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7. Inplay, Teil III, Vampire, Dark Ages, Tischrunde – „Das Schauspiel”

Zu Beginn der nächsten Nacht sprachen wir noch einmal durch, wer zu welchem Zeitpunkt welche Rolle übernehmen sollte, dann gaben wir Sophia Bescheid, dass wir bereit seien für unseren Auftritt. Sie geleitete uns durch etliche Gänge bis hin zu einem riesigen unterirdischen Theater, das sich deutlich an einem Amphittheater orientierte. Die Bühne war riesig, und von den Seiteneingängen zur Bühne aus konnten wir sehen, dass unsere Vorführung mitnichten nur für Malicia selbst gedacht war. Die Goldene thronte auf einer Art Balkon ganz hinten und recht weit oben, flankiert von zwei Menschen auf jeder Seite, während auf den Rängen fast zwei Dutzend Kainiten Platz genommen hatten. Entsprechend kündigte uns Sophia auch an, sozusagen als eine Mischung aus Reisenden, Gastdarstellern und Laienschauspiel. Ich sah Svetlana fast unmerklich die Mundwinkel verziehen, mir hingegen kam diese ganze Aktion hier sehr entgegen.

Es war Svetlana, die begann. Sie benetzte die hintere Wand, die den Abschluss der Bühne bildete, großzügig mit Wasser und darauf entstand die Szenerie einer Bibliothek. Svetlana setzte sich davor und blätterte in einem Buch, wurde offenbar gerufen und antwortete wiederholt: „Ja, ich komme ja gleich!“ – Als nächstes stand sie in einer Art Küche und rührte in einem imaginären Topf. Tobias betrat als ihr Ehemann die Bühne, während Jean-Baptiste als Svetlanas Sohn in der Ecke saß und stetig brüllte: „Ich habe Hunger, ich will etwas essen!“. Tobias in seiner Funktion als Gatte fragte donnernd, was zum Teufel Svetlana da schon wieder mache, woraufhin eine etwas verschreckte Svetlana beschwichtigend antwortete: „Kartoffelsuppe.“ Als sei dies ein Verbrechen, schlug Tobias  zu – hart genug, dass Svetlana einige Meter weit über die Bühne flog und wie zusammengebrochen liegen blieb. Ich beobachtete, wie sie das Gesicht vom Publikum wegdrehte und verstohlen lächelte … wahrscheinlich hätte sie diese Szene hier lieber zahllose Male wiederholt, als das Schauspiel fortzusetzen, wie ich vermutete. Die anderen gingen von der Bühne runter, nur Svetlana kehrte zurück und versteckte sich in einer imaginären Ecke, als Jean-Baptiste, verdunkelt in der Gestalt eines großen und kräftigen Zaren, die Bühne betrat und ausrief: „Niemand darf je erfahren … du!“ Er deutete auf Svetlana, als habe er sie eben erst entdeckt – und damit war auch mein Auftritt dran. Ich betrat die Bühne als ebenfalls gewichtige Person, nämlich als die Zarin selbst, zog ein zu einem Galgen geknotetes Seil aus meinem Umhang und brüllte: „Hängt sie! Hängt sie auf!“ Wir drei liefen auf der Stelle und ein wenig im Kreis, bevor Tobias endlich kapiert hatte, dass nun seine Funktion als Erzeuger Svetlanas gefragt war, er auf die Bühne stürzte, nach ihr griff, sie im zweiten Anlauf auch erwischte und von der Bühne zog – der vermeintliche Zar und seine Gattin hinterdrein. Abschließend traten wir alle ohne Verkleidung erneut auf die Bühne, Svetlana stellte sich ein bisschen abseits, besah uns eingehend und sagte dann bedächtig: „Und mit euch soll ich nun reisen?“, womit sie ihr Schauspiel beendete.

Der Applaus aus dem Publikum war gelinde gesagt verhalten, aber zum einen waren ja auch nicht viele Personen anwesend, zum anderen waren wir nicht hier, um die neuen Sterne am kainitischen Theaterhimmel von Paris zu werden.

Jean-Baptiste wurde angekündigt, kam auf die Bühne und kauerte sich dort zusammen. Langsam setzte er sich auf, als ich, die seine Mutter verkörperte, auf die Bühne kam und er sagte, er habe den Tod des Großvaters vorhergesehen. Ich mimte großes Entsetzen und rief: „Vatti! Der Junge!“, doch Tobias fühlte sich in seiner Rolle offenbar nicht angesprochen. Verflixt, wir waren ja auch in Frankreich, tatsächlich und auch in Jean-Baptistes Kindheit, also versuchte ich es erneut mit Rufen nach „Papa!“. Schließlich musste ich zum Bühnenaufgang rennen, um Tobias an seinen Einsatz zu erinnern, bevor ich wieder wie ein aufgescheuchtes Huhn mit viel „Ohweh!“ und vor das Gesicht geschlagenen Händen um Jean-Baptiste herum hüpfte. Tobias schloss sich der Szene schließlich an, im Schlepptau den mit einem Kreuz bewaffneten Priester, den Svetlana darstellte, die mir im Laufen zuraunte „Was soll ich sagen?“. Ich raunte zurück, sie solle sich einfach an den Fackelmob im Dorf damals erinnern und sei dann schon auf der richtigen Spur. Wir zeigten mit den Fingern auf den Jungen in unserer Mitte, Svetlana mit dem Kreuz und voller Inbrunst brüllte sie: „Weiche, Dämon! Hinfort mit dir! Hinaus aus unserem Dorf!“ Erneut setzte ein Rennen ein, bei dem ich mich allerdings als Mutter absetzte und stattdessen rasch den Umhang ablegte, um als Jean-Baptistes Herrin auftreten zu können, die ihn aus der Situation rettete. Danach standen wir da, von Tüchern umgeben, die unsere Auren darstellen sollten, die Jean-Baptiste staunend betrachtete, und wir wurden Zeugen von der „Fledermaus“, die natürlich Tobias darstellte.

Das Publikum wurde wohl langsam warm mit unserer Darbietung, jedenfalls applaudierten sie diesmal ein wenig mehr, wie mir schien, auch wenn der Applaus verzögert einsetzte. Kein Wunder, denn bei Jean-Baptistes Darstellung musste man schon genau aufpassen und überlegen.

Als nächstes folgte mein eigenes Schauspiel. Jean-Baptiste mimte in den gelben „Sari“ gehüllt mich selbst, während meine Eltern – Svetlana und Tobias – ihn beschimpften und schließlich durch etwas, das sie sagten, verjagten. Sie rannten allesamt von der Bühne und ich ließ das Bild von einer Gruppe Zigani entstehen, die um ein kleines Feuer tanzten, das zu meiner Freude einigen im Publikum ein leises Zischen entlockte, mit ledernen bunten Bällen jonglierten, auf der Geige und der Zither spielten, sangen und mit Hunden herumtollten. Ich stellte mich in ihre Mitte, tanzte mit ihnen und blieb erst stehen, als Tobias als mein Erzeuger auf der Bildfläche erschien und wir uns langsam aufeinander zu bewegten, er mich in die Arme nahm und so tat, als würde er mich beißen. Abgang, dann trat ich erneut auf die Bühne und zeichnete mit den Fingern eine riesige Landkarte auf die hintere Wand, die dort für das Publikum tatsächlich entstand. Ich setzte einen – natürlich roten – Punkt dorthin, wo Indien lag und bewegte ihn langsam über Transylvanien hinweg über die gesamte Route bis dort und von dort aus nach Paris. Ich verbeugte mich und ging, begleitet von mehr Applaus, als wir ihn eingangs zu hören bekommen hatten. Das war auch das mindeste, wie ich fand, denn ich hatte mich ziemlich auf diese Erinnerungen vor allem bei den Zigani konzentriert, die Szene sehr lebendig und deutlich erschaffen – und fühlte mich nun, nachdem ich auch noch die Landkarte nachgesetzt hatte, ziemlich ausgelaugt.

Doch noch war unser Auftritt nicht beendet, denn Tobias fehlte noch. Es war der Krieg, den er simulierte, und aus dem er seine Mutter zu retten versuchte. Er rettete sich und sie in einen Wald, doch dort, so wie ich es verstand, starb seine Mutter und Tobias ergab sich schreiend, weinend und fluchend in diese Szene, bis ich auf die Bühne kam, um ihn von diesem Elend zu erlösen – und es in die Ewigkeit zu verwandeln. Ich tat so, als wolle ich ihn beißen … und dann spürte ich diesen Hunger in mir. Ich war so erschöpft von meinem Auftritt zuvor – und biss ihn tatsächlich. Gierig saugte ich sein Blut in mich auf, bevor ich mich wieder fasste, von ihm abließ und dem Publikum zumindest noch blutige Mundwinkel präsentierte – was auch immer die denken würden, was da geschehen war oder wie das Ganze zu bewerten war. Dann begab ich mich von der Bühne und ließ Tobias allein zurück. Dieser zog ein Schwert – mein Zeichen, sein mit seinem Blut gefülltes Gefäß in ein solches zu verwandeln – und fragte nach einer Freiwilligen aus dem Publikum. Begeistert eilte eine der Damen nach vorn und was dann geschah, bekam ich nicht ganz mit. Letztlich verschüttete sie wohl das Blut auf der Bühne und ich sah nur noch Svetlana auf allen Vieren auf die Bühne krabbeln, die das Blut voller Wonne vom Boden leckte. Gehörte das mit zu seinem Schauspiel? Welche Rolle spielte sie da?

Nachdem wir alle unsere Aufführung hinter uns gebracht hatten, belohnte man uns doch mit einem angemessenen Applaus, nur Malicia stand wortlos auf und verließ ihren Balkon, ohne auch nur eine Regung zu zeigen. Sophia hingegen blieb höflich, wie sie es die ganze Zeit hindurch gewesen war, bedankte sich für unser Engagement und brachte uns zurück in unser Gemach. Sie wollte sich verabschieden, als ich sie zurückrief und um Vitae bat. Die hatten wir uns nun wirklich verdient, fand ich, und was mich betraf, so war mein Bedarf auch längst noch nicht gedeckt.

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