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7. Inplay-Zusammenfassung II: „Thai-Curry & Eis“ (Werwolf, TS)

Während der Fahrt frage ich nach, ob wir Solariennes Küche noch mal plündern dürfen und sie hat nichts dagegen. Als ich Pfannen raus hole, um aus dem Batzen Fleisch, der sich wie erwartet im Kühlschrank befindet, scheibchenweise anzubraten, ist Solarienne geradezu entrüstet. Sie stemmt die Hände in die Seiten und kann nicht fassen, dass wir das braten wollen, bevor sie sich eine Keule aus dem Kühlschrank fischt, sich damit auf die Arbeitsplatte setzt und darauf rumzukauen beginnt. In ihrer menschlichen Gestalt wohlgemerkt, so wie Kat und Paul bei unserem ersten Besuch hier auch schon. Leute, echt mal, es ist nix Falsches an gebratenem Fleisch.

Taylor meint plötzlich, dass ein Thai-Curry doch an sich viel ccoler wäre als einfach nur gebratenes Fleisch, und nachdem ich ein wenig ratlos auf die beiden Pfannen blicke, die ich schon auf den Herd gestellt hatte, zucke ich mit den Schultern und lass mir von ihm Paprika und anderes Gemüsezeug in die Hand drücken, um es zu schnibbeln.

„Oh weia!“, ruft Adriano auf einmal erschrocken, als er in die Küche kommt und blickt auf den Herd.

„Was denn?“, frage ich verwirrt und gucke ebenfalls. Kokelt es? Nein, tut es nicht.

„Der Phönix sitzt auf der Herdplatte!“, meint Adriano noch immer recht aufgeregt, doch wir können ihn recht schnell beruhigen. Ist ein Phönix, der wird schon nicht verbrennen …

Paul geht lieber in den Garten, in dem die Welpen spielen, als bei uns zu bleiben. Gemüse schnibbelnd meine ich zu Adriano:
„Magst dem vielleicht ein Glas Wasser rausbringen und ihm Gesellschaft leisten oder so?“

Adriano schnappt sich sofort ein Glas und geht zu Paul. Wieso hab ich das eigentlich vorgeschlagen?

Dann nach einigen Minuten ertönt ein klatschendes Geräusch. Solarienne hat ihre Keule achtlos auf den Boden fallen lassen und läuft in den Garten. Ein Blick nach draußen zeigt, wieso. Zwischenzeitlich haben sich auch Paul und Adriano in Wölfe verwandelt und alle toben wie die Wilden durch den Garten, wozu sich nun auch Solarienne gesellt. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Huch, Paul als Spielkind? Nicht, dass sich an dem noch menschliche Züge bilden irgendwann.

Reflexartig hebe ich die Keule auf, spüle sie gründlich unter fließendem Wasser ab, lege sie wieder auf einen Teller und stelle sie wieder in den Kühlschrank.

„Die hätte sie auch so später weiter gegessen“, meint Taylor.

„Ja, ich weiß, aber das ist so ne Art Reflex von der Arbeit aus, glaub ich. Da stellen wir Runtergefallenes zwar nicht in den Kühlschrank, sondern schmeißen es weg, aber ist irgendwie drin, glaub ich.“

„Was hast du denn gearbeitet? Oder was arbeitest du noch?“, fragt Taylor interessiert.

„Ich arbeite in ner Pommesbude. Ach, du kommst ja auch aus Köln, kennst du also vielleicht sogar, die Kette. Hühner Heini. Toll, was?“, frage ich ein wenig peinlich berührt.

„Ja, kenn ich. Wieso toll? Ist eine Arbeit wie jede andere auch, oder?“

„Mhmh … ich mach sowieso irgendwann was anderes“, meine ich und füge sehr viel leiser hinzu: „Ich weiß nur noch nicht, was und wann.“

Taylor hat den Rest wohl nicht gehört und erkundigt sich, was ich denn machen möchte.

„Weiß ich noch nicht“, sage ich etwas lauter und möchte dann lieber das Thema wechseln. „Und du … du kochst also gerne, ja?“

„Ja. Ich bin ja alleinstehend, und da lernt man das eine oder andere.“

„Wie alt warst du noch mal?“

„Achtundzwanzig.“

„Hm, und dann alleinstehend? Wie kommt’s?“

Er lächelt.

„Wie das so ist: Hab halt die richtige Person noch nicht gefunden.“

„Mhmh“, murmle ich und weiß nicht, was ich sonst dazu sagen soll. Bevor wir in Solariennes Haus gegangen sind, hatte er den Arm und mich gelegt und mich kurz gedrückt und jetzt fällt er mal eben so von sich aus mit der Information, dass er Single sei, ins vor sich hin gurgelnde Curry. Ich glaub es ja an sich nicht, weil ich mich so richtig krass bei sowas eigentlich nicht verhaue und Taylor ja ziemlich fix als netten Kerl eingestuft hab und so, aber … ist das jetzt Smalltalk oder versucht der so von links nach schräg, mich anzubaggern?

Ich schnapp mir einen kleinen Teller aus dem Schrank, halte ihn Taylor hin und bitte ihn, mich mal probieren zu lassen. Geil, das ist echt lecker!

„Was hälst du davon, wenn wir draußen für alle decken und zusammen essen?“, fragt er.

Mit vollem Mund nicke ich zustimmend und fange an, alles Nötige zusammen zu suchen. Ich finde sogar ein Tablett, so dass wir nicht zig Male gehen müssen. Taylor schnappt sich derweil einen Untersetzer und den Wok und zusammen fangen wir an, draußen auf der Terrasse den Tisch zu decken. Als wir damit fertig sind, pfeife ich und rufe den anderen zu, dass das Essen fertig ist, doch es dauert eine ganze Weile, bis sie mein und schließlich auch Taylors Pfeifen und Rufen registrieren und nach und nach am Tisch eintrudeln.

Zuerst essen wir in Stille, doch nach den ersten Löffeln beginnen wir uns zu unterhalten und als Solarienne danach fragt, wie es uns so ergangen ist in der Zwischenzeit, vergesse ich glatt den gefüllten Teller vor meiner Nase und berichte ausschweifend von unseren Erlebnissen.
Nach den ersten Sätzen steht Paul auf, verlässt den Tisch mit den Worten, er müsse mal dringend telefonieren und geht ins Haus. Hätte er nicht später telefonieren können? Ich lasse mich davon nicht lange beirren, sondern erzähle nach einer kurzen Pause einfach weiter, bis Solarienne irgendwann meint:
„Ja, davon hat Allen erzählt.“

„Ah, ja, also … Moment, wieso Allen? Der war doch gar nicht dabei?“, frage ich erstaunt und Solarienne lächelt.

„Nein, er nicht, das stimmt. Aber seine Eule, und auch Hilary hatte ein Auge auf euch.“

„Aber … wieso?“, frage ich weiter.

„Na, du glaubst doch nicht, dass wir euch einfach alleine lassen? Es hätte euch doch was passieren können oder so, und dann hätten sie euch helfen können oder zumindest Bescheid gegeben und Hilfe gerufen oder so etwas.“

Ich bin verblüfft und frage mich, wieso keiner von uns davon irgendwas mitbekommen hat, was mich einen Moment aus meinen Erzählungen reißt, doch Adriano steigt in die Geschichte ein und erzählt sie ein Stück weiter, bevor ich auch wieder rein finde und wir schließlich im Wechsel erzählen.

Nachdem alle Highlights an Mann, Frau und Wolf gebracht wurden, wie auch immer, stehe ich auf und entschuldige mich ebenfalls, um mal eben zu telefonieren. In der Zwischenzeit ist sicher fast eine Stunde vergangen, doch Paul ist nicht wieder aufgetaucht. Ist wohl mal wieder lieber alleine. Naja.

Ich atme tief durch, bevor ich zu Hause anrufe, um meiner Mutter zu sagen, dass das benötigte Ersatzteil wohl erst irgendwann am Donnerstag ankomme und ich nur wie versprochen gleich anrufen wollte, um ihr Bescheid zu geben. Ich lege noch mal eine Schüppe auf meine wortreichen Erklärungen vom letzten Mal drauf und zum Glück ist Mama erneut eher besorgt als verärgert.

„Warte mal, Lotte, ich geb den Hörer mal noch weiter – und meld dich, wenn es was Neues gibt und auch, wenn ihr euch auf den Weg macht, ja? Pass auf dich auf!“

Woa, wie ich das hasste, wenn sie Lotte sagte …

Gemurmel am anderen Ende der Leitung, dann ein ausgesprochen begeistertes:
„Charlotte?“

„Micha! Du bist noch wach?“, freue ich mich.

„Ja, aber ich bin schon im Bett. Ich hab doch morgen Schule. Wo bist du? Du musst doch auch arbeiten?“, fragt mein kleiner Bruder.

„Ja, die Mama hat sich darum gekümmert. Ich bin mit ein paar Freunden unterwegs und … das dauert hier alles irgendwie länger, als ich dachte, weißt du.“

Ich kann ihn nicht anlügen. Und die Wahrheit sagen kann ich ihm auch nicht. Wie blöd.

„Aber ich komme bald zurück, ehrlich. Nur noch einen Tag oder zwei, dann bin ich wieder da, in Ordnung? Ich ruf auch an, sobald ich das genau weiß, damit du genau weißt, wann, ja?“

„Aber … ist langweilig hier ohne dich. Der Andreas spielt nicht soviel mit mir wie du.“

„Dann spiel doch mit Justine oder Lina“, schlage ich vor und ernte ein beinahe entrüstetes „Nee!“, das mich zum Grinsen bringt.

„Wenn ich wieder da bin, kriegst du ein Geschenk von mir, um es wieder gut zu machen, versprochen. Eine Überraschung.“

„Ein Geschenk? Was denn?“

„Überraschung, habe ich gesagt. Also werde ich es jetzt wohl nicht verraten, Pappnase?“

„Hey, nenn mich nicht Pappnase!“, sagt er mit gespielter Entrüstung und ich lächle– er wahrscheinlich auch. Tut er sonst jedenfalls immer.

„Na schön – du machst jetzt folgendes: Du schläfst jetzt erst mal ordentlich und morgen schnappst du dir irgendwann mal einen Zettel und dann schreibst du immer auf, wenn dir was einfällt, was die Überraschung sein könnte. Und wenn ich wieder da bin, dann guck ich mir den Zettel an. Wenn du drauf gekommen bist und es aufgeschrieben hast, dann bekommst du sogar noch was extra, okay?“

Er stimmt zu – prima, dann hab ich gleich ein bisschen beschäftigt aus der Ferne. Und schreiben üben ist auch gut. Wenn ich Glück hab, kann ich den Zettel sogar lesen, wenn er ihn mir später gibt. Leserlichkeit ist nämlich nicht so sein Ding.

„Bis bald, Micha – hab dich lieb!“, sage ich und eigentlich würde ich ihm jetzt durch die Haare wuscheln, während ich das sage. Durch’s Telefon ein bisschen schlecht.

„Bis ganz bald!“, kommt nach einer kurzen Pause und durch die drei Worte fällt mir mehr auf, wie sehr ich ihn gerade vermisse, als durch das ganze Gespräch davor. Er sagt, dass er mich auch lieb hat, aber gerade zu knatschig ist, als dass er das sagen würde. Er sagt, dass ihm das am Telefon sowieso zu blöd ist, weil das komisch ist und albern und Mädchenkram. Und er sagt, dass er mich wirklich ganz schön vermisst und möchte, dass ich so schnell wie möglich nach Hause komme. Drei Sätze in drei Worten und als ich auflege, brauche ich erst mal einen Moment, bis ich wieder nach draußen kann.

Ich häng an keinem meiner Geschwister so sehr wie an meinem kleinen Bruder. Andreas und ich sind wahrscheinlich einfach altersmäßig zu nah aneinander und haben uns schon zu oft auf die verschiedensten Arten und Weisen gekloppt, als dass wir wer weiß wie herzlich zueinander wären, auch wenn wir uns trotzdem mögen. Lina ist jetzt schon seit bestimmt zwei Jahren in einer nicht enden wollenden und verdammt viele Nerven kostenden Zickenphase, durch die wir nicht allzu gut miteinander auskommen, und Justine, mit der hab ich auch bis vor zwei Jahren öfter mal was unternommen oder so, aber an sich orientiert sie sich mehr an Lina, klar. Und Micha hatte irgendwie immer ein bisschen die Arschkarte als Nesthäkchen, altersmäßig viel zu weit weg von Andreas, dem er regelmäßig auf die Nerven geht und dann ein Junge, der es gegen die beiden Mädels nicht ganz so leicht hat. Dass er eher ein Einzelgänger ist und ein stiller Vertreter, sorgt auch nicht gerade dafür, dass er tonnenweise von Freunden umgeben und dadurch beschäftigt ist. Tja.

Dass ich so an meinem Bruder hänge, wusste ich aber selbst noch nicht. Kunststück, ich häng ja an sich auch immer nur in Köln und in seiner Nähe rum, war noch nie woanders als höchstens mal ein halbes Wochenende bei Kat. Und diese bescheuerte Klassenfahrt in der Neunten nach Holland, aber das war ja nun auch schon wieder fünf Jahre oder was her, die konnte man ja quasi gar nicht mehr zählen.

Ich gehe noch mal zu den anderen raus, aber ich habe an sich keine große Lust mehr auf Geselligkeit und halte mich eher zurück, selbst dann, als Solarienne meint, dass wir am nächsten Abend alle zusammen in die Nähe von Bremen fahren würden, um da den Ritus durchzuführen, der uns sozusagen zu einem echten Rudel machen und das Totem auch wirklich an uns binden würde und all sowas. Falls wir denn ein Rudel bilden wollen, stellt sie in den Raum beziehungsweise in den Garten. Niemand widerspricht, aber außer Adriano und Taylor stimmt auch niemand spontan zu. Ich auch nicht, weil mir diese Anführergeschichte noch im Magen liegt. Das jetzt zu klären, danach ist mir aber jetzt nicht. Morgen ist auch noch ein Tag.

„Leute, nehmt es mir nicht übel, aber ich würd dann jetzt mal ins Bett verschwinden. Ich bin irgendwie doch ziemlich platt und will morgen fit sein, wenn es dann Richtung Bremen geht.“

Keiner widerspricht mir, alle wünschen mir eine gute Nacht und ich verkrümele mich in den Keller, wo ich mich allein auf einer der Matratzen ausstrecke und mit geschlossenen Augen erst mal noch eine Weile vor mich hin grüble, bis ich plötzlich Solariennes feuchte Zunge durch mein Gesicht fahren spürt und sogleich grinsen musst.

„Hi“, meine ich schlicht.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragt Solarienne.

„Schon. Warum?“

„Weil du so still bist und so bedrückt wirkst, seit du mit deinem … mit diesem … mit dem Jungen aus deinem Wurf gesprochen hast.“

„Mein Bruder.“

„Genau“, bekräftigt sie.

„Ich vermisse ihn halt und mach mir Gedanken darüber, dass ich dringend mal wieder nach Hause müsste, das ist alles.“

„Ah, hm. Ich wollte euch eigentlich mein Haus anbieten, weil ich demnächst weggehen will, aber es klingt so, als wenn du nicht hierbleiben wollen würdest.“

„Ich bleibe da, wo die anderen sind“, antworte ich spontan und wundere mich ein bisschen über meine eigene Antwort. Im gleichen Moment weiß ich aber, dass das letztlich so sein wird, was mich ein bisschen erschreckt. Bremen, Berlin, Timbuktu … scharf bin ich eigentlich auf all diese Städte nicht und auch nicht auf andere sonst. Ist Timbuktu eigentlich eine Stadt? Egal. Nicht, dass ich viel aufzugeben hätte, aber was ich so aufzugeben habe, wäre schon heftig für mich. Was soll ich dann machen? Meinem kleinen Bruder in den nächsten zehn Jahren wie meine Patentante Briefe und Pakete schicken und damit im Verlauf in einer Kiste unter dem Bett enden? Tolle Aussichten. Alleine in Köln zu sein ist aber auch keine Option, das weiß ich ziemlich sicher, seit Adriano, Kat und ich bei Paul eingelaufen sind und ich mich ruhiger gefühlt habe als in der Zeit davor, obwohl schon der Start von Paul und mir ja nicht der beste gewesen war.

„Allen ist doch auch noch in Köln. Der wohnt doch gar nicht so weit weg von dir?“, fragte Solarienne und ich meine:
„Stimmt. Ein paar Straßen nur.“

„Na, dann brauchst du dir doch keine Sorgen zu machen. Der wird schon aufpassen, meinst du nicht?“

Ich nicke. Sie hat ja Recht, aber …

„Du willst weg von hier? Warum?“, frage ich sie.

„Ich brauche ein neues Rudel.“

„Du bist also … alleine?“

„Hast du hier schon mal jemand anderen gesehen?“, fragt sie zurück. Nö. Doofe Frage von mir. Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen oder fragen soll und sehe wohl ein wenig ratlos aus, doch Solarienne erzählt von allein weiter:
„Ich gehe wohl in den Schwarzwald, weil ich vielleicht bei Lunas Fängen aufgenommen werde. Und dann kämpfe ich dort im Krieg gegen die Vampire mit.“

Schon wieder Vampire.

„Und dein früheres Rudel …?“, traue ich mich dann doch zu fragen.

Die sind alle tot. Wir sind zusammen zum Mond gereist. Nicht ganz so gefährlich wie bis zur Sonne. Und wir haben dort als Belohnung Mondsilber bekommen, aus dem wir uns haben Schwerter machen lassen. Aber wir waren noch jung und zwei aus meinem Rudel waren noch ziemlich junge Mädchen. So wie Kat etwa. Wir haben im Krieg gekämpft, aber sie sind alle gestorben“, erzählt sie.

Schlimm. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll – und schweige erst mal. Zu jung, zu unerfahren, zu überschätzt … tja, was lernt man daraus?

Sie verabschiedet sich schließlich und wünscht mir noch eine gute Nacht. Ich freue mich, dass sie noch mal nach mir gesehen hat und fühle mich etwas besser durch das Gespräch, aber zeitgleich wühlt mich diese Geschichte von ihr mich ziemlich auch ziemlich auf und beschäftigt mich noch eine ganze Weile, bevor ich irgendwann doch einschlafe und am nächsten Morgen richtig ausgeruht wieder erwache.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Nach dem Frühstück frage ich in die Runde, ob jemand Bock hat, mit mir joggen zu gehen. Taylor und Adriano sind von der Idee ziemlich angetan und so stehen wir eine Viertelstunde nach dem Frühstück vor der Tür und legen los, nachdem Paul irgendwas davon meinte, dass er Adriano um spätestens elf Uhr zurück erwarte und Adriano nur nickte. Hab ich was verpasst?

Action gab es in den letzten Tagen zwar genug, aber mir hat das Laufen gefehlt, merke ich jetzt. Mit den beiden zu laufen macht auch Spaß, weil wir in einem ähnlichen Tempo laufen, ohne dass sich jemand großartig umstellen muss, wodurch wir den Kopf schneller frei kriegen und noch genug Raum haben, um uns zu unterhalten. Adriano wird allerdings mit der Zeit ein bisschen nervig, weil er alle paar Minuten nach der Uhrzeit fragt.

„Sag mal, was ist das eigentlich? Paul sagt dir, wann du zurück sein sollst und du fragst jetzt alle paar Minuten nach der Uhrzeit? Was ist denn los?“, frage ich ihn irgendwann.

„Paul will mit mir einkaufen gehen“, berichtet Adriano stolz.

„Er will … was will er?“, frage ich noch mal nach.

„Shoppen!“, lacht Taylor.

„Ja, er will mir Sachen kaufen, hat er gesagt.“

„Aha. Na, dann gib jetzt trotzdem mal Ruhe. Wir sagen dir schon rechtzeitig Bescheid, okay?“, meine ich. Shoppen mit Paul, so. Kauft der sich jetzt ins Rudel ein oder was soll das werden?

„Solltest dann vor dem Bummel auch noch mal duschen, Adriano. Das gibt sonst ne böse Überraschung“, ergänze ich noch und während Adriano eifrig nickt, lacht Taylor.

„Wieso? Frischer Männerschweiß ist doch was – da steht ihr doch drauf, oder?“, fragte er mich und ich ziehe die Augenbrauen hoch. Was will er mir denn damit sagen?

Äh, nee – aber seht ihr die Birke da drüben?“, antworte ich und deute nach vorn, links des Weges.

„Die da vorne oder die da hinten?“, fragt Adriano.

„Die da hinten“, meine ich.

„Ja – was ist damit?“

„Wettrennen?“

Beide grinsen und nicken.

Okay, dann: 3, 2, 1 – los!“, rufe ich, renne aber schon bei der Eins los, was mich letztlich zur Siegerin des Kopf-an-Kopf-Rennens macht.

„Hey, du hast gemogelt!“, beschwert sich Taylor lachend, der dadurch den zweiten Platz gemacht hat.

„Ist doch egal“, lache ich ebenfalls. „Kannst den ersten Platz aber gern haben, war doch nur Spaß.“

Letztlich will den ersten Platz aber doch niemand, und bevor ich mich schlagen lasse, wie man so schön sagt …

„Zum Ausgleich den gesamten Weg nach Hause rennen und sehen, wer da dann als Erstes ankommt?“, fragt Taylor und sowohl Adriano und ich stimmen zu.

„Okay, dann sag du diesmal an“, fordere ich Taylor auf, und tatsächlich starten wir alle artig erst beim ‚Los‘.

Adriano kommt als erstes an, ich als zweite und Taylor zuletzt, was ihn dazu bringt zu erwähnen, dass er nicht gedacht hätte, dass wir beide ihn überholen würden.

„Tja, wir tragen halt nicht so viele Muskeln mit uns rum wie du, da ist das ja klar, oder?“, zwinkere ich ihm zu und verkrümel mich dann erst mal in der Küche, wo ich gleich mehrere Gläser Wasser hintereinander weg trinke. Ui, tut das gut!

Adriano hat als Sieger des Rennens und in Anbetracht seines Dates mit Paul als erstes die Dusche in Beschlag gekommen und als ich ihn unten wiedersehe und mich in Richtung Bad begebe, stelle ich fest, dass Taylor sich die Dusche bereits als Nächster unter den Nagel gerissen hat. Diesmal parke ich vor der Tür. Wer weiß, wer von den anderen noch so alles duschen will.

„Oh, Charlotte! Wie ist es, magst du mitkommen?“, fragt Taylor, als er aus dem Bad kommt.

„Mitkommen? Wohin denn?“

„Na, in die Stadt, Hasse-mal-ne-Mark zu einem Eis einladen“, antwortet er.

Ich stimme spontan zu, gebe dann aber zu bedenken, dass ich echt überhaupt keine Kohle bei mir habe, doch Taylor meint, er übernehme das dann schon. Komm mir zwar langsam schon ein bisschen blöd dabei vor, den anderen dauernd auf der Tasche zu liegen, aber kann ich hier und jetzt schlecht ändern, also sage ich, ich würde dann eben duschen und wir könnten los.

Eine Viertelstunde später stehe ich geduscht, frisiert und umgezogen unten. Aus einer Laune heraus hab ich mir doch mal eines von Solariennes Blümchenkleidern geschnappt. Zu Hause hab ich kein einziges Kleid im Schrank, aber vielleicht ist das ja auch recht bequem, mal sehen.

Taylor guckt überrascht, als er mich sieht und lobt das Kleid und mich darin gleich mit, meint, dass ich toll aussehe. Mit ehrlichen Komplimenten hab ich so meine Probleme, ich kann besser mit den  gefaketen umgehen, weil ich die einfach auch deutlich öfter bekomme, darum gehe ich nicht weiter darauf ein und drängle darauf, loszugehen.

In der Bahn kommen wir noch mal auf Klamotten zu sprechen und ich erzähle Taylor, dass ich die meisten meiner Klamotten selbst nähe und das ganz gerne mache und dann, obwohl ich gar nicht so genau weiß, wieso ich ihm das sage, erzähle ich ihm, dass ich überlegt habe, dass ich auch dieses Ritual ganz gerne irgendwann mal lernen würde, mit dem man seine Sachen überall an behält. Von Geisterwelt will ich in der Bahn mal lieber nichts sagen, auch wenn eine ältere Dame komisch guckt, als ich was von Sachen erzähle, die man überall an behält, aber ein Stückchen weiter ist sie schon wieder in ihr Sonder-Spezial-Heft zur Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton vertieft, was mich wiederum zurück zu meiner Idee und dazu bringt, Taylor zu fragen, was er von dem Gedanken hält:
„Ist das doof? Oder ist das eine gute Idee, was meinst du?“

„Gut? Die Idee find ich grandios!“, meint Taylor und meint das offenbar genau so, wie er es sagt, was dazu führt, dass ich ein bisschen rot anlaufe. Echte Komplimente, echter Zuspruch … ist halt so.

„Du könntest Kiyam mal darauf ansprechen und fragen, vielleicht bringt sie es dir bei“, ergänzt Taylor.

„Wen? Kenne ich nicht“, meine ich, doch als Taylor die blonde Frau mit den zusammen gebundenen Haaren von Lunas Fängen beschreibt, habe ich sie wieder vor Augen.

„Ach so, ja, doch. Hm, nee, ich würde wen anderes fragen. Kennst du Allen auch?“, erkundige ich mich. Nein, kennt er nicht. Naja, ist ja auch nicht so wichtig. Auf jeden Fall freue ich mich darüber, dass ich jemandem von dieser Idee erzählen konnte und er sie auch noch gut fand. Kurz zieht ein Schleier durch meine Gedanken, als mir einfällt, dass es an sich auf jeden Fall Kat gewesen wäre, der ich davon erzählt hätte, doch jetzt ist es jemand anderes gewesen, dem ich das zuerst anvertraut habe. Seltsamerweise kommt mir das nicht einmal falsch vor.

Wir sammeln Hasse-mal-ne-Mark bei den Mauerbrechern ein und brauchen für etwa 500 Meter bis zur nächsten Eisdiele eine nicht nur gefühlte halbe Stunde. Ich glaube, so langsam bin ich noch nie zuvor in meinem Leben eine solche Strecke gegangen. Ein paar Leute gucken seltsam, als wir uns da mit Hasse-mal-ne-Mark zusammen an einen Tisch setzen, verlieren aber bald schon wieder das Interesse, zumal wir uns an einen etwas von den anderen belegten Tischen entfernten setzen. Die beiden bestellen sich jeweils drei Kugeln Eis und ich mir zwei Kugeln mit Sahne, alles zusammen gerade so in Taylors Budget, als auch Hasse-mal-ne-Mark vages Interesse an unseren bisherigen Ergebnissen bekundet, was ich zum Anlass nehme, vor allem unseren letzten Ausflug zum Orbitarium und von dort aus zum Palast des Helios recht wortreich zu beschreiben. Als ich damit fertig bin, ist mein Eis geschmolzen und ich schlürfe bloß noch die gemischte Eis-Sahne-Sauce aus dem Becher, als wir Besuch bekommen.

Paul und Adriano haben ihre Einkaufstour beendet und Adriano ist nicht nur mit zig Tüten und Taschen beladen, sondern sieht auch aus, als wäre er gerade auf dem Weg zu seiner Konfirmation oder so. Das sieht völlig unpassend aus, weil er viel zu quirlig für so einen Anzug ist, aber er freut sich wie ein Keks über die Sachen und zeigt uns alles ganz genau, derweil ich wie die ganze Zeit hindurch schon immer wieder meine eigene Haltung korrigieren muss. Ich hatte nicht daran gedacht, dass man bei einem Kleid dauernd die Knie irgendwie beinander halten muss, um nicht wie eine Proletin auszusehen, was dazu führt, dass ich mehr proletenhaft fühle als ohne so einen Fummel.

„Ich glaub, du siehst gerade so aus, wie ich mich fühle“, meine ich in Richtung Adriano und er strahlt mich an.

„Du fühlst dich also gut, ja?“

Ich lächle, kann gar nicht anders, obwohl ich es so natürlich nicht gemeint hatte.

„Genau – nimm dir doch einen Stuhl und setz dich dazu.“

„Ist hier noch Platz für einen weiteren Stuhl?“, fragt Paul.

„Klar!“, antworte ich und er zieht sich einen Stuhl heran.

Nachdem er sich gesetzt hat, fängt er auch mit Taylor an und erörtert ihm, dass auch Taylor dringend andere Kleidung benötige. Lädt der den jetzt auch noch zum Shoppen ein? Warum macht er das denn? Er muss doch wissen und sehen, dass da nicht jeder der Typ für diesen steifen Kram ist?

„Oh, Miss Wiemers, wie ich sehe, haben Sie sich auch mal etwas anderes angezogen. Naja, die bisherige Kleidung ist wohl eher Ihr Stil.“

Damit ärgert er mich diesmal nicht, sondern trifft mich tatsächlich. Ziemlich sogar. Echt, nie wieder ein Kleid, hat schon seinen Grund, warum ich diese Dinger nicht im Schrank hängen habe. Ich schweige und male mit meinem Löffel kratzend durch den mittlerweile leeren Eisbecher.

„Wieso? Was stimmt denn damit nicht? Ich finde, sie sieht großartig darin aus“, springt Taylor ein. Diesmal hinterfrage auch gar nicht, wieso er mich da so über den grünen Klee lobt, sondern bin ihm einfach nur dankbar.

„Ja, da haben Sie natürlich Recht. Solarienne steht dieses Kleid tatsächlich ausgezeichnet“, antwortet Paul.

Ich überlege kurz, ob ich jetzt aufstehe und gehe oder ihm einfach mal die Fresse poliere, damit er endlich Ruhe gibt, dieser blöde Drecksack. Tatsächlich tue ich nichts von beidem, sondern bleibe einfach schweigend sitzen und kratze weiter in meinem Becher herum, fühle mich sogar zum Ausrasten gerade zu handlungsunfähig.

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