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Präludium, Teil VII (Werwolf, TS)

„Turner?“, höre ich Katias Stimme am anderen Ende und mein Herz macht einen Sprung.

„Kat! Meine Güte, da bist du ja!“, rufe ich aus.

„Oh, ja, sorry, ich … mir ist da gestern was dazwischen gekommen. Ich hab dir noch eine SMS geschrieben, dass ich dir das heute alles erkläre und wir das Weggehen um einen Tag verschieben, hast du die nicht bekommen?“

„Egal, schon gut. Alles okay bei dir?“, erkundige ich mich.

„Ja, natürlich. Was sollte nicht okay sein?“, fragt sie verwundert zurück.

Ich zögere. Jetzt am Telefon kann ich schlecht was sagen oder fragen oder … ich blicke ratlos zu Allen, der mir bedeutet, Kat solle her kommen.

„Kat, hör mal“, sage ich, ohne auf ihre Gegenfrage einzugehen, „hast du gerade Zeit? Ich bin da gerade bei … jemandem … und es wäre gut, wenn du kommen könntest.“

Ein paar Sekunden lang Schweigen, in denen Allen mir die Adresse und den Namen auf der Klingel ebenso vermittelt wie die Aufforderung, Katia solle in Sachen kommen, die sie gerne trägt.

„Ähm, ich erkläre dir das alles später, aber … zieh irgendwie deine Lieblingsklamotten an, ja?“ Wieder ein Einwurf von Allen. „Bequeme. Also bequeme Sachen, meine ich. Kannst du her kommen?“

Katia klingt etwas verwundert, stimmt aber zu und ich gebe ihr die Adresse und den Namen auf dem Klingelschild durch: Rush. Ich fühle mich gerade irgendwie exotisch.

„Super, dann bis gleich“, schließe ich und lege auf, strahle Allen an.

„Es geht ihr gut. Und sie kommt her.“

„Ja, dann sieh mal zu, dass du nach Hause kommst.“

„Was? Wieso? Ich hab ihr doch eben gesagt, dass wir uns hier treffen!“

„Willst du die Sachen also an behalten, ja?“, fragt Allen und grinst.

„Oh, äh, nee! Okay, dann bis nachher!“

Ich düse nach Hause, zum Glück nur ein paar Straßen entfernt, krame nach meinen Lieblingsklamotten, ziehe sie an und bin schon wieder zur Tür raus, bevor jemand auch nur das Wort an mich richten kann. Schnellen Schrittes laufe ich zurück zu Allen und ertappe mich auf dem Weg immer wieder dabei, wie genau ich mir die Häuser ansehe und die Leute auf der Straße. In der Geisterwelt gibt es keine Menschen auf der Straße, da gibt es … Spinnweben.

Kurz vor Katia komme ich bei Allen an und stelle die beiden einander vor. Allen gibt ihr zu verstehen, dass er ein Freund von Solarienne sei und Katia antwortet völlig selbstverständlich. Es gibt also eine Solarienne. Und das bedeutet … sie ist wirklich wie ich ein Werwolf.

Allen erläutert, dass er uns unsere Kleidung „zueignen“ will, wie er sagt, damit wir nach den Verwandlungen nicht wie ich heute nackt im Wald oder auf der Straße stehen. Er bildet irgendeinen Kreis in der Zimmermitte und fordert Katia auf, ihre Sachen auszuziehen, damit er sie in den Kreis legen kann. Sie will lieber ins Bad, um sich auszuziehen, doch bevor sie geht, blickt sie zu mir.

„Also du bist jetzt auch …?“

Ich nicke, dann sage ich mit einem etwas enttäuschten Unterton:

„Du hättest mir etwas sagen können, Kat.“

„Was hätte ich dir denn sagen sollen? Ich hab aufgepasst, ob ich was merke, weil man mir gesagt hat … aber was hätte ich sagen sollen. Du hättest mich doch für bescheuert gehalten“, sagt sie mit Bedauern in der Stimme.

„Nein, das hätte ich nicht“, protestiere ich.

„Du hättest mir geglaubt?“, hakt Katia nach.

„Nö. – Aber für bescheuert gehalten hätte ich dich trotzdem nicht.“

Wir sehen uns an und müssen beide lachen. Das Eis ist wieder gebrochen und Katia zieht sich ins Bad zurück, wo sie ihre Kleidung vor die Tür legt, damit Allen sie einsammeln und in den Kreis legen kann. Ich setze mich derweil daneben und schaue gespannt zu. Allen geht noch mal zurück und braucht wohl Blut von Kat, was ich aber nicht näher mitbekomme, bis er mir eine Dose reicht und fragt:

„Wenn du hier in die Tupperdose schon mal ein bisschen rein bluten könntest vielleicht?“

Ich muss lachen. Das Ganze ist echt grotesk. Während ich mich mit meinen Möglichkeiten der spontanen Eigenblutspende auseinander setze, bringt Allen Katia ihre Sachen wieder und fordert mich auf, ihm ebenfalls mein Zeug zu geben. Jetzt zu warten, bis das Bad frei ist, kommt mir ziemlich sinnlos vor, nachdem Allen derjenige ist, der quasi bei meinem „ersten Mal“ dabei war, es im Gegensatz zu mir in Erinnerung hat und mich nackt in den Wald transportiert und dort zugedeckt hat, also ziehe ich meine Klamotten einfach an Ort und Stelle aus und reiche sie ihm rüber, bevor ich mir ansehe, wie er mein Blut darüber verteilt und dieses Ritualdings durchführt. Danach reicht er mir mein Zeug zurück wie zuvor Katia und ich bin gerade dabei, in die Hose zu steigen, als Kat wieder in der Tür steht und ich puterrot anlaufe. Wie sieht das denn jetzt aus!?

„Ich … äh …“, beginne ich.

Katia interpretiert mein Gestammel völlig falsch, sieht mich nur verwundert an und meint:

„Das Bad wäre jetzt auch frei gewesen, aber schon gut, wir haben doch eh dasselbe, oder?“

„Ja … nein … ich … uhm … mhmh“, versuche ich mein Glück und halte dann lieber meine Klappe und sehe zu, dass ich in den Rest meines Zeugs steige, während Allen die hier ablaufende Szene völlig ignoriert. Dann erzählt er Kat vom weiteren Plan: Wir wechseln in die Geisterwelt und gehen zu mir, wo wir der Stimme, die ich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag gehört habe, auf den Grund gehen. Es stellt sich heraus, dass Katia sich zwar schon verwandelt hat, die Geisterwelt jedoch neu für sie ist. Geduldig erklärt ihr Allen, was er zuvor mir erklärt hat und wechselt dann rüber, wo er auf uns warten will.

Ich sehe Kats Unsicherheit und wundere mich ein bisschen darüber. Eigentlich müsste sie jetzt diejenige sein, die mich an die Hand nimmt und mit sich schleift. Diesmal ist es jedoch umgekehrt, und zu meiner Freude klappt der Wechsel hinüber in die Geisterwelt diesmal wie ein Fingerschnippen. Ha, ich kann das, ich kann das! Ich freue mich diebisch darüber, wie reibungslos es diesmal funktioniert hat – und warte in der Geisterwelt mit Allen zusammen einen Augenblick auf Katia. Sie ist still, nimmt die ganzen Eindrücke in sich auf und scheint ziemlich beeindruckt zu sein. Doch selbst jetzt und hier behält sie ihre Ernsthaftigkeit und ich sehe das Rattern in ihrem Kopf, mit dem sie alles abzuspeichern und einzuordnen beginnt. Das ist der Punkt, an dem mir normalerweise klar wird, dass ich nicht genug Ehrgeiz gezeigt habe, dass ich nicht planvoll genug vorgegangen bin, dass ich es besser – so wie Kat beispielsweise – hätte machen sollen, doch ich denke nur genau das. Da ist kein „nicht genug“. Alles ist in Ordnung, so wie es ist.

In recht gemütlichem Tempo machen wir uns auf den Weg und sind noch gar nicht weit gekommen, als vor uns plötzlich ein Mondstrahl auf den Weg trifft und zwei Frauen in dunkelblauen Tuniken vor uns stehen. Die eine hält eine Waage in der Hand, die andere einen Speer und ein Schild. Ich hinterfrage gar nicht, dass sie da sind, sondern bin nach ihrer Ansprache nur sehr ratlos, was man da jetzt so sagt, wenn einen solche Frauen – sie nennen sich Lunen – in der Geisterwelt ansprechen. Allen hatte sie schon erwähnt, aber ich hab nicht genauer nachgefragt, weil es so vieles anderes zu fragen gab, und jetzt steht er ein Stück hinter uns und lässt uns allein, weil sich das wohl irgendwie gehört. Ich hab den Eindruck, das ist hier gerade ziemlich wichtig, was passiert und was sie sagen, aber das ist eben so eine Sache mit wichtigen Situationen bei mir … ist wie bei Prüfungen. Ich fühl mich dann gleich so … ist einfach nicht mein Ding. Ich hab die Schule ja auch nicht umsonst vergeigt.

Die Lune mit dem Speer und dem Schild überreicht mir beides und erzählt mir von verschiedenen Gaben, von denen sie mir eine schenken will und ich aussuchen darf. Ich lege den Kopf etwas schräg beim Zuhören, so eine Angewohnheit, von der ich mir einbilde, dass sie mir beim Zuhören und Nachdenken hilft manchmal, und ich denke sehr angestrengt nach. Das stellt sich als völlig überflüssig heraus, denn nur eine ihrer Beschreibungen spricht mich sofort an und bleibt mir im Gedächtnis haften, auch ohne dass ich mich dafür sonderlich anstrengen müsste: Die fällende Berührung.

Sie nickt und meint: „Aber zuerst überreiche ich dir hiermit das Auge des Kriegers. Von jetzt an wirst du einschätzen können, ob ein Gegner stärker oder schwächer ist als du.“

Sie kommt auf mich zu, berührt meine Stirn – und das war es irgendwie schon. Die andere Lune geht auf Katia zu und hier läuft es für mich umgekehrt: Habe ich vorher eher auf das geachtet, was gesagt wurde, höre ich jetzt kaum zu und lasse mehr auf mich wirken, was geschieht. Das ist voll … mystisch!

Nachdem sie uns begrüßt und beschenkt haben, verschwinden die Lunen wieder, und mit ihnen verschwinden auch die Symbole, die sie uns überreicht haben. Katia und ich wechseln ein paar Worte über das eben Geschehene und ich frage mich, wie das mit dieser Berührung jetzt genau funktionieren soll. Ich überlege kurz und lege Katia die Hand auf die Schulter, denke dabei schlicht „Fall um!“ – und genau das tut sie. Schwupps, liegt sie auf dem Boden. Wie witzig!

„Hey!“, protestiert Katia, muss aber fast automatisch lachen.

Ebenfalls lachend strecke ich die Hand aus, um ihr auf zu helfen.

„Sorry, aber ich wollte wissen, wie das funktioniert … geht gut, oder?“, entschuldige ich mich und grinse breit.

Allen kommt wieder zu uns und gratuliert uns zu unseren ersten Gaben, bevor wir unseren Weg zu mir fortsetzen.

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