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Vampire, Dark Ages, Tischrunde –> Kronstadt & Aufbruch

Erste Nächte in Kronstadt und AufbruchNach der zweiten Nacht in Kronstadt suchte mich Victor auf. Knapp verkniff ich mir einen Kommentar, dass es mich wunderte, dass er den Weg aus der Bibliothek zu mir gefunden habe und die Frage, ob das möglicherweise damit zusammenhinge, dass Svetlana derzeit wieder bei ihrem Meister sei, und ließ ihn hinein. Er hatte den Tremere dazu gebracht, die drei Bücher eine Weile aus der Hand zu geben und hatte sie bei sich, damit ich sie in Ruhe studiere. Ich zog die Augenbrauen hoch und deutete an, dass Svetlana mir dazu schon einen langen Vortrag gehalten habe und ich daher auch ganz gut auf das Angebot verzichten könne, doch Victor betonte, es sei dennoch wichtig, dass ich auch selbst darin lese. Goratrix hatte uns dazu angehalten und uns angewiesen, nach dem Begriff „Nachtsonne“ zu suchen und nach Hinweisen zum nahenden Gehenna. Schon wieder dieses Gehenna … doch der Hinweis auf Goratrix ließ mich dann doch nach den Büchern greifen und zusagen, sie bei Gelegenheit zu lesen. Victor schien von dieser vagen Zeitangabe nicht allzu angetan, kommentierte sie jedoch nicht weiter und verabschiedete sich auch recht bald wieder. Natürlich.

Tatsächlich hatte ich gar nicht vor, die Bücher lang ungelesen herumliegen zu lassen. Ich hoffte, sie seien spannender zu lesen als Svetlanas Vorträge dazu anzuhören und schnappte mir noch in derselben Nacht das erste von ihnen.
Der Anfang war zu allem Überfluss recht öde. Irgendwelche Zusatzinformationen von der Person, die dieses Buch gesammelt oder geschrieben oder was auch immer hatte, und dann folgte die Schöpfungsgeschichte. Ich dachte darüber nach, die Lektüre abzubrechen, denn das, was ich durch das letzte Gespräch mit Victor über diese ganze europäische Glaubenssache mitbekommen hatte, reichte mir eigentlich. Noch mehr Zeit sollte man wohl eher nicht damit verschwenden … und doch wollte ich weder Victor noch Goratrix enttäuschen – und las mit einem leisen Seufzer weiter.

Dieser eine Gott hatte also zwei Menschen geschaffen, die so waren wie er, Adam und Lilith. Der Unterschied war nur, dass dieser Eine wusste, wer er war und was er konnte und die anderen beiden keine Ahnung hatten und gänzlich planlos in einem Garten mit dem Namen Eden lebten. Stattdessen bekamen sie Aufgaben: Adam formte die Dinge und benannte sie, Lilith bekam die Kraft der Fruchtbarkeit und der Intuition. Die beiden durften machen, was sie wollten, nur von zwei Bäumen sollten sie die Früchte verschmähen: vom Baum des Lebens und vom Baum des Wissens.

Ich hielt mit einem erneuten Seufzer inne. Was für eine blöde Geschichte. Wenn mir jemand sagen würde: Tu was du willst, aber das und das darfst du nicht – woran hätte ich dann wohl das größte Interesse? Und würde ich dieses Verbot achten? Wohl eher nicht. Und diese ersten Menschen sollten so dumm gewesen sein? Was für eine deprimierende Vorstellung. Als ich weiterlas, erinnerte ich mich daran, dass ich mir schon öfters vorgenommen hatte, mich mehr in Geduld zu üben. Das hätte mir hier auch gut getan, denn während Adam wirklich die deprimierende Gestalt war, die ich in ihn hinein interpretiert hatte, war Lilith anders.

Sie probierte von diesen verbotenen Früchten und gelangte so zu Wissen, das sie vorher nicht hatte, sie wurde diesem Gott also ebenbürtig. Sie war schlau genug, damit nicht gleich zu prahlen, sondern genoss ihre Erkenntnis in Stille und entwickelte sich durch sie und mit ihr weiter. Bis Adam eines Tages der Meinung war, sich nicht mehr nur mit Tieren paaren zu wollen, sondern auch mit seinesgleichen. Also ging er zu Lilith und forderte sie auf, sich auf den Rücken zu legen. Lilith aber sah keinen Grund, warum sie sich in eine Position unterhalb von Adam begeben sollte und weigerte sich. Adam wurde zornig und nahm sich mit Gewalt, was er wollte, da rief Lilith den Einen mit seinem wahren Namen an. Gott holte sie daraufhin zu sich in den Himmel, doch er wusste nun, dass Lilith von den verbotenen Früchten gegessen hatte, denn wieso sonst hatte sie seinen wahren Namen rufen können? Ein Sturm zog auf und Gottes Stimme war wie Donner, als er Lilith zur Rede stellte, doch sie fand die richtigen Worte, um ihn zu beruhigen und die beiden wurden sieben Tage und Nächte lang ein Paar. Dann machte Lilith den Fehler, offen zu sein und sagte Gott, dass sie beide nun so seien, wie sie sollten: Gleich und Ebenbürtige über alles andere. Aber Gott wollte seine Macht und sein Wissen nicht teilen, mit niemandem, schon gar nicht mit Lilith, also verbannte er sie aus dem Himmel. Und er verbannte sie nicht einfach zurück auf die Erde und in den Garten Eden, sondern er verbannte sie dazu, ewig durch das unberührte Land zu wandern.

Das war alles so typisch, das musste man alles nicht in einen alten Schinken packen. Es war also auch hierzulande nie anders gewesen. An der Spitze von allem standen Männer, und ob sie ihre von „Gott“ gegebene Macht missbrauchten oder sich dem Größenwahn hingaben, es kam immer auf dasselbe raus. Da wurde einfach entschieden, welche Frau einem Mann gehörte. Nicht zu ihm. Man konnte sich dem nur anpassen – oder gehen. Ich war auch einmal gegangen. Man hatte mich nicht verbannt, obwohl … auf eine Art und Weise hatte man das schon.

Lilith wanderte sieben Tage und sieben Nächte lang durch die Wüste, sieben Male. Die Tage waren heiß und grausam wie Flammen und ihre Haut wurde rot, warf Blasen und brach auf wie Lehm, ihre Zunge schwoll an, ihre Knochen stachen durch ihre Haut und ihre Füße wurden verbrannt wie von Feuer. Und trotzdem bereute sie nichts, bat sie nicht um Vergebung oder gab zu, nicht wie der Eine zu sein. Die verbotenen Früchte, die sie gegessen hatte, lagen in ihrem Bauch und hielten sie am Leben. Und wenn sie durstig war, trank sie ihr eigenes Blut – und auch das hielt sie am Leben.

Die Tage quälten sie, und so lernte sie, sich in der Erde einzugraben und zu warten, bis die Nacht herein gebrochen war. Unter dem Erdboden lernte sie, ihre Sinne auszustrecken und entdeckte so die Flüsse und die Gärten der Anderen. Und wenn die Nacht herein brach, setzte sie ihren Weg zum Endlosen Meer fort. Sie ging über Berge und über Sand, sie fror in kalten Winden, wurde von Staub gepeitscht und fiel unzählige Male zu Boden, doch sie stand immer wieder auf und ging weiter.

Irgendwann erreichte sie das Endlose Meer, stieg hinein und hinunter bis auf den Meeresgrund. Dort erschuf sie ihren eigenen Garten, erschuf zahlreiche Wunder und Kreaturen, und als sie dem Meer wieder entstieg, war ihre Haut hell wie Bernstein, ihr Haar so schwarz wie Pech und ihre Augen waren wie die Wasseroberfläche. Und obwohl sie all das tat und konnte, war sie nicht glücklich, denn ihr Garten war nicht wie Eden es gewesen war. Also setzte sie ihre Reise durch die Wüste fort.

Ich war überrascht, wie spannend die Geschichte sich entwickelte und noch mehr zu sehen, dass es also doch auch Bücher gab, die Sinn für die Schönheit der Worte hatten. Ich mochte Vergleiche, immer schon, doch in den Geschichten, die ich hierzulande bislang so gehört hatte, ging es meist nur um einen Helden, jemand Böses und jemanden zu retten, wenn es nicht gerade kirchliche oder akademische Texte waren oder so etwas. Sie reimten hier viel und machten die Texte damit für mich unnötig kompliziert und unverständlich, und die einzigen Vergleiche, denen ich dauernd in irgendwelchen Erzählungen oder Texten begegnete, waren solche mit Tieren. Adebar, der Storch, Adelheid, die Gans, Braun, der Bär, Henning, der Hahn und so etwas. Keine Haut wie Bernstein, kein Haar wie Pech.

Lilith wanderte diesmal sieben Male sieben Jahre und besuchte die Gärten von Bes, die Weingärten von Dionysus und die Felder von Baal, doch noch immer sehnte sie sich nach den Früchten des Lebens und des Wissens, und so blieb sie nicht, sondern setzte ihren Weg fort, zurück nach Eden.

Oh, sie hatte die Weingärten von Dionysus besucht! Der Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ekstase, von dem ich durch Goratrix erfahren hatte? Der von einer Nymphe groß gezogen worden war und dem vor allem Frauen huldigten, die Mänaden, indem sie orgiastische Feste feierten, die Schlangen um den Arm gewunden hatten, die ihnen gehorchten und denen Dionysus als Stier erschien? Diese göttliche Kraft, die zu entfesseln vermochte und sogar Mauern einstürzen lassen konnte?

Zu diesem Dionysus hatte ich viel mehr Zugang als zu diesem Einen, denn die Griechen maßen sich ebenso wie die Hindus nicht an, alle Macht und jede Bürde auf ein einzelnes Haupt mit menschlichen Zügen zu legen, sondern waren sehr viel vernünftiger, realistischer, meinem Glauben sehr viel näher. Und die Lehren des Dionysus waren soviel greifbarer, als alten Männern Knöchelchen abzukaufen für ein Seelenheil irgendwann und irgendwo, von dem niemand wusste, ob es existierte. Die Ekstase aber, die existierte definitiv, und spätestens seit unserem Aufenthalt bei Malicia konnte ich das sogar beweisen, sollte man mich fragen.

Lilith erreichte Eden, doch Gott hatte jemanden namens Luzifer dort als Wache aufgestellt. Er sollte verhindern, dass Lilith je wieder das Paradies betreten würde. Lilith fand wie schon einst im Himmel wieder die richtigen Worte und wäre darum dennoch von Luzifer eingelassen worden, doch die beiden verliebten sich ineinander, als sie am Eingang Edens miteinander sprachen. Und Luzifer war und blieb der Lichtbringer, doch er legte Lilith das Gewand der Nacht an, auf das der Mond und die Sterne gestickt waren, und Liliths Gesicht wurde dunkelblau wie die Mitternacht, ihr Haar wurde silbern wie die Sterne und ihre Augen strahlten mit dem seichten Licht des Mondes. Lilith wusste Luzifers Liebe und seine Geschenke zu würdigen, und da sie ihm nicht schaden wollte, kehrte sie um, ohne Eden zu betreten.

Sie legte einen neuen Garten anderswo an, doch wie schon zuvor im Meer gelang es ihr nicht, die Samen der Bäume des Wissens und des Lebens zur Keimung zu bringen. Sie versorgte sie mit den Wassern ihres eigenen Körpers und dem Blut ihres Lebens, doch alles half nichts – sie keimten nicht. Und so verlor sie irgendwann die Beherrschung, zerstörte den gesamten Garten in einem Anfall aus Zorn und machte sich erneut auf gen Eden.

Meine Pflanzen keimten auch nicht. Nicht einmal anfassen konnte ich die Blüten, die ich kaufe, nicht einmal selbst sammeln konnte ich sie. Jeder, den ich bislang darum bat, konnte sie berühren, jeder Depp, den ich damit beauftragte, konnte sie im Fett versenken, wie ich es gern täte. Nur ich nicht.

Dieser Eine erschuf zwischenzeitlich eine weitere Frau, die Eva hieß, die aber aus einem Teil von Adam geschaffen war und somit tatsächlich niederer als Adam selbst, anders als Lilith, die ihm ebenbürtig gewesen war. Und als Lilith Eden erreichte, stand dort noch immer Luzifer und bewachte den Garten. Lilith verstand nicht, wieso Luzifer sich das gefallen ließ, doch diesmal kehrte sie nicht um, sondern betrat den Garten, sah sich um, verwandelte sich in eine Schlange, um sich vor den Augen des Einen zu verbergen und umschmeichelte die beiden Bäume, nach denen sie sich so sehr sehnte, und bat sie, ihr ihr Geheimnis zu verraten. Und beide Bäume verrieten es ihr. Lilith war zufrieden und hatte dann auch Augen für ihre Nachfolgerin Eva, erkannte jedoch rasch, dass sie ein niederes Wesen war als sie selbst. Um ihr Dasein zu verbessern, brachte sie Eva dazu, wie einst sie selbst von den verbotenen Früchten zu kosten – und Eva wiederum brachte Adam dazu, sie ebenfalls zu probieren. Und so wurden der Mann und die Frau, der Lichtbringer und die Schlange allesamt verflucht.

Ich blätterte zurück an den Anfang. „Das Buch der Schlange“ hieß das erste von den dreien und das, in dem ich gerade las. Die Schlange war sie selbst gewesen …

Der Eine verfluchte die Vier, Lilith mit den Worten: „Du hast den Wein der Unsterblichkeit gekostet, also sollst du wie ich niemals sterben, sondern ewig ausharren, bis der Uralte Eine seine Augen öffnet, und erst dann sollst du für alle Zeit vergehen. Und weil du meine Liebe mit Füßen getreten hast, sollst du auch niemand anderen lieben, auch wenn du dich danach sehnen solltest. Dein Schoß soll überflutet sein mit Kindern, aber sie werden dich nicht lieben, werden kein Teil von dir sein. Und deine Augen sollen bei Nacht sehen, doch bei Tag blind sein, und deine Haut soll in der Sonne, die Zeugnis ist für die falsche Liebe zwischen dir und Luzifer zerbrechen und nur unter dem Licht des Mondes heilen.“

Nur die Nacht und ein Haufen sinnloser Kinder … ich überflog die nächsten Seiten, in denen es darum ging, was die anderen Götter zu dieser Geschichte zu sagen hatten, um die Liebe zwischen Adam und Eva, nur um enttäuscht festzustellen, dass ich das Ende des ersten Buches bereits erreicht hatte.

Hastig griff ich zum zweiten Buch, zum Buch der Eule.

Zu Anfang war es dieselbe Geschichte, die ich soeben beendet hatte, nur dass sie aus Liliths eigener Sicht geschrieben war, doch sie endete nicht dort, sondern berichtete auch von diesem Kain, über den auch Jean-Baptiste ständig sprach. Sie war es, die ihm alles mögliche beigebracht hatte, doch er war ziemlich schwer von Begriff gewesen und hatte von all dem, was sie ihm zu bieten hatte, nicht allzu vieles begriffen.

Lilith hatte mit Luzifer zusammen sechs Kinder, drei Söhne und drei Töchter, und so begründeten sie schließlich D’hainu, den Garten der Erneuerung und bevölkerten ihn mit Sternen. Doch eines Tages kam Kain mit seinen Kindern und fiel über den Garten her, wie Schakale, Wölfe und Käfer zerlegten sie den Garten und verbrannten ihn zu Asche. Und Lilith verfluchte sie alle für diese Tat, jeden einzelnen Clan, nur die Nosferatu und die Toreador nicht, die ihr Antlitz vor den Erschlagenen verhüllt hatten.

Ich merkte recht bald, dass meine Konzentration während der Lektüre des zweiten Buches nachließ und ich das dritte, das Buch des Drachen, nur mehr gänzlich überflog. Immer wieder schlug ich zurück zum zweiten Teil des zweiten Buches, ließ einen Finger stets darin liegen, um rascher wieder zurück blättern zu können und mit jedem Mal, dass ich diesen Teil las, glaubte ich, ein wenig mehr zu verstehen.

„Und ich weinte um die Heimat, die ich hinter mir gelassen hatte
mit Augen, die trocken waren wie Sand.
Und die Sonne verbrannte mich,
und der Wind riss an mir,
und die Steine schnitten in mein Fleisch,
und das Wasser verweigerte sich mir,
(…)
Mein Schmerz machte mich zu einem Berg,
er verbrannte mich zu Asche,
und aus der Asche stieg ich wieder empor.

Ahi hay Lilitu

Mein Schmerz machte mich zu einem Berg,
aber wie ein Wurm vergrub ich mich in der Erde
und ging nur bei Nacht,
weil die Tage zu hell waren, als dass ich sie aushalten konnte,
ohne den Einen schreiend zu entweihen
der mich in die Formlosigkeit verdammt hatte.
In der Ödnis bekam ich neue Form.

Ahi hay Lilitu

Ich fand mich selbst in der Ödnis
als meine Augen weit geöffnet wurden,
als mein Geist sich öffnete,
als mein Fleisch zu Wasser wurde,
als meine Knochen zu Stein wurden,
als meine Füße ihr Tempo erhöhten,
als mein Schatten schwächer wurde und sich vor der Sonne verbarg,
bis die kühle Nacht anbrach.

Meine Schmerzen fielen von mir ab,
ließen mich dank ihrer Lektionen weiser zurück als zuvor.

Die Qualen haben mich befreit.Also waren doch nicht alle Geschichten dumm, nicht alle Geschichten der Menschen hierzulande, nicht alle Geschichten der Vampire. Der Zapathasura, auf den wir laut unseren Überlieferungen alle zurückgehen – soviel wusste ich dann doch immerhin -, hatte laut den Geschichten fünf Kinder. Eines davon nennt man die Dunkle Mutter, manchmal auch Kali Ma genannt, eine Frau mit unglaublichem Wahrnehmungsvermögen, mit dem Verständnis für alle Schichten der Wirklichkeit gesegnet und eine große Prophetin. Sie kann Hunderte von Kilometern weit Dämonen erspüren, Gedanken und jede Lüge und jede Sünde in jemandem lesen. Irgendwann veranlasste Zapathasura, ihren Namen aus den Überlieferungen zu streichen. Tja.

So vieles war unterschiedlich in unserem Glauben, nicht eine einzige wirkliche Gemeinsamkeit hatten Victor und ich bei unserem Gespräch darüber gefunden. Und ausgerechnet hier, bei der Dunklen Mutter oder Lilith, gab es solche Gemeinsamkeiten, und nicht nur solche zwischen den Geschichten und dem Glauben der unterschiedlichen Kontinente, sondern auch Gemeinsamkeiten, die die Geschichte der Menschen und der Vampire miteinander verband. Und es gab so viele Gemeinsamkeiten zu mir. Und wenn ich nicht nur all die Gemeinsamkeiten sah, die ich in meiner bisherigen Existenz erlebt hatte, das Vertrieben sein, das Missverstanden werden, das Verkannt sein, sondern wenn ich das tat, das Lilith getan hatte und ich bislang vermieden hatte? Was, wenn ich aufhörte, Angst zu haben, wenn ich aufhörte, mich anzupassen, wenn ich aufhörte, mich an anderen zu orientieren, wenn ich aufhörte, zu fliehen, wenn ich der Rastlosigkeit einen Sinn gab? Nur … welchen Sinn?

Das erste Buch war das Buch der Schlange gewesen. Überall Schlangen. Gab es so viele Zufälle? Man sagt, dass das Schicksal geduldig ist, dass das Dharma geduldig sei. Zeit ist so relativ, das sagte man und ich gehörte zu denen, die das mittlerweile sehr persönlich erfahren hatten. Doch wenn man sich zu weit entfernt von seinem Dharma, sich zu sehr treiben lässt, nichts Wesentliches mehr vor Augen hat, dann macht sich die Aufgabe bemerkbar, gibt einem Hinweise, erst leise Töne, dann lauter werdende, irgendwann solche wie ein Donnerschlag. Und jetzt schon wieder „Zufälle“?

Meine Überlegungen wurden dadurch unterbrochen, dass mir Jean-Baptiste und erneut Victor einen Besuch abstatteten. Jean-Baptiste wollte sich daran machen, Ämter zu verteilen und erklärte, dass Victor den Posten des Seneschalls gewählt habe. Seneschall … aha. Er fragte mich, welches Amt ich in der Stadt übernehmen wollte, doch meine Lust an offizieller Arbeit hielt sich in Grenzen. Meins war die Unterhaltung, das Vergnügen, vielleicht ein bisschen Klatsch und Tratsch, aber Ämter? In etwa so teilte ich den beiden das auch mit, die sich ansahen und sogleich meinten, dann sei wohl das Amt der Harpyie etwas für mich. Ein Raubvogel mit Frauenkopf? Was sollte das denn für ein Amt sein? Sie erklärten mir, es sei im Grunde genau das, was ich soeben benannt habe, es sei jemand, der Informationen sammle, der wisse, was in der Stadt vorgehe, wer sich wofür interessiere und all so etwas. Schön … aber Harpyie? Unsinn. Ich weigerte mich hartnäckig, einen solchen Namen als Titel anzunehmen und schließlich schlug Jean-Baptiste vor, ich könne ja diese Aufgaben dennoch wahrnehmen, aber offiziell ein anderes Amt bekleiden, in Anbetracht der Anzahl Vampire in der Stadt vielleicht sogar eher zwei. Seine erste Wahl fiel auf das Amt der Zeremonienmeisterin, seine zweite auf das des Herolds. Naja, bitte, von mir aus, das klang zumindest schon mal anders.

Ich erwähnte den Platzmangel in dem von mir ausgesuchten Haus und fragte nach, wie es um die Möglichkeit, ein großes, mehrstöckiges Gebäude, in dem ich die Kinder besser unterbringen konnte, in der Stadt aussah. Ich hatte bereits ein paar Häuser im Stadtzentrum gesehen, die sich dafür eignen konnten und Victor ließ sie sich beschreiben und verabschiedete sich dann, um sogleich herauszufinden, wo und welches Haus für meine Zwecke möglicherweise in Frage kamen. Ich freute mich über dieses so prompte Engagement von ihm, auch wenn es mich wunderte.

Eigentlich hätte ich gern weitergelesen, doch Jean-Baptiste wollte sich gern einmal das Haus ansehen und auch die Kinder in einer anderen Umgebung als in einem Planwagen. Ich bat ihn hinein, doch schon kurz darauf bereute ich das, als die ersten Kinder zu schreien anfingen. Jean-Baptiste tat überrascht und fragte mitleidig, was die Kinder denn nur hätten. Na, was wohl!?
Ich beeilte mich, die anderen vor Jean-Baptistes Augen zu verbergen und durch Illusionen zu ersetzen.

„Hör auf damit!“, fauchte ich ihn an, doch Jean-Baptiste tat so, als wisse er nicht, wovon ich rede.

Die Diskussion kam gar nicht erst zu Stande, denn plötzlich begann er wieder mit den nervigen Selbstgesprächen und ignorierte mein Schimpfen. Ich hörte mir das eine ganze Weile mit verschränkten Armen an, darauf wartend, dass er mit diesem Unsinn aufhörte, dann sah er mich jedoch an und meinte:

„Gefahr. Jemand ist hier in der Küche. Er sitzt auf dem Stuhl da vorn!“

Sicher, Jean-Baptiste, sicher … ich diskutierte mit ihm darüber, setzte mich demonstrativ auf den Stuhl um zu beweisen, dass niemand dort saß, stellte schließlich Brot und Milch auf den Tisch davor. Na schön, wenn da also irgendein Wesen war, eine Fee oder etwas in der Art, dann würden Brot und Milch dem Ganzen ja sicherlich auf die Sprünge helfen können hierzulande. Nichts geschah. Doch dann, kurz darauf, zeigte sich ein Mann auf genau diesem Stuhl. Ich war verdattert.

„Wer bist du und was tust du in meiner Küche?“, fragte ich verärgert, doch anstatt mir zu antworten, nickte mir der Fremde nur leicht zu, ohne mich auch nur wirklich anzusehen.

„Wer du bist und was du hier tust, habe ich dich gefragt!“, wiederholte ich meine Frage ein wenig lauter und zorniger, doch alles, was zurück kam, war ein:

„Ich bin hier, weil ich für Jean-Baptiste eine Nachricht habe – also für ihn.“

Frechheit! Als auch noch Jean-Baptiste lauter wurde, weil der Fremde seinen imaginären Freund beeinflusst haben sollte oder irgend etwas in der Art, wurde es mir zu bunt.

„Jean-Baptiste, sei leise! Es reicht, und du störst die Kinder. Wenn ihr etwas zu bereden habt, tut das an anderer Stelle und nicht in meinem Haus!“

Er sah mich kurz an – und sah dann unbeeindruckt wieder zu dem Fremden und setzte seine recht lautstarke Unterhaltung fort. Wutentbrannt ging ich zur Tür hinaus, knallte sie hinter mir zu und ging fluchend ein paar Schritte, bis ich in den zurückkehrenden Victor hinein rannte.

Ich setzte mein Gezeter fort und beschwerte mich über die Manieren in meinem Haus, Victor hörte geduldig, dann und wann nickend, zu. Als er eine Lücke fand, um selbst zu Wort zu kommen, hob er eine Schriftrolle in die Höhe, um meine Aufmerksamkeit umzulenken.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Das ist die Besitzurkunde für ein Haus, das du haben wolltest. Es liegt nicht im Zentrum, da war leider nichts zu machen, aber immerhin an der Grenze zum Zentrum. Tatsächlich, das muss ich zugeben, allerdings in den Slums der Stadt. Doch es ist ein leer stehendes altes zweigeschossiges Händlerhaus mit Lager und Verkaufsbereich, 7x21m groß, außerdem hat es einen Garten. Ich hoffe, das ist in etwa das, was du dir vorgestellt hast?“

Fasziniert hörte ich zu, was er sagte, fragte nach Details, ließ mir alles genau beschreiben. Dann griff ich nach der Besitzurkunde, die er mir noch immer hin hielt, und strahlte ihn regelrecht an.

„Lass uns hingehen!“

Auf dem Weg zu meinem zukünftigen Heim nutzte ich die Zeit, um die Situation zuvor in der Küche noch einmal ausgiebig zu erklären und zu schimpfen – und wieder hörte sich Victor all das geduldig an.

Das Haus war ein Traum, zumindest für mich. Es fehlten Wände, manche Türen waren unglücklich gesetzt, der Flaschenzug in der Mitte des Ganzen störte und sollte durch eine Treppe ersetzt werden, und während ich von einer Ecke des Gebäudes zur nächsten lief und dabei Überlegungen anstellte, wie das alles einmal aussehen könnte, bekam ich kaum mit, dass Victor all das wie nebenher notierte.

„Danke!“, sagte ich schließlich und meinte meinen Dank sehr ehrlich.

„Keine Ursache. Durga, ich würde aber gern noch einmal mit dir über etwas reden“, antwortete Victor.

Ich säuberte grob einen herumstehenden Schemel und bot ihn ihm an, setzte mich selbst auf einen anderen und war bereit, zuzuhören.

Victor erzählte mir von der Nacht vor Mediasch, als er sich und Reynaud mit Hilfe der Schatten in Sicherheit gebracht habe. Dort, irgendwo im Wald, sei dann eine Schlange aus Reynaud heraus gebrochen, eine Kobra, die sich schließlich in Shukaris verwandelt habe. Eindringlich verwies er darauf, dass dies ein weiteres Zeichen dafür sei, dass die vermeintliche Kundalini keine sei, doch auf dem Ohr war ich taub.

„Sieh mich an, ich bin unversehrt. Also sagt das gar nichts aus, Victor. Die Schlange ruht, genau so und genau da, wo sie hingehört, und nichts bricht aus mir heraus und ist aus mir heraus gebrochen. Was sollte eine Kundalini auch in einem Tremere?“

Letztlich lief es auf dieselbe Vereinbarung zur Schlange heraus, die wir bereits getroffen hatten. Ich nutzte die Gelegenheit, mit ihm allein zu sein allerdings, um noch einmal nach seiner Asienreise zu fragen. Wenn er mir jetzt wieder nichts sagte, würde ich kein drittes Mal fragen. Doch zu meiner Überraschung war er diesmal sehr viel redseliger. Er beschrieb die Route, die er gereist war, einige besondere Orte, an denen er gewesen war, Dinge, die er gelernt hatte. Und dann, dann berichtete er mir, eine sehr lange Zeit bei den Kuei-Jin gewesen zu sein und viel über sie und deren Visionen gelernt zu haben. Ich hörte ihm schweigend zu, und als er endete, sagte ich ruhig:

„Du weißt, dass der Clan der Ravnos entstand, um die Kuei-Jin zu vernichten? Dass sie einst mächtig waren, sowas wie diese Engel hier im Glauben, und dass sie wegen ihres Fehlverhaltens in Ungnade fielen und die Ravnos erschaffen wurden, um sie vom Erdboden zu vertilgen?“

„Nein, das habe ich nicht gewusst“, gab Victor überrascht zu und ich nickte.

„Was dachtest du, worum es bei diesem Krieg geht, Victor? Naja, nicht so wichtig … Ich bin ja nicht so gebildet wie du, darum lass es mich noch einmal zusammenfassen, damit ich sehe, ob ich es richtig verstanden habe: Du erzählst mir also, dass du hundert Jahre in der Gesellschaft der Erzfeinde der Ravnos, in der Gesellschaft der Dämonen verbracht hast – und du erzählst mir zugleich, durch die Schlange in mir mache ich mich zu einem Handlanger? Ist das so richtig?“

Er grinste etwas schief.

„Ein wenig unlogisch, nicht wahr?“

Ich nickte.

„Nun … also muss ich damit rechnen, demnächst mit einem Messer in meiner Brust zu erwachen, sollte ich das dann noch tun?“

Ich lächelte.

„Tja, ich werde es dort dann nicht platziert haben, Victor.“

An seiner Reaktion bemerkte ich, dass er meine Antwort abwog und nicht ausschloss, dass ein anderer genau das in meinem Namen täte. Interessant, was er mir offenbar so alles zutraute – und gut zu wissen.
Er wechselte das Thema.

„Willst du mir nicht sagen, wo du hin willst? Mir ist nicht so wohl bei dem Gedanken, dass du dich allein auf den Weg machen willst, wie Jean-Baptiste sagte, und nachdem ich von seiner letzten Vision hörte, schon einmal gar nicht. Wesen, denen du begegnest?“

Ich überlegte eine Weile, dann antwortete ich:
„Ich will zu den Wolflingen von damals zurück. Und ich werde allein gehen und will nicht, dass mir jemand folgt, mich jemand beobachtet oder sonst irgend etwas. In zwei oder drei Monaten bin ich sicherlich zurück und wenn nicht … naja, dann dauert es eben länger oder ich werde nicht mehr zurückkommen. Das werden wir sehen. Ich weiß nicht, was du mit dieser Information anfängst, aber es wäre mir lieb, wenn du einfach zur Kenntnis nimmst, dass du sie bekommen hast und dann wieder vergisst.“

Er nickte und wir schwiegen eine Weile, bevor wir uns auf den Rückweg machten. Mein Haus war leer beziehungsweise meine ungebetenen Gäste waren gegangen. Ich organisierte den Umzug im Groben, bat Victor, vielleicht einmal ein Auge auf alles zu werfen, und dann nahm ich mir die Bücher und ging damit zu Melissa.

„Victor hat sie mir gegeben und ich dachte, du möchtest vielleicht auch noch mal rein sehen, auch wenn du das ja schon reichlich getan hast“, begann ich und reichte ihr die Bücher.

„Hast du sie gelesen?“, erkundigte sie sich.

„Ja. Naja, zu einem großen Teil zumindest. Ich schau irgendwann später noch mal rein, denke ich.“

„Was sagst du zu dem Inhalt?“

Ich schwieg einen Moment und überlegte, was ich dazu antworten sollte.

„Ich habe noch nichts von dem entdeckt, was Goratrix wissen will“, antwortete ich schließlich.

„Nein, das war nicht meine Frage. Was sagst du zu dem Inhalt?“, fragte sie erneut.

„Der Anfang ist ganz schön langweilig. Ich hätte es da fast schon aufgegeben. Aber der Rest ist … interessant. Was soll ich sagen? Ich habe sie alle in dieser Nacht erst bekommen und gleich gelesen.“

Ich zuckte mit den Schultern. Eigentlich war das Aussage genug. Melissa wohl auch, denn sie nickte.

„Weißt du noch, dass du mir zugesagt hast, mich zu einem Treffen zu begleiten?“, wechselte sie plötzlich das Thema.

„Natürlich. Da waren wir ja auch.“

Sie sah mich fragend an.

„Da waren wir ja auch?“

„Ja, das war doch das Blutlinientreffen in Frankreich … oder nicht?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, natürlich nicht. Ich wusste doch zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, dass wir dahin gehen würden“, meinte sie und es klang fast vorwurfsvoll. Irgendwie angenehm, mit jemandem zu sprechen, der mal nicht die Zukunft kannte oder vorgab, sie gekannt zu haben. Doch nun war es an mir, fragend zu gucken. Das war so lang her – wohin sollte ich sie denn sonst begleiten? Und wir waren doch eben erst angekommen …

Sie meinte, es sei ein Bahari-Treffen in Balgrad irgendwann, aber sicher nicht erst in hundert Jahren oder so, zu dem ich meine Zustimmung gegeben hatte. Ich nickte nur beiläufig und erneuerte meine Zusage, sie dorthin zu begleiten. Innerlich wäre ich am liebsten gleich losgefahren, denn darauf war ich wirklich, wirklich neugierig.

„Ich muss mal für eine Weile weg“, wechselte ich dann das Thema. „Kontrollierst du die Kinder, so lange ich weg bin und gibst auf sie Acht?“

„Natürlich“, lächelte sie. „Aber lass mich dir eine meiner Drohnen mitgeben, ja?“

Sie schien davon auszugehen, dass ich ihr Angebot annahm, denn sie drehte sich bereits halb geschäftig um, doch ich lehnte ab.
„Nein. Das ist wirklich nett gemeint, aber … ich muss wirklich ganz allein los. Denk einfach nicht drüber nach. Ich werde auch nicht allzu lange weg sein, ich weiß nicht, vielleicht zwei Monate, vielleicht drei, vielleicht noch ein bisschen länger. Aber ich werde schon zurecht kommen.“

Sie wirkte ein wenig erstaunt, auch wenn man das vielleicht erst mitbekam, wenn man sich über mehrere Jahrzehnte die Mühe gemacht hatte, ihr Verhalten zu beobachten. Sie sagte nichts, doch sie griff nach meinen Händen und tastete mein Gesicht ab, was auch immer das sollte. Dann drehte sie sich wortlos um und kümmerte sich wieder um ihre Belange. Mein Besuch war beendet und ohne noch mehr zu sagen oder nach mehr gefragt zu werden ging ich.

Beim Anbruch der nächsten Nacht sattelte ich den treuen Gaul, der sonst als einer von zweien den Planwagen gezogen hatte, saß auf und machte mich auf den Weg. Jean-Baptiste hatte also drei Wölfe gesehen, die mich umzingelten. Vielleicht konnte ich ihm später berichten, ob er damit richtig gelegen hatte. Das wollte ich nun zumindest herauszufinden versuchen.

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