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Downtime, 1330-1412 (Vampire, Dark Ages, Tischrunde)

Der Prinz von Paris war ein recht ekliges Exemplar von einem Nosferatu, der sich „Es“ nannte. Er erlaubte uns, in der Stadt zu bleiben, und da es ein längerer Zeitraum werden sollte, den wir hier verbrachten, verabschiedete ich zunächst den Planwagen, Marius und Jacques, einige Jahre später Amar. Nur Aamani konnte ich nicht loslassen. Sie blieb noch fast 40 Jahre lang bei mir und war mir eine große Hilfe dabei, auch mein „Nest“ ein wenig zu vergrößern. Kinder kamen, Kinder gingen, sie wuchsen auf, sie starben, sie gingen ihren Weg oder ließen mich Atropos sein. Alles vergänglich.

Umso länger ich in Paris weilte, desto mehr mochte ich die Stadt. Überfüllte Gassen waren etwas, in dem ich mich gut zurecht fand, was mir sehr viel vertrauter war als die Wildnis, auch wenn ich sie hin und wieder aufsuchte. Zahllose Menschen, zahllose Geschichten – und zahllose Gerüche. An jeder Ecke wurden Lavendelwässerchen feilgeboten, doch es gab auch zahllose Menschen, die sich mit der Kunst der Enfleurage befassten und verschiedene Öle, Tinkturen und Wässerchen anboten. Meist war ich enttäuscht von den Ergebnissen, denn schlechter waren meine Erzeugnisse auch nicht gerade, und die ihren waren nicht haltbarer. Es war jedoch schwer, in einem solchen Umfeld die eigenen Dinge unterzubringen und erforderte einiges an Kreativität. Es war aber gut, mal ein wenig mehr gefordert zu sein als bei der hiesigen Landbevölkerung, die sonst zu meiner Kundschaft zählte, und brachte einiges Neues hervor. Ansonsten konzentrierte ich mich in Paris mehr auf die Wahrsagerei – darauf fielen sie hier genauso herein wie anderswo, nur dass sie besser dafür zahlten, zumal ich im Hinterzimmer eines Wäschegeschäftes tätig war statt von einem Planwagen aus.

Doch ich beschäftigte mich bei weitem nicht allein mit den Menschen, sondern machte mich immer wieder auf, um nach Malicia, der Goldenen zu fragen. Deshalb hatte ich ursprünglich nach Frankreich gewollt und jetzt, wo ich hier war, wollte ich sie auch finden.
Wenn überhaupt jemand wusste, von wem ich sprach, trafen mich meist argwöhnische Blicke und das Gespräch wurde von meinem Gegenüber beendet. Manchmal sah man mich auch geradezu ehrfürchtig an, und ein paar deuteten an, sie läge Gerüchten zufolge irgendwo unterhalb von Paris.

Anfang des 15. Jahrhunderts verabschiedete ich mich für einige Jahre von Melissa. Ich hatte in der Zwischenzeit so unglaublich viel von der Stadt Grasse gehört, dass ich sie mir zumindest einmal ansehen wollte, außerdem hatte ich trotz aller Geschäftigkeit mittlerweile das Gefühl bekommen, Schwielen am Hintern entwickelt zu haben. Ich kann nicht die ganze Ewigkeit an ein und demselben Ort verbringen, das liegt mir einfach nicht. Ich reiste erst nach Orléans, dann nach Dijon, Lyon, Grenoble bis nach Grasse … und einige Jahre später wieder zurück nach Paris.

Woran ich nach der ganzen Zeit noch denken muss: Gerade in der ersten Zeit nach dem Blutlinientreffen war Jean-Baptiste meist bei Melissa und mir gewesen, und eines Abends sprach er mich mit gekonnt eingesetzten Kulleraugen an:

„Durga?“, fragte er fast flötend.

„Hm?“, murmelte ich zur Antwort. Ich war damals noch immer ein wenig enttäuscht gewesen über die wenigen Aussagen, die bei dem Treffen zustande gekommen waren, ein wenig verärgert über den offenbar sehr viel schlechter geschützten Hof als angenommen und ein wenig darüber, dass Jean-Baptiste sich mitten im Eifer des Gefechts aus dem Staub gemacht hatte, warum auch immer.

„Stimmt etwas nicht? Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Jean-Baptiste, der meine etwas mürrische Art wohl bemerkt hatte.

„Mhmh“, murmelte ich etwas freundlicher. „Was gibt es?“

„Ich möchte dich etwas fragen, Durga.“

„Nun, dann frag!“

„Ich möchte, dass du mir etwas beibringst … Schimären!“, verkündete er, freundlich, mit fragendem Ton und ergänzte: „Ich bringe dir dafür auch etwas bei … was du möchtest!“

Ich lächelte. Auf diese Frage hatte ich schon lange gewartet und mich wunderte eigentlich, dass sie erst so spät kam. Immer noch lächelnd lehnte ich ab, ließ mich dann jedoch erweichen, darüber nachzudenken.

Von da an schwarwenzelte Jean-Baptiste mehr als sonst um mich herum und fragte, meist nicht direkt, sondern geschickt durch eine Hintertür, ob ich mich wohl schon entschieden habe. Ich ließ ihn nur etwas länger als eine Woche zappeln, bis ich ihm meine Entscheidung mitteilte:

„Ich habe nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, mein Wissen mit dir zu teilen – natürlich unter einer Bedingung. Ich denke noch immer viel über deine Vision für mich nach, über die, als du in meine Zukunft gesehen hast. Ich habe nicht nur viel nachgedacht, sondern mich tatsächlich auch eingehend mit ihren Inhalten beschäftigt. Darum werde ich dich alles lehren, was ich über die Kraft der Schimären weiß und auch über das, was ich in Zukunft noch über sie erfahren werde, und alles, was ich im Gegenzug dafür haben möchte, ist das Wissen über das Befehligen der Schlangen, wie du sie in deiner Vision gesehen hast und wie wir alle sie einst bei Shukaris erlebten. Ich sehe das nicht so eng, es ist mir gleich, ob du selbst es mir beibringen kannst oder ob es ein anderer tut. Ein Jahr und einen Tag, nachdem ich gelernt habe, diese Kraft zu beherrschen, werde ich damit beginnen, dir die Macht der Schimären zu zeigen. Es liegt also ganz an dir, Jean-Baptiste“, verkündete ich.

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