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Vampire, Dark Ages, Tischrunde –> Zwischenspiel TS V

Ich ritt die ganze Nacht hindurch, doch erst etwa zwei Stunden vor Sonnenaufgang kam mir der Gedanke, dass ich gerade eine ziemliche Dummheit beging. Abseits der Wege buddelte ich ein Loch in die Erde, um darin zu übertagen, und erst jetzt fiel mir auf, dass ich noch nie zuvor gänzlich allein gereist war. Nicht gänzlich allein und schon gar nicht so schutzlos und angewiesen auf den Schutz der Erde, wie ich es jetzt war. Angewiesen darauf, dass das Pferd sich bei Tag nicht losreißen und es niemand stehlen würde, angewiesen darauf, dass mich niemand in der Erde aufstöberte und darauf, dass ich in der nächsten Zeit etwas erjagen würde. Angewiesen darauf, dass ich den Weg allein fand, ohne Ratgeber und ohne Karten. Angewiesen auf mich selbst. Mir war vorher nicht klar gewesen, dass ich das in meiner gesamten Existenz nur ein einziges Mal gewesen war, wenn auch nur etwa eine Woche. Diesmal würden es mehr sein, sicherlich zwei oder drei. Und damals war ich noch sehr jung gewesen, noch klein, beschützenswert und menschlich. Heute war ich nichts mehr von alldem.

Ich hatte Glück und in der nächsten Nacht war das Pferd noch da und ich entstieg dem Erdloch unbeschadet, wenn ich auch aussah wie eine Bettlerin und starrte vor Schmutz. In der Gewissheit, dass es nicht lohnte, größere Reinigungsarbeiten vorzunehmen, klopfte ich nur den groben Dreck ab und setzte meinen Weg fort … Tage … Wochen. Zwar wusste ich recht genau, wo ich lang musste, hatte mir eine Karte gut eingeprägt und erinnerte mich hier und da an manche Stellen oder glaubte zumindest, dass ich das tat, doch ich stellte wiederholt fest, dass ich manches nicht genau bedacht hatte. So hatte ich nicht daran gedacht, dass es nicht so leicht werden würde, allein mit einem Pferd den Fluss zu durchqueren – und angenehm war es überdies nicht -, und auch, dass ich ausgerechnet an Mediasch vorbei musste, gefiel mir gar nicht und ich fürchtete, jeden Augenblick aufgespürt zu werden und zu enden wie Tobias.

Nach gut drei Wochen hatte ich mein Ziel trotz all der auftretenden kleineren Widrigkeiten jedoch endlich erreicht. Da, wo zumindest früher einmal die Grenze zum Gebiet der Wolflinge verlaufen war, jagte ich ein letztes Mal, bevor ich nach einem möglichst unberührten Auenfleckchen suchte, an dem ich das Pferd längere Zeit anbinden konnte, ohne dass es verhungern oder verdursten würde. Dann lief ich tiefer in den Wald hinein. Nach einigen Metern ließ ich mein Zeug zurück und verbuddelte es im Boden, bevor ich noch eine knappe Stunde tiefer in den Wald hinein lief. Dann setzte ich mich an einen Baum und tat etwas, das ich schon ewig nicht mehr gemacht hatte: Ich setzte mich in den Lotussitz, legte die Hände im Chinmudra übereinander in den Schoß, schloss die Augen und wartete.  Es war fast überraschend, dass ich überhaupt so weit gekommen war, denn ich war sicher, dass sie bereits wussten, dass ich hier war. Ich hatte sie bereits gehört, mal etwas weiter weg, dann näher heran, doch nie wirklich nah.

Erst mal kam jedoch niemand. Die Nacht verging und ich war gezwungen, mich einzugraben. Vielleicht warteten diese Wolflinge nur darauf, mich bei Tag auszubuddeln. Einfacher konnten sie es ja nicht haben. Doch ich erwachte erneut, grub mich aus und verbrachte eine weitere Nacht so wie die letzte, danach noch eine und noch eine weitere. Langsam verspürte ich Hunger, aber ich ignorierte jedes Tier, das meinen Platz auch nur entfernt streifte, öffnete nicht einmal die Augen in der ganzen Nacht. Irgendwann würden sie kommen. Vielleicht erst, wenn ich schon wahnsinnig vor Hunger war, vielleicht im nächsten Moment. Und dann würden sie mich entweder einfach auseinander nehmen oder sie würden mit mir reden. Aber wann und was auch immer. Ich war nicht hergekommen, um mir noch mehr Fragen zu stellen. Ich war wegen Antworten hier. Und die würde ich, auf welche Art und Weise auch immer, mit Sicherheit bekommen.

Zuerst jedoch war es tatsächlich der Hunger, der mich nach mehr als einer Woche dazu brachte, Rehe zu mir zu rufen und sie gänzlich zu leeren. Ich ließ die vier Kadaver einfach an Ort und Stelle liegen. Was eher Wirkung hatte, ob es der Einsatz meiner Kräfte war, die Tatsache, hier auf fremdem Gebiet getrunken zu haben oder schlicht der Geruch der toten Rehe, weiß ich nicht, doch noch in derselben Nacht umkreisten mich drei Wölfe. Drei. Wie Jean-Baptiste sie gesehen hatte. Ich hörte ihre Schritte, hörte das Knacken von Knochen, als einer von ihnen auf einen der Kadaver stieg, doch ich zwang mich, erst die Augen zu öffnen, als einer von ihnen mich ansprach und fragte, wer ich sei, was ich – wie so häufig – schlicht mit meinem Namen beantwortete.

Sie knurrten sich irgendetwas zu, bevor der eine Wolf wieder mit mir sprach. Er wolle nicht meinen Namen wissen, sondern vielmehr, was ich in ihrem Revier täte. Ich erklärte, dass ich vor langer Zeit, vor mehr als hundert Jahren, schon einmal hier gewesen sei und erzählte die Geschichte von einst in Grundzügen. Ich sagte, dass ich glaube, dass dieses Ritual, das der Reinigung dienen sollte, offenbar nicht gewirkt habe oder nicht ausreichend, und dass ich hergekommen sei, um sie darum zu bitten, es zu wiederholen, um sie zu bitten, mir zu helfen.

Ihr erster Gedanke zur Hilfe lag mitnichten darin, irgendwas Rituelles durchzuführen, sondern vielmehr darin, mich einfach zu vernichten. Das hatte ich mir schon gedacht, allerdings auch darauf gesetzt, dass sie nicht so einfach gestrickt waren, bei diesem ersten Gedanken zu bleiben. Das war ein wenig knapp kalkuliert gewesen, denn wie sich herausstellte, war es der Anführer von ihnen, der durchaus bereit war, mir so etwas wie eine Chance zu geben, während mindestens seine Stellvertreterin ganz anderer Ansicht war und mich viel lieber sogleich zerrissen hätte.

Sie prangerten den Tod der Rehe an, hatten bemerkt, dass da, wo ich saß, keine Saat mehr keimen würde, versuchten mir klar zu machen, dass sich darin meine Verderbtheit äußere, dass ich die Verderbtheit sei. Dass ich daran nichts ändern konnte, dass der Tod der Rehe nicht mehr als eine Folge einer ganz anderen falschen Entscheidung war, galt wenig, meine Entschuldigung dafür taten sie damit ab, dass ich sie mir sparen könne, weil sie ohnehin nicht ernst gemeint sei. Darauf erwiderte ich nichts. So falsch war das ja auch gar nicht.

Ich fasste schließlich zusammen, dass sie also fanden, dass ich entweder gänzlich anders sein und existieren sollte oder eben gar nicht, doch ihr Anführer meinte, es gäbe noch eine dritte Möglichkeit und ich habe eine Nacht Zeit, sie zu finden, bis sie wiederkehren und danach fragen würden. Und natürlich sollte ich mir nicht einfallen lassen, einfach gehen zu wollen. Die Erlaubnis zu trinken hatte ich jedoch – insofern ich nicht tötete. Danach ließen sie mich wieder allein.

Sehr ernsthaft saß ich da und grübelte über die Unterhaltung nach, war sehr daran interessiert, schnell die gesuchte Antwort zu finden, denn sollte diese eine Nacht ein Ultimatum sein, war das nicht allzu viel. Ich lauschte mehr als schon in den Tagen zuvor in den Wald hinein, schärfte meine Sinne, versuchte irgendwas wahrzunehmen, das mir bislang verborgen geblieben war, das ich vielleicht einfach noch nicht gesehen, gehört oder gerochen hatte, worauf ich keinen meiner Sinne je verschwendet hatte, doch es war und blieb für mich einfach ein Wald, in dem ich saß – und er war es noch, als ich mich schließlich wieder in der Erde vergrub.

In der nächsten Nacht verging nicht viel mehr als eine Stunde, bis eine Frau auftauchte, die sich schließlich als Stellvertreterin des Anführers, sie nannten sich Alpha und Beta, herausstellte und damit als diejenige, die von vornherein für meine Vernichtung gewesen war. Als sie fragte, konnte ich ihr die gewünschte Antwort nicht geben, doch statt mich anzugreifen, blieb sie vor mir sitzen und fragte, woher ich komme und woran ich glaubte. Ich gab einen knappen Überblick über meine Reise von Indien nach Transsylvanien und ein Stück darüber hinaus, also das, was ich üblicherweise auch sonst erzählte, doch sie interessierte sich mehr für das, woran ich glaubte als für reine Fakten. Und auch das konnte ich ihr nicht wirklich beantworten. Im Grunde war das schließlich der springende Punkt, weswegen ich hergekommen war.

Also hatte ich nicht viel mehr anzubieten als noch ein paar Details zu erwähnen, sowas wie das Sammeln von Kindern, auch wenn ich es anders formulierte. Sie hielt es für ein weiteres Zeichen meiner Verderbtheit und ihrer Ansicht nach sollte ich sie alle frei lassen und keines bei mir behalten, selbst dann nicht, wenn auf der Straße der Tod auf sie warten würde, denn selbst dann seien sie noch besser dran als mit mir – und umgekehrt, denn so, wie ich sie stetig verdarb, würden die verderbten Kinder umgekehrt mich wieder verderben, also eine Art Kreislauf ohne Ende. Ich dachte einen Moment lang sogar ernsthaft darüber nach, doch viel länger lohnte es sich nicht. Das war doch verrückt! Schließlich ging sie mit den Worten, in der folgenden Nacht wiederzukommen und erneut zu fragen, doch bevor sie ging, biss sie mir in die Schulter, so dass sie blutete, ließ dann jedoch wieder los und ging ohne ein weiteres Wort davon. Wieder nutzte ich den Rest der Nacht, um zu versuchen, eine Antwort zu finden, und wieder gelang es mir nicht, auf irgendeinen Punkt zu kommen.

Als die Frau, Wölfin, was auch immer, mich in der nächsten Nacht fragte, hatte ich wieder keine Antwort. Nachdem ich einen Moment lang gewartet hatte, weil ich nach jeder dieser Antworten einen Angriff er- und abwartete, stellte ich ihr eine ähnliche Frage wie sie mir in der Nacht zuvor. Ich wollte wissen, woran sie glaubten. Sie fing mit den Gemeinsamkeiten an, die sich im Grunde darauf beschränkten, dass ihre Art wie meine Raubtiere wären. Doch der Unterschied sei, dass wir in erster Linie Menschen jagten, und dass wir es nicht dabei beließen, sondern sie uns auch zu Nutze machten, dass wir nicht unterschieden zwischen solchen, die beispielsweise den Tod verdient hatten und solchen, bei denen das nicht der Fall war. Sie sah keine Gerechtigkeit in vampirischem Handeln, kein Interesse an Gleichgewicht, an Ausgleich, an solchen Dingen, sondern nur das Interesse daran, andere zu foltern, zu quälen und sich selbst daran zu ergötzen. Sie hingegen jagten nach bestimmten Regeln, achteten Dinge wie Mäßigung und die bestehenden Regeln und Gesetze. Als ich fragte, wer ihnen sagte, dass es die richtigen Regeln und Gesetze seien, an die sie sich da hielten, begann sie damit, dass es solche seien, die seit Anbeginn der Zeit existierten, die Vater Wolf und Mutter Luna ihnen aufgegeben hatten, dass diese höhere Instanz sie zu den Wächtern Gaias gemacht hätten. Das sei ihre Bestimmung. Trotz ihrer Redseligkeit, was meine Frage betraf, schloss sie damit zu bekräftigen, dass sie die Entscheidung des Alphas, seine Hoffnung, dass auch etwas wie ich sich verändern konnte, nicht teilte und es für Zeitverschwendung hielt, es auch nur zu versuchen. In der folgenden Nacht würde niemand zu mir kommen, um mich erneut zu fragen, wohl aber in der Nacht darauf, und noch immer galten die zu Beginn aufgestellten Regeln, die beinhalteten, dass ich den Wald nicht verlassen würde.

So interessant es gewesen war, sich all das anzuhören, so enttäuschend fand ich es auch. Aller Glaube basierte meist auf irgendwem oder irgendwas, das sonst wie alt war und sich irgendwie zurück verfolgen ließ bis an den Anfang von allem. Ich selbst kannte das, Victor hatte es mir neulich noch umfassend aus Sicht der Kirche erklärt, selbst Jean-Baptiste hatte da so seine eigenen Ideen und auch im Buch der Schlange war es um nichts anderes gegangen als um die Grundlage, die Basis von etwas. Und so waren ihre Worte und ihr Glaube nicht einen Deut mehr oder weniger wert als alles andere, was jemand von sich geben konnte. Man sagte, dass Glaube Berge versetze, doch war das so? Glaube versetzte doch vielmehr andere in Angst und Schrecken, einen selbst meist gleich mit, arbeitete mit Strafen, mit der Vorstellung von Höllen, arbeitete mit Abstraktem, das man personifizierte und zu etwas machte, das einen leiten konnte, durfte, sollte.

Kurz vor dem Tagesanbruch war es meine Enttäuschung über diese Erkenntnis, in der nächsten Nacht  vielmehr die eigene Erkenntnis, dass ich das nicht teilte und auch nicht teilen wollte. All das waren nur Schleier, die den Blick auf das Wesentliche verbargen, die abgaben, anstatt zu nehmen. Anstatt sich mit dem zu beschäftigen, was man selbst wollte, fühlte und dachte, beschäftigte man sich mit dem, was man angeblich durfte, sollte, musste oder eben nicht durfte, sollte, musste. Man überdeckte das eigene Ich, schob es beiseite und versuchte es zu vergessen, um etwas anderem, das nicht einmal greifbar war, zu dienen, davor zu knien, davor zu bereuen. Aber ich … ich mochte all das nicht und ich wollte all das nicht.

Obwohl ich da zu ahnen begann, dass ich dort, wo ich jetzt war, sicher nicht richtig war für die Antworten, die ich haben wollte, blieb ich, wie ich es sollte und antwortete, wenn man mich fragte. Die Antwort blieb dieselbe, mal war es ein schlichtes „Nein“, mal verpackte ich es anders und riet damit ein wenig herum. Und jedes Mal gab man mir weiterhin Zeit, um die dritte Möglichkeit zu finden, um endlich zu sehen und zu begreifen, wie sie es sagten. Nacht um Nacht verging, mal kam niemand, mal kam der Mann, wenn auch nur selten, sehr viel häufiger die Frau, doch nach außen hin veränderte sich nichts. Nur innerlich. Innerlich tat sich eine Menge bei mir, doch das lag weder am Wald noch an den Wölfen, sondern es lag an der Abgeschiedenheit, an der Meditation, an dem Zentrieren auf mich selbst und an dem Sortieren meiner Gedanken.

Mit jeder Nacht wurde mir klarer, dass ich die Ansicht dieser Wolflinge nicht teilte. Mit diesen Geschichten von Folter, Qual und Mord hatten sie mir gezeigt, dass sie auch nur mit Vorurteilen arbeiteten, die auch ich selbst nackt noch im Gepäck hatte. Sicher kam das vor, sicher unterschied uns, dass ich all das nicht halb so dramatisch fand wie sie, aber das war mir alles zu einfach, zu sehr über einen Kamm geschoren. Und es war mir zu selbstgerecht, denn sich anzumaßen zu wissen, wer all das verdient hatte und wer nicht, zeugte nicht gerade von der Demut, die sie mir abverlangen wollten. Es zeugte von Verblendung und davon, dass sie nicht ehrlicher zu sich waren als alle möglichen anderen Kreaturen auch.

Ich jedoch, ich fand, dass man für sich selbst verantwortlich war, und auch, wenn das bedeutete, dass man Konsequenzen zu tragen hatte, bedeutete es nicht zugleich, dass einem alles und jeder zugleich gänzlich egal war. Auch das wäre zu einfach gewesen, zu konstruiert. Die Existenz war nicht einfach und schon gar nicht konstruiert, sie war wandelbar, formbar, veränderbar – zumindest in einem gewissen Rahmen. Und ich wollte niemanden, der all das für mich übernahm. Ich wollte selbst denken und selbst entscheiden und in Konsequenz daraus auch selbst verantworten, was daraus entstand – oder es genießen.

Ich wollte gar kein Mensch sein, und ich wollte auch kein Wolfling sein oder irgendwas anderes. Eigentlich war ich zufrieden mit dem, was ich hatte, mit dem, was ich konnte, auch wenn das nicht hieß, dass ich nicht wie jedes andere Wesen einschließlich des dümmsten Grashalms nach oben streben wollte. Ich wollte nicht verleugnen, wer ich war, was ich war und ich wollte mich eigentlich weder erklären noch rechtfertigen müssen für das, was ich wollte und was ich tat. Nicht vor anderen, nur vor mir selbst. Und ich wollte auch nicht in einer kleinen Schachtel leben, in der jede Wand, der Boden und der Deckel mir sagten, wovor ich mich fürchten sollte. Ich wollte keine eng gesteckten Grenzen.

Und mit jeder Nacht wurde mir klarer, dass ich Recht mit all dem hatte. Ich hatte mich nicht mehr nach außen orientieren wollen und war darum hierher gekommen. Aber das hier war nur ein anderes Außen. Ich hatte schon zuvor behauptet, dass der Dreh- und Angelpunkt der eigenen Existenz man selbst sei, und trotzdem hatte ich mich auf den Weg gemacht, um andere zu fragen, anstatt mir selbst die Antworten zu geben. Ich hatte sie doch ohnehin schon gekannt, ich hatte sie mir nur nicht gegeben. Wie dumm.

Ich ließ noch etliche Nächte verstreichen und hinterfragte wieder und wieder diese Dinge, für die ich gar nicht so lang gebraucht hatte. Wenn ich doch bei mir bleiben wollte, warum hatten mich dann diese Bücher so begeistern können? Warum waren sie der Auslöser für den Weg hierher gewesen und warum identifizierte ich mich mit einer, die letztlich auch wieder dieselbe Funktion hatte wie Gott, wie Kain, wie dieser Wolfsvater, wie sonst irgendwas? Diese Antwort war noch offen, aber eigentlich war auch sie letztlich leicht zu finden gewesen. So wie bei den Hindus alle Götter letztlich nur Aspekte eines Gottes sind und diese wiederum Sinnbild für die einzelnen schöpferischen oder zerstörerischen Aspekte der Menschen, so war auch diese Lilith ein Aspekt von mir. Und er hatte mich so angesprochen, sprach mich noch immer an, weil es der Aspekt von mir war, dem ich bislang keinen Raum gegeben hatte. Trotz der Parallelen, die ich beim Lesen gezogen hatte, war ich nicht diejenige, die sich ihrer selbst bewusst war, die für sich selbst einstand, die sich nicht umwerfen ließ, die sich den Raum nahm, den sie brauchte oder einfach nur wollte, die sich für gar nichts schämte und einfach war.

Nachdem mir auch das klar geworden war, heilte ich die Brandwunden, die ich schon mehr als hundert Jahre zur Schau stellte, mit meinem Blut und hatte eine Antwort, als der Anführer das nächste Mal danach fragte – auch wenn mir klar war, dass es wohl kaum sinnvoll war, sie zu geben. Aber ich hatte es ja selbst so entschieden, selbst so gewollt – und trug demnach selbst die Konsequenzen.

„Ich glaube, ich bin gut so, wie ich bin und ich …“, aber weiter kam ich gar nicht, denn in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit verwandelte sich der Mann vor mir in eine reißende Bestie und stieß mit seinem Speer nach mir, nach meinem Bauch, während ich vergeblich versuchte, auszuweichen. Und doch prallte der Speer ab, traf nur eine Haut wie aus Stein. Mein Bauch … die Schlange? Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn mir blieb nichts übrig, als weiteren Angriffen auszuweichen. Mal schaffte ich es, meist nicht. Ich war offenbar viel zu berechenbar für jemanden, der für das Jagen eher mehr existierte als ich selbst, und so dauerte es vielleicht eine Minute, bis er meine Schulter aufgerissen hatte, meine Eingeweide prankenweise aus mir hieb und auf dem Boden zu Staub zerfallen ließ und mir klar wurde, dass der nächste Angriff vermutlich der letzte sein würde. Ich überlegte, meinerseits einen halbherzigen Angriff zu starten, um zumindest nicht gänzlich kampflos vernichtet zu werden, doch eigentlich dachte ich nur daran, einen Weg finden zu wollen, das hier irgendwie zu überstehen. Und dann … fand stattdessen der Weg mich. Schneller, als ich es wirklich wahrnehmen konnte, entstand eine Kuppel um mich herum, die den nächsten Angriff abfing und mich schützte. Ich sah … nichts. Ich tastete in das Dunkel um mich herum, fühlte Stein, als ich die Hände ausstreckte und stieß gegen selbigen, als ich einen Schritt zurückzugehen versuchte. Was war das?

Ich stand einfach nur da und starrte dahin, wo ich eben noch den Anführer der Wolflinge gesehen hatte, rechnete damit, dass der Zauber jeden Augenblick vorbei wäre und ich mit ihm, doch Angriff um Angriff prallte ab und das wütende Geheul, das durch die Steine drang, wurde leiser und verstummte schließlich ganz. Ich blieb, wo ich war, reglos, planlos. Erst etwa eine Viertelstunde, nachdem die Kuppel erschien, eine Zeit, die ich zur Heilung nutzte,  verspürte ich den Drang, raus aus diesem schützenden Gefängnis zu kommen – und die Kuppel verschwand. Der Wolf war nicht weg, er stand noch immer da, hatte auf diesen Moment gewartet. Lauernd sah er mich an, während ich vorsichtig Schritt um Schritt rückwärts ging. Er folgte mir, wenn auch in einem gewissen Abstand. Irgendwann sprach ich ihn erneut an und sagte ihm, das bringe doch so nichts. Und zu meiner Überraschung führte das nicht zu einem erneuten Angriff, sondern er verschwand.

Mich wunderte zwar, dass er einfach so den Rückzug antrat, traute dem aber auch nicht und begann zu laufen, um möglichst schnell möglichst weit weg zu kommen. Doch kurz vor dem Stück, an dem mein Pferd hoffentlich auf mich wartete, musste ich einsehen, dass ich diesen Wald unmöglich noch in dieser Nacht würde verlassen können. Und als sei das nicht schon schlimm genug gewesen, erschienen prompt zwei Wölfe, kampfbereit. Ich konnte nicht gegen zwei Wölfe bestehen, wohl nicht mal gegen einen von ihnen, ich konnte nicht aus dem Wald heraus, ich konnte mich nicht eingraben. Ich konnte nirgendwo hin.

Mehr aus Verzweiflung als im Glauben, damit längerfristig etwas zu erreichen, erinnerte ich mich an das, was diese Wölfin mir erzählt hatte, von dem Drang zu jagen, von dem unwiderstehlichen Geruch der Angst und seiner Anziehung. Und so platzierte ich einen wimmernden Menschen einige Baumstämme entfernt von mir und gab ihm alles an Angst, das ich zu kreieren vermochte – und es war noch zu wenig. Eine kurze Irritation, ein kurzer Ruck in ihren Köpfen, dann hielten die Wölfe wieder auf mich zu, ohne auch nur sonderlich ihre Richtung ein Stück weit oder einen Moment lang verändert zu haben. Also war der Weg bis hierher sinnlos gewesen. Und dabei war mir nicht mal halb so egal, mich aufzugeben, wie es das gewesen war, als ich diesen Wald betreten hatte.

Ich machte mir nicht die Mühe auszuweichen, und so dumm es war, so wollte ich nichts mehr, als in Sicherheit zu sein. Egal wie, egal wo, nur in Sicherheit … und um mich formte sich wieder die Kuppel aus Stein und schützte mich vor den Wölfen, die mich in den nächsten Sekunden erreichten und am Stein abprallten. Lange blieb ich einfach wie angewurzelt stehen, dann rollte ich mich einfach auf dem Boden ein, um zu schlafen. Es war Zeit und ich war müde. Vielleicht würde ich nie wieder erwachen, vielleicht würde die Kuppel irgendwann einfach verschwinden wie schon zuvor und mich den Wölfen oder der Sonne aussetzen, doch es war die einzige Möglichkeit, die ich überhaupt hatte. Die einzige Hoffnung, die ich noch hatte.

Diese Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Ich glaube nicht, dass ich mich je so darüber gefreut habe, wach zu werden, nie. Die Freude währte allerdings auch nicht lang, als das Flackern von Feuer die Kuppel erhellte. Feuer! Es brannte! Ich würde verbrennen, einfach in dieser Kuppel verbrennen … ich kauerte mich wimmernd zusammen, wohl wissend, dass ich ihm ohnehin nicht entfliehen konnte. Aber nach all dem war ausgerechnet das Feuer zu viel … viel zu viel.

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