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Vampire, Dark Ages, Tischrunde –> Zwischenspiel VI

 „So, so, sich drei Wolflingen gegenüberstellen und dann noch immer solche Angst vor einer einfachen Fackel?“, hörte ich plötzlich eine Stimme und zeitgleich erlosch das Licht. Ich sah niemanden und tastete das Innere mit meinen Blicken ab, schärfte meine Sinne. Ich kannte diese Stimme, hatte sie schon mehrfach gehört, wo noch gleich? Und dann sah ich Shukaris, der wie ich in der Kuppel saß.

„Du? Dich hätte ich hier nicht erwartet“, sagte ich verblüfft, als ich ihn erkannte. Ich fragte mich, was er hier tat, warum er hier war und bis auf das Warum wusste ich es schon, bevor ich fragen konnte. Victor hatte Recht gehabt. So einfach war das alles.

„Also … ist es deine Schlange, ja?“, fragte ich trotzdem und er antwortete:

„Sagen wir doch lieber, es ist unsere. Ich habe sie dir gegeben, aber du hast sie geweckt. Und wir brauchen sie beide und sie braucht uns.“

Ich war enttäuscht, auch wenn ich mir schon gedacht hatte, dass Victor Recht gehabt hatte und es nur nicht zugeben wollte. Und ich würde es auch jetzt und in Zukunft nicht zugeben.

„Aber sie wächst mit dir, genauso, wie du es dir schon gedacht hast. Sie wächst und wandert, bis sie irgendwann deinen Kopf erreicht hat und dir die Erleuchtung bringt, nach der du suchst.“

Mir ist vorher nie aufgefallen, dass wirklich alle Worte ihre zwei Seiten haben. Die meisten, natürlich, das wusste ich, das war mir klar, damit arbeitete ich gern, aber dass es offenbar alle waren, war mir neu. Erleuchtung klang so positiv, aber jetzt dachte ich, dass man sie auch anders sehen konnte, dass sie einen Schlusspunkt bildete, und ich brachte sie spontan mit dem Gedanken an die Sonne in Verbindung. Von der wollte ich nicht so gern erleuchtet werden.

„Und die Haut aus Stein, die Kuppel … das alles warst also du, ja? Warum?“, fragte ich weiter.

„Wie ich schon vor Mediasch sagte, will ich deinen Körper und er nutzt mir nicht, wenn du jetzt schon zerstört wirst. Du hast viele Schmerzen erlitten, viele Wunden, hast viel Blut verloren, das blieb mir nicht verborgen.“

„Ah, ja, Mediasch, stimmt. Als du es vorgezogen hast, über mich und meinen Körper hinweg zu verhandeln, als sei ich ein Huhn“, sagte ich vorwurfsvoll.

„Du hättest dich doch opfern können für diesen Gangrel, nicht wahr? Aber das hast du nicht getan. Du hast dich selbst gewählt“, lächelte er und ich sah die Zunge einer Schlange, die mehrere Male aus seinem Mund hervorstieß und dann sogleich wieder verschwand.

„Und … was genau willst du eigentlich?“

„Ich will vor allem drei Dinge. Zunächst einmal möchte ich so lange existieren wie irgendwie möglich. Bei den anderen beiden Dingen sind mir die Prioritäten noch nicht ganz klar. Ich will mehr lernen, mehr wissen, soviel wie möglich in Erfahrung bringen. Und ich will Ravanna vernichten.“

Ich nickte. Aber was hatte er nur ausgerechnet mit Ravanna? Naja, war mir egal, nachdem ich mich ausreichend mit ihr beschäftigt hatte und dabei nicht viel mehr als Sinnlosigkeit und Unfug heraus gekommen war.

„Da ich eher nicht für einen Bücherwurm halte, gehe ich davon aus, dass es eher praktisches Wissen ist, das dich interessiert. Damit ist die Hälfte von deinen drei Zielen mit meinen identisch. Aber was willst du von mir?“

„Ich möchte, dass du auf dein Unleben mehr Acht gibst, dass du lernst, soviel du kannst, und ich möchte dir anbieten, meine Schülerin zu sein – und dafür möchte ich deinen Körper haben, wenn deine Seele ihn verlässt.“

Das klang einfach. Ich hatte nicht vor, mich in absehbarer Zeit und schon gar nicht grundlos in ernsthafte Gefahr zu begeben, ich lernte fast schon zwangsläufig ständig dazu, wenn Bücher auch nie so mein Gebiet werden würden wie das von Victor oder Svetlana, und was sollte ich mit einem Körper, den ich eh nicht mehr brauchte?

„In Ordnung“, sagte ich schlicht.

„Dann haben wir eine Vereinbarung?“

„Unter einer Bedingung, ja.“

„Oh?“, fragte er und es klang überrascht und neugierig zugleich.

„Die anderen, mit denen ich reise, sollten nie etwas von dieser Vereinbarung erfahren.“

Er nickte und meinte, daran solle es nicht scheitern, woraufhin ich ihm bestätigte, dass die Vereinbarung zwischen uns damit gültig sei.

„Sehr schön. Magst du sie noch einmal formulieren?“, fragte er und ich sagte:

„Ich achte in Zukunft besser auf meine Existenz, lerne hinzu und dafür bekommst du meinen Körper, wenn meine Seele ihn irgendwann in langer, langer Zeit verlässt.“

Er streckte mir die Hand hin, um diese Vereinbarung zu besiegeln und als ich sie ergriff, lächelte er und meinte:

„Wusstest du, dass Kainiten vom Clan der Kappadozianer eine Möglichkeit gefunden haben, einem Körper die Seele zu entreißen?“

Ich sah ihn fassungslos an. Wie dumm von mir. Da hatte ich wer weiß was für einen Aufwand getrieben, um Jean-Baptiste von einer Vereinbarung mit Shukaris abzubringen, aus genau diesen Gründen, und ich, die es nun wirklich hätte besser wissen müssen, ließ sich auf so einen ungenauen Kuhhandel ein. Nein, ich hatte mich nicht nur darauf eingelassen, ich hatte ihn vielmehr selbst formuliert.

„Nein“, sagte ich ein wenig gepresst und noch immer meine Hand festhaltend sagte er:

„Ja, sie können sowas. Darum ist es sinnvoll, solche Dinge in Vereinbarungen genau zu verklausulieren. Das hast du nicht getan. Schade.“

Ich schwieg. Und wenn schon. Es waren genug Sekunden vergangen, dass ich nicht daran glaubte, dass er sich das jetzt zunutze machen würde. Und in der Tat ergänzte er kurz darauf, dass es mein Glück sei, dass ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch lange nicht soweit sei, dass es sich lohnen würde, diesen Fehler zu nutzen, sondern stattdessen mit meiner Formulierung zufrieden sein könnte. Dann war es für mich ohnehin egal.

Die ganze Vereinbarung baute auf Selbstverständlichkeiten auf, wie ich selbst erkannt hatte, bevor ich sie eingegangen war. Und vergessen hatte ich dabei nicht nur eine konkrete Zeitangabe oder etwas in der Art, sondern auch noch sein Angebot, mich zu seiner Schülerin zu machen. Kurzum bekam er alles und ich nichts. Wie praktisch. Schon allein deswegen hätte es sich gelohnt, von ihm zu lernen, denn so geschickt ich mittlerweile auch darin war, andere aufs Glatteis zu führen, so war ich doch mehr als nur weit von dem entfernt, was Shukaris wieder und wieder mühelos demonstrierte.

Offenbar wollte er warten, bis die Schlange in mir ihren höchsten Punkt erreicht hatte, wenn ich ihn richtig verstand. Also würde ich in etwa abschätzen können, wann das sein würde. Das reichte mir. Jede Sekunde, die ich hatte, seit sich die Kuppel das erste Mal um mich herum gebildet hatte, war eine geschenkte Sekunde. Jede davon kam von ihm, also warum nicht zulassen, dass er entscheiden konnte, wann es keine weiteren geben würde, wenn es ohnehin noch lange dauern würde. Ich hatte nicht vor, diese Zeit damit zu verschwenden, Sekunden, Minuten, Stunden oder Nächte zu zählen. Im Gegenteil. Ich hatte überhaupt nicht mehr vor, Zeit unnötig zu verschwenden.

Zu meiner Überraschung fragte er nach, ob ich sein Angebot, seine Schülerin zu werden, nicht annehmen wollte. Huch? Ich beeilte mich zu sagen, dass ich das natürlich gern annehmen würde, mir aber nicht klar sei, ob das bedeute, dass ich nicht zu den anderen zurückkehren würde, sondern bei ihm bleiben müsste.

„Nein. Viel zu gefährlich. Es würde nur bedeuten, dass ich dich hin und wieder besuchen würde. Aber da du ja nicht willst, dass sie anderen etwas von unserer Vereinbarung erfahren …“

„Als wenn du nicht wüsstest, wie das möglich wäre, ohne dass sie davon etwas mitbekommen“, gab ich zurück und er stimmte zu.

„Dann soll es so sein.“

Er ließ meine Hand los und meinte, es gäbe noch etwas, das er sehr gern täte, und das sei, mein Herz noch mal in der Hand zu halten. Was zum Kuckuck …!? Er erklärte mir, dass er es nicht einfach nur halten wollte, sondern dass er es haben wollte. Dass er darauf aufpassen würde, und dass ich sehen würde, dass es sich auch ohne wunderbar existieren ließ, wenn nicht sogar noch besser, dass er selbst das schon sehr lange tat. Nachdem er mir versprach, es mir jederzeit zurückzugeben, wenn ich das wünschte, stimmte ich auch dem noch zu. Er hatte mich ohnehin schon in der Hand, und da das Herz zu mir gehörte … so verrückt es war, glaubte ich tatsächlich daran, dass das nicht die schlechteste Idee war, sondern vielmehr eine, die mir helfen konnte, auch wenn mir mehr als unwohl bei dem Gedanken war, ausgerechnet dieses wichtige Organ jemand anderem anzuvertrauen. Und Vertrauen war hier wohl das Stichwort.

Dennoch setzte ich mich etwas auf und ließ ihn mit den Fingern an meinem Brustbein entlang fahren, bis er die Rippen beiseite schob, nach meinem Herz griff und es meinem Körper entriss. Es war ein Gefühl, als wenn ich keine Luft mehr bekäme, als sei das Herz stehen geblieben, obwohl beides schon so lange nicht mehr geschehen konnte. Aber so stellte ich es mir vor. Es dauerte einige Sekunden, bis ich mich umgewöhnt hatte, und genau diese Sekunden waren nicht weniger schlimm als das Gefühl zu verbrennen. Nur dass es ein Gefühl der Kälte war, nicht der Hitze.

Er löste einige Steinbrocken mit einer Handbewegung aus der Kuppel, die uns noch immer umschloss. Sie formten sich zu einer Kanope, in die er mein Herz gleiten ließ und setzte einen Deckel darauf, wonach beide, Kanope und Deckel, miteinander zu verschmelzen schienen, als würden sie durch eine geisterhafte Schlange untrennbar miteinander verbunden. Ein wenig zweifelnd sah ich auf dieses Gefäß, dass mein eigenes Herz enthielt, bevor ich der Kanope auf ihrem Weg irgendwo unter Shukaris‘ Mantel folgte.

„Also … können wir gehen?“

Ich nickte und stand auf. Die Kuppel verschwand und wir standen dort ohne Gefahren, ohne Wölfe. Ich lief zu der Stelle, an der ich das Pferd zurückgelassen hatte und es stand noch immer dort. Und mir fiel erst jetzt wieder auf, wie hungrig ich war. Ohne lange zu zögern schlug ich meine Zähne in das Pferd und trank, riss mich jedoch zusammen und fühlte mich danach nicht sehr viel besser als vorher.

„Was ist?“, fragte Shukaris.

„Ich habe Hunger.“

„Na, dann trink?“

Ich sah ein wenig unentschlossen auf das Pferd.

„Und wie komme ich dann von hier weg?“, fragte ich.

„Wir haben zwei Möglichkeiten: Du trinkst das Pferd aus und reist mit mir, oder du trinkst von mir und wir reisen zu Pferd.“

„Aber eigentlich würde ich gern beides.“

Er grinste.

„Gut, dann müssen wir das anders machen. Aber vielleicht ziehst du dir erst mal etwas an und säuberst dich?“

Ich blickte an mir herunter. Dass mich jemand mal so sehen würde, hatte ich bislang sorgfältig vermieden und jetzt war nicht einmal ich es, der es aufgefallen war. Ich war von oben bis unten voll angetrockneter Erde, hatte reichlich davon unter den Nägeln, Blutreste überall auf meinem Körper verteilt, und als ich mir in die Haare griff, war es, als fasste ich in einen meiner Glasrahmen aus Paris, der frisch mit Fett gefüllt worden war. Widerlich. Hastig lief ich zu der Stelle, an der ich mein Zeug verbuddelt hatte, doch der Sari, den ich da hervor zog, hatte nicht mehr viel Ähnlichkeit mit einem Kleidungsstück und auch die Schuhe hatten deutlich gelitten, wenn auch nicht so schlimm wie der Sari. Ich ging zum Flussufer und beseitigte die schlimmsten Schäden am Stoff und an mir selbst, riss einen Fetzen aus dem Sari, mit dem ich meine Haare zusammenband und war schließlich wenigstens wieder halbwegs ansehnlich, auch wenn die Betonung dabei deutlich auf dem Wort halbwegs lag.

„Trink das Pferd aus“, meinte Shukaris, als ich zurückkam.

Es war nicht nötig, mir das ein zweites Mal zu sagen, so ausgehungert, wie ich mich noch immer fühlte. Nachdem das Pferd tot zusammengebrochen war, fragte er, wie es gewesen sei und ich erwiderte, in Anbetracht der Umstände nicht schlecht, aber es hätte besser sein können. Daraufhin stellte er sich in Richtung des Waldes und breitete die Arme aus, verharrte so, und erst glaubte ich, er habe Wölfe bemerkt, die ich noch nicht wahrgenommen hatte, bis dann stattdessen fünf Hirsche vor uns erschienen. Diesmal handelte ich nicht so stürmisch wie bei dem Pferd zuvor, sondern überlegte mir genau, ob ich von jedem von ihnen ein wenig trinken sollte, dachte an die Worte der Wolflinge, die mich wegen der Rehe gerügt hatten, die mir erklärt hatten, wie lange es dauern würde, bis andere Rehe neue Kitze in die Welt setzen würden, wie egoistisch mein Handeln gewesen sei, und dass ich mich mehr mäßigen sollte, mehr Rücksicht nehmen sollte, dass es gereicht hätte, von allen nur ein wenig zu trinken.

Es hatte mich geärgert, dass sie mir all das erklärt hatten, als sei es mir völlig unbekannt, als töte ich ständig ohne Sinn und Verstand und täte nichts anderes. Und nach diesem herzlichen Abschied schuldete ich ihnen nichts und wenn, dann nur noch eine Antwort, die ich wegen der angreifenden Bestie vor mir nicht mehr in Ruhe hatte vorbringen können, wie ich es eigentlich getan hätte: Ich war, wer ich war und was ich war. Und wenn sie mich ohnehin für ein Ungeheuer hielten, für den Quell allen Übels, dann sollten sie das doch weiterhin tun. War mir völlig egal und alles andere gehörte zu der Zeitverschwendung, die ich nicht mehr zulassen wollte. Und genau daran dachte ich auch, als ich zwei der Hirsche voller Absicht leer trank und damit schon übersättigt war.

„Besser?“, erkundigte sich Shukaris und ich nickte zufrieden.

„Komm her zu mir“, forderte er mich auf und ich ging zu ihm hin. Das war das einzige, das mich die ganze Zeit hindurch bei jeder einzelnen Begegnung mit ihm ungemein störte: Er sagte etwas und ich sprang. Das Gefühl hatte ich selbst dann, wenn ich mir Mühe gab, genau das Gegenteil von dem zu tun oder sagen, was er wollte, und das war schon bei der allerersten Begegnung mit ihm so gewesen, die unsere Ankunft in diesem verdammten Dorf, das ausgelöscht wurde und soviel Ärger beschert hatte, beschleunigt hatte. Das musste ich irgendwann auf die Reihe kriegen, ob mit oder ohne Vereinbarung. Aber offensichtlich … nicht gerade jetzt.

Diesmal hielt ich ihm nicht mein Handgelenk hin und er griff auch nicht danach, sondern nahm mich in den Arm. Eine Hand umfasste meine Hüfte, mit der anderen drückte er meinen Kopf ein Stück weit zur Seite und ich verspürte den Drang, einen Schritt zurück zu gehen, tat es jedoch nicht. Nervös betrachtete ich sein Gesicht, das sich meinem Hals näherte, spürte seine Lippen darauf, hörte das leichte Knacken aufplatzender Haut und fühlte den kurzen Schmerz, als er mich biss.

Es war das zweite Mal, dass jemand anderes von mir trank und es war das zweite Mal, dass es Shukaris war. Und ich hatte das erste Mal, diesen einen Schluck aus meinem Handgelenk vor all den Leuten, nie vergessen und auch nicht, dass ich damals gedacht hatte, dass ich das irgendwann wieder wollte, irgendwann wieder das fühlen wollte, was ich damals gefühlt hatte. Aber meine Erwartungen hatten wenig mit dem zu tun, was er jetzt tat. Vielleicht lag es an der Situation, vielleicht an der Körperstelle, vielleicht daran, dass er langsam trank, lange trank, reichlich trank, aber es war auch völlig unerheblich, das war jedenfalls das Beste, das ich je gespürt hatte und allein dafür hätte sich jeder noch so dumme Handel der Welt mehr als gelohnt.

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