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Downtime, 1314 – 1324 (Vampire, Dark Ages, Tischrunde)

Die Wogen des Abends zusammen mit Constantine in Victors Unterkunft glätteten sich ohne einen darauf folgenden Sturm, Goratrix beschenkte uns großzügig mit seinem Wissen, was uns anfangs im Untergrund der Kapelle hielt und auch zwischenzeitlich immer wieder unsere Besuche nach sich zog, doch generell wurde es irgendwann für uns Zeit aufzubrechen. Svetlana hatte ihre Vorbereitungen abgeschlossen und kehrte voller Stolz zu ihrem Meister zurück. Nicht nur das, sondern es wurde sogar Hochzeit gefeiert im Südwesten Transsylvaniens, wohin ihr Weg sie zwangsläufig geführt hatte. Ich ließ mir von Victor später alle möglichen Einzelheiten erzählen, blieb selbst den Feierlichkeiten jedoch fern.

Auch wenn man ihn offiziell seiner Beratertätigkeit enthoben hatte, wollte Victor in Svetlanas Nähe bleiben, woran die umfangreiche Bibliothek, die schließlich mit Svetlana den Standort wechselte, zwar nicht unschuldig war, doch seine Sympathie für die Tzimisce schien mir ausschlaggebender für diese Entscheidung zu sein. Sie sorgte dafür, dass Victor gut untergebracht war – und er sorgte dafür, dass ich gut untergebracht war.

Nachdem ich das Alphabet beherrschte, begann er, mir ausgewählte Bücher mitzubringen, sah aber rasch ein, dass meine Auffassungsgabe nicht so begrenzt war, weil ich zu dumm gewesen wäre, sondern mich vielmehr dieses ganze klerikale Zeug, das er anschleppte, unglaublich langweilte. Das änderte sich, als er begann, mir Bücher mit folkloristischen Texten mitzubringen. Bräuche, Volksglauben, Mythen … ja, das fand ich spannend!

Nachdem sich mein Lesetempo stetig erhöht hatte im Verlauf der Jahre und ich dank Victors Unterricht nicht nur Latein, sondern auch Deutsch recht gut beherrschte, bat ich ihn immer häufiger nach Werken zu anderen Ländern, nach etwas über Frankreich und Ägypten, nach Büchern über Flora und Fauna, vor allem über Schlangen. Ich war enttäuscht, als Victor mir wiederholt geduldig erklärte, dass es selbst bei einer so umfassenden Bibliothek so gut wie unmöglich war, entsprechende Informationen zu finden. Immer wieder speiste er mich mit Schnipseln ab und auch in Bezug auf Flora und Fauna war es wenig, was er mir anbieten konnte. Das Wenige, das ich zu lesen bekam, bezog sich fast ausschließlich auf Regionales und nach weiteren zwei Jahren hatte ich alle Texte, die mich interessierten, Victor zufolge bereits gelesen. Es blieb mir nur der uninteressante Kram, zu dem ich mich kaum einmal aufraffen konnte.

Victor bemühte sich zwar, mich zu unterhalten und zu beschäftigen, doch lieber verbrachte er Zeit mit Svetlana, mit der er ganze Nächte über bestimmte Werke und Inhalte philosophieren konnte. Etwas, das mit mir weder möglich war noch in irgendeiner Form interessant für mich erschien. Er unternahm auch immer wieder Reisen zu den anderen von uns, insoweit ihm das möglich war, wie er angab, um den Kontakt zu pflegen und auf dem Laufenden zu bleiben. Ich blieb zurück und suchte in solchen Fällen zur Unterhaltung meist meinerseits Svetlana auf. Einige Male dachte ich darüber nach, auch Melissa einen Besuch abzustatten, aber unser letztes Treffen unter vier Augen hielt mich jedes Mal davon ab.

Ich verbrachte zunehmend wieder Zeit mit Streifzügen in die nähere und später weitere Umgebung und studierte statt umfangreicher Wälzer Kartenmaterial, das ich auftreiben konnte. Damit war ich allerdings nicht allein. Immer häufiger brachte Victor seinerseits Kartenmaterial und Bücher mit, deren Einsicht mir verboten war – etwas, das er zuvor noch nie zu mir gesagt hatte. Vielmehr hatte er mich bis dahin eher ermutigt, irgendwo hinein zu sehen oder nach Büchern zu fragen. Natürlich war ich neugierig und versuchte wiederholt, mehr über dieses Geheimnis herauszufinden, aber zu meinem Frust scheiterte jeder Versuch, ihm etwas dazu aus der Nase zu ziehen, und als ich irgendwann so frustriert war, dass ich heimlich nachsehen wollte, was er da studiert, konnte ich das Material nirgendwo finden, mit dem ich ihn hatte hantieren sehen.

Obwohl es Alisha war, die sich aufopfernd um die beiden Kinder kümmerte, die heranwuchsen, war es letztlich Perize, die mich enttäuschte. Sie brannte mit Marius durch; nach all den Jahren hatte ich mit so etwas wirklich nicht mehr gerechnet. Es hätte mich nicht einmal gestört, wenn sie das Mädchen, das ich nach dem Frühling, in dem sie zu mir kam, Aamani genannt hatte, nicht mit sich genommen hatte. So sah ich mich leider gezwungen, die beiden zu suchen, zu finden und wieder mit „nach Hause“ zu nehmen.

Ich bat Svetlana, ihr „Studienzimmer“, wie sie es nannte, nutzen zu dürfen, wovon sie sich trotz der Sympathie, die sich zwangsläufig auch zwischen uns weiterentwickelt hatte, wenig begeistert zeigte. Sie ließ sich erst umstimmen, als ich ihr im Gegenzug den Jungen anbot. Auf ihn konnte ich verzichten, auf Aamani nicht. Natürlich führte diese Vereinbarung dazu, dass mein Handeln Alisha nicht verborgen blieb, weshalb ich mich auch von ihr verabschieden musste, nachdem eine geeignete Amme gefunden hatte.

So saß ich also in der nächsten Zeit allein mit Aamani da, die sich längst an den Rhythmus der Nacht gewöhnt hatte. So wirklich viel anfangen konnte ich nicht mit ihr, so dass ich ihr vor allem das Lesen und Schreiben beibrachte, um sie zu beschäftigen. Sie war ein fleißiges Mädchen und vor allem ein klagloses, was mir viel Freude bereitete. Und sie lenkte mich von Victor ab, der immer weniger Zeit mit mir verbrachte, allerdings auch immer weniger Zeit mit Svetlana und den anderen. Stattdessen verbrachte er Nacht um Nacht in unserer Unterkunft, hortete Bücher, die er immer eifriger vor mir zu verbergen suchte, wie mir schien, verbrannte irgendwelche Papiere und begann schließlich sogar damit, kleine Schiefertäfelchen mit Schriftzeichen zu Pulver zu zermahlen. Runen? Was hatte Victor mit Runen zu schaffen? Doch auch hierzu fand ich nichts heraus, so sehr ich mich auch anstrengte.

Als sich das zehnte Jahr näherte, trafen wir alle wieder bei Goratrix zusammen, sprachen über Vergangenes, Neues und Zukünftiges – Jean-Baptiste vor allem über letzteres – und erneuerten das Band der Vaulderie, das uns zusammen hielt … die einen mehr, die anderen weniger. Und nachdem das Treffen verstrichen war und wir zurück gekehrt waren in unsere jeweiligen Unterkünfte und Behausungen … war Victor plötzlich wie vom Erdboden verschwunden.

Ich war drauf und dran, alle zusammen zu rufen, um nach ihm zu suchen, doch dann fiel mir eine Unterhaltung einige Tage zuvor ein.

„Wusstest du, dass ich Runen besitze?“, hatte ich ihn möglichst unaufällig gefragt.

„Nein, das hast du nie erwähnt“, hatte Victor geantwortet, ohne weiter darauf einzugehen.

„Nun … ich besitze Runen“, hatte ich es wenig einfallsreich erneut versucht und damit erreicht, dass Victor von seinem Buch zu mir aufgesehen hatte und lächelte.

„Wusstest du, dass die Schatten mal länger und mal kürzer sind? Es hängt vom Licht ab“, hatte er plötzlich gesagt und ich hatte keine Ahnung, was das mit meinen Runen zu tun haben sollte.

„Nein, wusste ich nicht“, hatte ich – wieder einmal frustriert – zurückgegeben und Victor hatte genickt.

„Aber es ist wahr. Und es ist gut, das zu wissen.“

„Wozu sollte das gut sein?“, hatte ich gefragt und er hatte nur geantwortet:

„Weil das bedeutet, dass das Licht vielleicht so fällt, dass man sie nicht mehr sehen kann, aber sie sind trotzdem noch da.“

Ich setzte niemanden über sein Verschwinden in Kenntnis.

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