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4. Inplay-Zusammenfassung: „Rückkehr“ (Werwolf, TS)

Denise lässt zusätzliche Räume für uns anbauen, was dazu führt, dass wie aus dem Nichts plötzlich fünf Türen in der Wand entstehen. Sie erklärt, dass es noch dauern wird, bis die Räume bezugsfertig sind und geduldig bis gespannt warten wir darauf, dass es soweit ist, während die Wohnung sich zugleich noch immer zurecht rückt, repariert und sortiert. Himmel, zu Hause wartet mittlerweile sicher schon tonnenweise Bügelwäsche auf mich … verdammt, welcher Tag ist heute eigentlich? Müsste ich nicht längst zurück sein? Nein, es müsste Samstag sein, also noch Zeit, noch ein Tag, um genau zu sein. Am Montag werde ich also entweder wieder nach Hause kommen oder da erwarten mich dann noch ganz andere Sachen als nur Bügelwäsche. Wenn ich wieder nicht zur Arbeit erscheine, dann … „Bing!“ – die Türen öffnen sich zeitgleich und geben den Blick auf die Gästezimmer frei. Scheiß drauf, ich denk später drüber nach, denke ich mir und werfe mal einen Blick in einen der Räume. Sieht aus wie ein Hotelzimmer, kleines Bad mit Dusche, Doppelbett, Tisch und Stuhl. Reicht. Eigentlich schon mehr als genug.

Also ich würd dann jetzt pennen gehen“, sage ich zu den anderen und schaue sie fragend an. Adriano wirkt erstaunt.

Oh, echt? Ich dachte, wir machen noch was? Naja, aber schau, dass du das richtige Zimmer hast“, meint er.

Verwundert werfe ich einen Blick in das nächste Zimmer und stelle fest: Das sieht exakt genauso aus wie das von mir zuvor ausgesuchte.

„Ähm, die sehen alle gleich aus, Adriano?“

Er schüttelt den Kopf und lächelt.

„Nee, in einem müsste doch ein Trapez sein!“

„Oh“, schaltet sich Denise ein. „Nein, das habe ich jetzt nicht mitbestellt, sondern nur übliche Gästezimmer. Ich meinte vorhin nur, man könnte auch eines mitbestellen.“

Adriano wirkt enttäuscht.

„Ach so, na dann … schlaf gut, Charlotte!“, verabschiedet er mich.

Auch die anderen wünschen mir höflich eine gute Nacht, auch Kat. Sie macht keine Anstalten, mich anders zu verabschieden, als sie das auch bei jedem anderen täte und auch keine, ihrerseits schlafen zu gehen. Ich zucke unmerklich mit den Schultern, gehe ins Zimmer und lasse mich einfach so, wie ich bin, aufs Bett plumpsen, während ich höre, dass die Tür sich hinter mir schließt. Mit ihr schließen sich auch meine Augen und ich falle in einen langen, erholsamen und traumlosen Schlaf.

Sonntag, 22. Mai 2011

Als ich wach werde, fühle ich mich wieder so, als seien alle Knochen, Muskeln und Hautschichten genau dort, wo sie auch hingehören. Überrascht stelle ich fest, dass ich statt des zerrissenen Anzugs von gestern einen Pyjama trage und frage mich, wie ich da wohl reingekommen bin. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich umgezogen zu haben, aber wer sollte das auch schon gewesen sein, wenn nicht einer von anderen? Also egal.

Ich gehe ins Bad, ziehe den Pyjama aus und lasse ihn achtlos auf den Boden fallen, bevor ich mich eine gute Viertelstunde lang unter die heiße Dusche stelle. Himmel, jetzt eine Badewanne … das wäre was! Als ich aus der Dusche komme, ist der Pyjama verschwunden und nachdem ich meine Haare getrocknet habe, finde ich ihn ordentlich gefaltet auf dem Bett wieder. Na, wahrscheinlich hätte ich also auch mal eben so eine Badewanne bestellen können, vermute ich, während ich den Anzug wieder anziehe – der blütenweiß und vollständig wiederhergestellt ist. Okay, ein bisschen vorteilhaft ist das Ganze hier schon, soviel muss ich zugeben.

Fast zeitgleich mit Kat trete ich aus dem Zimmer, Kat jedoch schreiend und wimmernd. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und bin zugleich in Alarmbereitschaft. Was stimmt denn nicht?

„Wer hat mich ausgezogen? Wer hat mich umgezogen? Ich möchte selbst entscheiden, wer mich nackt sieht!“, ruft sie und wenn das wirklich alles ist … verstehe ich die Aufregung nicht. Mal im Ernst, das Schlimmste, was passiert sein könnte wäre doch, dass Paul sich zu ihr geschlichen hat und sie umgezogen hat, und wie wahrscheinlich wäre das?

„Denise? Wieso haben wir denn nen Pyjama an?“, rufe ich recht laut, da ich Denise in der Gegend vermute, gerade aber nicht sehen kann.

„Was? Achso – na, das geht natürlich auch automatisch!“, ruft sie prompt zurück und ich sehe Kat mit einem fragenden Blick an, der die Frage stellt, ob sie das mitbekommen habe. Sie beruhigt sich etwas und kehrt in ihr Zimmer zurück, wohl ebenfalls, um sich umzuziehen.

Voller frischem Tatendrang setze ich mich zu den anderen an den Tisch und greife mir gleich ein Dutzend der kleinen Würstchen, die da in verschiedenen Variationen neben Obst, Gemüse, Müsli, Brötchen, Brot und allem möglichen Belag zur Auswahl stehen. Wir schlagen uns tüchtig die Bäuche voll, naja, immerhin Adriano, Sven und ich. Paul stochert ein wenig pikiert in vielem herum, während Katia ähnliches tut. Hm, die beiden haben doch eine gewisse Ähnlichkeit in ihrem Verhalten, geht mir wieder einmal kurz durch den Kopf, doch einmal mehr wische ich den Gedanken weg, sobald ich ihn bemerke.

Die Diskussion am Frühstückstisch, ob wir nun Denises Abkürzung nehmen oder doch erst wieder nach unten zu den Cyberwölfen kraxeln, verläuft heute deutlich friedlicher und endet damit, dass wir uns doch alle dafür entscheiden, einzukaufen und den Fußmarsch anzutreten – selbst Paul.

Nachdem wir uns mit Rucksäcken ausgestattet haben, plündern wir also den Supermarkt, natürlich einmal mehr, ohne zu bezahlen, wobei ich mir unwahrscheinlich seltsam vorkomme, und dann verabschieden wir uns von Denise und treten den Weg nach unten an.

Man merkt deutlich, dass es ein Rückweg und kein Hinweg ist, den wir hier antreten, denn auch, wenn keiner Bock auf die Begegnung mit Squiddies und dem anderen Kram hat, begeben wir uns auf so eine Art bekanntes Terrain, sind zumindest auf einem bekannten Weg, außerdem geht es abwärts und die Aussicht auf eine baldige Rückkehr beflügelt zumindest merklich, auch wenn der Großteil der anderen jetzt, wo wir auf dem Rückweg sind bemerkt, es sei doch gar nicht so schlecht in dieser Unterstadt gewesen. Naja.

Unterwegs machen wir nur vier relativ kurze Pausen, die vor allem Paul benötigt, aber natürlich nutzen wir alle die Zeit, jeweils einen Müsliriegel, eine Banane oder einen Schluck Wasser zu uns zu nehmen – noch etwas, das sich von unserem Heimweg unterscheidet: Wir sind deutlich besser ausgerüstet. Wir unterhalten uns auch sehr viel angeregter, so dass die Zeit viel schneller vergeht, kommen sprichwörtlich vom Hölzchen aufs Stöckchen und landen schließlich durch irgendeine Bemerkung beim Zauberer von Oz, wohl ursprünglich wegen der roten Schuhe, die uns einfach so nach Hause bringen könnten. Daraus entwickelt sich die Überlegung, wer von uns wer ist aus dieser Geschichte. Sven ist damit zufrieden, Dorothys Hund Toto zu sein, denn immerhin haben wir in der letzten Zeit bei ihm am ehesten das Tierische erlebt. Dass Toto eigentlich nur ein Yorkshire-Terrier ist, verrate ich erst später, doch Sven kann mit diesem Detail umgehen. Paul deklariere ich sogleich als Blechmann, also als den, der auf der Suche nach seinem Herzen ist, und Kat nimmt völlig selbstverständlich Dorothy in Beschlag. Es bleiben der seine Courage suchende Löwe und die ihr Hirn suchende Vogelscheuche und ausgerechnet Kat ist es, die es realistischer findet, wenn Adriano der Löwe zugeordnet wird und mir die Vogelscheuche. Dass sie kurz zuvor noch erwähnt, dass sie die Affen aus dem Märchen so toll findet, obwohl sie mutiert sind – wie ich einwarf -, weil sie fliegen können, macht diese Zuordnung für mich nicht besser. Ich erinnere mich noch verdammt gut an das erste Zusammentreffen mit Paul und dessen Verlauf.

„Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Affe und sind es gewohnt, sich frei im Wald und von Baum zu Baum bewegen zu können. Wenn Sie dann plötzlich in einem anderen Umfeld sind, das Sie nicht kennen, dann bräuchten Sie doch auch erst einmal eine gewisse Zeit, um sich zu akklimatisieren, oder nicht?“

Ja, Affen scheinen Kats Ding zu sein … oder auch nicht. Tja, immerhin war es ja auch die Vogelscheuche, die mit dieser Oberstadt am wenigsten zurecht kommt, nicht wahr? Ich werfe ihr einen vernichtenden Blick zu, den sie nicht sieht, weil sie sich auf den Abstieg konzentriert und offenbar gar nicht weiter über das Gesagte nachdenkt. Warum auch? Vielleicht lohnt es nicht, weiter darüber nachzudenken, weil es vielleicht eine Tatsache ist? Und in der Tat frage ich mich zum ersten Mal ganz bewusst, was genau mich eigentlich immer wieder dazu bringt, mich vor ihr und für sie zum Affen zu machen.

Eine Weile beschäftige ich mich still damit, genau darüber nachzudenken, ohne zu einem befriedigenden Schluss zu kommen. Mein Schweigen fällt nicht weiter auf, denn wir alle haben zwischendurch unsere stillen Zeiten, in denen wir uns in erster Linie auf den Weg vor beziehungsweise unter uns konzentrieren, und dann irgendwann sind wir auch schon unten angekommen.

Ich versuche mich zu orientieren und in der Tat kommen mir ein paar Krater und Ecken hier unten bekannt vor und so lotse ich die anderen mehr oder weniger zielsicher bis zum Eingang in die Kanalisation. Als wir gerade den Deckel über uns wieder verschließen wollen, hören wir noch das Surren nahender Squiddies, haben diesen Abstieg gerade noch rechtzeitig geschafft.

Beflügelt von meiner erfolgreichen Lotsentätigkeit setze ich sie in der Kanalisation fort, muss aber feststellen, dass jeder Gang hier doch ziemlich genau so aussieht wie ein anderer und wir mehrmals in einer Sackgasse landen. Ich überspiele meinen Fehler, beim ersten Mal mit einer leichten Verfärbung der Gesichtsfarbe, beim zweiten Mal mit einem Grinsen, und beim dritten Mal verkaufe ich das Ganze erfolglos als Scherz, doch letztlich erreichen wir die Unterkünfte der Cyberwölfe doch und Kat weist nochmals explizit darauf hin, dass ich sie alle erfolgreich zum Ziel geführt habe. Ich bemerke meine Unsicherheit, suche ihren Blick. In ihren Augen liegt nichts, was meine Unsicherheit begründen würde und sie lächelt mich an, und doch zögere ich, ihre Worte als Lob zu sehen. Sie hat nicht Pauls Unterton in der Stimme und wirkt nicht einmal spöttisch, so wie er es an ihrer Stelle wohl täte, aber wieder habe ich die Ähnlichkeit zwischen den beiden im Hinterkopf und das Gefühl, dass wir drei zwar in derselben Welt – mittlerweile kann man wohl untertreibungslos sagen, dass es sogar mehrere sind – leben, aber gleichzeitig doch in unterschiedlichen. Die beiden leben in der Oberschichtwelt, in der Welt der Zielstrebigen, in der Welt der Mächtigen, in der Welt der Selbstverständlichkeiten und ich … ich lebe dann wohl im Vergleich dazu in der Welt der Vogelscheuchen, irgendwo in einer Dschungelwelt, in der ich mich von Ast zu Ast bewege. King Louis. Königin Louise. Scheuche Charly.

Die Begegnung mit Azariah reißt mich aus meinen Gedanken und damit aus einer Unsicherheit, die gerade dabei war, sich in schlechte Laune zu verwandeln. Gut gelaunt begrüßen wir ihn und folgen ihm zu den anderen, wo wir unsere Rucksäcke auspacken und mehr als einen Zentner Lebensmittel zu Tage fördern, von frischem Obst und Gemüse bis hin zu Abgepacktem und Instant-Kram. Unsere Geste verfehlt ihre Wirkung nicht und eine ganze Weile sitzen wir noch zusammen. Adriano schildert wild gestikulierend unsere Erlebnisse aus der Oberstadt, hier und da garniert von ein paar Einwürfen meinerseits und ich muss fast lachen, als ich ihn beobachte, wie er völlig aufgeht in seinen Erzählungen, vor allem, weil die Hälfte von dem, was er berichtet, genauso wenig in der Form geschehen ist wie das, was meine Einwürfe dazu beizutragen lassen. Ein paar Übertreibungen werden schon nicht so schlimm sein, zumal sich schlecht in sachliche Worte packen lässt, was wir tatsächlich so alles erlebt haben, da muss man halt ein bisschen tricksen … und die Cyberwölfe halten es nicht anders, denn auch sie berichten von ihrem Ablenkungsmanöver, damit wir uns unbehelligt an den Aufstieg machen konnten. Und als wir ihnen lauschen, nehmen wir zugleich anerkennend wie noch immer grinsend zur Kenntnis, dass sie gegen sechs, neun, dreizehn … Squiddies gekämpft haben. Das Stilmittel der Übertreibung ist also auch hier unten in dieser Kanalisation angekommen.

Bevor ich mich auf die Pritsche zurückziehe, frage ich I’thidal noch, ob ich trotz der ganzen neuen Lebensmittel vielleicht ein paar ihrer Waffeln zum Frühstück haben dürfte und lächelnd stimmt sie zu. Sie ist es auch, die uns am nächsten Morgen weckt und uns bedeutet, leise zu sein, weil alle anderen noch schlafen. In der Nacht haben sie wohl eins dieser Viecher jagen und erledigen müssen, weshalb die Nacht für sie besonders lang war. Auch Adriano guckt noch ein bisschen verschlafen aus der Wäsche und ich erfahre, dass er ziemlich lange durchgehalten und mit den anderen noch irgendwelche Dinge veranstaltet hat.

Montag, 23. Mai 2011

I’thidal hat nicht nur an die Frühstückswaffeln gedacht, sondern auch welche als Proviant für uns eingepackt, wofür ich mich herzlich bedanke, bevor sie uns zu einem Wassergeist bringt, der uns einen Weg zurück in die Standardwelt 1.0 zeigen wird. Es tut mir ein bisschen leid, mich nicht noch ordentlich von den anderen verabschieden zu können und verabschiede mich umso herzlicher von I’thidal. Sie meint, sie würde sich freuen, wenn wir einmal wieder vorbei kommen würden, aber ich schaue zu Boden, als sie das sagt und murmele etwas Unverständliches. Wiedersehen würde ich sie schon gerne, aber wenn ich es vermeiden kann, wird mich diese Dreckswelt hier so schnell nicht wieder erblicken. Die anderen sind da scheinbar eher für zu haben, doch wie auch immer: Es ist jetzt Zeit, zurück zu kehren.

Wir folgen der Straße, die sich in Schlieren hinter dem Wassergeist bildet, der immer mal wieder etwas Unverständliches blubbert. Adriano scheint ihn zu verstehen, ich allerdings verstehe seine Worte erstmals, als unser gemeinsamer Weg schon wieder vorbei ist. Inmitten eines Nebels blicken wir auf die Erde und nach einem kurzen Moment des Zögerns bewegen wir uns wie schon zuvor im Netz auf dem Weg zum Magadon-Rechner schwerelos in Richtung Heimat.

Wir finden uns in einem Wald wieder ohne eine Ahnung, wo genau wir uns befinden. Während die anderen noch überlegen, was wohl die beste Idee wäre, um … irgendwo hin zu kommen, wechsle ich in die Wolfgestalt und ziehe schnüffelnd meine Kreise um die anderen, immer größer werdende, auf der Suche nach einer Stadt oder etwas in der Art. Anfangs bin ich nur hingerissen von dem Geruch des Mischwalds an sich und wohin ich meine Nase auch halte, steigt vor allem der Duft der Kiefern immer wieder nach oben und überlagert alles andere. Irgendwann schaffe ich es dann aber doch, mich auf neue Eindrücke zu konzentrieren und suche nach vielleicht sogar gemähtem Gras, nach Heideflächen, nach Flächen, auf denen viele Menschen entlang gelaufen sind, nach irgendwelchen Anzeichen von Industrie oder anderen Dingen, die mich an eine Stadt erinnern. Irgendwann dann bin ich fündig geworden, merke mir die Stelle und die Richtung und laufe zurück zu den anderen, die nicht mehr ganz am selben Ort stehen wie eben noch, sondern ein Stück weiter gelaufen sind – allerdings nicht in meine Richtung.

Ich berichte von meiner Entdeckung, doch Adriano sprach mit einem Spatzengeist und der gab eine Stadt etwa vierzig Grad entfernt von der Richtung, die ich ausgemacht hatte, an. Streng genommen gab er allerdings keine Stadt an, sondern die Existenz von Schokolade in dieser Richtung, also werfe ich ein, dass es sich dabei genauso gut um ein Gewerbegebiet oder eine Fabrik von Lindt oder Co. in der Pampa handeln könnte. Doch die anderen scheinen eher geneigt, dem Spatz ihr Vertrauen zu schenken und es ist Katia, die schließlich bekräftigt, der Spatz werde es schon richtig wissen. Nun steht also schon ein Spatzenhirn über meinem? Ach ja, richtig, da war ja nur Stroh …

Adriano fragt, ob ich gerade schmolle, doch ich verneine und einmal darauf angesprochen, gebe ich mir Mühe, keinen allzu beleidigten Eindruck zu machen. Nach Hause wollen wir schließlich alle und die anderen können ja nichts dafür, dass … ach, ist auch egal. Wir laufen eine Weile und können schließlich tatsächlich eine Stadt erkennen, und anhand des Fernsehturms sind wir uns ziemlich sicher, vor Berlin zu stehen. Nacheinander wechseln wir hinüber. So ist zumindest der Plan, doch effektiv stehen nur Adriano und ich auf der anderen Seite, die anderen schaffen es offenbar nicht. Wir wollen auf sie warten, stellen jedoch schnell fest, dass wir so, wie wir gerade sind, nicht hier stehen bleiben sollten – denn wir sind beide nackt. Mit einem leisen Fluchen verschanze ich mich hinter dem nächsten Gestrüpp, während Adriano sich in einen der Gärten rund um die Häuser hier schleicht und sich Klamotten von der Wäschespinne klaut. Ich hoffe, er denkt daran, mir auch etwas mitzubringen. Das tut er auch, allerdings wäre er fast erwischt worden und traut sich wohl keinen zweiten Anlauf zu, also verwandle ich mich grummelnd wieder in einen Wolf und trotte in der Tarnung eines ziemlich großen schwarzen Hundes neben Adriano hin. Die meisten Leute kommen mit dem Unterschied eh nicht klar, wie ich weiß, gehörte ich vor kurzem selbst noch zu, aber Bahn fahren in der Wolfsgestalt ist trotzdem so eine Sache für sich. Ich bin unruhig, hibbelig und froh, als wir endlich wieder aussteigen können. An den Weg durch den Stadtpark hier kann ich mich noch erinnern und so erreichen wir wieder mal früh morgens schließlich das Haus von Solarienne.

Sie öffnet, wie immer im obligatorischen Blümchenkleid und wie schon bei unserer ersten Ankunft hier völlig verschlafen. Sie war wieder die ganze Nacht unterwegs und daher erkundigen wir uns nur kurz nach dem Nötigen, nach was zu essen, nach ein paar Klamotten und danach, ob die anderen wohl schon eingetroffen sind – sind sie nicht.

Solariennes Haus verfügt natürlich neben dem Keller, den wir als Schlafgelegenheit bereits kennen, über ein Schlafzimmer. Das wird aber ganz offensichtlich nicht als solches genutzt, sondern vielmehr zur Aufbewahrung von … Schränken. Ein riesiger Kleiderschrank zieht sich durch das gesamte Zimmer und ich habe die Auswahl zwischen vermutlich jedem Blümchenkleid, das auf der Welt je hergestell wurde, auf der rechten Seite und allerlei schicken Kram auf der linken. Nach einer ganzen Weile finde ich eine schlichte schwarze Stoffhose, die mir passt und eine mehrfach geraffte und somit blickdichte  Chiffonbluse in Lindgrün … und fühle mich ein bisschen wie ein Bonbon, während ich in die Küche gehe, nach einer Pfanne suche und damit beginne, das Fleisch, das mir Solarienne aus dem Kühlschrank angereicht hat zu braten. Als es gerade so medium sein dürfte, kommt auch Adriano in die Küche und ich schneide das Stück in zwei Hälften, setze mich zu ihm an den Tisch und beginne zu essen.

Eine ganze Weile später taucht Paul ebenfalls auf, zieht sich jedoch gleich zurück, um sich einen neuen Anzug und irgendwas Komisches zu essen zu bestellen, dem Schrei aus dem Keller nach zu urteilen ist Katia die nächste, die im Haus eintrifft. Um sicher zu gehen, gehen Adriano und ich nach unten, wo wir schon Solariennes müdes und genervtes Schimpfen hören und ich auf einen Blick den Grund für Katias Geschrei erkenne: Natürlich ist auch sie nackt herüber gekommen. Ich schiebe und schicke Adriano wieder nach oben, der erst besorgt wirkt, dann jedoch eher gelangweilt , als ich ihm die Hintergründe für die Aufregung mitteile, und artig wieder nach oben in die Küche verschwindet.

Ich bedeute Kat, dass die Luft rein ist und lotse sie hinter mir her bis in Solariennes Schlafzimmer, damit sie sich auch irgendwas aussuchen kann. Die Blümchenkleider begeistern sie – allerdings nicht so wie ein recht strenges klassisches Kostüm aus Rock, Bluse und Blazer. Ich wende ein, dass ich ein Blümchenkleid deutlich besser fände, doch sie ignoriert meinen Einwand und kaum hat sie diese Klamotten an, wirkt sie nicht wie ein Bonbon, sondern deutlich gestraffter, erwachsener und selbstbewusster, als sie eigentlich ist. Naja, vielleicht mit Ausnahme des Selbstbewusstseins, das war schon immer nicht gerade das schlechteste. Ich erinnere mich daran, dass sie sich sicher zwanzig Mal umgezogen und jedes Mal nach meiner Meinung gefragt hatte, bevor sie und ich schließlich gleichermaßen zufrieden mit ihrem Outfit in Richtung Disco gingen. Jetzt und hier ist meine Meinung warum auch immer aber offenbar nicht mehr gefragt, und so zucke ich nur mit den Schultern und gehe vor in die Küche. Die kennt sie ja schon und wer so toll ist wie sie, kann auch für sich selbst kochen und braten.

Stundenlang in der Küche zu sitzen, bis Sven auch irgendwann auftaucht, ist mir zu blöd, überhaupt brauche ich dringend Bewegung und Ablenkung. In den letzten Stunden hat sich derart viel bei mir angesammelt und aufgestaut, dass ich das lieber irgendwie auf eine halbwegs konstruktive Art loswerden möchte, bevor ich platze. Ich sage den anderen also Bescheid, dass ich eine Stunde oder so durch den Stadtpark laufen will um zu sehen, ob ich diesem Konrad da über den Weg laufe oder ein bisschen Kleingeld finde – oder beides. Adriano fragt überrascht, ob ich alleine sein möchte und als ich nach dieser Frage etwa ebenso überrascht zurückblicke, muss ich fast automatisch lächeln.

„Nö, nicht unbedingt. Wollt ihr denn mit?“, frage ich und wappne mich, dass ein Streunen durch den Stadtpark gerade vermutlich nicht in Katias Attitüde passt und sie ablehnen wird, doch zu meiner Verwunderung stimmt sie zu und wenig später laufen drei Wölfe durch den Stadtpark auf der Suche nach Kleingeld. Ich schlage vor zu sammeln und später zu zählen, wer das meiste Kleingeld gefunden hat und zumindest Adriano ist mit Leib und Seele dabei. Als wir schließlich nach fast zwei Stunden zurückkehren, bin ich völlig erledigt. Nicht wirklich körperlich, sondern einfach vom vielen Lachen, das die Zeit unterwegs begleitet und mir wirklich gut getan hat. Adriano hat 17 Cent erbeutet, ich 23 Cent, und Katia, die sich nur lustlos an unserem Spiel beteiligt hatte, hat offenbar gar nichts gefunden – damit habe ich das Spiel also mit stolzen 23 Cent gewonnen,ha!
Sven hat den Weg zu uns mittlerweile auch endlich gefunden, und so sind wir endlich bereit, uns einmal mehr auf den Weg zu den Mauerbrechern zu machen.

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