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Präludium, Teil I (Werwolf, TS)

Freitag, 29. April 2011

Jeder Tag wie der andere, naja, fast. Jeden Montag bis Donnerstag zwischen Hähnchen und Fritten rumstehen und am Abend stinken wie ein Iltis, das ist das eine. Montags, mittwochs und freitags zum Training, das ist das nächste. Aber das beste sind die Freitage, Samstage und Sonntage, denn die gehören nur mir … sieht man mal davon ab, dass zwei Erwachsene und vier Kinder und Teenies ständig irgendwas von mir wollen, sollte ich mich da zu Hause aufhalten. Kein Wunder also, dass ich meist unterwegs bin, nachdem ich den Haushaltskram erledigt habe, der für mich so ansteht. Mit sieben Leuten in einer 4-Raum-Wohnung zu leben, ist nicht wirklich der Hit, und man kann putzen und räumen, soviel man will, ein paar Stunden später sieht es doch wieder aus, als habe eine Bombe eingeschlagen – und wenn man meine Geschwister hat, dauert es meist nicht mal so lange.

Der Freitag hat für mich immer etwas fast schon Rituelles. Ich schlafe, so lange die Eltern- und Geschwistermonster mich lassen und starte dann ganz gemütlich in den Tag, also: gaaaaanz gemütlich. Dann überlege ich, meist noch immer im Bett liegend, wo ich am Freitag und Samstag Abend hingehen werde, sortiere die Flyer, die bestimmte Events ankündigen und denke darüber nach, was ich anziehe. Nö, ich bin nicht eitel. Aber ich bin faul. Das bedeutet, dass mein Zeug ungebügelt in den Schrank fliegt und erst dann aufs Brett und unter das Eisen kommt, wenn es für einen Tag oder eine Gelegenheit auserkoren wurde.

Heute besteht mein Problem allerdings mitnichten darin, dass ich noch irgendwas bügeln müsste, sondern vielmehr darin, dass mein Schmuck weg ist. Drei Ketten und ein paar Ohrringe, erst vor ein paar Tagen neu gekauft, nachdem mein gesamter Schmuck – okay, ich hab nicht viel, aber trotzdem – davor schon wie von Geisterhand verschwunden ist. Klar, dass es keiner gewesen sein will, oder? Aber jetzt reicht es mir echt!

Wutentbrannt stürme ich in die Küche und frage meine Mutter, ob sie meinen Schmuck gesehen habe, doch sie fragt nur desinteressiert zurück: „Geht das schon wieder los?“, also drehe ich mich um, und als ich Lina erwische, ziehe ich sie hinter mir her in ihr Zimmer und herrsche sie an, mein Zeug wieder raus zu rücken. Sie brüllt rum, sie habe nichts und ich solle nicht so rumspinnen, was meine Absicht nur noch verstärkt: Kurz entschlossen reiße ich den Kleiderschrank auf und werfe alles raus auf den Boden, danach mache ich dasselbe mit jeder einzelnen Schublade und jedem einzelnen Regalfach, das das Zimmer aufzuweisen hat. Lina brüllt weiter und nennt mich eine blöde Kuh. Selber! Nachdem ich mich geschlagen geben und zugeben muss, dass hier wirklich nichts von mir im Zimmer rumliegt, herrsche ich Lina an, sie könne jetzt in Ruhe mal ihren Saustall aufräumen und verlasse das Zimmer unter großen Protesten meiner 14-jährigen Schwester.

Ich werfe noch einen deutlich dezenteren und doch gründlichen Blick in das Zimmer meiner Brüder und durchsuche das Bad, jedoch alles vergebens. Mein Schmuck ist weg. Schöne Scheiße. Ich bin gerade dabei, mich so richtig in diesen Mist rein zu steigern, als ich mein Handy klingeln höre und in mein Zimmer stürze, bevor die Mailbox aktiviert wird. Es ist Katia, die zunächst gelangweilt klingt, aber … irgendwas stimmt nicht, das höre ich raus. Dann beginnt sie zu erzählen, dass sie mit Chris Schluss gemacht habe – endlich … den Penner mochte ich eh nicht – und dann, dass sie einen Hund überfahren habe. Und dann bricht sie plötzlich in Tränen aus, was für mich nicht weniger zu viel ist als für sie.  Noch während ich ihr mitteile, dass ich mich sofort auf den Weg zu ihr mache, steige ich in meine Schuhe und greife nach meinem Umhängebeutel. Als ich auflege, habe ich die Wohnungstür schon geöffnet und flitze zur Haltestelle.

Es dauert eine gute Dreiviertelstunde, bis ich Katias Zuhause den Öffis sei Dank endlich erreicht habe. Ihre Mutter öffnet die Tür und etwas betreten gebe ich an, zu Katia zu wollen. Ich glaube, die mag mich nicht. Sie kennt mich jetzt zwar schon eine ganze Weile und hat laut Katia noch nie was gesagt, aber sie ist immer so kühl und reserviert, und ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass sie mich irgendwie als schlechten Umgang sieht oder so. Halt die gescheiterte Ex-Mitschülerin aus Köln-Mülheim, die jetzt den Rest ihres Lebens in der Frittenbude rumhängt und wahrscheinlich spätestens in zwei Jahren auch das erste von unzähligen Kindern in die Welt setzt. Kann mir eigentlich egal sein, was sie denkt, aber so ganz egal ist es mir dann doch nicht. Naja, zumindest mit ihrer letzten Einschätzung, sollte sie die wirklich haben, könnte sie nicht mehr Unrecht haben, soviel steht fest.

Ausgerechnet heute ist Frau Turner jedoch die Freundlichkeit in Person und bittet mich noch in die Küche, bevor sie mich hoch zu Katia lässt. Auf dem Tisch dort stehen zwei riesige Eisbecher mit Schokolade und Erdbeeren. Die sind für uns, für Katia und mich, wow. Aber Erdbeeren im April, da weiß man wieder mal, wer Kohle hat und wer nicht. Egal. Ich schnappe mir die beiden Eisbecher und mache, dass ich nach oben komme, wo Katia wie ein Häufchen Elend sitzt … naja, eher wie ein großer Haufen Elend sogar. Sie freut sich total, allerdings offenbar mehr darüber, die Eisbecher zu sehen als mich. Juchzend nimmt sie mir sofort einen davon ab und schwebt eine ganze Weile schweigend im Schokoladenhimmel. Ich hab eigentlich gar keinen Bock auf Eis im Moment, schon gar nicht auf so ein riesiges, aber trotzdem schaufle ich Löffel für Löffel in mich rein, bis der Becher leer ist. Frustfraß kann ich auch, so ist das nicht.

Katia scheint das Eis gut getan zu haben.

„Wie war dein Tag eigentlich so?“, erkundigt sie sich und ich berichte ihr von dem Schmuck, der jetzt schon zum zweiten Mal verschwunden ist.

Katia geht zu ihrem Schmuckkästchen – wohl eher Kasten als Kästchen – und öffnet ihn.

„Such dir was aus, ich nutz den Kram sowieso nicht“, sagt sie und mit Bedacht wähle ich zwei Ketten aus und freue mich wie eine Schneekönigin, während Katia ihrem Geschenk selbst wenig Bedeutung beimisst und lapidar vorschlägt, gemeinsam einen Film anzusehen, zum Beispiel einen französischen Kunstfilm. Ich verziehe das Gesicht.

„Sag ruhig, wenn du keinen Bock darauf hast, ja?“, fordert sie mich auf. Ich nicke.

„Okay. Da hab ich echt keinen Bock drauf.“ Ich grinse, schaue dabei auch ein wenig schuldbewusst drein, aber Kat scheint kein Problem damit zu haben.

Wir sehen uns irgendeine olle Komödie an, während Kats Eltern den Abend im Theater verbringen und im Anschluss daran gehen wir noch gemeinsam tanzen.

Ich gehe so gerne mit Katia weg und würde es gern viel öfter tun, aber sie fühlt sich unwohl in Discotheken und steht meist abseits. Ich weiß gar nicht warum, denn sie ist so hübsch und hat alle Mittel der Welt, um das noch zu unterstreichen, wenn sie will. Sie kann wirklich gut tanzen, hat ein tolles Rhythmusgefühl und ein so gutes Verständnis für Harmonie in Bewegungen, aber irgendwas hemmt sie und bremst sie ständig aus. Sie traut sich wenig zu, und umso mehr Leute um sie herum sind, desto geringer wird ihr Zutrauen. Mir hingegen fällt es schwer, den ganzen Abend herumstehend in der Disco zu verbringen. Ich spüre die Musik und ich will einfach tanzen, muss tanzen. Unruhig wiege ich den Oberkörper hin und her, tippe mit den Füßen auf den Boden, wackle hier und da mit dem Hintern, bis Katia mich immer wieder aufs Neue auf die Tanzfläche schickt, damit ich mich dort austobe und sie nicht mit meinem Gewippe nerve. Es dauert immer nur Sekunden, bis ich auf der Tanzfläche Feuer fange, maximal Minuten, bis jemand mich antanzt oder sonstwie angräbt, was mich genau gar nicht interessiert – und es dauert höchstens eine Viertelstunde, bis ich wieder neben Katia stehe, die nach jedem meiner kurzen Ausflüge auf die Tanzfläche ein bisschen glasiger aus der Wäsche guckt.

Als wir irgendwann spät in der Nacht mit dem Taxi fahren, bietet Katia mir an, bei ihr zu übernachten, zumal das Taxi so teuer wäre, wenn wir erst noch den Umweg über Köln-Mülheim nehmen, um erst mich abzusetzen und ich freue mich über das Angebot. Vor der Haustür braucht sie ewig, bis sie den Schlüssel gefunden hat, den sie prompt fallen lässt. Beinahe reflexartig will ich ihn aufheben und ihr helfen, aber dann besinne ich mich eines Besseren und kichere stattdessen darüber, wie und wie lange sie braucht, bis sie die Tür endlich auf bekommen hat.

„PSSSSCHT!“, sagt sie fast schon in Zimmerlautstärke. „Meine Eldern schlafen beschtimmt schon und wia müssen laaiiiise sein!“

Ich nicke nur und grinse vor mich hin. Meine Güte, hat die einen im Tee!

„Kannscht bei mia im Bett schlafen. Hab gezz keine Lust im Kella nacha Matratze schu guggen.“

Oben angekommen fällt Katia sofort aufs Bett, rollt sich mit dem Gesicht zur Wand und ich höre sie leise schnarchen, bevor ich auch nur die Zimmertür leise geschlossen habe. Ich schaue vorsichtig in ihrem Kleiderschrank nach einem T-Shirt für die Nacht, ziehe mich um und lege mich ebenfalls hin, ebenfalls mit Blick zur Wand und somit auf Kats Rücken. Schlafen kann ich nicht. Ich bin müde, aber ich bin auch hellwach. Befreundet sind wir jetzt schon eine ganze Weile, übernachtet hab ich bei ihr bislang aber noch nie – und sie umgekehrt bei mir natürlich erst recht nicht. Ich beobachte, wie sie schläft und zähle statt Schafen ihre Atemzüge, als sie plötzlich anfängt, unruhig zu werden und im Schlaf zu stöhnen. Einen Moment schaue ich mir das an, dann rüttle ich sie an der Schulter:

„Kat? Katia!“

Sie rappelt sich nach und nach auf.

„Uhm … was?“

„Hast du mies geträumt oder so?“, frage ich.

„Uh, weiß nicht … glaub schon …“ Sie versucht sich zu sammeln. „Ich … geh duschen.“

Meine Einwände, dass das beim aktuellen Alkoholpegel vielleicht nicht die beste Idee ist, ignoriert sie und stolpert aus dem Zimmer ins Bad. Ich folge ihr und setze mich vor der verschlossenen Tür auf den Boden. Was mache ich hier eigentlich? Naja, reingehen kann ich schlecht, aber ich hab so eine dumpfe Ahnung, als wenn … KLONK – BUMM.

Ich reiße die Badezimmertür auf und Katia sitzt auf dem Boden, ist offenbar ausgerutscht und hat sich den Kopf gestoßen. Mit zwei Schritten bin ich bei ihr und schiebe ihre Hand beiseite, um mir den Kopf anzusehen.

„Das wird mal ein Hörnchen … halt still!“, sage ich, tränke einen Waschlappen und drücke ihr den gegen den Hinterkopf. Sie jammert und mault ein bisschen herum, lässt sich das Ganze aber letztlich von mir gefallen. Als ich den Waschlappen erneut tränke, färbt sich das Wasser beim Auswringen rötlich, doch die Blutung am Hinterkopf hat bereits aufgehört, als ich ihr den Waschlappen erneut auf den Hinterkopf drücke.

„Aua!“, meckert sie. Ich drücke ihr den Waschlappen in die Hand und fordere sie auf, selbst gegen die Stelle zu drücken … mehrfach, weil ihr Aufmerksamkeitsspanne gerade nicht einmal von ihr bis zum Wannenrand hinter ihr reicht, an dem sie sich den Kopf gestoßen hat. Während ich sie gefühlte Hundert Mal daran erinnere, den Waschlappen da zu lassen, wo er hingehört, fummle ich sie zugleich aus ihren Klamotten, denn sie hat tatsächlich in voller Montur geduscht. Rasch flitze ich zurück in ihr Zimmer und hole ein weiteres T-Shirt, das ich ihr über den Kopf ziehe, bevor ich sie zurück ins Zimmer und ins Bett bugsiere, wo sie wieder wie ein Stein in die Kissen sinkt, doch ihre Atmung ist längst nicht so ruhig wie vor ihrem Albtraum.

Eine ganze Weile liegen wir so da, bis Katia sich plötzlich wieder aufsetzt. Sie wirkt dabei aber klarer als vorher.

„Das hat so keinen Sinn. Ich kann nicht schlafen“, erklärt sie, steht auf und geht aus dem Zimmer, ohne mir näheres zu erläutern. Ich folge ihr einmal mehr … und komme mir doof dabei vor.

Sie ist nach unten und raus auf die Terrasse gegangen, wo sie sich in den Liegestuhl gelegt hat und hinauf in den Himmel starrt. Ich greife nach der Wolldecke auf der Wohnzimmercouch, in die wir uns eingemummelt hatten, als wir den Film zusammen geschaut hatten, bevor ich nach draußen gehe. Wortlos breite ich sie über Katia aus und setze mich auf den kalten Holzboden daneben.

„Guck mal: Schön, oder?“, fragt Katia und ich folge ihrem Blick in den Sternenhimmel. Ich schließe die Augen, atme tief ein und habe den Geruch von frisch gemähtem Rasen in der Nase.

„Mhm“, murmele ich statt einer Antwort nur und blicke wie Katia wieder wortlos in den Himmel. Ich bekomme eine Gänsehaut und nach einigen Minuten beginnen meine Muskeln leicht zu zittern, aber ich rühre mich nicht vom Fleck.

„Bisschen kalt, oder?“, fragt Katia plötzlich und steht auf. Sie sieht erst auf meine Arme, dann auf meine Beine, was ihr wohl als Antwort ausreicht, denn sie sagt kein Wort, sondern nimmt die Decke und wechselt hinüber zur Sitzbank, wo sie sich in die eine Hälfte der Decke einkuschelt und mir die andere hinhält. Wieder folge ich, wieder komme ich mir blöd dabei vor. Ich setze mich, bin froh, die Decke mit nutzen zu können. Das Zittern lässt langsam nach, die Gänsehaut bleibt. Ich sehe schon Wadenkrämpfe auf mich zukommen, wie ich so da sitze, halbnackt in der Kälte, angespannt, unruhig, ratlos, überfordert.

„Ich glaub, jetzt werd ich doch langsam müde. Wird auch Zeit“, unterbricht Kat irgendwann die Stille und geht wieder ins Haus. Ich bleibe noch einen Augenblick draußen sitzen, werfe noch einen Blick in den Sternenhimmel. Könnte alles irgendwie einfacher sein für meinen Geschmack, denke ich, dann falte ich die Decke zusammen und gehe ebenfalls wieder hinein.

Ein paar Stunden Schlaf bekomme ich tatsächlich selbst auch noch ab, fühle mich dennoch wie gerädert, obwohl nicht ich betrunken war, sondern Kat. Der Morgen ist irgendwie ziemlich verkrampft. Nicht ihre Schuld, nicht ihr Verhalten. Aber ich muss hier raus und verabschiede mich zeitig von ihr. Sie verabschiedet sich ebenfalls – kurz, knapp und fröhlich wie immer. Sie merkt nicht, dass es mir nicht ganz so gut geht, ist zu sehr mit sich selbst und ihrer nun wieder heileren Welt beschäftigt. Ist nicht schlimm. Sie hat seit gestern Abend kein Wort mehr über Chris verloren. Immerhin. Damit hat sich alles dann schon gelohnt.

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