SC: Charlotte Wiemers

Geboren am 19.04.1991 in Köln – aktuell 19 Jahre alt

Charlotte ist das älteste Kind von Jochen (43) und Alexandra (40) Wiemers.

Ihr Vater ist Lagerist, ihre Mutter gelernte Friseurin, hat aber wegen der Kinder kaum in dem Beruf gearbeitet nach der Ausbildung, sondern schneidet Bekannten, Nachbarn usw. „mal so“ die Haare, um die Haushaltskasse aufzubessern.

Charlotte hat noch vier Geschwister: Andreas (16), Lina (14), Justine (11) und Michael (8).

Um die Oberstufe besuchen zu dürfen, hat Charlotte ziemlich kämpfen müssen. Einmal waren ihre Schulleistungen immer schon sehr knapp, zum anderen hielten ihre Eltern wenig davon, sie aus ihrer Sicht sinnloserweise weitere drei Jahre „durchfüttern“ zu müssen. Erst durch ein Gespräch mit den Eltern seitens des Schulleiters, um das Charlotte gebeten hatte, wurde ihr ermöglicht, die Oberstufe zu besuchen.

Charlotte ist nicht faul, sondern im Gegenteil eher sehr ehrgeizig und liest auch gern, allerdings kann sie sich Dinge unheimlich schlecht merken, ist schulisch nie sonderlich gefördert worden und hatte durch die Pflichten zu Hause (Babysitting, Haushalt, Kümmern um die ganzen Haustiere der Geschwister (Schildkröte, Hamster, Mäuse, Wellensittich)) nie viel Zeit, sich auf den Unterricht vorzubereiten oder zu lernen, was letztlich zu einem ständigen Kampf um ausreichend gute Noten führte und zu einem entsprechenden Bildungsniveau. Obwohl sie ausschließlich im sportlichen und handwerklich-praktischen Bereich zu glänzen vermag, träumte sie ursprünglich hartnäckig davon zu studieren, obwohl sie nicht einmal eine Idee hatte, was. Dahinter steckt vielmehr die Idee, aus den Lebensumständen, die sie zu Hause und im nachbarschaftlichen Umfeld vorfindet, ausbrechen zu wollen und sich davon abzugrenzen als ein konkretes Lebensziel. Da sie immer schon eher außen vor stand und gehänselt wurde, sei es wegen ihrer günstigen Kleidung (weshalb sie später das Nähen lernte und zu ihrem Hobby machte), wegen fehlender Finanzen bei Klassenfahrten, wegen ihrer vier Geschwister, der Wohngegend oder anderem, möchte sie wenigstens einmal irgendwo dazu gehören.

Dass sie die 11. Klasse nicht geschafft hat, war für sie ein derber Rückschlag, den ihre Eltern mit ihrem Gezeter darum, sie sei zu dumm und zu nichts zu gebrauchen, natürlich noch verschlimmerten. Um ihre Eltern zu besänftigen, suchte sich Charlotte einen Nebenjob und arbeitete seither 2-3x/Woche an wechselnden Tagen von 18-0 Uhr in einem Imbiss des Stadtteils, um ihrerseits etwas zur Haushaltskasse beitragen und sich selbst auch mal was erlauben zu können. Von den durchschnittlich 400€ gab sie die Hälfte zu Hause ab, die andere Hälfte verjubelte sie üblicherweise an den Wochenenden in der Disco.

Charlotte ist im Wechsel in zwei der örtlichen Discotheken anzutreffen und dort aus verschiedenen Gründen bekannt. Da sie gut tanzen kann, nutzt sie die Gelegenheit, um sich entsprechend und meist recht freizügig in Szene zu setzen, was nach kurzer Zeit dazu führte, dass sie von den Frauen als Schlampe angesehen und von den Männern – umso alkoholisierter, desto eher – teils unangenehm angebaggert wurde. Was da „schief läuft“ ist Charlotte nicht wirklich klar, denn tatsächlich liegt es überhaupt nicht in ihrer Absicht, irgendwelche Reize zu setzen, sondern sie will einfach nur tanzen und sich auf diese Weise austoben. Dass man sich rechtfertigen oder wehren muss, nur weil man körperbetonte oder vielleicht eher knappe Kleidung trägt und eine Frau ist, geht ihr gehörig gegen den Strich. Ist das ihr Problem, wenn Männer ihr irgendwelche Getränke ausgeben und damit bestimmte Erwartungen verknüpfen? Charlotte findet: Nö. Mit der Zeit führten diese Disco-Erfahrungen allerdings dazu, dass Charlotte sich zu prügeln begann und schon des öfteren der Disco verwiesen wurde. Ein Hausverbot länger als zwei Wochen blieb ihr allerdings bislang erspart.

Mit dem Wechsel in eine andere Klasse sackten ihre schulischen Leistungen – nicht zuletzt durch die Zusatzbelastung durch den Nebenjob und die Ablenkung an Wochenenden – praktisch von Beginn an weiter ab. Anschluss fand sie auch nicht wirklich, da ihr der Makel der „Sitzenbleiberin“ anhaftete. Erst in der nächsten Klasse (als sie die 11. Klasse zum 3. Mal besuchte), fand sie in Katia eine Art Vertraute. Sie schien sich als einzige überhaupt für Charlotte zu interessieren, sprach sie immer wieder an, bot ihre Hilfe an und verabredete sich schließlich auch nachmittags mal mit Charlotte.

Durch sie kam Charlotte auch in die Cheerleading-AG und wechselte nach einigen Monaten in den Verein, in dem Katia bereits seit drei Jahren trainiert. Diese Bewegung, irgendwo zwischen Tanz und Sport, gefällt Charlotte gut, auch wenn sie mit dem Umfeld dort, das sie mit Ausnahme von Katia als oberflächlich und zickig wahrnimmt, nicht gut zurecht kommt. Außerdem erwischt Charlotte sich immer wieder dabei, dass sie versucht, möglichst besser als Katia zu sein und sich neben ihr irgendwie hervor zu heben. Dahinter steckt gar keine böse Absicht und nicht einmal echtes Konkurrenzdenken, sondern vielmehr der schon so lange bestehende Wunsch, sich überhaupt irgendwo hervorzuheben und in dem Fall auch, Katia nicht zu übertrumpfen, sondern sich vielmehr darüber ihre Achtung und ihre Aufmerksamkeit zu sichern. Dieser „Kampf“ ist allerdings ein relativ ungleicher, da Charlotte hinsichtlich Ausdauer und Gelenkigkeit Katia zwar jederzeit hinter sich lässt, jedoch urlange braucht, bis sie die Abfolgen einer Choreographie verinnerlicht hat, so dass letztlich immer eine Patt-Situation entsteht.

Dass Charlotte, nachdem sie die 11. Klasse auch im dritten und letzten Anlauf nicht schaffte, die Schule abbrechen musste, änderte an der Freundschaft zwischen ihr und Cathleen im Grunde nichts. Eher verbringen sie jetzt mehr Zeit miteinander, seit sich Charlottes Arbeitszeiten im Imbiss geändert haben und sie somit abends mehr Zeit hat (jetzt 4x/Woche 9-17 Uhr, Einkommen ca. 800€, davon gibt sie weiterhin die Hälfte zu Hause ab).

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