damit bleiben Adriano und ich alleine da stehen.

Wir holen uns noch was zu trinken und aus einer Laune heraus erzähle ich Adriano, dass ich mir so eine Art Gedicht ausgedacht hatte zu unserer Reise, so Stück für Stück im Verlauf der letzten Tage eben. Adriano findet das offenbar sehr spannend und will unbedingt was davon hören, was dazu führt, dass mir sogleich leid tut, es erwähnt zu haben, denn was mir da so eingefallen ist, ist wahrscheinlich einfach nur blöde und ziemlich albern. Zögerlich leiert er mir ein paar Zeilen aus den Rippen, bis es praktisch zu spät ist. Nach und nach sind ein paar weitere Zuhörer von mir erst mal unbemerkt heran gekommen, und als ich sie bemerke und einen Rückzieher machen will, fordert mich nicht mehr nur Adriano auf, weiter zu erzählen, sondern auch ein paar andere, eine davon Paulina von den Glaswandlern, die wir ja schon kennen gelernt hatten. Ich atme einmal tief durch, denke mir dann ‚Was soll’s‘ und zieh alles durch, was mir so eingefallen ist in den letzten Tagen:

Von Köln über Bremen bis nach Berlin
Zu Anfang noch ohne viel Disziplin
Machten wir uns auf den Weg.

Wir reisten zum Orbitarium der Sterne
Und erfuhren von Spuren
Der Apokalypse.

Von Magadon, dem Pharma-Riesen
Es galt als angenommen und bewiesen
Dass ihre Produkte, lauter Crap und Nepp
Finte sind, um zu verschleiern,
dass sie nach Desoxyribonuleinsäure geiern.
DNA, die jedem verrät,
wer wirklich wer ist und zu wem steht.

Durch die Hilfe der Glaswandler im Cyberreich
Suchten wir nach unserem Aufgabenbereich
In der Unterstadt.
Wir kämpften dort nicht nur gegen das Dunkel und Spinnwebenfurunkel
Sondern natürlich auch gegen Wesen voller Gefunkel.
Squiddies,
groß und wachsam,
seltsam,
nicht langsam,
gewaltsam.

Wir kletterten hoch zur Oberstadt,
Stunde um Stunde um Stunde.
Natürlich mussten wir sehen, wer wo hin trat.
Stunde um Stunde um Stunde.
Am leichtesten hatte es Adriano, unser Akrobat,
der Jumping Jack, auch noch mit schwerem Gepäck.
Stunde um Stunde um Stunde.
Doch natürlich gab niemand von uns jemals auf,
wir blieben im Lauf hinauf, einander dichtauf.
Stunde um Stunde um Stunde.
Sollte jemand nicht mitgezählt haben:
Es waren mehr als zwölf … Stunden zum Verausgaben.

Oben angelangt hatten wir wie unten schon Geleit,
und auch genug Zeit,
uns neu einzukleiden.
Mit seltsamen Anzügen ausgestattet,
haben wir Magadon dann einen Besuch abgestattet.
Wir fanden, weshalb wir gekommen waren.
Eine Flasche, schmierig, ölig und schwarz,
auf Monitoren der Barbaren
sahen wir Menschen, die uns lieb und teuer waren.
Nicht alle von ihnen lebten noch,
die meisten schon, dennoch
wir sahen Tote unter ihnen …

Wir zerstörten dort, soviel uns gelang,
doch vor unserem Abgang hatten wir Anhang von Belang:
Die Wächter, Antivirenprogramme,
gepanzert und mit Disken Feuer und Flamme
für einen Kampf setzten uns unter Dampf.

Antivirus, ja?
Gegen Schmarotzer also, Viren eben,
ein Grund mehr für uns, alles zu geben.
Wir sind keine Viren, keine Schmarotzer, keine Parasiten,
brauchen keine Wirte, keine Frisby-Requisiten.

Wir sind Krieger und voller Zorn,
wir taten, wozu wir auserkorn, wozu geborn.
Wir kämpften, fingen ihre Disken aus der Luft
Warfen sie zurück und genossen den Duft,
von verbrannter Rüstung, verschmorten Kabeln, was auch immer,
keinen Bock auf Rückzug, keine Zeit für Gewimmer.

Verletzt haben wir sie ordentlich, einen platt gemacht,
dann aber – ihr habt es euch wohl schon gedacht,
mussten wir doch sehen, dass wir Land gewinnen,
mussten uns entsinnen,
dass ein Kampf noch keine Schlacht ausmacht.

Die Schlacht wurde anderswo beendet, mit Hilfe von Denise
Die sich inmitten von Cookies und Binaries als verdammt hilfreich erwies.

Nach dem Weg zurück in die Unterstadt, nach einigem Austausch, genesen und pappsatt,
kehrten wir wieder zurück nach Berlin.
Und es schien,
als seien wir kaum fort gewesen.
und erneut begaben wir uns zum Szenarium des Orbitarium.

Diesmal fanden wir Einlass und durften bleiben,
durften trainieren und meditieren,
bevor wir bereit waren hinaus zu treiben.

Ausgestattet mit blauen Blumen,
ging es in diese tiefe Umbra mit dem komischen Volumen.
Wir gingen nicht, wir schwammen,
und dann stießen wir zusammen
mit einem Geist, wieder einer mit Flammen.

Er stellte sich uns entgegen
Und an Diskussionen war ihm nicht gelegen.
Kat versuchte es nett und diplomatisch,
aber unser Gegner war da eher wortkarg und fanatisch.
Und so war es wieder ein Kampf, in den wir uns wagten,
nicht verzagten, sondern an seiner Rüstung nagten.

Aber, da sind wir jetzt einfach mal ehrlich,
gewesen wäre es ohne Taylors Angriff abenteuerlich.
Doch Taylor brauchte nur einen Moment Zeit und dann
… waren wir schon beim Abspann.

Doch es kamen mehr, Helions, die uns Haut und Fell verbrannten,
so dass wir uns beim weiteren Weg ziemlich verspannten.
Doch wenn auch lädiert, erreichten wir schließlich doch unser Ziel:
Den Palast des Helios, der uns sehr gefiel.

Begrüßt wurden wir dort von Apoll und er begann für uns auf der Lyra zu spielen,
wir merkten, wie all unsere Wunden abfielen,
dann brachte er uns zum Phönixtor
und Adriano ging vor.

Das Ei des Phönix in der Hand
Stieg er die Treppen zum Tor hinauf
In raschem Lauf
Und ganz gebannt,
schauten wir zu, was dort geschah,
als das Feuer der Sonne den Phönix des Weltenherzens gebar.

Dieser wunderbare Vogel kam zu uns hinunter,
stellte sich uns vor, wirkte sehr munter,
unser Totem wollte er sein,
und wir nahmen ihn gar nicht lang in Augenschein,
sondern freuten uns sehr über sein Angebot,
das er uns erbot.

Und so kehrten wir alle zusammen zurück zur Erde, zurück nach Berlin,
nun schon viel vertrauter und mit mehr Disziplin.
Wir sprachen darüber, ob wir zueinander passen,
ob wir es dabei belassen,
gemeinsam unserer Wege zu gehen,
und zusammen hierher zu fahren und als Rudel hier zu stehen.

Wie ihr seht, haben wir uns schnell entschieden,
an unserer gemeinsamen Bande weiter zu schmieden.

Zu meiner Überraschung lacht keiner – oder ich bekomm zumindest nicht mit, dass es jemand tut -, stattdessen sind alle irgendwie voll begeistert und ein paar lassen mich sogar wortwörtlich hoch leben. Das verwirrt mich echt. Ich freu mich voll, aber ich hätte nicht gedacht, dass das wer gut findet. Ob ich vielleicht doch irgendwann mal, wenn ich mich mal wieder heimlich zu so einer Slam „verirre“, nicht nur zuhöre, sondern … ach, nee, was soll ich da auch mit Texten über blaue Blumen und Frisbees aufkreuzen. Aber vielleicht einfach mal drüber nachdenken, ob … hm.

Taylor kehrt von dem Gespräch mit Ragnar zurück, und während er nun gern woanders in Ruhe mit Adriano irgendwas besprechen will, verabschiedet sich parallel Paul mit den Worten, er habe noch zu tun und gehe nun sofort zurück nach Köln, man sehe sich ja dann da irgendwie – und geht. Kat ist noch immer seltsam und nicht dazu zu bewegen, irgendwas zu trinken, zu essen, zur Musik mit dem Fuß zu wippen oder sonst irgendwas und so sitze ich etwas ratlos neben ihr und frage mich, ob Paul wohl schon irgendwas zu ihr gesagt haben könnte? Bevor er das tut, sollte ich das machen. Muss ich. Nachher mal.

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