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Inplay-Resümee zum 5. Spielabend, Teil I (Dämonen, TS)

Briggs lässt mich an der Uni raus und fährt weiter, um irgendwo in der Gegend einen Parkplatz zu finden, während ich eilig zum Haupteingang laufe, wo bereits Professor Erikson und Mr. Xanatos stehen und warten. Rasch fasse ich zusammen, was Alexander Briggs am Telefon sagte, und die näher kommenden Sirenen lassen erahnen, dass die Flucht der beiden mittlerweile alles andere als unbemerkt ist. Erikson verhält sich anders als bei unserer ersten Begegnung. Da war er mir einfach so erschienen, wie diese Professoren meist wirken: kühl, arrogant, distanziert. Jetzt wirkt das alles vielmehr wie eine innere Ruhe auf mich, die nach außen strahlt. Doch was die beiden sagen, gefällt mir nicht. Sie wollen sich raushalten aus der ganzen Sache, weil sie „Personen des öffentlichen Lebens sind“. Haben die einen Knall? Einem von uns geht es gerade schlecht! So ähnlich äußere ich das auch, wir diskutieren kurz und dann verkündet Eriksson mit eben dieser Ruhe, die ihn für mich momentan sehr auszeichnet, er würde  zu den anderen fliegen und Alexander irgendwie aus dem Auto und zu Aarons Lagerhaus bringen. Der Vorschlag wird einspruchslos angenommen. Wo ist denn nur Briggs abgeblieben!?

Der Professor, dessen wahren Namen ich noch immer nicht kenne, zieht sich in aller Seelenruhe aus und drückt mir seine Kleidung in die Hand. Da steht jetzt kein langweiliger Professor mehr, sondern ein großer, verdammt gut durchtrainierter Mann etwa Anfang Dreißig mit langen blonden Haaren und einem Dreitagebart. Ich bin verblüfft und ich weiß verdammt gut, dass wir anderes zu tun haben, aber … wieso sieht der denn so anders aus ohne die Kleidung, als ich gedacht hätte? Und wieso interessiert mich das jetzt überhaupt? Vielleicht sollte ich aufhören, ihn so unverhohlen anzustarren … in der Innenstadt bekommt man immer so schlecht Parkplätze, fällt mir da ein.

Xanatos ordert ein Taxi, mit dem wir gemeinsam zum Lager fahren können und ich sitze ungewöhnlich still auf der Rückbank und drücke immer wieder unauffällig die Nase in die Kleidungsstücke, die ich da halte und versuche herauszufinden, was sich daran alles abgesetzt hat, was ich da alles erschnüffeln kann. Irgendein Deo oder so etwas verdeckt das, was ich eigentlich riechen will, den eigenen Geruch von diesem Professor. Die Fahrt ist lang genug, so dass ich finden kann, was ich suche … und ich mag diesen Geruch. Xanatos bekommt von all dem nichts mit, denn der ist vielmehr mit dem beschäftigt, womit ich mich auch beschäftigen sollte. Eigentlich.

Wir erreichen das Lager, das sich als Container entpuppt, vor dem Professor, der schließlich völlig atemlos mit Alexander zu Boden sinkt und erst einmal wieder zu Luft kommen muss. Ich sollte zu Alexander gehen, ich sollte ihn mir ansehen, seine Wunde genauer betrachten, sollte irgendwas Sinnvolles tun für den verletzten Kerl, der da offenbar bewusstlos auf dem Boden liegt. Stattdessen höre ich dem Atmen zu, nicht dem von Alexander. Laut, angestrengt, stoßweise und so lebendig.

Als er sich wieder beruhigt hat, steht er auf und will seine Kleidung wieder an sich nehmen. Ich zögere einen winzigen Moment, den er offenbar bemerkt hat, aber das ist mir egal. Warum denn jetzt alles wieder so verhüllen? Ich bin enttäuscht. Irgendwas Belangloses sage ich und fange mir eine Art Rüge ein. Ach ja, Alexander … ich sehe mir die Wunde genauer an, der Professor will mir helfen, stößt mich jedoch an, als ich gerade eine gute Position gefunden habe und ich kann mich noch so eben abfangen, ohne auf diesen Riesen von einem Engel drauf zu fallen oder mich zu allem Überfluss noch an der Wunde abzustützen. Der Professor geht nach einem Augenblick, um Xanatos zu helfen, einen Unterstand zu finden, denn ein nahender Helikopter ist zu hören und außerdem ist ihm der versehentliche Stoß von eben unangenehm, glaube ich. Ich sehe ihm nach und betrachte dann Alexander, überlege, wie wir ihm helfen können, blende die Umgebung aus und konzentriere meinen Blick nur auf ihn, mache meinen Kopf frei, bis mir endlich etwas einfällt.

„Professor Eriksson?“, rufe ich ihn zurück, und während er sich auf den Weg zu mir macht, fange ich an, mich auszuziehen. Als Eriksson vor mir steht, grinse ich ihn an und schlüpfe noch aus Schuhen. Er beobachtet mich dabei mit hoch gezogenen Augenbrauen. Er sieht mich nicht missbilligend an, sondern nur irritiert – und er sieht mich an. Das ist das, worauf es mir ankam. Die Kleidung, die ich ihm jetzt noch immer grinsend reiche, hätte ich auch auf den Boden legen können.

Der mag mich. Er will mich nicht mögen, aber ich bin überzeugt davon, dass er es trotzdem tut. Irgendwas stört ihn an mir, vielleicht Emmas Alter, vielleicht das Studentendasein, vielleicht meine Art? Aber darunter oder dahinter mag er mich. Auch da weiß ich noch nicht genau warum, aber ich sehe das Potenzial darin. Das reicht mir. Potenzial reicht immer.

„Was haben Sie vor?“, fragt er, als er meine Kleidung annimmt. Er sieht nicht weg. Aber er wird auch nicht verlegen, nicht unsicher, nicht mal peinlich berührt. Das ist neu.

Ich antworte ihm nicht, sondern steige auf Bauchnabelhöhe über den auf dem Rücken liegenden Alexander, gehe in die Hocke, bis ich fast auf seinem Bauchnabel sitze, beuge mich nach vorn, lege meine Hände an seine Wunde, ohne sie zu berühren … und werde zu Wasser. Ich fließe in die Wunde und weiter darunter. Ich höre den Schlag seines Herzens, spüre das Pumpen des Blutes, das um mich herum ist, höre ein leises Zischen. Es ist die Luft, die aus Alexanders Lungen in seinen Körper fließt, weil die Spitze des Messers darin steckt. Nicht viel, nur ein wenig, aber das sollte so nicht sein. Ich gleite an dem Messer vorbei, an den Rillen der Klinge, drücke mich dagegen und versuche, mich unter der Spitze zu sammeln und es nach oben zu drücken, es aus ihm heraus zu pressen – aber ich schaffe es nicht. Nach einer kleinen Weile, die mir inmitten dieses Körpers, die mich jeden einzelnen Herzschlag hören lässt, wie eine Ewigkeit vorkommt, ziehe ich mich aus ihm zurück und verwandle mich wieder in Emma. Ich blicke zu Eriksson hinüber, enttäuscht.

„Ich dachte, ich könnte die Klinge vielleicht aus seinem Körper drücken, aber es funktioniert nicht.“

Ich mache einen Schritt auf den Professor zu, der mir sogleich meine Kleidung reicht. Na, dann nutz halt nicht die Gelegenheit zu gucken, bis ich nach meinen Sachen frage. Hab jetzt eh keine Lust mehr, angeguckt zu werden. Ich bin frustriert. Mit langer Schnute beginne ich, in meine Sachen zu klettern.

„Hat das Messer Widerhaken? Rillen?“, fragte Eriksson interessiert nach und ich beschreibe ihm, was ich gesehen und gefühlt habe, erwähne besorgt, dass die Messerspitze in der Lunge stecke, und dann will ich mein Top überstreifen und bekomme zu diesem Wort „überstreifen“ plötzlich einen ganz neuen Bezug, denn genau das ist es: in Streifen. Mit offenem Mund sehe ich Eriksson erstmals wieder richtig an.

„Sie haben … mein Top zerschnitten?“

Er nickt und erklärt, dass wir diese Streifen als Verband nutzen werden, wenn es soweit ist.

„Aber Sie können doch nicht einfach mein Top zerschneiden!“, protestiere ich, doch Eriksson kontert:

„Da waren Sie vorhin aber besorgter um Ihren Freund hier.“

Touché! Es passt eigentlich nicht zur Situation, aber ich muss lächeln. Er ist schlagfertig, das muss ich ihm lassen. Und wenn ich ehrlich bin, hätte ich bei dem Top auch nicht erst jemanden gefragt, sondern es einfach zerschnitten.

Er reicht mir seinen Mantel rüber, damit ich nicht nur im BH da stehe. Nett, aber spricht wieder nicht dafür, dass er gerne guckt. Tss.

„Wie wäre es, wenn Sie mir stattdessen Ihr Hemd geben würden? Ich glaube, da hätten wir beide mehr von„, fordere ich ihn auf und bin gespannt, wie er das auffasst. Tatsächlich zieht er sein Hemd aus, reicht es mir rüber und zieht dann nur den Mantel an – den er offen lässt. Wie nett!

Ich war schon mal besser bei meiner Ersteinschätzung von anderen, fällt mir auf. Wieso hab ich nicht schon an der Uni mehr in ihm gesehen? Und ich weiß genau, warum nicht. Es hat mich nicht gekümmert, hat mich nicht interessiert. Weil Briggs da war, weil wir als wir da waren, weil ich gedanklich schon bei der anstehenden Wohnungsbesichtigung war. Der Professor ist mir da einfach durch die Lappen gegangen, wahrscheinlich auch, weil er sich so vorgestellt hatte, wie er es eben getan hatte. Das hier passt da jetzt nicht zu. Oh, passen! Das Messer! Wir sind noch bei dem Problem mit dem Messer!

„Ich hab keine Ahnung, wie wir das da raus kriegen sollen. Ich könnte ja mal versuchen, ob ich es mit den Zähnen rausziehen kann“, meine ich in einem halb gequälten Scherz. Mittlerweile hat Xanatos auch einen Unterstand für uns gefunden und die beiden Männer tragen Alexander dorthin.

„Mit den Zähnen? Nein, aber Sie könnten es mit den Fingern versuchen“, meint Eriksson und ich glaube, er meint das ernst.

„Sie haben doch filigrane Finger – eine gute Idee“, ergänzt Xanatos.

„Ich soll mit meinen Fingern …„, setze ich mehr als verblüfft an und zucke dann mit den Schultern. „Na schön, von mir aus.“

Ich beuge mich erneut über Alexander und schiebe vorsichtig meine Zeigefinger in die Wunde und unter das Messer, schaffe es sogar, das Messer um wenige Millimeter nach oben zu bewegen – und schneide mich natürlich an der Klinge, in der ich mich verhakt habe.

„Aua … es geht!“, rufe ich. Meine Fingerspitzen brennen. Eine blöde Stelle des Körpers, um sich zu schneiden. Weiter kommentieren werde ich das aber sicher nicht. Ich sehe Erikssons Blick, der mir gerade wieder entgleitet, sich auf Alexander richtet und damit beschäftigt ist, mir einen Haufen Taschentücher in die Hand zu drücken – und die sind nicht für meine Fingerspitzen gedacht. Aber bevor der Blick zu Alexander glitt, lag er einen Moment lang auf mir, und er hat sich verändert. Da ist jetzt mehr Interesse als vorher zu sehen, wenn es auch noch sehr ungelenkt ist und sich eher auf irgendwas zu beziehen scheint, das ich getan habe. Irgendwas hab ich in seinen  Augen gut gemacht – was genau könnte das sein? Ich muss das wissen. Daran kann ich anknüpfen.

Xanatos ruft einen Krankenwagen und gibt sich als besorgter Passant aus, wir ziehen Alexander zur genannten Straße und dann ist es der Professor, der mit Hilfe zweier Taschentücher das Messer aus dem Körper zieht, ruhig und zielstrebig zugleich. Ich presse sofort die Taschentücher auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen, während Eriksson mein Top um Alexanders Körper als Druckverband herum wickelt. Geschafft!

Stolz und ein bisschen fröhlich hüpfe ich wieder auf die Füße, als ich beobachte, wie Eriksson die Hand über der Wunde ausstreckt und nach einem Moment, in dem er sehr angestrengt wirkt, wieder zurück zieht. Sein Gesicht verzieht sich, als habe er in Dornen gegriffen. Ich verstehe. Er konnte etwas, das er jetzt nicht mehr kann. Etwas fehlt ihm, ist nicht mit ihm hierher und in diesen Körper gekommen. Ich vermisse auch einiges. Vor allem … ich weiß, dass ich das besser konnte, andere einzuschätzen, in ihnen zu lesen wie Menschen es in Büchern tun. Das wäre soviel einfacher, wenn ich mich besser daran erinnern könnte – auch wenn es so, wie es ist, eine gewisse Spannung bietet.

Mich bedrückt Erikssons Miene, aber noch mehr bedrückt mich gerade, dass Alexander sich noch immer nicht zurück verwandelt. Das Messer ist raus, der Krankenwagen unterwegs … warum verwandelt er sich nicht wieder in seinen Wirt? In einem Akt der Verzweiflung beuge ich mich über ihn und küsse ihn. Ich gebe mir Mühe, viel in diesen Kuss hinein zu legen, was mich einiges an Konzentration kostet, denn für mich ist Alexander irgendwie noch immer die Putze aus der Kanalisation mit der Kanne Bier in der Hand, der Ratten tritt und den Jungen als erster töten wollte. Vielleicht liegt es daran. Es bringt jedenfalls nichts, bringt keine Regung hervor. In keiner Hinsicht.

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