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Downtime, 1324 – 1330 (Vampire, Dark Ages, Tischrunde)

Svetlana und ich hatten nun etwas mehr, das uns miteinander verband, nachdem ich sie darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass sie auf Victors Besuche in näherer und vielleicht auch weiterer Zukunft vergeblich hoffen würde. Ich besuchte sie nun stattdessen häufiger und ihre Tür stand mir stets offen. Wir sprachen über dies und das, machten verschiedene Versuche, die Gespräche, die wir mit Victor geführt hatten, durch die jeweils andere zu ersetzen, doch es funktionierte nicht. Es war einfach eine ganz andere Ebene, auf der wir uns bewegten. Victor hatte beide Ebenen gleichermaßen beherrscht, doch das konnten weder sie noch ich in diesem Maße. Dennoch klammerten wir genau das aus, was uns wohl am meisten miteinander verband, sprachen nie über ihn und seinen Verbleib, kein einziges Wort – und begannen uns nach einer Weile mit der jeweils anderen zu langweilen. Wir versuchten es mit anderen Mitteln: Sie erzählte mir viel von ihrem Lesestoff und einiges über ihre Philosophien, über den noch immer bestehenden und langsam reifenden Plan, ein eigenes Werk zu publizieren – und mich interessierte das etwa so brennend, wie sie sich für die paar Tricks der Wahrsagerei interessierte, die ich bereit war zu teilen, nämlich so gut wie gar nicht.

Ich konzentrierte mich darauf, zwei Männer zu finden, die ich für meine anstehende Reise nutzen konnte und ärgerte mich ein wenig, mich bei Svetlana so hatte hinreißen zu lassen, denn zumindest durch Alisha hätte es wohl nicht so lang gedauert und ich hätte mich nicht so persönlich um alles kümmern müssen. Letztlich fand ich jedoch, wonach ich suchte, ließ den Planwagen auf Vordermann bringen, packte und belud den Wagen, verabschiedete mich noch von Svetlana und begab mich dann mit Aamani und Amar, der sich seinerseits nun tatsächlich nützlich machen konnte und machte, auf Reisen.

Als wir unterwegs waren, fiel mir auf, dass ich schon viel zu lange am selben Fleck gehockt hatte. Es tat mir gut, wieder unterwegs zu sein und in mir machten sich tatsächlich so etwas wie Neugier und Vorfreude breit. Dank der zahlreichen Pausen in den verschiedenen Dörfern, in denen ich meinen üblichen Tätigkeiten nachging und den Leuten irgendwelche Tiegel gegen was auch immer verkaufte, dauerte es gute drei Monate, bis das erste große Ziel, das ich für meine Reise ins Auge gefasst hatte, erreichte: Wien. Victor hatte mir einiges von der Stadt erzählt, doch als ich sie selbst erreichte, erschien mir, er habe die wichtigsten Informationen weg gelassen oder war selbst schon lange nicht mehr vor Ort gewesen. Der Reichtum der Stadt war unübersehbar, allerdings wurde gebaut, was das Zeug hielt und Gerüchte gab es an jeder Straßenecke gratis – genug für mich, um mich in der Stadt selbst nicht aufzuhalten, sondern mich auf die umliegenden Bauerndörfer zu konzentrieren und meinen Weg dann möglichst zügig fortzusetzen, denn wie ich erfuhr, war Wien von relativ vielen Tremere mit größeren Plänen bewohnt. Angesichts meiner bisherigen Erfahrungen hielt ich mich lieber von ihnen fern.

Etwa zehn Wochen später erreichten wir die Goldene Stadt: Prag, eine ungewöhnliche Stadt mit einem ungewöhnlichen Prinzen, denn Prag unterstand dem Nosferatu Josef Zvi. Im Vergleich zu Wien standen Prags Tore relativ weit offen, denn das jüdische Viertel prägte die Stadt entsprechend, dass sie offen für Reisende und Handelnde war. Dass ich erwähnte, Zelios zu kennen, schien ein Vorteil für mich zu sein, denn aus der einfachen Vorstellung wurde daraufhin eine recht angeregte Unterhaltung, wenn sie für meinen Geschmack auch ein paar Fragen zuviel zu meiner Person enthielt. Ich erzählte dennoch bereitwillig, auf der Durchreise zu sein, und dass ich eine längere Zeit in Frankreich zu verbringen gedachte. Zvi erkundigte sich interessiert nach meiner Route und ich gab grob an, über Frankfurt reisen zu wollen, was ihn geradezu entzückte. Er bat mich, in Frankfurt etwas über jemanden herauszufinden, den man „Angiwar, der Drache“ nannte und bei dem es sich um einen sehr alten Nosferatu handeln sollte. Sollte es mir möglich sein, sollte ich ihn davon in Kenntnis setzen, dass Zvi nach ihm suche, nicht mehr, und im Gegenzug gab er mir ein Empfehlungsschreiben an die Pariser Nosferatu mit. Ich ließ mich auf den Tausch ein, auch wenn ich bezweifelte, dass mir dieses Schreiben würde weiterhelfen können, und verbrachte zunächst eine sehr angenehme und einträgliche Zeit in Prag, bevor ich die Stadt fast zwei Jahre später wieder verließ.

Einen vollen Mondlauf lang dauerte es, bis wir Frankfurt erreichten, eine ebenfalls ungewöhnliche Stadt mit einer interessanten Messe, auf der mit Vieh, Holz, Wolle, Wachs, Wein und derlei gehandelt wurde und wo ich mich reichlich mit fehlenden Ingredenzien für meine Krämerei eindecken konnte. Die Tatsache, dass die Menschen hier in Form eines Senats die Stadt regierten und sich der Prinz der Stadt, die Ventrue Julia Antasia, daran nicht nur nicht störte, sondern im Gegenteil diese Form der Regierung sehr zu begrüßen schien, fand ich sehr verwirrend. Ich streute während meiner Vorstellung in einem Nebensatz ein, dass Zvi nach einem gewissen Angiwar suche und vertiefte das Ganze nicht weiter, sondern zog es vor, nach wenigen Tagen weiter zu reisen. Viel länger hätte ich ohnehin nicht bleiben dürfen, da man vermeiden wollte, dass ich „Ärger mache“, wie mir durch die Blume mitgeteilt wurde. Pff.

Drei Monate später überquerten wir die französische Grenze und dank eines gebildeten jungen Mannes namens Jacques, der wie ich nach Paris unterwegs war und dem ich – uneigennützig, wie ich stets war – anbot, mit uns zu reisen, war es mir schon bald darauf möglich, mich zumindest ansatzweise in französischer Sprache zu verständigen. Sich in diesem Land zurecht zu finden, fand ich jedoch ungemein schwierig. Es war eine echte Herausforderung und umso weiter wir in das Land vordrangen, desto mehr Verständnis hatte ich für Jean-Baptistes Mängel des Geistes, denn hier musste man ja verrückt werden! Keine klare und eindeutige Herrschaft über einzelne Städte, sondern solche über Regionen, weiter unterteilt in Interessen unterschiedlicher „Höfe“ und all dies wieder schwammig gemacht durch wandernde Herrschaften wie die von Eudes de Troyes, einem Brujah und Wächter der Champagne-Messen, der ersten Provinz, durch die wir reisten. Dass der unwissende Jacques es sich nicht nehmen ließ, mir zeitgleich noch zahlreiche Geschichten über die menschliche Regierung Frankreichs, die nicht weniger verwirrend und auf geradezu verrückte Art und Weise mit der kainitischen verknüpft war, wie ich nach und nach heraus fand, zu erzählen, brachte meine Aufmerksamkeitsspanne und Geduld mehr als einmal an seine Grenzen. Victor hatte mich ja davor gewarnt, dass es sich hier um ein geradezu unsägliches Land handelte, aber dass es so schlimm war, hatte ich nicht gedacht. Da ich nie genau wusste, wo welche Fettnäpfe verborgen waren, konnte ich mich nicht einmal damit amüsieren, mich in die Verwirrungen dieses Land einzuklinken und und hier und da ein wenig mehr davon einzustreuen.

Eine knappe Woche vor dem vereinbarten Treffen erreichte ich endlich mein Ziel: Paris!

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