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Präludium, Teil XIII (Werwolf, TS)

Von Schwerin bis zu den österreichischen Alpen sind es wieder nur wenige Minuten über die Mondbrücke, und als wir auf der anderen Seite ankommen, begrüßt uns eine Frau, die sich als Andromache vorstellt, freundlich. Trotz der Müdigkeit bin ich angespannt, was weniger damit zu tun hat, dass ich hier erstmals auf „meinen“ Stamm treffen soll als vielmehr damit, dass ich Angst habe, auch hier wieder auf Ablehnung zu stoßen oder – was schlimmer wäre -, dass Katia auf Ablehnung stößt. Die Anspannung stellt sich als unnötig heraus, denn die einzigen ernsten Worte beziehen sich darauf, dass die Schwarzen Furien sich diesen Caern hier mit den Schattenlords teilen und wir denen besser aus dem Weg gehen sollten. Woran erkennt man die, frage ich mich. Tragen die ein Schild oder so? Wenn die Schwarzen Furien allesamt Frauen ist, ist schon mal klar, dass jeder Mann ein Schattenlord ist, okay, aber haben die keine Frauen? Ich bin zu müde, um zu fragen.

Kurz darauf taucht Allen bei uns auf und ich freue mich sehr über das Wiedersehen. Er meint, er habe den ganzen Tag lang auf uns gewartet und sich schon Sorgen gemacht, bis er gehört habe, dass Katia und ich beschlossen hätten, zusammen zu unseren Stämmen zu gehen.

„Naja, ich habe euch ja auch mit den Fianna allein gelassen … sind wir dann jetzt quitt?“, fragt er und wirkt kein bisschen beleidigt.

„Klar!“, antworte ich ganz eindeutig und Allen nickt. Damit ist das Thema abgehakt.

Man schaut zwar, wer da angekommen ist, aber eigentlich lassen uns alle völlig in Ruhe. Allen ist wieder verschwunden und ich bin sogar froh darüber. Ich kann mich jetzt einfach nicht mehr unterhalten, nicht mal mehr mit Kat. Ich will einfach nur noch schlafen.

Montag, 9. Mai 2011

Ausgeschlafen und ausgeruht sieht der nächste Tag gleich schon wieder ganz anders aus. Ich hab jetzt wieder richtig Bock, was Neues kennen zu lernen und mich umzusehen. Die Stimmung hier im Caern ist sehr eigenwillig, finde ich. Vielleicht liegt es an der Tageszeit, aber im Moment herrschen Ruhe und Bedacht vor, was ein wenig komisch wirkt, weil ich jetzt ein bisschen nachvollziehen kann, woher der Stamm seinen Namen hat. Ich habe den Eindruck, jede Frau hier weiß genau, wer sie ist und kennt ihren Platz in der Welt. Sie wirken selbstbewusst, die meisten haben etwas Kämpferisches an sich, und trotzdem finde ich sie alle auf seltsame Weise weiblicher als alle Frauen, die mir bislang begegnet sind. Zickenterror scheint es hier nicht zu geben, zumindest fällt mir nichts in der Richtung auf. Vielleicht braucht man sowas auch gar nicht mehr, wenn man seinen Platz sowieso schon gefunden hat und all diesen Weiberkram nicht mehr braucht, um sich oder anderen etwas zu beweisen? Irgendwie finde ich es hier insgesamt ziemlich mystisch, aber ich kann nicht den Finger drauf legen. Nicht so magisch-mystisch, nicht so esoterisch-mystisch, auch nicht fiedelfantasy-mystisch, sondern irgendwie … ach, weiß ich nicht. Mystisch halt. So.

Hier wird so vieles erzählt, gesungen und erklärt, dass mir an sich schon der Kopf schwirrt, aber ich finde das alles unheimlich spannend. Auch Kat darf sich alles anhören, auch wenn ich nicht wirklich sehen oder einschätzen kann, wie sie findet, was sie so erfährt. Das einzige, das ich von ihr erfahre ist, dass sie ihr die Grundlagen der Litanei bei den Silberfängen auch erklärt haben, dass sie da aber ein bisschen anders geklungen habe. Ja, kann ich mir gut vorstellen.

Ganz vorne bei diesen Geboten steht, dass Garou sich nicht mit anderen Garou paaren dürfen. Mir läuft es kalt den Rücken runter, als ich das höre, aber dann erzählen sie weiter, dass es daran liegt, dass Nachkommen aus solchen Verbindungen missgestaltet sind und den Tod der Mutter nach sich ziehen. Metis nennt man die. Es gibt zu wenige Garou, so dass man einfach nicht riskieren kann, einen Krieger gegen einen von diesen Metis einzutauschen sozusagen. Verstehe ich. Sie erklären mir aber auch, dass es hierbei wirklich in erster Linie um die Paarung ginge, dass das Gebot dehnbar sei, dass man durchaus Sex haben könne, so lange daraus keine Nachkommen resultieren – also sowas wie „Lass dich nicht erwischen“ -, und dass es durchaus nicht so selten sei, dass man sich eben auf das eigene Geschlecht konzentriere. Warum sagt sie mir das?

„Bekämpfe den Wyrm, wo immer er wohnt und wann immer er sich zeigt“, lautet ein weiteres Gebot. Obwohl es ziemlich einfach klingt, kommen Diskussionen auf, als es um diesen Punkt geht, weil einige der Ansicht sind, allem Schlechten ein Etikett aufzukleben, auf dem „Wyrm“ steht, sei ein bisschen zu einfach und man müsse schon noch mitdenken, reflektieren, relativieren und sich vor allem ständig seiner Eigenverantwortung bewusst sein, zumal letztlich auch der Kampf gegen den Wyrm nicht das Ende der Welt aufhalten würde, sondern höchstens würde er ihn verzögern. Der Wyrm war auch wohl nicht immer per Definition schlecht, sondern ist irgendwann irgendwie aus dem Ruder gelaufen, wie ich das verstehe. Diesen Punkt finde ich total kompliziert, vielleicht am kompliziertesten von allen, auch wenn es so simpel klingt.

Weiter geht es damit, dass man das Territorium anderer respektieren soll. Das ist nun wirklich einfach und hat was mit Höflichkeit zu tun, oder? Nicht nur, wie ich höre, weil es auch ziemlich gefährlich werden kann, wenn man das falsche Gebiet betritt, sich nicht ankündigt oder sofort vorstellt und dann jemanden da am Hacken hat, weil man für einen Eindringling oder schlimmstenfalls für einen Feind gehalten wird. Irgendeine Garou-Landkarte oder sowas scheint es aber nicht zu geben, also muss man sich wohl einfach merken, was man unterwegs so aufschnappt. Was das angeht, scheint es mir vielleicht gar nicht so schlecht zu sein, dass es nicht mehr so viele Garou gibt, denn sonst könnte man ja kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen, oder? Naja, andererseits haben die bisherigen Werwölfe, die wir so kennen gelernt haben, ja auch nicht alle einen an der Waffel gehabt und stürzen sich gleich auf einen. Also vielleicht doch in erster Linie eine Frage des guten Benehmens.

„Akzeptiere eine ehrenvolle Kapitulation“ hab ich ja praktisch schon kennen gelernt. Hier geht es auch wieder darum, dass es zu wenige Garou gibt, als dass sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen und zerfetzen sollten. Logisch. Was ich aber spannend finde ist, dass es hier nicht nur um richtige Kämpfe geht, sondern das auch heißt, dass man gucken sollte, unblutige Wege zu gehen, also vielleicht einfach in einem Wettrennen gegeneinander anzutreten oder sowas. Und wenn man doch kämpft, dann soll man nicht nur akzeptieren, wenn der andere aufgibt, sondern selbst auch so schlau sein aufzugeben, wenn man verletzt ist und der Kampf aussichtslos erscheint. Und wenn er vorbei ist, dann ist er auch vorbei, was heißen soll: Nicht angeben, wenn man gewonnen hat und nicht rumheulen, wenn man verloren hat. Kat und ich sehen uns an. Da haben wir beide wohl noch etwas aufzuholen.

Den nächsten Punkt finde ich spontan doof: Man soll sich Höherrangigen unterwerfen. Respekt vor anderen, okay, aber unterwerfen? Zum Glück scheinen die das hier ähnlich zu sehen, auch ohne dass ich was einwerfe, was ich mich eh nicht getraut hätte. Männer stehen hier aus verschiedenen Gründen echt nicht so hoch im Kurs, stelle ich gerade bei diesem Punkt fest und hier wird ganz klar festgehalten, dass man es nicht tolerieren muss, wenn ein Garou eine Schwester – das meinen die hier nicht wörtlich, sondern das gilt für die Furien und je nachdem auch für alle anderen Frauen – unterbuttert, sondern dass man dann nicht weg gucken, sondern helfen soll, egal wem.

„Der beste Teil der Beute für den Ranghöchsten“ erklären sie mehr als Relikt. Je nachdem, mit wem man so unterwegs ist, muss man sich trotzdem daran halten, weil es eben Teil der Litanei ist, aber bei den Furien gilt das nicht so unbedingt, weil in dieser Regel einfach etwas steckt wie „Ich krieg’s, weil ich’s kann“ und der Satz kommt nicht so gut. Find ich auch doof, also muss ich mir das wahrscheinlich nicht mal großartig merken.

Dass man nicht das Fleisch von Menschen essen soll, muss ich mir auch nicht merken. Bah.

„Respektiere die unter dir – Alle sind von Gaia“ heißt es dann weiter und das verstehe ich wieder nicht so ganz, weil es dazu irgendwie ganz verschiedene Interpretationen gibt. Ich merke mir den Satz einfach so, wie ich ihn gehört hab und guck mal, was ich damit anfange. Alles auf einmal kann ich auch nicht. Auf jeden Fall bezieht sich das nicht nur auf Garou untereinander, sondern auch auf andere Lebewesen, soviel hab ich kapiert.

Man soll den Schleier nicht lüften, man soll also aufpassen, dass keiner mitbekommt, wenn man sich verwandelt oder so. Ist klar. Dass ein Anführer in Friedenszeiten jederzeit gefordert werden darf, aber nicht in Kriegszeiten ist an sich auch klar, aber da gibt es schon wieder ein paar Einschränkungen, weil manche wohl der Ansicht sind, dass in der heutigen Zeit eigentlich immer Krieg ist und andere, dass das nur für akute Kampfsituationen oder deren Vorbereitung geht. Okay, nehme ich mal so hin.

Beim nächsten Punkt muss ich wieder schlucken, der lautet: „Mute deinem Volk nicht zu, sich um deine Krankheit zu kümmern“. Ist nicht so schlimm, wie es erst mal klingt. Wenn man krank ist oder verwundet, dann kümmert man sich schon umeinander, aber es geht darum, dass man einfach weiß, wann Schluss ist, wann es nichts mehr zu tun gibt, wann es einfach besser ist, in Frieden zu gehen. Und das müssen nicht nur die wissen, die es betrifft, sondern eben auch die, die jemand unheilbar Krankes oder Verletztes loslassen müssen. Das klingt nicht schlimm, das klingt vernünftig.

Der letzte Punkt heißt: „Du sollst nichts unternehmen, was zur Entweihung eines Caern führt“. Da geht es aber in erster Linie um bewusste Aktionen, irgendwie schon so eine Form des Vandalismus. Ich verstehe zwar nicht, wieso jemand so handeln sollte, aber für mich ist das ganz gut, denn ich glaube, den Punkt gefährde ich mit Absicht sowieso nicht.

Die Geschichten, die später noch so erzählt werden, sind die reine Erholung nach diesen ganzen Regeln, auch wenn es natürlich gut zu wissen ist, was man darf und soll – und was eben nicht. Aber ich höre lieber Geschichten zu, als sie mir zu merken, und witzigerweise merke ich mir die dann umso leichter. Zum Beispiel diese Geschichte von Bellepheron und dem Pegasus, dem Stammestotem der Schwarzen Furien, die find ich echt super. Ich meine, diese Sage hätte ich in der Schule irgendwie ein bisschen anders gehört, aber an die Schulversion kann ich mich eh kaum erinnern, und die hier ist viel cooler. Zu den Geschichten gehören auch andere aus der griechischen Mythologie. Hat mich noch nie sonderlich interessiert, aber diese Sache mit Agamemnon, Helena, Paris und so weiter kennt ja jeder. Da gibt es hier noch eine Ergänzung zu hören, die ich noch nicht kannte, nämlich die Geschichte von Agamemnons Frau Klytaimnestra, die ihren Mann erdolcht hat, weil er die gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert hatte. Ist schon komisch, was da an Geschichten alles so an mir vorbei gegangen ist bisher. Die sind so spannend und cool, warum fand ich das in der Schule nicht schon?

Der Tag vergeht wie im Fluge und irgendwann ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Jederzeit dürfen wir wiederkommen – und zwar beide -, wie man uns sagt. Schau, Katia, so geht man mit anderen um, findest du nicht? Ich hoffe, sie denkt das auch in diesem Moment, aber ich frage sie nicht, weil ich mir nicht ganz sicher bin, was ihre Antwort betrifft.

Es ist nicht nur der Abschied vom Stamm der Furien, von dem ich den Eindruck habe, dass er mir deutlich schwerer fällt als Katia und auch, als er ihr von ihrem eigenen Stamm gefallen ist, sondern es ist auch Zeit, sich von Allen zu verabschieden, und erst jetzt sagt er, dass er nur selten in Köln sei und wir uns vielleicht nie wiedersehen. Es macht mich traurig, das zu hören und versuche das zu überspielen, indem ich bestimmt sage:

„Nein, wir werden uns sicher noch mal wiedersehen, darauf wette ich!“

Er lässt es so stehen, aber ich habe den Eindruck, er glaubt daran nicht so wie ich. Bevor wir unseren Weg über die Mondbrücke zurück zur Loreley, zurück zu Katias Auto, zurück nach Köln und zurück in einen Alltag kehren, gibt er uns noch auf den Weg, dass wir nach anderen wie uns Ausschau halten sollen, nach Welpen, dass wir ein Rudel bilden müssten, weil das in unserer Natur läge und schließlich, dass das bedeuten könne, dass wir unsere Heimatstadt verlassen und umziehen müssten. Ich mag nicht umziehen, aber ich nehme es dennoch gelassen auf. Hier zum Beispiel, wo ich jetzt bin, hier könnte ich mir vorstellen zu leben. Ja, doch, eigentlich schon. Und vielleicht ist es anderswo auch gut, wer weiß?

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