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Charakterhintergrund Jenna (Wraith)

Die Zahl meiner Wraith-Charaktere ist sehr überschaubar: Da gibt es die 8-jährige Lilly und dann noch Jenna. Jenna entstand damals nicht einmal für eine Rollenspielrunde, sondern vielmehr in der Absicht, mit jemandem im Wechsel eine Art Wraith-Roman zu schreiben. Entsprechend ist der Text zum Charakterhintergrund etwas ausführlicher ausgefallen. Eigentlich wollte ich jetzt noch einiges dazu erklären und noch auf den Charakterbogen eingehen und so, aber gerade ist mir mehr danach, den Text (ca. von 2003) für sich stehen zu lassen.


Sie verstand es nicht und sie würde es auch nie verstehen. All diese Menschen, die in Eile und Hast jeden Morgen erneut die Straßen entlang liefen, auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit und scheinbar doch so völlig ohne Ziel.

Jenna war um diese frühe Zeit meist am Hauptausgang des Kölner Bahnhofes, um sich eben dieses Treiben mit nie verschwinden wollendem Erstaunen anzusehen.

Pumps, die die Füße einer viel zu aufgetakelten jungen Blondine bedeckten, klackerten auf dem Pflaster. Kichernde Mädchen, die die neuesten Modetrends repräsentierten, schlenderten zum Bus. Männer in Anzügen, den Hals bedrohlich von einem Krawattenknoten umgeben, eilten in die Innenstadt.

„Ey, Jenna! War klar, dass man dich hier wieder findet.“

Jenna drehte sich um und musste unwillkürlich grinsen. So wie all diese Menschen allmorgendlich durch den Bahnhof hasteten, so sicher war auch das Erscheinen von Dieter in ihrer Nähe.

Er war sicherlich schon Mitte 40, hatte schüttes blondes Haar, das er immer unter einem Baseball-Cap verborgen hielt, eine verbrauchte Haut, zahllose Tätowierungen auf den Unterarmen und schmutzige Kleidung, die seinen noch immer sportlichen Körper bedeckten. Das war es aber nie, das Jenna sah, wenn sie Dieter traf. Sie sah immer diese wachen, leuchtend blauen Augen, denen nichts zu entgehen schien und die trotzdem Ruhe ausstrahlten. Ruhe, die Jenna selten von alleine fand.

„Hey, Dieter! Na, auch so früh schon wieder da?“

Dieter grunzte.

„Ja, scheint so. Ich hab mit Rosi mal wieder in einem der Schließfächer gepennt. Im Haus der Bruderhilfe war mal wieder alles dicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Naja, was soll ich sagen, du kennst das Spiel ja.“

Jenna nickte. Ja, sie kannte es wirklich. Sie kannte den Kampf um einen einigermaßen sicheren, warmen und guten Nachtplatz und sie kannte auch das Spiel zwischen Dieter und Rosi, die weder mit noch ohne einander gut auszukommen schienen.

„Wo ist denn Rosi?“, fragt sie.

„Was weiß ich. Sie ist bestimmt zum Büdchen und versucht, dem Herbert noch ein paar Flaschen Bier auf Pump aus dem Ärmel zu schütteln. Sozialhilfe gibt es ja erst in vier Tagen wieder und mit schnorren sieht es derzeit nicht besonders gut aus.“

Jenna nickte erneut.

„Ja, ich habe auch kein Glück in letzter Zeit. Keine Ahnung, was mit den Leuten los ist, die spucken einfach nichts mehr aus. Ich überlege, ob ich mir vom nächsten Geld vielleicht mal eine Ratte zulegen soll oder so. Freddy kommt gut zurecht mit seiner Ratte, es könnte sich lohnen. Ansonsten … naja, ich will morgen mal wieder zur Warenannahme hin. Wir könnten zusammen gehen?“

„Mal sehen, was Rosi dazu meint, kennst sie ja. Und das mit der Ratte … nee, Kind, lass mal. Dieses Viehzeug beschert dir höchstens noch Ungeziefer am Körper.“

Dieter schüttelte sich demonstrativ, grinste und reichte Jenna die Hand zum stillen Abschied. Er hatte genug Konversation an einem Stück betrieben.

Jenna sah ihm noch eine Weile hinterher, dann kratzte sie sich am Hinterkopf und überlegte, was sie tun sollte. Ihr Magen knurrte und trieb sie fast automatisch zur Straßenbahnhaltestelle. Die Bahn hatte die Haltestelle schon beinahe erreicht und Jenna kramte hastig in all ihren Taschen, bis sie erfreut feststellte, dass das Kleingeld noch für eine Fahrkarte reichen würde – sie hasste es, ohne Fahrschein unterwegs zu sein.

Der Fahrer sah Jenna missbilligend an, als sie all ihre Pfennige auf die Ablage legte und Jenna selbst ärgerte sich über all die Tabakkrümel, die sich unter ihren Fingernägeln bei der Suche nach den Münzen festgesetzt hatten.

Sie fühlte sich schmutzig und die Tatsache, dass sie allein auf einem Platz für vier Leute saß, inmitten einer überfüllten Straßenbahn, ließ sie sich nicht gerade sauberer fühlen. Nach einer guten Viertelstunde war es endlich Zeit, auszusteigen.

Ihr Ziel lag nur knappe zwei Minuten von der Haltestelle entfernt und Paul öffnete nach einer geraumen Weile.

„Ach, du schon wieder?“, polterte er in seiner gewohnt uncharmanten Art an der Wohnungstür. Jenna antwortete ihm nicht, sondern schlich wortlos an dem massigen Kerl vorbei, der wie immer zwar ein Shirt, sonst aber nichts am Leib trug.

„In der Küche …“, begann er einen halben Satz und Jenna verstand.

„Ja, aber ich will erst ins Bad, okay?“, gab sie zurück und deutete die fehlende Antwort als Zusage.

Jenna ließ die Badezimmertür hinter sich ins Schloss fallen und schloss um. Nicht, dass Paul ihr auch noch hinterher käme, sie wollte ihre Ruhe. Wenn der Spinner nicht sowieso überall Kameras installiert hatte. Bei Paul musste man wirklich auf alles gefasst sein.

Angeekelt von dem Geruch, der von ihrer Kleidung ausging, verzog Jenna das Gesicht und riss sich die Sachen vom Körper. Während sie Badewasser einlaufen ließ, besah sie sich im Badezimmerspiegel und betastete ihr Gesicht. Sie war blass und hager. Erschreckt tastete sie über ihre Wangenknochen und ihr Schlüsselbein, die spitzen Schulterknochen und zurück über die eingefallenen Flächen unter den Wangenknochen.

„Meine Güte, du siehst aus …“, flüsterte sie ihrem Spiegelbild zu und tippte auf ihre spitze Nase.

Jenna wand sich von ihrem Spiegelbild ab und stellte das Wasser ab. Mit geschlossenen Augen glitt sie in das heiße Nass und seufzte wohlig. Warum konnte es nicht immer so sein? Oder vielmehr: Warum hatte sie ein Bad früher nie so geschätzt?

Wie so oft, wenn sie die Zeit hatte, über die Dinge nachzudenken, kam ihr ihr Vater in den Sinn. Er war schon seit Jahren tot, aber aus ihrer Erinnerung war er nie auch nur ein bisschen verschwunden. Nach wie vor hatte sie ein Photo von ihm immer bei sich und wenn die Dinge alle noch schlechter zu laufen schienen, als Jenna schon bereit war zu akzeptieren, dann sah sie ihn an und stand in stummer Zwiesprache mit ihm.

„Es ist gar nicht so einfach, wie man meinen könnte. Ich sehe manchmal die Nachbarn von früher, wie sie durch den Bahnhof laufen und sagen „Schau sie dir an, die hat es sich leicht gemacht und schmarotzt nur noch.“ So einfach ist das nicht, war es auch nicht – du weißt das, nicht wahr? Kannst du dir vorstellen, dass es noch zwanzig, zehn oder vielleicht auch nur fünf Jahre so weitergeht mit mir? Ich glaube es fast nicht. Ich weiß nur nicht, wie es enden wird – kannst du es mir sagen? Manchmal reibt diese Frage mich auf. Heute ist wieder so ein Tag, glaube ich.“

Eine Weile blieb Jenna einfach liegen, bevor sie ihre Haut abwechselnd mit einem Schwamm und einem Bimsstein abrieb, dann erhob sie sich wieder, ließ das Wasser ablaufen, trocknete sich ab und reinigte die Wanne. Dann griff sie nach einem Handtuch, wickelte sich darin ein, atmete tief durch und trat hinaus in den Flur.

Paul saß wie erwartet im Wohnzimmer.

„Okay, Paul, bin fertig – essen?“

Der Dicke sah nicht einmal vom Fernsehbild auf, sondern grunzte nur: „In der Küche, hab ich ja schon gesagt. Ist aber von gestern.“

Jenna nickte zufrieden und ging in die Küche, wo sie Massen kalter Lasagne neben einer großen Schüssel Schokoladenpudding fand. Sie griff nach dem dort stehenden Teller, schaufelte ihn zu gleichen Teilen mit dem leckeren Zeug voll und schlang alles kalt, wie es war, noch in der Küche stehend in sich hinein. Dann stellte sie den Teller in die Spüle und setzte sich im Wohnzimmer auf die Couch.

„Hast du Klamotten für mich, Paul?“

„Ja, guck im Schrank. Aber das wird nicht zur Gewohnheit, verstehst du? Ich bin keine Wäscherei.“

„Schon klar.“

Jenna stand auf und ging ins Schlafzimmer. Hastig wühlte sie herum, bis sie eine halbwegs passend aussehende Jogginghose und ein Shirt gefunden hatte. Unterwäsche gab es hier keine, aber das wäre wohl auch zuviel verlangt gewesen.

Plötzlich stand Paul hinter ihr.

„Die Regeln kennst du ja noch?“, fragte er.

Jenna drehte sich um.

„Ja.“

„Und?“

„Schon gut, schon gut.“

Zögernd griff Jenna nach dem Handtuch, löste es und ließ es fallen. Paul grunzte zufrieden.


Jenna lief eilig die Treppen hinunter. Unten angekommen, stellte sie erst mal die beiden Plastiktüten ab, die sie hatte mitnehmen dürfen und steckte sich eine Zigarette an. Selig inhalierte sie den Rauch, dann lächelte sie.

Zwei ganze Brote, ein Kringel Fleischwurst, Bananen, Orangen, Äpfel, ein Stück Gouda, drei Packungen Kekse und sogar eine Flasche echter Cola, frische Kleidung ein warmes Bad und einen Zwanziger. Nein, darüber sollte sie gar nicht erst nachdenken, sondern sich freuen. Es hätte schlimmer sein können – es konnte immer schlimmer sein, das sollte sie nie vergessen!

Wieder zurück am Bahnhof hatte der Tag schon die meisten Berufstätigen und Schüler hinter sich, dafür füllte sich langsam der Bahnhofsvorplatz. Kurz nach Mittag war es bereits und Jenna hielt Ausschau nach Andreas. Nach einer Weile fand sie ihn an einer der trostlos bepflanzten Betonrondelle.

„Hey, Andreas, hast du was für mich?“, fragte sie ihn forsch.

„Das kommt darauf an. Was hast du für mich?“, kam es zurück.

Jenna zuckte mit den Schultern.

„Kekse?“, fragte sie vorsichtig und erntete schallendes Gelächter von dem jungen Mann, der in sauberer Kleidung und ordentlich frisiert auf der Kante des Rondells saß. Er sah auf und fuhr sich mit den Händen durch das braune Haar, als wolle er darüber nachdenken.

„Lass stecken, Jenna, passt schon. Das bleibt aber unter uns, verstanden?“

„Klar!“

„Komm her!“

Fest packte Andreas mit seinen großen Händen um ihre Hüften und zog sie dicht an sich. Er roch an ihren Haaren und öffnete dann die Lippen ein wenig, um Jenna einen fordernden Kuss aufzudrücken. Jenna erwiderte den Kuss bereitwillig, so dass Andreas seine Aktion auf einen langen Zungenkuss ausdehnte.

Nach einer schier endlosen Minute ließ er sie los, kramte in seiner Jackentasche und hielt ihr eine gedrehte Zigarette hin. Jenna sah ihn ungläubig an.

„Das ist alles? Ist da überhaupt was drin?“

Andreas nickte ernst.

„Klar – ich geb dir auch Feuer, Baby.“

Jenna seufzte, ließ sich die Zigarette anzünden und rauchte sie genüsslich. Immerhin hatte Andreas nicht gelogen. Während sie inhalierte, schnupperte sie zugleich ein wenig von dem altbekannt würzigen Geruch, den das Gras in die Luft entließ.

„Wie kommst du überhaupt auf Kekse?“, fragte Andreas plötzlich.

„Keine Ahnung. Ich habe halt welche.“

„Warenannahme?“

„Nein, erst morgen.“

„Paul?“

Sie nickte.

„Mensch, Jenna, ich versteh das nicht. Warum kommst du nicht lieber zu mir?“, fragte Andreas.

„Weiß nicht genau. Weil du nicht kochen kannst? Oder weil ich dann vermutlich schneller ein Junkie wäre, als ich gucken kann?“

Er lachte wieder.

„Ach, Jenna, eigentlich bist du gar nicht blöd genug für all den Scheiß hier, weißt du das?“

„Ja, weiß ich, hilft mir aber auch nicht weiter. Du, sei mir nicht böse, aber ich muss gehen.“

“Oh, musst du zur Arbeit?“

Jenna hörte ihn immer noch lachen, als sie Richtung Innenstadt lief. Andreas war kurzgefasst das, was man ein Arschloch nennen konnte. Aber er hatte, was sie wollte, hin und wieder.


Jenna war bis zum Ladenschluss durch die Kölner Innenstadt gelaufen und hatte sehnsüchtig alles angesehen, das sie sich nicht leisten konnte. Einige Schnäppchen konnte man wohl bei den Wohnungsdekorationen machen, dafür hätte sogar der Zwanziger gereicht. Nur – was sollte sie mit einer solchen Dekoration ohne Wohnung?

Wie immer war sie an dem Nippes-Geschäft nahe dem Bahnhof stehen geblieben. Sie liebte all diese kleinen Figuren und die Vielzahl der Feuerzeuge, die sie dort verkauften. Lampen, die wie eine Kristallkugel aussahen, um die sich ein Drache wand oder zu Aschenbechern geöffnete Knochenhände. So kitschig es war, aber Jenna mochte sogar die halbnackten Amazonen, die mit kess gehobenem Kinn auf dem getöteten Gegner standen und in die Ferne zu blicken schienen, allen Gefahren trotzend. Vielleicht war das auch der Grund, warum sie selbst diese mochte: Die hatten ihren Weg gemacht, sie sorgten sich lang nicht mehr um Kleinigkeiten.

Plötzlich fröstelte sie. Einen Augenblick lang schien es ihr an Sauerstoff zu fehlen und ihr war, als wäre es jemand, der ihr die Luft zum Atmen nahm. Irritiert sah sie sich um, doch natürlich war niemand hier. Wer hätte auch dort sein sollen, der ihr die Luft zum Atmen nehmen konnte?

Das merkwürdige Gefühl in der Magengegend aber hielt sich und Jenna verschwand eilig im nächsten Kaufhaus, weil ihr die Lust an dem Schaufenster vergangen war.

Eine halbe Stunde später im Kaufhaus hatte sich schließlich entschieden, einen Teil des Geldes von Paul in eine Sammelpackung Slips zu investieren. Viel Auswahl gab es natürlich nicht, also griff sie einfach nach ihrer Größe, zahlte und verstaute die Packung sorgfältig unter all die Lebensmitteln in den Tüten steckte, bevor sie zum Bahnhof zurückkehrte.

„Jenna! Jenna, Gott sei Dank! Jenna!“

Sofort klingelten bei Jenna die Alarmglocken. Es war Dieter, der nach ihr rief und eilig auf sie zugelaufen kam. Es war ungewöhnlich, dass er derart aufgeregt war. Irgend etwas stimmte nicht, das wusste sie sofort.

Als er sie erreichte, krallte er sich in ihre Unterarme.

„Endlich bist du zurück! Manni ist wieder da, aber es geht ihm nicht gut irgendwie.“

„Manni? Ich dachte, der liegt im Krankenhaus?“, fragte Jenna verblüfft.

„Ja, eben, das ist es ja. Er ist abgehauen und … komm einfach mit, komm!“

Dieter drehte sich um, hielt Jennas Arme gepackt und zog sie hinter sich her, bis sie die kleine Mauer erreicht hatten.

Manni, der kleine untersetzte Endsechziger, lag gekrümmt auf dem Boden. Das spärliche Haar, das seinen Kopf noch geziert hatte, war abrasiert worden. Stattdessen prangte eine große Naht quer über seinem Schädel.

„Manni!“, rief Jenna besorgt aus und ging auf die Knie. Sie fasste seine Schulter und versuchte, ihn hochzuziehen.

Manni gab undefinierbare Geräusche von sich, war aber offensichtlich bei Bewusstsein. Dieter, der immer noch aufgeregt war, schaltete sich wieder ein.

„Du weißt doch von der Parkhausgeschichte? War sogar in der Zeitung. Manni wollte da schlafen und dann sind ein paar Vögel gekommen, die meinten, das Parkhaus stehe nur ihnen zu. Manni wollte gehen, aber er ist in deren Augen wohl nicht schnell genug weg gekommen. Auf jeden Fall haben die ihn dann vermöbelt, ihm mit irgendwas immer auf den Kopf gehauen und …“

„Schon gut, Dieter, ich kenne die Geschichte. Manni, kannst du mich hören?“

Manni deutete ein Nicken an. Mittlerweile saß er in einer halbwegs aufrechten Position und stützte sich mit beiden Händen am Boden ab, um nicht umzufallen.

„Hast du was getrunken, Manni?“

„N..n..nein, ehrlich.“, murmelte er schwer verständlich.

„Hat er auch nicht. Ich habe genau aufgepasst. Ich habe auch gesagt, er soll wieder ins Krankenhaus gehen, aber er …“, erklang Dieters Stimme einmal mehr.

„Mann, jetzt halte doch mal die Klappe, Dieter! Du bist abgehauen, Manni, richtig? Wie lange hättest du denn eigentlich bleiben müssen?“, fuhr Jenna auf. Die Situation machte sie nervös.

„Sie … sie sagten, auf alle Fälle zwei Wochen. Aber die haben mich da behandelt wie so ein … wie so ein Stück Dreck, da wollte ich weg. Aber mein Kopf tut weh, da oben“, meinte Manni und zeigte unsicher auf die große Wunde am Schädel.

„Ja, ich habe es schon gesehen. Sieht ziemlich schlimm aus. Du, hör zu, ich werde jetzt einen Krankenwagen rufen, ja? Ich verstehe, dass dir das nicht sonderlich recht ist, aber das ist wirklich nötig. Ist das in Ordnung, ja?“

Einen Augenblick lang war es still, dann nickte Manni.

„Ist schon recht.“

Jenna lächelte, strich Manni sanft über den Unterarm und stand auf.

„Pass weiter auf ihn auf, Dieter. Ich gehe nur eben zur Telefonzelle und rufe einen Wagen.“

„Klar, das mache ich. Ich passe auf. Aber – wenn er umkippt, was soll ich dann machen?“

Jenna sah die Angst in Dieters Blick und das wunderte sie ehrlich. Dieter gehörte zu den ganz alten Hasen am Bahnhof. Er hatte schon viel gesehen, viel erlebt und so schnell riss ihn nichts um. Jetzt aber wirkte er beinahe kindlich in seiner Sorge um einen alten Freund. Vermutlich war das zugleich die Erklärung. Dieter kannte kaum jemanden so lange wie Manni und die Aussicht, gänzlich ohne ihn zu sein, schien ihm schwer zuzusetzen.

„Ich bin sofort zurück“, gab sie nur zur Antwort und lief los zur Telefonzelle, wo sie die Nummer der Feuerwehr wählte.

„Hallo? Mein Name ist Jen … Janine Krautmann. Ich stehe hier am Hauptbahnhof, vor dem Eingangsbereich. Hier ist ein älterer Mann mit einer großen Kopfplatzwunde, der wohl aus dem Krankenhaus kommt. Also ich meine, er ist flüchtig von dort. Er ist nicht mehr völlig ansprechbar und braucht dringend Hilfe!“, sprach sie in den Hörer und überlegte fieberhaft, ob sie alle W-Fragen, die sie ihr in der Schule beigebracht hatten, bei ihrem Redeschwall berücksichtigt hatte.

„Wo ist der Mann? Eingangsbereich Hauptbahnhof?“

„Ja, bitte beeilen Sie sich. Es geht ihm wirklich schlecht!“

„Ja, ja. Wir schicken einen Heilpanzer.“

Aufgelegt. Jenna konnte es nicht fassen. Die würden nicht kommen? Doch, sie mussten doch? Jenna griff gleich wieder zum Hörer und wählte erneut.

„Janine Krautmann hier. Ich habe gerade bereits angerufen. Am Hauptbahnhof ist …“

„Meine Güte, ja. Ich habe es aufgenommen und es wird einen Wagen kommen. Fliegen können wir hier auch nicht.“

„Aber Sie sagten … also wegen des Satzes mit dem Heilpanzer…“

„Naja, sagen Sie ihrem Kollegen einfach, er soll nicht noch mehr trinken, bis wir da sind. Und jetzt machen Sie bitte die Leitung frei, es könnte ja noch echte Notfälle geben heute.“

Wieder eingehängt. Jenna blieb nur zu hoffen, dass sie wirklich kommen würden. Sie war doch freundlich gewesen und hatte alle Daten angegeben? Nein, an ihr konnte das nicht gelegen haben. Hörten diese Jungs bei der Feuerwehr einfach nur „Eingangsbereich Bahnhof“ und sortierten sofort in eine geringere Notwendigkeitsstufe ein oder wie lief das?

Ratlos schlenderte Jenna zurück und schon von weiterem hörte sie das Geschrei. Glas splitterte. Sie rannte um die Ecke.

„Du blödes Schwein! Haben wir dir nicht gesagt, du sollst dich wegmachen oder was?“

Ein halbes Dutzend junger Männer, die Jenna noch nie zuvor gesehen hatte, hatten sich um Manni geschart. Einer hielt ihn am Kragen fest und schlug ihm heftig ins Gesicht, als Jenna gerade um die Ecke bog. Drei andere hielten Dieter fest. Drei von deren Sorte, dem hatte auch Dieter nicht viel entgegen zu setzen. Ihm blieb nichts, als hilflos zuzusehen.

„Hey, seid ihr verrückt? Der Mann ist krank, seht ihr das nicht?“, schrie Jenna und sprang dem Mann, der Manni am Schlawittchen hielt, ohne zu überlegen auf den Rücken. Er kam ins Wanken und Jenna fürchtete schon, sie beide würden mit voller Wucht auf Manni fallen, als ein heftiger Ruck, verbunden mit einem wahnsinnigen Schmerz, sie rücklings auf das Pflaster fallen ließ.

„Blöde Schlampe, halt dich raus!“, schrie jemand und trat Jenna in die Seite.

Ihr Kopf schmerzte. Sie war kaum mit dem Kopf auf dem Pflaster aufgekommen, aber der, der ihr den Tritt verpasst hatte, der ihre Seite in einen feurigen Schmerz verwandelt hatte, er hatte ihr so fest an den Haaren gezogen, dass sie keine Zweifel hatte, er hätte ein dickes Bündel ihrer Haare nunmehr in der Hand.

Jenna ließ sich nicht irritieren und versuchte, sich aufzurappeln. Der Schläger war schneller und setzte sich mitten auf ihren Bauch, drückte seine Fersen in ihre Hüfte und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht.

„Halt dich einfach raus. Wir regeln das schon mit dem jungen Mann.“

„Meine Güte, der Mann ist über 60 und hat euch doch gar nichts getan!“, schrie ihn Jenna an und erntete dafür einen weiteren Schlag ins Gesicht.

Mit einem Aufschrei aus Wut streckte sie ihre Hände aus und riss mit ihren Fingernägeln durch sein Gesicht. Sofort sickerte Blut aus den Wunden.

„Verdammt, jetzt reicht es mir aber!“, brüllte er und plötzlich zog er ein Messer. Entsetzt sah Jenna auf das schimmernde Metall, dann rief einer von den anderen: „Mann, lass die Tussi doch einfach!“

Der Kerl auf ihr schien einen Augenblick darüber nachzudenken, dann steckte er das Messer wieder weg. Er drückte ihre Arme auf den Boden. Jennas Herz klopfte vor Angst bis zum Hals und sie traute sich nicht, ihm etwas entgegen zu setzen.

Nach einer Ewigkeit drückte er mit beiden Händen so fest auf ihren Brustkorb, dass ihr kurz die Luft ausging und stemmte sich hoch. Als er aus ihrem Blickfeld verschwand, sah sie Manni blutüberströmt auf dem Boden liegen. Er regte sich nicht.

„Ihr blöden Wichser! Ihr habt ihn ja umgebracht!“, schrie sie mit sich fast überschlagender Stimme und sprang auf. Sofort fühlte sie die dreckige Hand des mutmaßlichen Mörders an ihrem Kinn. Mit unbeherrscht flackernden Augen sah er sie an.

„Puppe, du nervst. Halt einfach das Maul!“, zischte er ihr zu, aber die Gefühle, die Jenna beim Anblick von Manni überkamen, waren einfach zu stark.

„Dafür kriegen sie euch dran, das schwöre ich euch“, fauchte sie mit Tränen in den Augen.

Plötzlich wurde es kalt – oder heiß? Sie wusste es nicht genau, aber sie fühlte sich wie unter Wasser. Blut rauschte durch ihren Kopf wie in einer Umwälzanlage und irgendwie fühlte sie sich nass. Hatte sie etwa in die Hose gemacht? Nein, das Gefühl kam von weiter oben, etwa in Brusthöhe begann es. Das Rauschen des Blutes wurde lauter, das Gesicht des Mannes vor ihr verschwamm langsam und machte einem Grau Platz, das immer dunkler zu werden schien. Dann spürte sie nichts mehr und es wurde still um sie herum.

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