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Solo-Zusammenfassung von Emma & Briggs, Teil III (Dämonen, TS)

Die Uni ist am Mittwoch genauso langweilig wie das Tanztraining am Nachmittag. Sasha ist auch nicht da, aber das hatte sie schon angekündigt, wollte erst am Freitag wieder dabei sein. Ein wenig sehr kurz anhaltend, ihre Motivation, hatte ich da gedacht, aber naja. Sie war am Montag wirklich ganz gut gewesen und das würde mit dem Solo schon klappen. „Wenn nicht, tanz ich es eben selbst. Wäre es viel besser, denn wollte Jonathan nicht vorbei kommen, wenn die Aufführung stattfindet?“ Ich bringe mich selbst zum Schweigen. An sowas darf ich nicht mal entfernt denken, denn das Solo ist für Sasha und muss auch ihres bleiben.

Doch auch am Freitag erscheint sie nicht zum Training und mein Versuch, sie telefonisch zu erreichen, scheitert. Sie ruft auch nicht zurück. Ich denke daran, wie patzig sie beim letzten Mal war und frage mich, was schief gelaufen sein konnte. Lag es an mir? Und was hatte sie noch erledigen müssen? Ob sie wieder krank war? Oder ob sie es immer noch war, mir aber nicht gesagt hatte? Ich hoffe, dass sich das in absehbarer Zeit klären wird, habe aber ein ungutes Gefühl dabei.

Mario sehe ich in den nächsten Tagen nur einmal, und das zusammen mit Jessica. Ich begegne ihm betont gelassen, aber wie angenommen macht sich innerlich dieses alte Gefühl wieder in mir breit. Frank hingegen meldet sich gar nicht und lässt sich auch nicht sehen, was mir lange Zeit gar nicht auffällt. Ich wiederum vermeide es, mich bei Briggs zu melden. Ausgemacht war, dass ich mich melde, wenn ich weiß, ob „die Aktion“ etwas gebracht hat. Kann ich nicht sagen. Also rufe ich auch nicht an. Er tut es umgekehrt allerdings auch nicht.

Ich rufe bei Xanatos Enterprises an und hinterlasse eine Nachricht, die in den nächsten Tagen jedoch nicht beantwortet wird, rufe im Hotel an, wo mir mitgeteilt wird, das entsprechende Zimmer sei derzeit gar nicht vergeben.

Am Samstag klingelt es an der Tür. Erst öffne ich nicht, weil ich davon ausgehe, dass meine Mutter das tun wird – meist öffnet sie die Tür und ich bin die Erste, wenn das Telefon klingelt -, doch als es das zweite Mal klingelt, eile ich zur Tür. Als ich sie öffne, blicke ich auf einen Strauß roter Rosen und auf den zweiten Blick erkenne ich Briggs, der sie hält. Stumm stehe ich mit leicht geöffnetem Mund staunend in der Tür.

„Hey, hallo!“, begrüßt er mich. „Ich hatte angerufen … nicht da … und da bin ich.“

Was er zwischendrin sagte, habe ich nicht ganz mitbekommen. Ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen und bin völlig perplex, dass er hier vor mir steht und Rosen in der Hand hält.

„Äh … sind die für mich?“

„Natürlich!“, antwortet er. Natürlich … was für eine dämliche Frage von mir.

Endlich erinnere ich mich an meine gute Kinderstube und bitte ihn herein, lotse ihn in die Küche, biete ihm einen Platz an und ein Glas Wasser. Wir führen eine völlig sinnfreie und meinerseits ziemlich gezwungene Unterhaltung über die unterschiedliche Qualität von Trinkwasser. Ich habe keine Erinnerungen, auf die ich hier zugreifen kann, keine eigenen Erfahrungen mit solchen zwischenmenschlichen Dingen, wie sie hier gerade passieren außer denen mit Frank, und irgendwie zählen die gerade nicht. Es ist ein Unterschied zwischen dem warmen, fast schon umsorgenden Gefühl, das ich für ihn empfinde und dem Chaos, in das ich mich gerade gestürzt fühle. Ich fühle mich völlig überfordert von all dem. Und obwohl ich dieses Gefühl nicht mag, spüre ich in meinem Inneren etwas aufblühen, als Briggs mich fragt, ob er mich zu einem Picknick einladen darf. Wir verabreden uns für den Sonntag und um 11 Uhr will er mich abholen. Nachdem wir uns verabschiedet haben, flitze ich einkaufen, stelle mich in die Küche und bereite Pancakes und einen Kartoffel-Kräuter-Salat vor, außerdem hab ich ein paar Bananen gekauft.

Gegen Abend fasse ich mir ein Herz und gehe zu Frank, nachdem auch dort niemand ans Telefon ging. Sein Vater öffnet und ruft Frank, der jedoch schlichtweg meint, er sei nicht da, als er hört, dass ich vor der Tür stehe, woraufhin sein Vater mich kurzerhand verabschiedet und die Tür vor meiner Nase wieder schließt. Ich glaube nicht, dass er so reagiert, nur weil ich ihn lediglich flüchtig begrüßte in der Gruppe. Ich vermute vielmehr, dass er mehr von Briggs und mir gesehen hat, als mir bewusst war. Ändern kann ich es nicht, erklären lässt er es mich nicht. Was sollte ich auch großartig erklären?

Ich verschiebe mein schlechtes Gewissen und freue mich auf den Sonntag. Da ist ein Zwicken auf Magenhöhe, so als säßen irgendwelche Motten darin und flatterten munter hin und her. Sie sorgen dafür, dass es recht lange dauert, bis ich in den Schlaf finde und am Sonntag Morgen fühle ich mich zwar erholt, aber doch weiß ich, wirr geträumt zu haben, ohne mich an konkrete Szenen erinnern zu können.

Die Stunden des Vormittags vergehen minutenweise, und dann, Punkt 11 Uhr, klingelt es an der Tür und ich reiße sie auf, noch bevor Briggs den Klingelknopf so recht losgelassen hat. Wir fahren zum Steinhuder Meer, zu einer vorgelagerten Insel dort. Das Wetter ist augusttypisch wunderschön und warm, was allerdings auch dazu führt, dass es bereits zur Mittagszeit ganz schön voll ist dort. Wir verzichten darauf, direkt an dem kleinen Strand zu bleiben und halten uns ein wenig im Hintergrund, ein bisschen geschützt vor den Massen. Briggs breitet eine rosa-weiß karierte Wolldecke aus und postiert verschiedene Dinge, die er seinerseits vorbereitet hat, darauf. Barfuß setze ich mich hin und bekomme sogleich eine kleine Dose Eis mit einem Löffelchen vorgesetzt. Den Geschmack von Eis, ob nun ganz oder nur noch halb gefroren, kenne ich gar nicht, denn es ist zu lang her, dass Emma zuletzt eines gegessen hat, als dass ich auf eine solche Erinnerung zugreifen könnte. Vorsichtig probiere ich, doch der Gedankenblitz „Vanille, synthetisch“ sorgt dafür, dass ich lieber ablehne. Höflich erkläre ich Briggs, dass ich keine tierischen Dinge zu mir nähme und füttere ihn stattdessen mit dem Eis. Als die kleine Portion aufgefuttert ist, wechseln wir zu den Erdbeeren, die Briggs ebenfalls mitgebracht hat und ich sehe aus den Augenwinkeln, dass er etwas irritiert guckt, weil ich das Grüne an ihnen nicht ablöse, bevor ich sie esse. Bei der nächsten weiß ich es besser, drehe das Grün sorgsam ab, stecke mir die Erdbeere halb in den Mund und schaue ihn auffordernd an. Er grinst und kommt sofort zu mir herüber, um sich eine Hälfte der Erdbeere zu sichern. Wir verharren in einem langen Kuss und erstmals wird er nicht bei einem von uns von der Hektik begleitet, jemand könnte uns sehen.

„Komm!“, fordere ich ihn auf, springe auf und ziehe ihn in Richtung Wasser. Er geht ohne mit der Wimper zu zucken hinein, während ich mich mit einer Gänsehaut langsam mit den Füßen vortaste, denn trotz der Wärme ist das Wasser ganz schön kalt. Als Briggs es bemerkt, beginnt er mich nass zu spritzen und ehe wir uns versehen, befinden wir uns mittendrin in einer spielerischen Wasserschlacht, rangeln miteinander, drücken uns gegenseitig unter Wasser. Plötzlich taucht er nicht wieder auf und ich beginne, mir Gedanken zu machen, als er plötzlich hinter mir erscheint, mich hoch hebt, auf seine Schultern setzt und ein Stück tiefer ins Wasser hinein läuft. Ich lasse mich zurück ins Wasser fallen, wobei ich uns erneut unter Wasser drücke, und stelle fest, dass er hier zwar noch festen Stand hat, ich jedoch nicht, also schwimme ich einen oder zwei Züge zu ihm hin und umarme ihn. Das Getöse der Kinder einige Meter entfernt wird in meinen Ohren leiser, als er die Umarmung erwidert und wir uns erneut zu küssen beginnen. Meine Beine umschlingen seine Hüften und ich drücke mich enger an ihn, küsse ihn leidenschaftlicher, während seine Hände meinen Po umgreifen. Ich schließe die Augen und doch spüre ich ein Flirren vor ihnen, spüre die Wellen des Wassers, die sich in meinem Inneren fortsetzen. Das für mich bedeutsamste Gefühl vor allen in diesem Moment ist jedoch nicht wie erwartet die Leidenschaft, ist nicht irgendeine Form des Begehrens, ist nicht mal das Gefühl von Motten – eigentlich spricht man von Schmetterlingen, fällt mir wieder ein – im Bauch. Nein, das bedeutsamste Gefühl ist eines, von dem ich gar nicht dachte, dass ich es überhaupt je wieder auch nur im Ansatz spüren würde. Es ist ein völlig stiller, absoluter innerer Frieden, der sich über mich legt, mich wie das Wasser und Briggs Haut umschmiegt und mir das Gefühl von Geborgenheit gibt, von einem Stück Heimat, die es lange nicht mehr gibt für mich, für uns – wenn es sie jemals wirklich gab.

Nach einer halben Ewigkeit bin ich bereit, mich ein Stück weit aus diesem Wiegenlied zu lösen und tauche uns beide mit einem verschmitzten Lächeln wieder unter Wasser. Dort werde ich zu ihm, zum Wasser selbst, lasse meine Kleidung an die Oberfläche steigen und umgebe seinen Körper, losgelöst von der Hülle aus Haut, unmittelbar näher, als ich ihm sonst je sein könnte. Eine gute Minute lang genieße ich einfach das Dasein an sich, bis ich lachend wieder als Emma auftauche und ihn erneut umarme.

„Wo warst du?“, fragt er irritiert, in der einen Hand hält er meinen Slip, in der anderen mein Kleid.

„Ich war das Wasser … ich bin das Wasser, ein Teil von ihm, und darum kann ich mich in Wasser verwandeln, wenn ich will. Und wo wir gerade dabei sind … wie heißt du eigentlich?“

Er schaut noch immer ein wenig verwirrt, als er antwortet: „Vassago.“

Ich wiederhole seinen Namen, nenne ihm den meinen, und als er ihn wiederholt, spüre ich ein unangenehmes Ziehen in meinem Kopf: „Batoidea.“

Wieder drücke ich meinen menschlichen Körper gegen seinen, halte ich mich an ihm fest und küsse ihn. Meine Beine schlinge ich jedoch nicht mehr um ihn, denn nach der Verwandlung bin ich nun nackt, was ihn nervös zu machen scheint. Wir sind uns nah genug, dass ich sicher bin, wie nervös es ihn macht, doch als seine Hände wieder zu meinem Po hinab gleiten, löse ich mich von ihm. Er scheint sich kurz über meinen „Rückzieher“ zu wundern, doch dieses Element, dieser Ort, dieser Mann, dieser … Engel sind mir jetzt und hier heilig, vielleicht das einzig Heilige, das ich überhaupt habe oder je wieder erfahren werde. Ich kann nicht weiter gehen als bis hierher, will es auch nicht.

Unter Wasser ziehe ich den Slip und das Kleid wieder an, bevor wir zurück zur Decke gehen, wo Briggs mir erneut sein Hemd anbietet wie schon auf dem Marktplatz am Tag des Sturms. Kurzerhand ziehe ich das Kleid über den Kopf, stattdessen das Hemd an und wundere mich, dass Briggs sich höflich zur Seite dreht, während ich das tue. Das Gefühl der Geborgenheit ist geblieben, und so rolle ich mich wie eine Katze auf der Decke ein und schließe die Augen. Jonathan denkt voraussschauender als ich und angelt Sonnencreme aus seiner Tasche, mit der er uns eincremt, bevor er sich neben mir auf den Rücken legt und ich mich an ihn kuscheln kann. Die Wärme der Sonne verschmilzt mit der, die ich durch meinen Körper fließen spüre, und so dauert es nur wenige Minuten, bis ich völlig entspannt einschlafe.

Briggs weckt mich eine Stunde später und wir überlegen, ob wir noch was zusammen machen wollen und falls ja, was.  Meine innere Wärme ist während des Schlafens weit genug abgekühlt und eine gewisse Nüchternheit macht sich in mir breit. Ich betrachte ihn einen Moment lang und stelle dann die Frage, die mir auf der Seele brennt:

„Bevor wir hier jetzt irgendwas planen … wie soll das denn mit uns weitergehen? Wie stellst du dir das vor?“

Er runzelt die Stirn und will einer Antwort offenbar ausweichen, denn er meint nur:

„Naja, wenn wir beide Zeit haben, können wir ja hin und wieder etwas miteinander unternehmen, oder?“

Ich halte den Blick fest auf ihn gerichtet und meine Stimme ist nun ruhig, aber sehr ernst.

„Hin und wieder … mal etwas, hm?“

Er schweigt, für mich einen Moment zu lange.

„Und … deine Verlobte?“, spreche ich aus, was ohnehin zwischen uns steht.

Er antwortet wieder nicht, doch ich sehe den Kampf, den er gerade mit sich selbst ausmacht, und das reicht mir schon als Antwort. Diese Schlacht ist also keineswegs bereits geschlagen.

„Schon gut. Vergiss es. Ist schon okay“, sage ich.

„Wirklich?“, fragt er nach und ich nicke.

Schweigen.

In meinem Magen meldet sich der kleine Vulkan, dessen Brodeln ich bereits kenne, doch diesmal kommt es nicht zur Eruption. Er bäumt sich auf, bereit zum Spucken, doch dann fällt er zischend in sich zusammen, ohne sich ausgetobt zu haben. Ich gebe auf.

„Du, pass auf“, breche ich das Schweigen in ruhigem Ton und brauche einen Moment, bis ich ihm in die Augen sehen kann. „Ich habe dir doch von Frank erzählt, also von diesem Gefühlsding mit diesem besten Freund, den Emma schon so lange hat, und auch von dem Chaos mit Mario, das sie erlebt hat, nicht?“

Er sieht mich interessiert an und nickt. Ich hole Luft, bevor ich weiter spreche.

„Ich kann nicht noch mehr von diesem Chaos gebrauchen, verstehst du das? Ich würde sagen … es war ein schöner Tag hier, mit dir, aber lass uns jetzt zurückfahren und das Ganze einfach vergessen, okay?“

Es ist ihm nicht egal, was er hört, ich sehe Trauer in seinem Blick. Und dennoch ist er es gewesen, der diese Entscheidung nötig gemacht hat, nicht ich. Ich weiß nicht, ob ihm das auch so klar ist. Es tut mir weh, dass meine Worte ihn traurig machen, doch mir tut mehr weh, dass er erst darüber nachdenken muss, wie er zu mir steht und mich neben Briggs‘  Verlobte auf eine Waagschale legen muss.

Schweigend packen wir zusammen und schweigend fahren wir auch die gute halbe Stunde zurück nach Hannover. Er setzt mich vor der Haustür ab und verabschiedet mich mit den Worten: „Ich ruf dich demnächst an, okay?“

Ich nicke und lächle ein wenig gezwungen.

„Ja, natürlich, du rufst mich demnächst an. Mach’s gut – und danke für diesen Tag.“

Ich steige aus und bin mir sicher, ihn nicht so bald – vielleicht nie mehr, wer weiß? – wiederzusehen. Vom Hals bis zum Unterleib frisst sich ein Schmerz wie ein Scherbenhaufen durch mich hindurch, während der Vulkan in mir seine letzten Atemzüge in Form von verzweifelten Rauchwölkchen ausstößt. Hätte ich diesem Picknick doch niemals zugestimmt.

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