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10. Inplay, Teil I, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – “Der Ahnenrat”

Neben dem Planwagen erschienen achtzig verbrannte Tote, die verbrannten Zigeuner aus dem Lager, die ich mit offenem Mund staunend betrachtete.

„Ich sagte ja, dass ich sie noch brauche“, hörte ich Shukaris sagen, und noch bevor ich darauf etwas erwidern konnte, zog ein höllischer Schmerz durch meine linke Schulter, der mich automatisch aufstöhnen ließ. Shukaris hatte den linken Arm um mich gelegt und seine Finger tief in meine Schulter gebohrt, fixierte mich damit. Mistkerl! Meine Wut kochte augenblicklich wieder hoch, doch noch bevor ich das Wort doch noch an ihn richten konnte, sah ich diesen unverschämten Kerl, der sich in meiner Küche breit gemacht hatte, auf uns zukommen.

„Darf ich vorstellen? Durga – Saron LaFey.“

Der Kerl verbeugte sich vor mir. Was war das denn?

„Sie hat eine Lebensschuld bei mir und ich möchte, dass du auf sie aufpasst. Bleib bei ihr und sorg dafür, dass ihr nichts geschieht und sie nicht in Gefahr gerät, bis ich sie holen komme“, sagte Shukaris und ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen, noch weniger, als dieser Saron sogleich nickte und antwortete:

„Könnt Ihr mir sagen, mit welchen Gefahren zu rechnen ist?“

„Was auch immer und durch wen auch immer.“

„Und wie lang soll ich auf sie achten? Kommt Ihr sie bald holen?“

„Nein“, sagte Shukaris, was wirklich mal eine gute Nachricht war. „Sie ist noch zu unreif.“ Das wiederum hätte er sich auch verkneifen können …

Jean-Baptiste stieß zu uns hinzu, dann auch Victor und Melissa. Jean-Baptiste sah besorgt aus und fragte:
„Hat er dir weh getan?“

Wortlos warf ich einen Blick auf meine linke Schulter, in der noch immer Shukaris‘ Finger steckten.

Ohne weiteres begann Jean-Baptiste, mit Shukaris zu verhandeln. Er fiel sogleich mit der Tür ins Haus, noch bevor nähere Details bekannt waren. Für den Rest seiner Existenz für Shukaris in die Zukunft sehen, wie er es ihm schon einmal angeboten hatte. Ich war überrascht und ein wenig beeindruckt, dass er so prompt und ohne Umschweife sein Angebot wiederholte, um mich frei zu bekommen.

„Und du, Victor? Was ist mit dir?“, fragte Shukaris. Ja, Victor, was ist mit dir?

„Ich weiß nicht, was ich dir anbieten kann.“

„Dann denk darüber nach?“, gab Shukaris zurück.

„Ich wäre dankbar, wenn wir an dieser Stelle auf Spielchen verzichten könnten. Also: Was kann ich dir bieten?“, wiederholte Victor seine Frage. Er klang etwas gereizt, etwas gepresst. Vielleicht war ich ihm also doch nicht so egal, wie es in der letzten Zeit den Anschein gehabt hatte?

„Jemand wird kommen und dich nach einem Buch fragen, das in deinem Besitz ist. Es wird noch dauern, etwa drei Jahre, aber wenn es soweit ist: Geh mit ihnen“, sagte Shukaris. Woher wollte er denn wissen, was in drei Jahren war? Und wenn er das wusste, wozu brauchte er dann Jean-Baptistes Visionen?

Victor stimmte zu und plötzlich meinte Shukaris: „Eine sehr gute Idee, Melissa!“ Aber sie hatte doch gar nichts gesagt?

Dann ergriff Jean-Baptiste wieder das Wort. Jetzt, nachdem in wenigen Minuten offenbar alles mich Betreffende geklärt war, wollte er weiter verhandeln, wollte um mehr verhandeln, war bereit, mehr anzubieten. Was genau, bekam ich nicht mit, denn er führte nicht genauer aus, was ihm da vorschwebte, sondern schwieg von jetzt auf gleich wieder. Vielleicht hatte er einmal mehr den Faden verloren? Interessierte mich auch nicht sonderlich. Mir war nicht mehr danach, jemanden davon abzuhalten, sich ins Verderben zu stürzen. Mit welchem Recht auch?

Dann, endlich, ließ Shukaris mich los. Ich bin der Ansicht, er hätte seine Finger auch schneller aus meiner Schulter ziehen können, als er es tat. Aber … ach, wie auch immer …

„Wir werden uns irgendwann wieder sehen“, verabschiedete sich Shukaris. „Bis dahin wird Saron euch über meine Wünsche auf dem Laufenden halten.“

Vor unseren Augen verwandelte er sich in Sand, ebenso all die verbrannten lebenden Leichen. Sie ließen sich vom Wind davon tragen. Wir waren allein, und ich einen kurzen Moment lang verdammt einsam.

Ich wandte mich dem Nekromanten zu.

„Saron also, ja?“

Er nickte nur.

Was hast du mit ihm zu tun, dass du seinen Wünschen einfach so Folge leistest?“

„Er hat mich gerettet, mich aus dem Jenseits befreit.“

Ja, das passte zu Shukaris. Leute retten und an sich binden, sie für sich arbeiten lassen, für seine Zwecke einspannen, sie täuschen und kontrollieren. Trotzdem sah ich mich noch nicht in dieser wahrscheinlich langen Liste. Dass mir die Kontrolle kurzzeitig entglitten war, hieß noch lange nicht, dass er sie stattdessen hatte. Nicht für mich. Das würden wir noch sehen.
Ich hatte den Eindruck, mit seinem Verschwinden sei mein Verstand wieder sehr viel klarer geworden und ich hatte nicht die Absicht, ihn so bald wieder an den Nagel zu hängen. An den Nagel hängen … naja.

Saron reichte mir eine Phiole.

„Wenn du in Gefahr bist, wirf den Inhalt dieser Phiole gegen deinen Gegner“, sagte er.

Ich besah mir den schleimig grün-grauen Inhalt der Phiole, der eine widerliche Art hatte, sich in der Phiole zu bewegen, wenn man sie drehte oder kippte.

„Was ist das?“, fragte ich neugierig.

„Hungriger Schimmel“, sagte Saron und ich sah ihn kurz an, um herauszufinden, ob er ernst meinte, was er da gerade sagte. Es gab keine anderen Anzeichen. Hungriger Schimmel … du liebe Güte.

„Wie hast du das hergestellt?“, erkundigte ich mich, doch Saron schüttelte den Kopf.

„Das kann ich dir nicht sagen. Er schadet deinem Gegner, das muss dir als Information reichen.“

Hm, na schön. Ich verstaute die Phiole in meinem Sari – man sollte gar nicht glauben, wie viel Platz in so ein paar Metern Stoff war – und wechselte noch ein paar weitere rasche Worte mit Saron, während derer ich erfuhr, dass er nicht mehr in Kronstadt lebte, weil Jean-Baptiste ihn der Stadt verwiesen hatte nach einer Auseinandersetzung zwischen den beiden. Schade, ich schien in meiner Abwesenheit einiges verpasst zu haben.

Ich führte die Kinder aus dem kleinen Planwagen der Zigeuner, die mir Victor sogleich abnahm, um sie ins Waisenhaus zu bringen, nachdem er mir sagte, dass sich dort in meiner Abwesenheit einiges getan habe. Ich war gespannt, doch Jean-Baptiste platzte derweil fast vor Sorge und Neugierde, was denn geschehen sei, und so setzte ich mich mit ihm auf den Kutschbock, um ihm von dem zu erzählen, was in der Zwischenzeit geschehen war.

„Erinnerst du dich noch an die Wolflinge von damals? Zu ihnen wollte ich, und bei ihnen war ich auch.“

„Du bist zu den … Wolflingen gegangen? Allein?“, unterbrach Jean-Baptiste mich ungläubig und ich zuckte mit den Schultern. Ah, immer noch dieser Schmerz – weg damit.

„Wie du siehst, trage ich diese Zeichen von damals nicht mehr. Ich wollte mehr von ihnen über dieses Ritual erfahren, das sie einst ausgeführt hatten, mehr über diese Zeichen, die sie mir in die Haut gebrannt hatten. Du hattest Recht – es waren drei von ihnen, genau so, wie du es gesehen hast“, lächelte ich ihm zu, und obwohl er eine sehr selbstverständliche Mimik und Gestik zur Schau stellte, war ich mir sicher, dass er sich über diese Rückmeldung und Bestätigung freute.

„Es lief gar nicht so schlecht, wir haben verhandelt. Dann jedoch kam es doch zum Kampf und ich weiß noch, dass ich ziemlich schwer verwundet wurde, und dann … weiß ich es nicht mehr. Dann war ich plötzlich woanders und da ist nichts als eine Lücke.“

„Was soll das heißen, du weißt es nicht mehr? Du musst es doch noch wissen? Soll ich in deinen Erinnerungen nachsehen?“, erkundigte sich Jean-Baptiste.

„Vertraust du mir nicht?“, gab ich zurück.

„Doch, natürlich, aber … ich dachte nur, damit du dich wieder erinnern kannst.“

„Nein. Jedenfalls … das nächste, was ich weiß ist, dass ich auf einer Lichtung stand, und zwar gleich an diesem Zigeunerlager, zu dem du wolltest – und Shukaris war auch dort. Da waren auch die beiden Vampire, die du bei den Zigeunern gesehen hattest, und die Kette. Naja, jedenfalls … brannten sie dann, alle. Du hast sie ja gesehen.“

„Wen gesehen?“

Ich deutete auf den Platz, auf dem Shukaris‘ lebende Leichen vorhin noch gestanden hatten.

„Die Zigeuner. Das vorhin, das waren sie. Wie ich eben sagte: Sie sind alle verbrannt.“

„Und die Kainiten?“

„Sind nicht mehr.“

Jean-Baptiste nickte und sah mich mitfühlend an.

„Shukaris sagte, er habe dich im Wald gefunden“, meinte er und erneut zuckte ich mit den Schultern.

„Naja, das wird wohl so gewesen sein. Ich meine, irgendwie muss ich ja von den Wolflingen zu dieser Lichtung gekommen sein, nicht wahr?“

Wieder nickte Jean-Baptiste, dann sah er auf die Kette an meinem Hals.

„Die Kette …“

„Ja, die willst du unbedingt, nicht wahr? Für wie lange?“, fragte ich ihn und war gespannt auf die Antwort. Würde er sie für sich beanspruchen, wie ich annahm?

„Eine Nacht und einen Tag“, murmelte Jean-Baptiste, den Blick nun fasziniert auf meinen Hals geheftet.

Ich nahm die Kette ab und reichte sie ihm.

„In Ordnung.“

Damit war im Grunde alles gesagt und Jean-Baptistes Aufmerksamkeit wechselte zur Kette hinüber. Ich schaffte es so gerade noch, ihn auf den Nekromanten anzusprechen. Er war nicht in der Laune und Verfassung, mir dazu mehr zu erzählen, doch er war schnell bereit, Saron eine zweite Chance in der Stadt einzuräumen unter bestimmten Voraussetzungen. Ich mochte diesen Nekromanten nicht, aber zunächst einmal wollte ich ihn in der Stadt wissen. Nicht nur wegen seines Auftrags von Shukaris, sondern vielmehr, weil ich gern wissen wollte, wem genau er einen solchen Auftrag gegeben hatte und weil ich wissen wollte, wie umfangreich seine „Rettung“ wohl gewesen war, mit anderen Worten: Wie ergeben dieser Saron tatsächlich war, was Shukaris betraf.

Danach lenkten wir den Wagen in die Stadt und fuhren zum Waisenhaus, luden aus, und nachdem ich mehrfach betont hatte, diesen Planwagen auf keinen Fall haben zu wollen, beanspruchte Jean-Baptiste ihn für sich und fuhr damit zurück in seine Villa. Victor war noch immer am Waisenhaus, Melissa war ebenfalls dort, um sich zu erkundigen, ob ich sie hinsichtlich der Kinder dann nun noch brauche – und ich beeilte mich, ihr zu danken für ihre Mühe. Zu dem Zeitpunkt hatte ich die blauen Flecke und Prellungen an den Kindern noch nicht gesehen … aber sie waren ansonsten weitgehend unversehrt, also hätte ich wohl eh nichts dazu gesagt. Immerhin hatte sie gut auf sie acht gegeben, da keines fehlte. Wieder tastete sie mein Gesicht ab, wie sie es zum Abschied bereits getan hatte, und als ich nachfragte, was das solle, meinte sie, es sei eine Begrüßung.

Wer ebenfalls in Windeseile am Findelhaus ankam und es sich nicht nehmen ließ, mit hinein zu kommen – zumal ich kein Wort verlauten ließ, das es ihm verboten hätte -, war der Nekromant. Er störte mich nicht, aber ich hoffte, sein aktuelles Verhalten würde sich noch regulieren. Ich brauchte keinen Schatten an meiner Seite, schon gar nicht von dieser Art.

Victor war in den zwei Monaten meiner Abwesenheit mehr als geschäftig gewesen. Als habe er all das, was ich vor meiner Abreise vor mich hin gebrabbelt hatte an „Hier könnte … und wenn dort … und dann hier, das wäre doch ideal, um …“, nicht nur notiert, sondern auch meine Bilder dazu im Kopf gehabt. Das hier war gigantisch, war ein Palast. Natürlich kein Vergleich zu Jean-Baptistes Villa, was Aussehen und Ausstattung betraf, doch es war mein Palast und genau das, was ich mir von diesem Gebäude erhofft hatte. So viele Ideen und Möglichkeiten – und einmal mehr ein Grund, sich bei Victor ausgiebig zu bedanken.

Später erzählte Victor mir etwas besorgt, dass Svetlana in den ganzen Wochen nicht zurückgekehrt sei nach Kronstadt. Ich nahm das äußerlich entsprechend zur Kenntnis, aber eigentlich war mir das ziemlich egal. Was sollte ihr schon passiert sein? Wahrscheinlich saß sie einfach immer noch bei ihrem „Meister“, vergaß über ihre Bücher dort schlicht die Zeit, lernte wie eine Besessene, studierte irgendwelche drögen Quellen und ließ sich zwischendurch immer mal wieder mit irgendwelchen Instrumenten triezen oder aufspießen oder durchbohren oder was auch sonst. Sie würde schon wiederkommen, wenn sie genug davon hatte – was bekanntlich dauern konnte -, oder wenn sie mal wieder in die große weite Welt hinaus durfte. Und eigentlich war ich ganz froh, dass sie in den letzten Wochen nicht da gewesen war, denn ich war mir ziemlich sicher, dass mein neues Haus nicht so ausgesehen hätte, wäre sie die ganze Zeit in Kronstadt gewesen. Ich war letztlich auch zwei Monate lang weg gewesen und unversehrt oder etwas in der Art.

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