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Inplay-Resümee zum 1. Spielabend, Teil II (Dämonen, TS)

Als ich die Augen wieder öffne, noch immer tanzend, steht dort plötzlich jemand. Knapp zehn Meter von mir entfernt steht ein Mann und sieht mir zu. Er scheint etwa Mitte bis Ende Zwanzig zu sein, trägt ganz solide Kleidung, und trotzdem schaut er mir zu und wirkt nicht besonders verunsichert dadurch, dass da jemand in aller Öffentlichkeit im Regen tanzt, trotz Sturmwarnung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er mich ansieht, obwohl er bei diesem Wetter eine Sonnenbrille trägt. Vielleicht ist er blind? Und apropos Sturmwarnung … wieso ist er eigentlich hier?

Egal. Ich tanze lachend auf ihn zu, fasse ihn an den Handgelenken und ziehe ihn ein Stück mit mir.

„Los, komm, tanz mit mir!“, fordere ich ihn auf – und zu meiner Überraschung tut er genau das.

Nun stehen wir schon zu zweit und doch mutterseelenallein da und … tanzen.

„Ich bin Emma!“, stelle ich mich vor und er erwidert, er sei Aaron.

Als seien und täten wir das Selbstverständlichste der Welt, unterhalten wir uns. Sozialarbeiter ist er, arbeitet mit Kindern im Jugendzentrum „Aufgehende Sonne“, ist verheiratet und seine Frau studiert Ingenieurswesen an derselben Uni wie ich. Wir diskutieren über Sozialarbeit, über Jugendangebote, Umwelterziehung, bienenfreundliche Wiesen, Tierhaltung, Liebe, Ehe, Kinder und Gesetze und … irgendetwas passiert dabei. Er lenkt mich ab, beschäftigt mich und die Spannung in mir fällt ein Stück weit dadurch ab, denn da sind Funken, die überspringen. Irgendetwas verbindet uns, irgendetwas an uns ist gleich, hat dieselbe Wellenlänge. Ich wette, ihm geht es auch so, denn wie ich spricht auch er immer schneller, schwappt die Begeisterung für das Gespräch über. Wir sind im Fluss – und all das noch immer inmitten des Regens, inmitten eines nahenden Sturms, der ihn so viel und so wenig zu interessieren scheint wie mich.  Zwischendurch murmelt er verwirrende Halbsätze vor sich her, doch das stört mich nicht weiter.

Nach einem kurzen Spaziergang zurück auf dem Platz frage ich ihn nach Zettel und Stift und schlage vor, die Telefonnummern auszutauschen. Emma drängelt sich wie immer vor und will ihm unbedingt helfen, diese Bienenweiden im Jugendzentrum einzurichten. Gut, das machen wir auch, ich mache das, aber eigentlich geht es darum gerade gar nicht. Ich will ihn nicht gehen lassen, ich will ihn festhalten. Jemand, der mit mir im Regen tanzt, ohne mich zu kennen, der so viel Begeisterungsfähigkeit in sich trägt, kann ich nicht einfach wieder gehen lassen. Ich schreibe ihm meine Nummer auf und er mir tatsächlich auch seine, bittet mich, seine Jacke etwas schützend über den kleinen Notizblock zu halten, um ihn vor Nässe zu schützen. Ich trete näher an ihn heran, halte die Jacke … höre und fühle seinen Atem. Ich rieche seine Kleidung und die feuchte Haut und er gehört nicht zu denen, die sich selbst unter irgendwelchen Duftwässerchen verbergen. Als er seine Nummer aufgeschrieben und mir den Zettel kurzerhand in den Ausschnitt gesteckt hat mit der Frage, ob mir aufgefallen sei, dass meine Kleidung keine Taschen aufweise, habe ich schon vergessen, dass er etwas von einer Frau erzählt hat und schaue ihn nur neugierig an, mir noch nicht im Klaren darüber, was ich mit ihm anfangen will. Unbefangen steckt er derweil Stift und Notizblock weg, als seine Brille verrutscht und ich einen kurzen Blick auf seine Augen erhasche. Moment mal! Kurz glaube ich, einen goldenen Rand um seine Iris gesehen zu haben. Nicht das Gelb, das manche in den Augen haben und das entfernt an das Strahlen von Gold erinnert. Nein, das ist Gold! Ist er … oder habe ich mich verguckt?

„Deine Augen!“, entfährt es mir. „Du hast voll krasse Augen! Nimm doch mal die Brille ab und lass sie mich richtig sehen.“, fordere ich ihn auf, doch er reagiert erstaunlich schnell und erstaunlich ablehnend. Ich versuche, ihm möglichst spielerisch die Brille wegzunehmen, doch er wehrt sich sehr ernsthaft, was meine Annahme, mich nicht verguckt zu haben, nur noch mehr verstärkt. Aber ich muss es sicher wissen, ich muss mir erst ganz sicher sein.

Plötzlich hält er inne und schaut irgendwo hin, als habe er etwas Interessantes gesehen.

„Was ist denn?“, frage ich, doch er antwortet mir nicht, scheint mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Ich nutze meine Chance und reiße ihm die Brille weg. Ich habe mich nicht geirrt. Obwohl er rasch die Hände vor das Gesicht schlägt, kann ich seine Augen nun deutlich sehen. Sie sind wirklich golden umrandet, überstrahlen sein Gesicht, zeigen mir all das, was ich die ganze Zeit über, die wir gemeinsam verbracht haben, nicht habe sehen können.

Noch bevor ich meine Verblüffung verarbeiten kann, geht eine Veränderung in ihm vor. Seine Haltung verändert sich, seine Stimmung wird grollend, seine Unbeschwertheit wandelt sich zu Hass. Meine Güte, so viel Hass!

„Ich mochte dich, Emma. Ich mochte dich wirklich. Aber jetzt muss ich dich töten.“, sagt er mit fester Stimme, und es klingt recht gelassen, wie er es sagt. Seine Hände greifen meine Schultern und ich spüre an ihrem Druck: Er meint es ernst.

Kurz zuckt der Gedanke durch meinen Kopf, mich zu erklären, doch als ich den Druck auf meinen Schultern wahrnehme, erinnere ich mich an mein Zusammentreffen mit diesen Skinheads und daran, wie sehr sie mich enttäuscht haben. Ich kann es nicht ertragen, wenn man mich so in die Ecke drängt, wenn man mich so unter seinen Willen zu zwingen versucht.

„Lass mich los!“, presse ich also hervor und sehe mich nicht dazu im Stande, jetzt irgendwas zu erklären. Die Wut steigt in mir auf.

Es interessiert ihn nicht, was ich ihm sage – wenn ich überhaupt noch zu ihm durchdringe, denn da bin ich mir gar nicht so sicher. Er wiederholt, dass er mich töten wird, mich verschlingen wird. Und er verwandelt sich, zeigt mir, wer er wirklich ist.

Er verdirbt alles, so wie er jetzt ist. Wir sind nicht im Krieg. Wir sind beide hier. Wir sind frei. Wir sind so gleich, Aaron. Du zerstörst alles. Hör auf damit.

Ich will ihn beruhigen, doch ich kann nicht sprechen, kann ihn nicht beruhigen. Ich bin selbst so wütend, so enttäuscht über sein Verhalten. Ich will ihn schütteln und zur Besinnung bringen oder anschreien oder schlagen oder … ich verwandle mich, zeige ihm Adad, das Antlitz des Sturms, in der ganzen Qualgestalt. Meine Gestalt wird statuenhaft, meine Haut wird rau, grau wie die eines Hais und Sporne sprießen auf meinem Rücken und meinen Armen hervor. Mit den Zähnen dreier Zahnreihen und Augen wie leblosen schwarzen Kreisen starre ich ihn an, noch das restliche Flackern des elektrischen Zuckens, das mich umspielt, ignorierend.

Doch alles, was ich sage, ist nur: „Noch mal, ein letztes Mal: Lass – mich – los! Sofort!“

Und ich erreiche, was ich will. Er lacht laut auf und stößt mich voller Kraft von sich. Ich werde mehrere Meter durch die Luft geschleudert und verdanke es nur Emmas Jahre langem Training und ihrer Balance, dass ich noch auf den Füßen aufkomme.

Seine Gestalt ist größer, seine Haut steinern. Hörner haben seine Stirn durchstoßen und er lässt keinen Zweifel daran, dass er mich wirklich vernichten will, als er auf mich zu stampft.

Mein letztes Friedensangebot ist ein Schritt zurück, doch er lacht nur auf und bezeichnet mich als feigen Engel. Es reicht. Ich stürze auf ihn zu und er macht sich bereit, mich mit seinen Hörnern aufzuspießen, wenn ich ihn erreiche. Doch er hat nicht mit dem elektrischen Schock gerechnet, den ich durch seinen Körper schicke, sobald ich ihn berühren kann – und seine Hörner verfehlen mich.

Bevor er mich vernichtet, werde ich ihn vernichten, dazu bin ich nun fest entschlossen, doch bevor ich meine Zähne in ihn versenken kann, hält wie aus dem Nichts plötzlich laut hupend ein Auto vor uns und zwei Männer springen heraus. Aaron reagiert schneller als ich, reißt sich los, brüllt nochmals etwas von „Ihr feigen Engel!“ und rennt weg, während der Mann auf der Beifahrerseite noch brüllt: „Halt! Stehen bleiben!“

Der andere baut sich mit verärgertem Blick und verschränkten Armen vor mir auf.

Und wer zum Teufel seid ihr jetzt?“, brülle ich ihn an.

Völlig unbeeindruckt streckt der Fahrer die Hand aus. „Jonathan Briggs. Freut mich.“

Ich bin verwirrt und lächle ihn vorsichtig an … noch immer in meiner apokalyptischen Gestalt mit den Zähnen eines Hais. Etwas peinlich berührt wechsle ich in meine menschliche Gestalt, noch immer lächelnd, schüttle ich seine Hand und sage schlicht: „Ich … bin Emma.“

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