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Vampire, Dark Ages, Tischrunde –> Zwischenspiel TS

Ich blieb noch eine Weile und versuchte herauszufinden, was mit meinen Reisebegleitern geschah. Viel bekam ich nicht heraus, wohl aber, dass alle von ihnen, die Ämter inne hatten, diese verloren. Mir lief die Zeit davon, also machte ich mich sogleich auf den Weg nach Balgrad, um mit Melissa und ihrer Schwester Svetlana zu sprechen. Melissa traf ich nicht an, Svetlana fand ich wie erwartet in der Bibliothek.

Ich hatte nur herausgefunden, dass sie nun offiziell wieder unter der Fittiche ihrer Schwester stand. Wie man das genau begründet hatte und – was viel interessanter war – wie es ihr damit ging, wusste ich nicht. Ich vermutete, dass sie sich gedemütigt fühlte, aber sicher war ich mir nicht, denn immerhin war sie trotzdem nach Balgrad zurückgekehrt. Es dauerte einen Moment, bis ich sie entdeckte, weil sie selbst hier, als derzeit einzig anwesende Person, nicht auffiel, sondern sich schlicht in den Raum einfügte. Jetzt, wo sie den Prunk abgelegt hatte, wohl um ihre neue Situation zu unterstreichen, wirkte sie zumindest irgendwie „echter“ als zuvor. Natürlich las sie nicht, sondern malte … Glyphen. Unglaublich, mit welcher Penetranz sie sich mit denen jetzt schon beschäftigte, seit ich ihr das erste Mal begegnet war.

Mich zu entdecken war hingegen ein Leichtes. Ich trug einen indigofarbenen Sari, den ich aus den neuen Stoffen hatte schneidern lassen. Wahrscheinlich konnte sie mit dieser Geste gar nichts anfangen, vielleicht hatte sie aber auch davon gelesen, was ich eher nicht annahm, doch das war auch gar nicht so wichtig. Auf der Reise hatte ich keinen Sari getragen, überhaupt kannte sie mich nicht ohne die Dupatta. Ich wollte ihr zeigen, dass ich nicht in der Absicht einer Auseinandersetzung kam, dass ich die Beinfreiheit, die der Sari mir weitgehend nahm, nicht brauchen würde – oder zumindest nicht brauchen wollte. Ich zeigte ihr, dass ich offen zu ihr kam. Aber vielleicht begriff sie es ja auch, weil es für sich stand. Dumm war sie jedenfalls nicht. Lächelnd ging ich auf sie zu.

„Svetlana! Wie schön, dich hier anzutreffen. Ich hatte nach dir gesucht.“

Ohne abzuwarten, nahm ich neben ihr Platz. Sie war nicht mehr Prinz von Balgrad. Sie hatte hier ein Hausrecht, sicherlich, aber mehr Ehrerbietung war selbst dann nicht mehr nötig, wenn wir nicht schon eine gemeinsame Reise mit allerlei persönlichen Erlebnissen hinter uns gebracht hätten.

Sie zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts, sondern sah mich nur fragend an.

„Oh, du malst noch immer diese … Glyphen, ja? Wie spannend!“

Ich warf einen flüchtigen Blick auf das Papier vor ihr.

„Neuerdings interessiere ich mich ja für ähnliche Dinge.“

Wortlos deutete ich auf die Zeichen auf meinem Körper, ohne das Lächeln dabei abzuschwächen.

„Aber deshalb bin ich natürlich nicht hier. Ich wollte nach dir sehen und schauen, wie es dir geht. Nach dieser … Veranstaltung bin ich noch einige Tage vor Ort geblieben und habe Augen und Ohren offen gehalten in der Hoffnung, mehr über das Schicksal meiner Reisegefährten zu erfahren. Ich fürchtete schon, dass es dich besonders treffen würde, denn immerhin warst du eine treibende Kraft in dieser Nacht, nicht wahr? Ich habe mitbekommen, wie du die Menschen dort unter die Erde gezwungen hast.“

Mein Lächeln nahm eine entschuldigende Form an.

„Leider habe ich es nur am Rande mitbekommen, weil es so schnell ging. Im einen Moment waren sie da, im anderen Moment tot. Sowas.“

Ich machte eine Pause und wartete ihre Reaktion ab. Wenn ich mit meiner Einschätzung nicht falsch lag, sollte ich soeben einen Nerv bei ihr getroffen haben.

Ob das der Fall war, ließ sich höchstens für den Bruchteil einer Sekunde erkennen, dann sagte sie ruhig und mit eher neutraler als bedauernder Stimme:

„Ja, es ging leider viel zu schnell. Das tut mir leid, es ist schade.“

Ich fragte sie, was sie nun vorhabe, und sie strahlte mich an.

„Ich gehe zurück zu meinem Meister!“, triumphierte sie. „Ich muss noch so vieles lernen, und er wird es mich lehren, wird mich wieder unterrichten!“

Sie sagte es, als habe sie soeben einen Thron bestiegen und erstmals zweifelte ich ein wenig an ihrem Verstand.

„Sie haben dir dein Amt genommen und zwingen dich nun wieder in die Lehre, in die Unselbständigkeit. Und sie trennen dich von deiner Schwester, nicht wahr? Und das stört dich nicht, dass man so über deinen Kopf hinweg entscheidet, dich unmündig macht und dir nimmt, was du geschaffen hast?“

Bei den letzten Worten deutete ich mit großer Geste über die Bibliothek hinweg, doch Svetlana winkte nur ab.

„Wenn sie befinden, dass ich noch zu unwürdig bin für diese Aufgaben, dann ist es gut, wenn sie mich bestrafen. Ich habe die Strafe verdient und nehme sie mit Freuden an, denn dadurch werde ich mehr lernen können, mich verbessern können. Und meine Schwester … ihr bin ich doch ohnehin nicht mehr als ein Klotz am Bein, also ist es sogar für uns beide gut, was geschieht.“

Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte, und mir fehlten tatsächlich die Worte, während ich sie ungläubig ansah.

„Um die Bibliothek ist es allerdings sehr schade“, vernahm ich plötzlich eine Stimme von der Seite. Victor! „Es wird wohl nicht möglich sein, sie komplett zu retten, doch beabsichtige ich durchaus, mein Möglichstes zu tun und einen anderen Ort für sie zu finden. Ich darf?“

Er richtete seine Frage an Svetlana und setzte sich nach ihrem Nicken wortlos zu uns an den Tisch. Nachdem ich einer philosophischen Diskussion, die die beiden spontan begannen, eine Weile zugehört hatte, ohne auch nur die Hälfte der Inhalte wirklich zu erfassen – sie sprachen über historische Szenarien und Geografie -, schaltete ich mich erneut ein, um nicht gänzlich meine Zeit zu vergeuden, wenn ich schon hier war.

„Und du, Victor? Freust du dich wie Svetlana über das, was geschehen ist und siehst positiv in die Zukunft, ja? Ich entnehme deinen Worten eingangs, dass du Balgrad verlassen wirst?“

Victor, stets die Höflichkeit in Person, reagierte sofort auf meine Ansprache.

„Das ist richtig. Durch die Neubesetzung des Amtes und die Versetzung Svetlanas bin ich nun nicht mehr als Berater tätig und werde hier nicht mehr gebraucht. Wie bereits erwähnt, werde ich einen Großteil der Bibliothek so ordentlich wie möglich verpacken lassen und mit mir nehmen, um anderswo einen geeigneten Ort für sie zu finden.“

Ich nickte zustimmend.

„Du hast ein Ziel?“

„Nein, offen gestanden habe ich das bislang nicht. Doch ich bin zuversichtlich, was das Kommende betrifft.“

Du liebe Güte, blies er jetzt in dasselbe Horn wie Svetlana!?

„Bevor du kamst, sprach ich gerade mit Svetlana darüber, wie schade und unglaublich das alles doch ist. Ich meine, wir waren ja alle wirklich dabei, in dieser Nacht, in diesem Dorf. Und dann wird man so hinter das Licht geführt und verliert Amt und Achtung nur wegen einer Nacht, wegen ein paar Dörflern. Und dann diese Hinterlist dabei, diese Verhöre … ich war noch einige Tage in Mediasch und habe versucht, möglichst viel über den Verlauf heraus zu bekommen. Alle verloren Amt und Achtung, manche wurden wohl gefoltert, einigen wurden zusätzliche Aufgaben aufgetragen, über die ich allerdings nichts Genaueres weiß. Ist das nicht tragisch?“

Als ich die Folter erwähnte, strahlten Svetlanas Augen einen Moment lang, nur um gleich darauf umso trüber zu werden.

„All diese wundervollen Instrumente … sie haben sie mir versagt …“, murmelte sie, doch ich beschloss, sie diesmal zu ignorieren. Ich war überzeugt, das alles hatte ihr mehr zugesetzt, als sie zugeben wollte, anders konnte ich mir dieses Verhalten nicht erklären, auch oder obwohl ich bereits eine Weile mit ihr gereist war.

„Tragisch?„, wiederholte Victor überlegend. „Ich weiß nicht. Was mich betrifft, so ist es mir nicht schlecht ergangen. Die Befragung war höflich, die Unterkunft bequem. Nur den Posten des Beraters habe ich aus nachvollziehbaren Gründen nun nicht mehr inne.“

Wir lächelten uns kurz an. Ja, ich wusste, wie es ihm ergangen war, weil es mir ganz ähnlich gegangen war. Weil wir uns dazu entschieden hatten, auf der gleichen Seite zu stehen und das Verhalten des anderen zu ergänzen. Ich wusste das, und er wusste das ebenso.

Energisch schüttelte ich mit dem Kopf.

„Ich gebe zu, dass ich mich aus diesem Gemetzel innerhalb des Dorfes herausgehalten habe, und das sehr bewusst. Bislang habe ich noch nicht ganz nachvollziehen können, was dort nun im einzelnen geschehen ist, doch ich habe das Chaos noch vor Augen. Ich bin überzeugt davon, dass es genau dieses Chaos ist, das diese Konsequenzen nach sich zog. Das Chaos, nicht die Handlung. Das hätte so nicht passieren dürfen, in diesem Punkt muss man dem Äschernen Konzil schlicht zustimmen, findet ihr nicht? Aber … was mich betrifft, so hatte auch ich Verluste. Wer kümmert sich um die? Warum sind ein paar Dutzend Bauern wichtiger als mein geschultes Gefolge, wichtiger als meine Wagen, mein Material?“

Ich machte eine Pause und prüfte die Wirkung meiner Worte. Auf Svetlana machten sie offenbar wenig Eindruck, doch Victor hörte mir aufmerksam zu, wie es schien.

„Es kann nicht sein, dass manche sich auf ein Podest stellen und einfach aus einer Laune heraus darüber entscheiden, wer was wann tun darf oder nicht. Es kann nicht sein, dass an welchen von uns Vergeltung geübt wird für ein paar Bauern!“, zischte ich. Ich glaubte, etwas wie Zustimmung in Victor zu erkennen und lehnte mich etwas entspannter zurück.

„Trotzdem darf so etwas nicht noch mal geschehen. Nie wieder. Wir brauchen …“, ich senkte die Stimme, „... wir brauchen eine Struktur. Wir sollten uns treffen, wir alle, wir sollten uns besprechen, beraten, wir sollten uns organisieren. Nein, wir sollten nicht für den Rest der gesamten Zeit am Rockzipfel der anderen hängen, aber wir sollten an diesem Punkt gemeinsam gehen, finde ich. Wir sollten strategisch vorgehen, und wir sollten anderen zeigen, wem auch immer, dass man sowas wie geschehen nicht mit uns machen kann.

Zu meiner Freude stimmte Victor mir erneut zu und führte das, was ich angedeutet hatte, detaillierter aus. Spontan ging er die einzelnen Reisegefährten und ihre Stärken und Schwächen durch, führte mögliche Plätze einzelner innerhalb einer Struktur auf und schmiedete im Ansatz bereits Pläne, das konnte ich sehen. Seine weitgehend objektiven und diplomatischen Ausführungen erreichten endlich auch Svetlana, was mir nicht gelungen war, und auch, wenn sie nach wie vor fest entschlossen war, ihre „Strafe“ anzutreten und zu ihrem Meister zurück zu kehren, so war sie nun auch bereit, sich einer Struktur anzuschließen und sich dort einzubringen und einzufügen, auch wenn sie dies auf den „Rahmen ihrer Möglichkeiten“ beschränkte.

Das klappte dank Victor nun alles doch besser, als ich zuvor angenommen hatte, und die Wirkung seiner Worte auf Svetlana gab mir Recht bei dem, was ich noch anzusprechen hatte.

„Wie ich sehe, fällt es dir leicht, die einzelnen Personen und ihre Möglichkeiten schnell zu erfassen und dir genau das vorzustellen, was ich meine. Doch was wir auch brauchen, ist ein Anführer. Und du hast selbst schon ausgeführt, dass es nur einen gibt, der diese Aufgabe zur Zufriedenheit aller erfüllen kann, quasi als Gleicher unter Gleichen.“

Victor sah mich mit hoch gezogenen Augenbrauen an und schien zu überlegen, wen ich meinte.

„Du, Victor, du bist der einzige, der diesen Posten derzeit besetzen kann. Du bist der einzige mit dem belesenen Vermögen für einen Überblick, und du bist zugleich der einzige, dem jeder von uns die nötige Loyalität zukommen lassen kann ohne zu großes Misstrauen. Ich finde, du solltest diese Aufgabe übernehmen, ich glaube, du bist derjenige, der eine Gemeinschaft formen kann.“

Ich rechnete mit Widerstand, doch er überlegte einen Moment und nickte dann bedächtig.

„Ja, vorstellen könnte ich mir das durchaus. Ich denke, du hast Recht“, sagte er, und aus seinen Worten sprach die rein sachliche Überlegung, kein Machthunger, was mich in meinen Überlegungen wiederum bestätigte.

Auch Svetlana bekräftigte diese Worte plötzlich recht interessiert und sehr aufmerksam:

„Das stimmt! Ich kenne Victor nun schon so lange, und in der Tat verfügt er mit Sicherheit über die beschriebenen Eigenschaften. Ja, ich kann mir das gut vorstellen, sehr gut sogar! Und ich bin gerne bereit, meinen Teil dazu zu geben, wenn ich bemerke, dass auch mir gegeben wird, und bei Victor habe ich da keine Zweifel. Ich kann ihm vertrauen – so wie man eben jemandem vertrauen kann, denke ich. Wobei für mich natürlich erst einmal zu klären ist, wie das genau aussehen soll. Meine Sachen werden bereits gepackt, denn wie ihr wisst, gehe ich ja zu meinem Meister zurück, damit …“

Oh nein, bitte, nicht schon wieder! Ich stellte meine Ohren einen Moment lang auf Durchzug und stieg wieder ein bei:

„… ist die Frage. Doch ich möchte lernen, ich will üben. Ich möchte meinen Teil beitragen und mit den anderen sprechen.“

Ein guter Moment, um wieder zuzuhören, denn auf diese Idee war ich selbst noch gar nicht gekommen. Ich hatte mich darauf eingestellt, mit allen selbst sprechen zu müssen und durchaus Bedenken in Bezug auf das eine oder andere Gespräch gehabt, doch auf diese Option war ich noch nicht gekommen, und ich nickte eifrig.

„Eine sehr gute Idee, Svetlana! Aber … mit allen zu reden ist vielleicht ein bisschen viel zum Üben, findest du nicht? Wie wäre es …“ Ich tat so, als müsste ich einen Augenblick nachdenken, obwohl ich längst wusste, was ich sagen wollte. „Ja! Wie wäre es, wenn du das Gespräch mit Isabella und Tobias übernimmst? Ich glaube, du kannst beide mit dem, was du zu sagen hast, gut erreichen und sicherlich den besten Ton für so ein Gespräch finden. Sie scheinen dir beide wohlgesonnen zu sein … ähm … nicht in einem Maße, dass es zu leicht für dich würde, denn dann wäre es ja nicht mehr die gewünschte Übung für dich, aber ich denke, das ist eine gute Wahl. Und du, Victor, sprich du mit dem Ventrue. Ich bin mir sicher, dass er mir nicht einmal richtig zuhören würde, wenn ich es versuchte, und Svetlana dürfte es nach der Auslöschung des Dorfes vermutlich ähnlich ergehen. Aber du und er, ihr habt ein paar Gemeinsamkeiten, scheint mir, zumindest sprecht ihr dieselbe Sprache. Versuch du, mit ihm zu sprechen. Was mich betrifft, so spreche ich mit Melissa und mit Jean-Baptiste.“

Mit dem letzten Satz waren beide jedoch nicht einverstanden.

„Sprich mit Melissa, gut, aber sprich nicht mit Jean-Baptiste. Er ist verrückt, er wird sich der Idee nicht anschließen, sondern vielmehr dafür sorgen, sie in Nichtigkeiten zu pulverisieren. Lass uns alles miteinander besprechen, alles regeln und ordnen, und dann erst lass uns Jean-Baptiste einweihen, ihn quasi vor vollendete Tatsachen stellen, damit er dann frei entscheiden kann, ob er sich dem anschließt oder nicht, aber nicht mehr die Möglichkeit hat, dieser neuen Ordnung Steine in den Weg zu legen.“

Mir gefiel diese Option nicht sonderlich, und doch: Es stimmte, sie hatten Recht. Ob Jean-Baptiste sich der Idee anschließen würde, ob er Victor als Anführer akzeptieren würde, ob er überhaupt bereit war, sich irgendeiner Form der Ordnung, die er nicht selbst zurecht gelegt und geschaffen hatte, anzupassen, stand noch in den Sternen. Also stimmte ich meinerseits zu und zufrieden verabschiedete ich mich von den beiden und machte mich auf den Weg, Melissa zu suchen.

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